Lehre von den Politischen Parteien

Updated 11 February 2026

Erster Theil: Die Vier Parteien

Vorbericht

Das Werk, dessen erste Abtheilung der vorliegende Band bildet, enthält einen Theil der politischen Folgerungen, die aus der Wissenschaft Friedrich Rohmers hervorgehn.

Der Weg, auf dem diese Wissenschaft dem deutschen Volke überliefert werden wird, ist damit zugleich bezeichnet. Es werden zunächst die Konsequenzen der Wissenschaft durch die einzelnen Fächer hindurch mit praktischer Anschaulichkeit gegeben werden; und erst wenn dieses in den Hauptzügen geschehen ist, wird Friedrich Rohmer die systematische Darstellung der gesammten Wissenschaft folgen lassen.

Friedrich Rohmer war längere Zeit hindurch gesonnen—und hatte diese Absicht in der Allgemeinen Zeitung öffentlich angekündigt—den umgekehrten Weg zu gehen. Er wollte die Theorie des Ganzen vorausschicken, und hierauf die Bearbeitung der einzelnen Fächer durch Andere geben. Die Gründe, warum er seinen Entschluß verändert, liegen sowohl in der Zeit als in der Beschaffenheit seiner Wissenschaft selbst.

Eine Nation, die lange Zeit hindurch gewohnt war, sich in speculativen Philosophemen umzutreiben, muß vor Allem ins Leben eingeführt sein. Gewohnt, nach abstrakten Schemen die Welt zu beurtheilen und ohne bisherige Ahnung einer Theorie, die von anderer Natur isr, würde sie in die systematische Darstellung ihre Gewohnheit hineingelegt haben statt durch das System selbst ihre Gewohnheit abzulegen. Was hier in Gestalt eines Buches erscheint, würde dort mit wenigen Worten ausgesprochen worden sein; und da Deutschland zu wenig politische Erfahrung besitzt um den Uebergang der Ideen in die Politik zu machen, so wären die Ideen selbst an ihm vorübergangen—denn eine politische Idee ist inhaltslos, wenn sie nicht eben als politische im Leben begriffen wird.

Zwischen einem theoretischen Spekuliren, wobei man den Abstraktionen des Meisters folgen, und politische Gebäude aufführen kann, ohne im mindesten seine Lage zu verändern, und einem praktischen Denken, wobei Jeder gendthigt ist, die Wissenschaft mit dem Leben zu vergleichen, sich selbst, seine Umgebungen, seinen Zustand zu betrachten, ist eine unendliche Kluft. Das erstere hat die Nation im Uebermaß getrieben, am zweiten lernt sie erst. Wurde ihr die Theorie gegeben, so hätte sie—an der so viel wechselnde Systeme vorübergangen sind—die "Wissenschaft der Welt" als das neueste System dieser Reihe betrachtet. Aus dem gegenwärtigen Buche wird jeder Leser, sei er dafür oder dagegen, wenigstens das mit Klarheit sehn, daß diese Art und Weise zu philosophiren mit der systematischen Philosophie, sei sie nun Hegel oder Schelling, in keine Parallele irgend einer Art gesetzt werden kann, und mag ihr diese Einsicht gereichen zu was sie will, so bleibt ihr immer der Gewinn, nicht als ein ganz Anderes aufgefaßt zu werden, als sie ist.

Hat sich der Leser an den Gedanken gewöhnt, daß es eine Wissenschaft geben könne, die in ganz anderer Weise zu denken gibt, als die Fachphilosophie gewohnt war, so wird er, wenn die Theorie erscheint, sie in richtigem Lichte betrachten.

Auf der andern Seite muß die Nation selbst wünschen, vor der theoretischen Uebersicht einer Richtung, welche, den Staat und die Religion, das Recht und die Geschichte umfassend, das sociale und kirchliche Leben in seinem innersten Nerv zu berühren verspricht, eine praktisch-politische Bürgschaft zu erhalten. Jahrelang getäuscht, auf der einen Seite durch ein Philosophem, an dem ein großer Theil der Gebildeten als an der tiefsten Weisheit sich abgearbeitet hatte, und als dessen ganze praktische Frucht zuletzt die unsägliche Thorheit der Jungheglianer ans Licht trat, auf der andern Seite durch ein spekulatives System, welches, gerade geistvoll genug, um seine politische Unfähigkeit zu verdecken, und mit einer gerade so bedeutenden That hinter dem Rücken, um eine zweite in Aussicht zu stellen, gleichwohl der Nation nicht einmal den dringenden Dienst gegen die Afterphilosophie geleistet, zu dem es berufen war, sondern es vorgezogen hat, um der Menge willen mit dem Schatten des Sophisten zu liebäugeln, dessen Erbärmlichkeit es kennt:—von beiden Seiten, sage ich, getäuscht, ist sie zu einer solchen Forderung nur allzu sehr veranlaßt.

Der zweite Grund liegt in dem Charakter der Wissenschaft selbst, und des Mannes, der ihr Urheber ist.

Die Wissenschaft Friedrich Rohmers will weder als schriftstellerisches Werk noch als philosophisches System, sie will und wird als fortlaufende That in dem Volke wirken, aus dem sie hervorgegangen ist. Eine Wissenschaft, die Schritt für Schritt mit dem Leben erwachsen ist, kann nur Schritt für Schritt ins Leben eingezeichnet werden. Wie die "Vier Parteien" in dem Augenblick, wo sie als Buch erscheinen, ihre Geschichte schon hinter sich haben, so wird jeder weitere Schritt, den sie im öffentlichen Verständniß thut, zugleich wenigstens mittelbar ein Schritt im öffentlichen Leben sein; und in dem Augenblick, wo sie sich abgeschlossen der Welt überliefert, wird sie mit dem öffentlichen Leben bereits nach allen Seiten verknüpft sein.

Friedrich Rohmer selbst hat an sich Nichts weder mit der Gelehrsamkeit noch mit der Litteratur noch mit der systematischen Philosophie gemein. Er ist ein Privatmann, dessen Gedanken die Gedanken der Wissenschaft sind.

Von diesem Standpunkt ist die Herausgabe der Rohmerschen Wissenschaft anzusehen. Sie ist nicht Veröffentlichung einer literarischen Arbeit, welche so schnell als möglich dem Publikum in allen seinen Theilen überliefert werden will, sie ist Aufstellung eines bestimmten Prinzips, welches sich von seiner ersten Erscheinung an mit den politischen Bedürfnissen in Verhältniß setzt, und in demselben Maaße fortfährt, sich in seinen einzelnen Theilen kundzugeben, als diese Bedürfnisse es erfordern. Der Termin, wonach die einzelnen Theile der Wissenschaft erscheinen werden, ist deßhalb nicht in der nämlichen Weise bestimmbar, wie ein Herausgabe nach literarischen Rücksichten es ist: er hängt von den Zeitumständen selber ab; und auch die Reihenfolge der einzelnen Theile kann hienach wandelbar sein.—

Obwohl nun das vorliegende Werk ein Bruchstück der Wissenschaft ist, so ist es doch keineswegs als solches abgefaßt. Es trägt seine Begründung, seine Ausführung, seine Abrundung in sich selbst; es ist mit dem zweiten, wenn man will, auch ohne den zweiten Band, ein Ganzes für sich; und der Leser, um es zu beurtheilen, hat nicht nöthig in eine fremde Weltansicht eingeführt zu sein. Auch wenn es nicht ein großes System hinter sich hätte,—für den Leser würde es trotzdem das nämliche sein. Wer es prüfen will, findet die Elemente der Prüfung in dem Buche selbst.

Ich sage dieß absichtlich, weil ich weiß, daß es Leute gibt, die ihre Ungeneigtheit oder Unfähigkeit, auf den Inhalt des Buches einzugehen, mit der Ausflucht bemänteln werden, ein Urtheil darüber sei dann erst möglich, wenn das ganze System der Oeffentlichkeit unterworfen sei.

Soviel über einen Gegenstand, dessen Erledigung, läge sie nicht in der Natur der Sache selbst, durch die Aeußerungen der öffentlichen Blätter Deutschlands und der Schweiz nothwendig ward. Im Uebrigen möge Jeder ohne Rücksicht auf den Zusammenhang, in dem er das Buch mit dem Ganzen sieht, nach dem Inhalte des Buches selbst urtheilen.—

Die Anwendung der Erörterungen aufs Leben wird für den ohne Schwierigkeit sein, der in der Politik gelebt hat. Die Zahl der praktischen Politiker, d. h. solcher, welche weder blos raisonnirt, noch auch nur in mechanischen Geschäften gewesen, sondern staatsmänisch erfahren haben, ist aber in Deutschland verhältnißmäßig sehr klein: und sollte das Buch nicht blos für diese geschrieben sein, deren Urtheil allerdings in erster Linie das einzig gültige ist, so mußten die Belege sehr oft aus andern Feldern, zuweilen selbst aus der Theologie geholt werden, welche für einen großen Theil des deutschen Publikums immer ein Lebensinteresse ist.

Was in diesem Bande zu wenig bestimmt, was zu kurz, und insofern unverständlich, was endlich blos doktrinär und noch ohne praktisches Gewicht erscheinen mag (— zum ersten können einige Stücke in der Schilderung des Liberalismus, zum zweiten die beiden letzten Kapitel, zum dritten einzelne psychologische Andeutungen gehören —), wird im zweiten Bande nähere Bestimmung und Ausführung erhalten.

Die Vier Parteien sind mit dem ersten Theil vollendet. Der zweite wird die Parteien im Einzelnen (d. h. die Verschiedenheiten, die jede der vier Grundrichtungen wiederum in sich selber trägt), und hienach die Staatsverfassungen und die Geschichte entwickeln.

Gleichzeitig mit dem zweiten Bande, vielleicht vorher, werden Studien über Staat und Kirche von Dr. Bluntschli erscheinen, welche, auf den gleichen Standpunkt gegründet, mit der Lehre von den Parteien in enger geistiger Wechselbeziehung stehen.—

Und nun wäre zu reden von der Geschichte, welche die Wissenschaft Friedrichs Rohmers bisher erlebt hat. Ich meine nicht jene stille Geschichte, womit sie, so lang sie in ihrem Werden war, Menschen der verschiedensten Gattung Aufschluß und Trost und Menschen der verschiedensten Fächer neue Wege der Forschung geboten hat, sondern die politische Geschichte, wodurch ihr Urheber, von langjähriger Arbeit aufgestanden, in der Schweiz, in einem deutschen Stamme der Schweiz, ihr sofort historisches Leben verliehen hat.

Die Theorie der vier Parteien bedarf keiner Einleitung mehr für den Staatsmann. Seit dem Jahre 1842 verwebt mit dem politischen Leben des Kantons Zürich, hat sie, wenn auch nur in den allgemeinsten Grundzügen ausgesprochen, von da an nicht aufgehört, der Sauerteig zu sein, der den chaotischen Stoff der politischen Begriffe durchdringt. Sie hat den Radikalismus geschlagen im Jahre 1842: sie hat die Revolution, auf dem Punkte mit der Wiedereroberung von Zürich die Schweiz zu überfluthen, gebrochen in der Spitze der Schweiz. Gehandhabt von schweizerischen Händen, hat sie eine Tendenz der Reform gereift, die unabhängig von den Launen des Zeitgeistes, in welcher Stellung sie auch sei, die faktische Hegemonie behaupten wird, weil kein Prinzip in der Schweiz vorhanden ist, das ihr die Spitze zu bieten vermag. Eine Erfahrung von anderthalb Jahren hat es gezeigt.

Deutschland hat von dieser Geschichte nichts erfahren: und weniger als nichts. Die deutsche Presse hat geschwiegen oder—geschmäht. Derjenige Theil der deutschen Presse, der es sich zur Aufgabe macht, die Beziehungen mit den außerdeutschen Völkern deutscher Zunge zu erhalten und die Bewegungen zu verfolgen, die der deutsche Geist in diesen Ländern macht, wußte nichts zu sagen, als ein aus Deutschland entsprungenes Prinzip den Prinzipien des französischen Radikalismus in der Schweiz zum ersten Male mit schlagendem Erfolge entgegentrat. Der andere Theil der deutschen Presse, der sich din schönen Namen liberal beilegt, enthielt Beschimpfungen über einen Mann, den sie nicht kannte, nicht einmal zu kennen nur in mindesten suchte: denn sie gab keine Sylbe von dem Prinzip, das der Inhalt seiner Wirksamkeit war.

Nach einem solchen Vorgang wäre man berechtigt, einer so blind verfahrenden Presse die politische Urtheilsfähigkeit abzusprechen, wäre nicht ein ganzes Land und ein großes Land, an dem vor allem in der Politik die deutsche Nation unendlich viel zu lernen hätte, statt von der Höhe einer blos literarischen Bildung vornehm darauf herabzusehen,—wäre nicht die Schweiz dieser blinden Verkennung gleichermaßen unterworfen, und aus dem gleichen Grund: aus einem für die deutsche Nation sehr traurigen Grund.

Die deutsche Emigration ist es (das Wort im leiblichen und geistigen Sinn genommen), welche hieran die Schuld trägt. Die nämliche Emigration, die in Herweghs, "Einundzwanzig Bogen" den Atheismus für die große Aufgabe der Deutschen Zukunft erklärt; die nämliche, der Robespierre anfängt, reaktionär zu erscheinen, weil er (wie B. Bauer im "Entdeckten Christenthum" sagt) das "helle Tageslicht durch den Beschluß, daß es ein höchstes Wesen gebe, zu dämpfen gewagt"; die nämliche, welche zur Schmach des deutschen Volkes, diesen ihren kindischen Wahnwitz als die reife Arbeit des deutschen Geistes den Fremden darbietet. Diese Emigration, theilweise längst schon angesiedelt in Zürich, aber in sich verstärkt, seit in Herwegh das frühere poetische und das spätere abstrakte junge Deutschland sich vereinigt haben, und seit sie in dem literarischen Comptoir einen Vereinigungspunkt gefunden hat, wußte es glücklich dahin zu bringen, daß ein Theil der deutschen Presse mit dem Begriffe der konservativen Partei von Zürich—einer Partei, welche die vollständigste demokratische Freiheit, aber, (Verbrechen genug für jene Augen) nur auf der Grundlage der christlichen Religion begehrt—den eines Ungeheuers von Reaktion zu verbinden begann.

Der Zufall oder richtiger gesagt die Fügung, die im Jahr 1841 den Verlag von "Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft" an das literarische Comptoir geführt, gab uns Gelegenheit, diese Emigration zu durchschauen. Sie konnte es Friedrich Rohmer nicht verzeihen, als er verpflichtet durch das steigende Wachsthum der falschen Vorstellungen, die sich in der Schweiz an den deutschen Namen banden, und des Hasses, der jedes weitere Verhältniß der beiden Volksgeister zu ersticken drohte, die deutsche Emigration als den Stein des Anstoßes bezeichnete, der sich zwischen ein wahres Verhältniß Deutschlands und der Schweiz gelagert habe: noch weniger verzeihen, als Julius Fröbel, der Chef des literarischen Comptoirs, einer jener dämonischen Menshcen, deren sich die Vorsehung zuweilen bedient, psychisch enthüllt wurde, am wenigsten endlich verzeihen, als sie Friedrich Rohmer ohne Vorgänge, ohne Mittel, und im Anschlusse an eine Partei, welche gegen alle Fremdeneinmischung und zwar mit Recht gekämpft hatte, mit kaltem Blute den Entschluß fassen sah, die Revolution innerhalb der Schweiz als im Abbilde Europas zu besiegen; und als alle Versuche diesen Anschluß zu trennen, an der Festigkeit des Staatsmannes scheiterten, mit dem Friedrich Rohmer sich verbunden hatte, und den die Emigration nur zu wohl als den ersten der Schweiz kennt.

Was in ihrer Gewalt stand, um ihren Haß zu befriedigen, das hat die Emigration gethan. Alle moralischen und juridischen Sünden wurden von ihr aufgehäuft; alle Blätter, die ihr irgend zu Gebote standen, mit Verläumdungen angefüllt; Schmähschristen der feinsten und plumpsten Gattung ausgestreut: Friedrich Rohmer wurde in dem innersten Heiligthum des Mannes, in dem Mark seines Lebens angegriffen; es geschahen Dinge, vor deren blosser Aufzeichnung das moralische Gefühl erschrickt, und die zur Ehre des deutschen Namens in den Abgrund der menschlichen Natur hätten verschlossen bleiben sollen. Umsonst! Die Emigration wurde von den schweizerischen Radikalen selbst verläugnet: Fröbel durch die öffentliche Meinung genöthigt, von einem Schauplatz zurückzutreten, den er mit Schmähungen gegen die Radikalen seine Bundesgenossen verließ, die ihn als Werkzeug gegen Friedrich Rohmer benutzen zu können geglaubt, und dann im Großen Rathe verächtlich weggeworfen: und die Theorie der Parteien blieb, um immer tiefer zu wurzeln, nachdem die Personen sich längst von einer Theilnahme zurückgezogen, die sie dem Charakter der Schweiz gemäß von vorn herein als eine interimistische bezeichnet hatten.Sie währte nur vom Janur bis zum Juni 1842. So hat die Idee gesiegt, durch unermeßliche Schwierigkeiten für immer gesiegt.

Sie wird es auch in Deutschland. Aber die Emigration wird auch in Deutschland das alte Spiel versuchen. Wird die deutsche Presse ihr nochmals ihre Spalten preisgeben? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß diese Presse, wenn sie zum zweitenmale schmäht, ohne selber zu prüfen, keiner Antwort mehr würdig ist.

Wenn einst ein Schweizer die Ereignisse schildert, die hier nur flüchtig angedeutet werden konnten,—und die Zeit ist nicht so fern—so wird er Deutschland vorwerfen müssen, sich um die größte Geschichte, und um seine eigene, haben betrügen zu lassen. Möge die deutsche Presse durch aufrichtige Prüfung versöhnen, was sie an der Geschichte verschuldet hat.

Dir aber, mein Vaterland, übergibt Friedrich Rohmer durch mich zutrauensvoll dieses Buch. Hier ist sie denn, diese "Gaunerlehre"; und wie sonst noch die Schmähungen heißen, womit der wüthende Haß, in der Unfähigkeit sie zue widerlegen, sie überschüttet hat. Noch—glaube ich—hat jene piquante Literatur, die unter einem geistreichen Anstrich die Plattheit verbirgt und dich nahezu gelehrt hat, nichts mehr anzunehmen, was nicht mit einem Schwalle von tiefseinsollenden Phrasen umhülllt ist, deinen gesunden und starken Sinn nicht unterwühlt: noch hast du ein Leben in dir, das dich fähig macht, auch ohne die Presse, und trotz dem Urtheil der Presse, dich zu entscheiden: noch hast du, vom Bauer bis zum Fürsten, eine Kraft in dir, um nicht zu versinken unter dem schweren Zeitgeist unserer Tage, sondern zu siegen über ihn. Wenn diese Kraft sich an diesem Buche erprobt, so ist sein Schicksal geborgen.

Zürich, im September 1843.

Theodor Rohmer.

Erstes Buch: Ursprung der politischen Parteien

Erstes Kapitel: Die herrschenden Begriffe

1

Ganz Europa wird von dem Kampf ver politischen Parteien seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts in seinen Grundvesten erschüttert. Das lebende Geschlecht ist in diesem Kampfe aufgewachsen. Jedermann kennt ihn, jedermann trägt ihn mit oder wider Willen in sich; er ist wie der Boden, auf dem wir stehn, wie die Luft, die uns umgibt, uns Allen gemein geworden. Wo die politische Freiheit zu wenig entwickelt ist, um einer äußern Darstellung der Parteien Raum zu gestatten, da sind sie innerlich auf dem geistigen Gebiete vorhanden. Wenn nicht in öffentlichen Kammern, treten sie doch im Innern des Staates, wenn nicht im Staat, in der Kirche, wenn nicht in der Kirche, in der Wissenschaft hervor. Sie sind ungreifbar und unverwüstlich; von einem Gebiete gewaltsam vertrieben, tauchen sie in andern um so heftiger auf: der Staat kann ihnen das offene Licht verschließen, so wirken sie fort im Dunkel der Köpfe und Herzen; in tausendfacher Verwandlung bleiben sie immer dieselben. Sie sind; und keine Macht der Welt kann sie unterdrücken.

2

Die Frage, ob es Parteien geben dürfe in einem wohlgeordneten Staate, bedarf somit keiner Antwort mehr, weder überhaupt noch für unser Jahrhundert.

Die Geschichte zeigt, daß in den blühendsten Zeiten der blühendsten Staaten der Kampf der Parteien vorhanden war. Griechenland war am größten, als Demokraten und Aristokraten sich bekämpften und Rom hat abwärts geneigt, nachdem Plebejer und Patricier sich verschmolzen hatten.

Sie zeigt uns die nämlichen Parteien in unentwickelten oder sinkenden Zeiten, aber auf niedrigere Art; mit andern Worten, sie zeigt uns überall in den Parteien den nothwendigen Ausdruck des Staatslebens. Die Faktionen des Hippodrom in Konstantinopel verhalten sich zu den Plebejern und Patriciern, wie das byzantinische Reich zum alten Rom; und die Zurückdrängung der Parteien von ihrem eigentlichen Gebiet—dem politischen—hat niemals eine andere Folge gehabt, als die, daß sie in niedrigerer Form auf niedrigeren Gebieten,—wie in Deutschland auf dem gelehrten—sich Raum verschaffen.

3

Diese Parteien sind in keinem Zeitraume der Weltgeschichte emals so entschieden zu Tage getreten, als in unserer Zeit. Wir finden sie unter den verschiedensten Formen und Benennungen, klar und offen im südwestlichen, versteckt im nordöstlichen Europa, zu den feinsten Schattirungen entwickelt, wo, wie in England, Frankreich und der Schweiz die politische Freiheit blüht, oder wo wie in Deutschland der Zeitgeist seine besondere Stätte hat. Wir ahnen, daß alle diese Formen vom Communismus bis zur Ultralegitimität, auf Einen Grundgedanken zurückgehen, welcher die organischen Grundrichtungen in sich enthält, und bezeichnen deßhalb unwillkürlich die Parteien der verschiedenen europäischen Länder, ohne Rücksicht auf nationalen Titel mit den gleichen Namen. Ich meine die bekannten Wörter, "radikal", "liberal", "konservativ" (auch "aristokratisch"), "absolutistisch" (oder "reaktionär"), und "Justemilieu", mit deren jedem der europäische Sprachgebrauch eine von lokaler Färbung und lokalem Ursprung unabhängige allgemeine Richtung der Geister und Gemüther ausdrückt.

Und diese Richtungen sind in der Wirklichkeit nicht weniger verbunden, als im Sprachgebrauch. Ueberall in Europa reicht sich der Absolutismus die Hand, überall hängt der Radikalismus zusammen; und überall versteht sich jene, wie man glaubt, halb liberale, halb konservative Staatskunst, das Justemilieu genannt.

4

Trotzdem ist man weit entfernt, mit den Worten einen bestimmten Sinn zu verbinden, und noch weiter jenen Grundgedanken zu verstehen. In Deutschland, wo man alle Parteien hat, nur ohne es zu wissen, weil die Polizei sie hindert auf der Oberfläche zu erscheinen, sind Namen und Begriffe, wie das Ausland sie gab, adoptirt worden; und man hat im Ganzen so wenig selbständig darüber gedacht, daß es jetzt noch Staatsmänner giebt, welche glauben, sich über die Parteien erheben zu können, wenn sie sich ihr Dasein verneinen. Selbst unter denen, welche weiter sehen, ist fast durchweg dir Meinung verbreitet, der wahre Staatsmann müsse außerhalb der Parteien stehen, um sie von oben herab zu beherrschen; und viele Halbgebildete und "Tiefgebildete" Deutschlands meinen, der wahren Politik um so näher zu stehen, je ferner sie mit vornehmer Verachtung auf die Parteien herunterschauen.

Diese Meinung hat eine Art von Wahrheit, so lange man unter der politischen Partei nichts weiter erkennt, als das Treiben einer Faktion. Indem sie nämlich die Partei nicht selten unter der Gestalt der Faktion auftreten sieht, verwechselt sie den Schein der Dinge mit der Wesenheit, das Kleid, in dem die Richtung sich zeigt, mit der Richtung selbst. Statt vom Staatsmanne zu sordern, was allerdings Bedingniß der Staatsmannes ist, daß er niemals der Partei gestatten solle, zur Faktion auszuarten, verlangt sie von ihm das Unmögliche, überhaupt zu keiner Partei (zu keiner Anzahl von Menschen, die durch ähnliche politische Grundgedanken vereinigt sind) zu gehören.

Diejenigen also, welche sich über alle Parteien zu erheben meinen, bekennen damit nur den seltsamen Anspruch, sich über jeden politischen Gedanken hinwegsetzen zu wollen; denn dieß und Nichts anderes müßte man thun, um jeder politischen Richtung zu entgehen.

So zerfällt jene Meinung in sich selbst; und wir brauchen sie um so weniger zu bestreiten, als sie sich bei jedem thatsächlichen Anlaß durch ihre eigenen Handlungen widerlegt; weil die Parteilosen in jeder wichtigen Krise der Partei anheimfallen, der sie ihrer Neigung nach angehören, die sie aber bisher sich verborgen oder in ihrem Wahne "übersehen" hatten. Wichtiger ist es, die Anschauung zu betrachten, welche über den Gehalt der Parteien überhaupt herrscht.

5

Die gewöhnliche Vorstellung, wie sie in der Menge der europäischen Gebildeten lebt, ist diese:

Wir leben in einer Periode des Uebergangs von der alten zur neuen Zeit; die eine Partei will die neue Zeit—Partei des "Fortschritts" (Liberale), die andere hängt an der alten, Partei des "Rückschritts" (Konservative). Dazwischen stehen die, welche Vermittlung wollen—das Justemilieu, von den Einen als Tendenz der Versöhnung geliebt, von den Andern als Tendenz der Schwäche gehaßt oder verachtet. Jene beiden Hauptparteien tragen nun allerdings ihre Abstufungen in sich und ihre Abarten. Was am Alten hängt, kann entweder stille stehen (konservativ im engern Sinn) oder geradezu rückwärts gehen, (reaktionär, absolutistisch). Die Freunde des Neuen wollen den Fortschritt entweder mit Schonung der bestehenden Verhältnisse (Liberale im engern Sinn) oder ohne Rücksicht auf die letztern, schonungslos und von Grund aus (Radikale). In den Grundsätzen sind Liberale und Radikale gleich; in der Ausführung verschieden. Radikalismus ist den Einen das irrige Extrem, den Andern die höchste Konsequenz des liberalen Prinzips. Nach jenen ist man radikal, wenn man die Grundsätze des "Fortschritts" unbesonnen und ohne Kenntniß der Zustände anwendet, nach diesen, wenn man sie schroff und energisch durchzuführen weiß.

6

Dieß sind die herrschenden Begriffe: Begriffe, von welchen selbst die Staatsmänner Europas mehr oder minder, wenn auch mit Widerstreben, sich leiten lassen. Ihre Haltlosigkeit offenbart sich, so wie sie zergliedert werden. "Was ist alte und was ist neue Zeit?"—diese Frage müßte mir gelöst sein, wenn ich wissen sollte, was Rückschritt und was Fortschritt ist, und sie wird hier nicht einmal aufgeworfen. Denn es liegt am Tage, daß ein Maaßstab für das Wesen alter und neuer Zeit, eine Bestimmung der guten und schlechten Bestandtheile in beiden, allen Parteien gleich unumgänglich ist, wenn sie nicht ohne Sinn und Ziel sich überstürzen wollen. Die Vergangenheit liegt in zahllosen Gestalten hinter uns, die Zukunft in tausendfach möglichen vor uns: wo findet sich Gesetz und Maaß und Einheit? Soll ich das Neue lieben, weil es das Neue ist, das Alte hassen, weil es das Alte ist? Eine unwürdige Zumuthung, die mir gleichwohl in der obigen Anschauung sehr nahe gelegt wird. Um liberal zu sein, müßte ich dem Zeitgeist folgen, und wo sitzt der Geist der Zeit?—der wahrhaftige nämlich, dem ich folgen soll. In der Masse? Mit nichten. Im Mittelstand? Nur bedingt. In den Erleuchtetsten? Wo sind sie, wenn man nicht gutmüthig genug ist, sie in den Berühmtesten zu finden? Sind sie einig unter sich, diese Erleuchtetsten, und weiß man nicht, daß gerade sie zu allen Zeiten gegen den Zeitgeist gekämpft oder sich über ihn erhoben haben?—Welchen Grund hat man für die Behauptung, der Fortschritt der Zeit sei der Liberalismus, und mit welchem, auch nur entfernten, geistigen oder moralischen Titel stellt man überhaupt an einen selbständigen Menschen die jetzt allgemein gewordene alberne Anforderung, "sich dem Zeitgeist anzuschließen?" Der Zeitgeist ist der Wille der Majorität meiner Zeitgenossen.—Und dieser Wille sollte mich irgend, auch nur annähernd, verbinden? Verbinden, weil er die Mehrheit ist? Seit wann liegt die Wahrheit auf der Seite der Mehrheit? Oder wie? Vor jetzt hundert Jahren war ganz Europa von französisch-monarchischer Denkart, Politik und Sitte beherrscht: wenn ich damals dem Zeitgeist huldigte, that ich Unrecht, weil er falsch war. Jetzt wird der Continent von den Ideen bewegt, welche die französische Revolution erzeugt hat: und ich soll diesen Ideen vertrauen, weil sie den Zeitgeist ausdrücken?

Man sieht, indem die Menge den Satz aufstellt, "wer mit der Zeit geht, geht vorwärts",—gleich als ob keine Zeit rückwärts oder in der Irre gehen könnte—, hat sie sich selbst zum Geist der Zeit gesetzt, und verspricht alle diejenigen mit ihrem Ruhm und ihrer Liebe zu belohnen, welche mit ihr gehn. Wer etwas weiter sieht, wird freilich entgegnen "du sollst dem jetzigen Zeitgeist folgen, nicht als solchem, sondern weil er der wahre, liberale ist, wie der verwichene ein falscher, serviler war"; aber er spricht eben damit aus, daß er dies zu beweisen hat und daß der Beweis und damit die innere Bedeutung jener Parteinamen, auf einem ganz andern und tiefern Gebiete liegt, als es den Anschein hat.

7

Uebrigens schwanken jene schon ohnehin unklaren Begriffe noch innerhalb des eigenen Kreises im Unklaren. In Deutschland besonders sind sie verallgemeinert, verschwommen. Hier, wo noch Mißbräuche des Absolutismus regieren, heißt am Ende Jeder liberal, der als ehrlicher Mann diese Mißbräuche nicht liebt. Hier, wo in so vielen Stücken eine Reform noth thut von der Wurzel aus, bezeichet man häufig diese Nothwendigkeit mit dem Worte radikal. Die Hofund Staatszeitungen, überhaupt die Blätter, die man durch Einflüsse von oben her geleitet glaubt, heißen "konservativ." Man scheut sich nicht, selbst Menschen von käuflicher Gesinnung mit diesem Namen zu belegen. Mit Einem Wort, man betrachtet die Parteien von Einem Gesichtspunkt aus, von dem der allgemeinen Opposition gegen den Absolutismus, und wirft sie hiernach in Eine Masse. Ihre innern Verschiedenheiten sind unbekannt, der "Liberalismus" ist das allgemeine Losungswort des Tages, und ihm gehört an, nicht nur wer es treu mit dem Volke meint, sondern schlechtweg Jeder, der auf der großen Heerstraße wandelt.Diese letztere Richtung, entsprungen aus der Huldigung der Mode, wohlfeil und veränderlich wie die Mode selbst, heißt gewöhnlich "der seichte Liberalismus." Wir werden später sehen, welcher Tendenz sie angehört, und bemerken hier nur, daß wir den "seicthen Liberalismus" niemals im Auge haben, wenn wir das Wort Liberalismus gebrauchen.

8

Wenn auf diese Weise das Wesen der Parteien gemeinhin nur oberflächlich aufgefaßt wird, so hat man noch weniger ihrem Ursprung nachgedacht. Man hat auch hier die äußere Entstehung historisch verfolgt, wie die Geschichte der einzelnen Staaten sie giebt, ohne der innern zu gedenken, welche durchaus nur aus der Natur des Menschen hervorgehen kann.

Die äußern Anlässe, aus denen eine Partei entstehen kann, sind zahllos und wandelbar, wie die Materie selbst. An jedem Gegenstand kann sich Streit, an jedem Streit kann sich Part und Gegenpart entzünden und oft ist Niemand im Stande, den Gegenständen an und für sich irgend ein, auch nur das mindeste Prinzip unterzulegen.Z.B. den Gegenständen der blauen und grünen Partei in Konstantinopel. Erst wenn an einen solchen Streit die höhere Richtung sich knüpft, so entsteht die politische Partei, und umgekehrt besteht die Faktion oft lange noch fort, nachdem die innere Seele, das Parteiprinzip, schon aus ihr entwichen ist.Wie z. B. die Faktion der Ghibellinen und Guelfen in Italien noch bestand, nachdem die politische Tendenz schon verschwunden war. Die Partei im materiellen Sinn ist somit nur die Unterlage der geistigen Partei; jene ist veränderlich und schwankend, diese bleibt sich gleich oder geht einen erkennbaren Gang der Entwickelung; und es kann daher die äußere Lage der Parteien sich umdrehen, wie die der Whigs und Tories nach Wilhelm dem III., oder es können die Namen sich verkehren, wie in Amerika, während doch die Richtung dieselbe bleibt.

9

So denkt man sich auch fälschlich die Parteien an gewisse Staatsformen gebunden und glaubt ihren Ursprung nachgewiesen zu haben, wenn man die politischen Forderungen und Glaubensbekenntnisse charakterisirt, von denen sie ausgegangen sind. Es ist wahr, daß in unserer Zeit die verschiedenen Parteien sich großentheils nach verschiedenen Staatsformen regeln; wie z. B. der Radikalismus gewöhnlich die republikanische, der Absolutismus die unumschränkt monarchische, der Liberalismus der konstitutionelle Verfassung begehrt: und wir werden zu untersuchen haben, wie weit diese Wahlverwandtschaften unsrer Zeit und wie weit sie einer innern, bleibend in der Natur begründeten Beziehung angehören.

Allein auch die politischen Forderungen sind wandelbar, varänderlich und unbestimmt, theils nach den Zeiten, theils nach den Eigenthümlichkeiten der Länder. Die Parteien bestehen unter jeder Staatsform, ja sie machen sich jede zu eigen. Ohne Unnatürlichkeit sieht Europa den Radikalismus auf Thronen, den Absolutismus in Demokratien. Und wollte man z. B. den deutschen Liberalismus nach seinem heutigen Symbol charaktersiren, so würde dies Symbol nach dreißig Jahren so wenig mehr pasen, als er dem Zustande vor dreißig Jahren entspricht. So ist es, um ein anderes Beispiel anzuführen, für jetzt richtig, wenn man sagt, mit der vergangenen Zeit sei der Absolutismus, mit der gegenwärtigen der Radikalismus verschwistert. Allein es war eine Zeit, wo der Absolutismus gegenüber der ständischen Organisation des Mittelalters die Gegenwart in Anspruch nahm und im Gegensatz zur Vergangenheit seine Institutionen heraufführte; und es könnte eine Zeit kommen, in welcher der Radikalismus veraltet steht und unfähig, sich in die Gegenwart zu schicken, an Theorien festhält, über die Europa hinweggeschritten ist.

Keine Erklärung also, welche den quantitativen Inhalt einer politischen Tendenz zu umschreiben sucht, wird über die Grenzen der jeweiligen Zeit und des Ortes hinausreichen. Wenn in Europa jede Partei ein gewisses, vom Süden bis zum Norden hindurchlaufendes Bekenntniß hat, so ist der Grund davon die Gemeinsamkeit der europäischen Bildung; aber das Meiste von dem, was bei uns bestimmendes Merkmal ist, würde in Asien seine Anwendung verlieren. Und selbst dann, wenn es gelänge, unveränderliche, jedem Land und jeder Zeit gleichbleibende Forderungen der Parteien zu finden, wäre doch die wichtigste Frage noch ungelöst, die Frage nach den innern Motiven, welche als allgemein wirkende Ursache den politischen Bedürfnissen zu Grunde liegen.

10

Also nicht um die äußern Kennzeichen handelt es sich, sondern um die natürliche Wesenheit der Parteien—d. h. um das allgemein Menschliche, woraus der Trieb und mit dem Trieb die Form der Parteien hervorgeht; und dann erst wird erhellen, wie dieser Trieb nach Verschiedenheit der Menschen, Zeiten und Länder verschiedene Forderungen erzeugt.

Es ist nicht, als ob dies Menschliche nicht schon gesucht worden wäre. Der Politiker, der, ins Leben gestellt, die Leidenschaften und Motive der handelnden Menschen sieht, wird fast unumgänglich darauf hingetrieben; und hat er Geist, so wird er von der Gegenwart absehen und auf die Natur zurückkommen.

So besteht denn allerdings eine Ansicht nicht unähnlich der obigen, aber höher als sie, unter denjenigen Staatsmännen, welche über die Geschäftspolitik hinaus durch Stellung oder Talent zur lebendigen gekommen sind. Ich glaube sie nicht besser geben zu können, als mit einer Aeußerung Friedrichs von Gentz—eines Mannes, der den Grad des ideellen Bewußtseins der deutschen Staatsmänner nach einer gewissen Seite hin vollkommen ausdrückt, und den wir hier als geistig berechtigt sprechen lassen, ohne auf seine moralische Berechtigung einzugehen.

"Zwei Principien, schreibt er an Johannes Müller, konstituiren die moralische und intelligible Welt. Das eine ist das des immerwährenden Fortschrittes, das andere das der nothwendigen Beschränkung dieses Fortschrittes. Regierte jenes allein, so wäre nichts mehr fest und bleibend auf Erden und die ganze gesellschaftliche Existenz ein Spiel der Winde und Wellen. Regierte dieses allein, so würde Alles versteinern und verfaulen. Die besten Zeiten der Welt sind die, wo die beiden entgegengesetzten Principien im glücklichsten Gleichgewicht stehen. In solchen Zeiten muß dann auch jeder gebildete Mensch beide gemeinschaftlich in sein Inneres und in seine Thätigkeit aufnehmen. Er muß mit der einen Hand entwickeln, was er kann, mit der andern hemmen, was er soll. In wilden und stürmischen Zeiten aber, wo das Gleichgewicht wider das Erhaltungsprincip, so wie in finstern und barbarischen, wo es wider das Fortschreitungsprincip gestört ist, muß auch der einzelne Mensch eine Partei ergreifen und gewissermaßen einseitig werden, um nur der Unordnung, die außer ihm ist, eine Art Gleichgewicht zu halten. Wenn Wahrheitsscheu, Verfolgung, Stupidität den menschlichen Geist niederdrücken, so müssen die Besten ihrer Zeit für die Kultur bis zum Märtyrerthum arbeiten. Wenn hingegen wie in unserm Jahrhundert Zerstörung alles Alten die herrschende, überwiegende Tendez wird, so müssen die ausgezeichneten Menschen bis zur Halsstarrigkeit altgläubig werden."

11

So bedeutend diese Stelle ist—persönlich bedeutend, weil sie einen geistigen Muth ausdrückt, der sich nicht scheut, der hergebrachten Zeitrichtung Trotz zu bieten, im allgemeinen, weil sie einen richtigen Blick in den Gang der Geschichte und den Beruf der Großen eines jeden Zeitalters verräth,—so unzureichend ist sie, um die Parteien als Principien der Menschheit festzustellen; und nicht einmal zureichend, die Pflicht des Politikers zu charakterisiren.

Wenn wirklich nur zwei Principien die Welt konstituiren—das der Bewegung und der Ruhe,—deren jedes, wie Gentz sie hinstellt, in sich gut und heilsam wäre: so ist nicht abzusehen, woher das Uebel in der Welt entsteht. Ist der Fortschritt schon als solcher richtig, so darf ich bis zum Extrem vorwärts gehen; ist die Ruhe an sich schon gerechtfertigt, so darf ich mich ihr bis zur Versteinerung hingeben. Dann wären die Jakobiner "Märtyrer der Kultur" gegenüber der "Wahrheitsscheu und Verfolgungssucht" des alten französischen Regimes, und zugleich hätte Gentz Recht gehabt, gegenüber der Zerstörungssucht unserer Zeit so "biz zur Halsstarrigkeit altgläubig" zu werden, als er geworden ist.

Denn was gut ist in sich, kann nicht dadurch schlecht werden, daß ich es zum Gipfel treibe, im Gegentheil ist es meine Pflicht, seinen Inhalt bis zum äußersten Grad in Ausübung zu bringen.

Wo nicht, so ist das Böse nur letzte Stufe des Guten und alles Uebel in der Welt entsteht aus der Konsequenz, womit das Gute gehandhabt wird.

So lächerlich diese Vorstellung klingt, so ist doch keine in der Welt verbreiteter, als gerade sie. In der Sprache des Umgangs nennen wir einen Menschen, der statt der Güte des Mannes die Nachgiebigkeit der Schwäche besitzt, einen "zu guten" Menschen, als könne man wirklich zu gut sein; und nicht anders ist es in der Politik. Der Jakobinismus ist nach der gemeinen Meinung nichts anders, als der äußerste Fortschrit; und ein religiöser Zelot in den meisten Augen ein Christ, der das Christenthum "auf die Spitze treibt."

Das Ende des Liberalismus in der Religion wie im Staate wäre somit der äußerste Illiberalismus, das Ende des Guten, das Böse; ein Satz, dessen Widersinnigkeit aber jedem natürlichen Sinn einleuchtet und der höchstens in Hegelsche Dialektik passen würde.

12

Jene zwei Prinzipien sind also wirklich vorhanden, aber nicht sie allein, oder vielmehr sie sind nur allgemeinhin, nur quantitativ ausgedrückt, nicht qualitativ bezeichnet.

Ob der Fortschritt selbst in sich wahr oder unwahr, die Ruhe todt oder lebendig sei, ist die andere Frage.

In Schillers Don Carlos hält Philipp dem Marquis Posa das Glück der Ruhe entgegen, die seine Völker genießen. "Ruhe, antwortet der Marquis, aber die Ruhe eines Kirchhofs." Und wie der König in ihm den Revolutionär zu er kennen glaubt, setzt er ebenso dem falschen Fortschritt den wahren entgegen, "die lächerliche Wuth der Neuerungen, ruft er aus, die nur der Ketten Last vergrößert, die sie bricht, hat mein Blut nie erhitzt."

Der Dichter, wie es scheint, hat mehr als zwei Principien geahnet, die die Welt bewegen, und dieses große Gedicht enthält mehr staatliche Ideen, mehr innern Sinn über die politischen Parteien, als unsere ganze modern-politische Poesie und Theoretik zu Tage geliefert hat.

Zweites Kapitel: Prinzip der Parteien

13

Die höchste Erscheinung des menschlichen Geistes in der Zeitlichkeit ist der Staat. "Der Mensch ist von Natur ein politisches Wesen."

Ist dies wahr, so muß umgekehrt der Staat im menschlichen Geiste enthalten sein; so können die Gründe und kann die Ordnung des Staates nur in dem Bau und der Anlage unsers Geistes gesucht werden.

14

Im Organismus der menschlichen Seele liegt folglich der ganze Organismus des Staates. Aus ihren Bestandtheilen und Gesetzen hat er sich mit Nothwendigkeit gebildet; und alles, was ihm angehört und somit auch die Parteien, kann nur hieren seine Erklärung und Rechtfertigung finden.

15

Der Staatskörper an sich betrachtet, bloß in seinen Bestandtheilen, kennt noch keine Parteien. Er kann gedacht werden in allen seinen Gliedern, fertig in seiner ganzen Mechanik, nach den Elementen der Bevölkerung, der Ordnung der Stände, der Einrichtung seiner Institute—und mit alle dem sind noch keine Parteien gedacht.

Sie treten aber hervor in dem Augenblick, wo die Entwicklung des Staates gedacht wird. Wenn das Dasein des Staates an und für sich noch keine Parteien in sich schließt, so sind sie dagegen mit dem ersten Eintritt seiner Geschichte gegeben. Jeder Staat, welcher anders diesen Namen verdient, tritt von dem Augenblick seines Daseins an in eine Bewegung, worin sein Leben sich abspinnt. Die Merkmale dieser Bewegung oder vielmehr die Leiter derselben sind die politischen Parteien.

16

Die Parteien sind sonach, ohne Bestandtheile des Staatskörpers zu sein, unzertrennlich verbunden mit dem Staatsleben.

17

Um den Staatskörper zu erkennen, muß ich die Bestandtheile der menschlichen Seele,—

Um das Staatsleben zu begreifen, die Gesetze ihrer Entwicklung suchen.

18

Die verschiedensten Individualitäten unterliegen, obwohl jede in ihrer Art, doch im wesentlichen nur einer und der nämlichen allgemeinen Entwicklung.

Die verschiedensten Staaten unterliegen, obwohl in sehr mannigfacher Färbung, doch im wesentlichen nur einer und derselben Bewegung des Lebens in den Parteien.

19

Der Ursprung der Parteien geht somit aus der organischen Entwicklung des Menschen, d. h. aus den Lebenstufen des menschlichen Geistes hervor.

20

Diese Lebenstufen sind sichtbar ausgedrückt in den Lebensaltern.

21

Die Entwicklung selbst, wie sie in der Aufeinanderfolge der verschiedenen Stufen sich abspinnt, ist die Geschichte.

Die Stufen aber, als selbständige Gestaltungen für sich und neben einander bestehend, sind die Parteien.


Anmerkung: Man sieht hieraus, wie es möglich ist, von den Parteien zu sprechen, ohne den Staat selbst zu behandeln. In ihrem ganzen Umfang freilich und in ihrem psychischen Gehalt kann die Entwickelung der menschlichen Seele nur verstanden werden, wenn erst ihr Organismus zergliedert ist. Dennoch liegt das allgemeine Bild der menschlichen Entwickelung im Verlaufe der Lebensstufen so klar vor uns, die Erscheinungen dieses Verlaufs sind uns so bekannt durch die tägliche, so eingeprägt durch die fortgesetzte Erfahrung, daß wir die Wahrheit praktisch aufzufassen im Stande sind, wenn wir ohne Vorurtheil auf die Eindrücke des Lebens zurückgehen.

Der Leser hat dabei nur die Aufgabe, mit offenen Augen sich die Masse von Erscheinungen anzuschauen, die er bisher tausendmal schon gesehen, aber mit geschlossenen Augen an sich hat vorübergehen lassen.

Volle Klarheit kann nur die Wissenschaft geben, weil sie allein den Kern der Entwickelung, den Geist der Lebensstufen erfaßt und ihre Gesetze ausspricht. Aber die Fülle des Lebens ist reich genug und die Beobachtung für Jeden, der jemals auf sich selbst und auf Andere geachtet hat, schlagend genug, um das politische Leben der Gegenwart und der Vergangenheit, sobald er den innern Maaßstab an die Parteien gelegt hat, in einem andern Lichte zu überblicken, als er vorher ahnen konnte.

Nur also nach denjenigen Thatsachen, die zu Jedermanns Einsicht liegen; nur nach den allgemein bekannten Merkmalen werden wir die menschliche Entwickelung charakterisiren und nach ihr die Parteien beleuchten. Je mehr der Sinn für Einfachheit, besonders der Wissenschaft, in unserm Zeitalter erloschen ist, desto mehr soll es uns freuen, aus dem Alltäglichsten hervor zur Uebersicht der politischen Fragen zu gelangen. Ich weiß wohl, daß diese Verfahrungsart, an sich die natürlichste, sehr schwierig ist, gegenüber einer Bildung, welche, wie die deutsche, durch ihre Führer Jahrzehntlang dahin gewöhnt worden ist, die nächstliegenden Erscheinungen der geistigen Welt als zu gewöhnlich und der Beachtung unwerth zu über sehen und in den fernsten Gegenden des Ne bels und der Wolken zu schweifen. Unsre philosophische Cultur steht auf dem Standpunkt eines Naturforschers, der sich mit den möglichen Bewegungen und Distanzen der Fixsterne beschäftigt, ohne die unzähligen Wunder der Schöpfung, die vor seinen Augen und unter seinen Füßen liegen, eines mehr als beiläufigen Blickes zu würdigen. Wir finden es sehr natürlich, über die "dialektische Bewegung, das Absolute" u. s. w., aber ganz seltsam, über die Lebensalters (ein so triviales Vorkommniß des gemeinen Lebens!) zu reflektiren. Indessen gilt es eben gerade hier, diese Bildung zu durchbrechen und an ihre Stelle die Herrschaft des gesunden selbständigen Sinnes zu setzen.

Drittes Kapitel: Die menschlichen Altersstufen

22

Zu allen Zeiten sind vier Stufen der menschlichen Entwicklung angenommen worden, entsprechend dem Gesetz, welches die Natur in ihren gesammten Schöpfungen eingegraben hat: der Knabe, der Jüngling, der Mann und der Greis.


Anmerkung: Die Pflanzenwelt, wenn sie treibt, blühet, Frucht trägt, welkt, selbst die leblose Natur, wenn sie sich als Frühling, Sommer, Herbst und Winter in den Jahreszeiten wandelt, stellt den nämlichen Verlauf in sich dar. Es ist dieß das Gesetz aller und jeder, nicht nur der menschlichen Entwickelung, dessen höchster Ausdruck im Menschen als der Krone der Schöpfung zu finden ist.

Was die Namen betrifft, so sind sie im römischen Sinne zu fassen, wonach der Jüngling (adolescens) nicht nur die Jünglingszeit im engern Sinn, sondern auch die jüngere Mannesperiode umfaßt, während der Mann (juvenis) das bestandene Mannesalter bezeichnet. Die Römer haben hier auf merkwürdige Weise ihren staatsmännischen Blick bewährt; die Griechen, indem sie das Lebensalter wieder im Einzelnen zu zergliedern strebten, entfernten sich von der gesunden Auffassung der vier Grundperioden zu dem künstlichen Prinzip der Siebenzahl (zu sieben Perioden von je zehn Jahren.)

Die schärfste Bezeichnung des Verlaufs, wie ihn die Römer dachten, giebt Florus in seinem Ueberblick der römischen Geschichte: ("Epitome rer. rom. prooem.") "Si quis populum Romanum quasi hominem consideret totamque ejus ætatem percenseat, ut coeperit, utque adoleverit, ut quasi ad quendam juventae florem pervenerit, ut postea velut consenuerit, quatuor gradus processusque ejus inveniet." Die Jünglingszeit wird an derselben Stelle "tempus (viris armisque) incitatissimum", die Manneszeit "robusta maturitas", beides ganz erschöpfend, genannt.

Die ganze Stelle des Florus ist merkwürdig, sogar wichtig, nicht nur dieser Klarheit wegen, sondern weil sie auch nach einer andern Seite hin auf das Gesetz der Entwickelung hinführt.

Florus spricht von einem Wiederaufleben des Reichs nach Vollendung der vier Perioden; Senectus imperii, sagt er, quasi reddita juventute revirescit. In der That ist mit dem Ablauf des Alters das Leben der Menschen noch nicht stets geschlossen; eine zweite Kindheit ist möglich, und sogar bei ganz gesunden Menschen normal. Es ist das die zweite Jugend, von der Göthe sagt, sie sei nur den Glücklichen beschieden, die er selber durchlaufen hat und die sich so sonderbar mystisch in seinen letzten Schriften offenbart; es ist bei niedrigern Naturen das Kindischwerden der Greise—ein Kindischwerden, von dem das Alter im engern Sinn, (als vierte Periode) noch sehr entfernt ist; es ist jene Rückkehr zu den Beschäftigungen früher Jugend, die bei allen Greisen zum Vorschein kommt.

Für die vorliegende Untersuchung kann indeß diese letztere Lebenszeit nicht besonders in Betracht kommen, weil sie keine neue Organisation mehr vorstellt, sondern nur ein Wiederaufnahme des schon Gewesenen, eine Zugabe der Natur. Wenn wir sonach den Namen Greis gebrauchen, wird damit nicht das hohe Greisenalter gemeint, oder wenigstens nur sofern auch der älteste Greis den Charakter der vierten Periode an sich trägt, weil er sie durchlaufen hat.

Indessen spielt auch die Zugabe oft eine wichtige Rolle im Leben der Einzelnen und der Völker; und die Absicht der Natur dabei kann keine andere sein, als dem Menschen, der die Jahre der Kindheit fast bewußtlos durchläuft, noch eine zweite bewußte Kindheit zu schenken. Eine zweite männliche Jugend geht über den Sinn des Lebens hinaus, und jene fünfte Phase kann bei normaler Entwickelung keinen größern Zeitraum einnehmen als die Kindheit selbst, oder jede der vier vorigen Stufen eingenommen hat.

Gehen wir mit diesen Bemerkungen zum Florus zurück. Wenn an irgend einem Volk, so muß am römischen, als der größten geschlossenen Nation und dem größten Staatsvolk welches die bisherige Geschichte kennt, das Gesetz, der Entwicklung sichtlich ausgeprägt sein. Florus würde dieß Gesetz aussprechen, hätte er nicht, nach der ächten Weise der damaligen Römer, die reddita juventus in's Zeitalter des regierenden Kaisers verlegt (und unter Trajan, mit dem Anschein der Wahrheit verlegen können.) Er setzt die zwei ersten Zeiträume auf fast 250 Jahre, und kürzt aus gedachter Rücksicht, die zwei folgenden gegen die historische Richtigkeit auf zweihundert ab. Sieht man die römische Geschicte darauf an, so findet man statt der "prope ducenti quinquaginta" zweihundert und vierzig Jahre als den Cyklus jeder Altersstufe. Der ganze Verlauf—vier gleich lange Perioden mit der fünften Periode der zweiten Kindheit—beträgt somit 5 x 240, das ist, zwölfhundert Jahre: die berühmte Jahrzahl des römischen Reiches, die der Volksinstinkt (der Instinkt eines organischen Volkes) von Anfang an gesetzt und in dem Mythus der zwölf Adler des Romulus ausgedrückt hat.

Wir haben mit Absicht so kurz als möglich ein Beispiel der Völkergeschichte berührt, dessen Gegenstand ein eigenes Buch erforden würde, um dem Leser zu zeigen, wie scharf die Natur in ihren Entwicklungen zu Wege geht: eine Erkenntniß, ohne welche das Nachfolgende nicht verstanden werden kann, und welche wir den Leser bitten, als Princip in den folgenden Erörterungen vorauszusetzen.

23

Jenem Gesetze ist der Körper und der Geist gleichmäßig unterworfen. Körper und Geist laufen mit einander und wenn der Geist den Körper oder dieser den ersteren zuweilen überholt, so stellt sich bei gesunden Organisationen das Gleichgewicht allezeit wieder her. Wo dies nicht geschiet, tritt Schwäche, oder, wie bei frühreifen Kindern, der Tod ein.

Was uns beschäftigt, ist nur die Entwicklung des Geistes; ist der Knabe, der Jüngling, der Mann, der Greis im geistigen Sinn.

24

Das ganze Leben des Menschen gleicht zur einen Hälfte einer aufsteigenden, zur andern einer absteigenden Linie. Bis zur Mitte des Lebens geht in unaufhörlicher Steigerung die Zeit des Wachsthums; hat das Wachstum seine Spitze erreicht, so folgt Stillstand und allmälig Abnahme. Alles ist Thätigkeit, Bewegung, schaffende Kraft in der aufsteigenden Linie; Alles gemessen, gehalten, ruhende Kraft in der absteigenden Linie.

In die aufsteigende Linie fällt der Knabe und der Jüngling (jüngere Mann), in die absteigende der Mann und der Greis. Der Augenblick, in dem der Jüngling zum Manne ausgewachsen ist, bezeichnet die Spitze des Wachsthums, den Gipfel, von dem aus die Entwicklung sich bricht.

25

Wenn nun auch die Seele ihre Entwicklung hat und zwar in der Weise, daß in den verschiedenen Perioden die verschiedenen Seiten der Seele verwiegend heraustreten: so werden in der Knaben- und Jünglingszeit die thätigen (aktiven, produktiven), in der Mannes- und Greisenzeit die verarbeitenden (reproduktiven, passiven) Kräfte den Organismus beherrschen.

26

In der Art der Lebensthätigkeit gleichen sich Knabe und Jüngling auf der einen, Mann und Greis auf der andern Seite. Den ersten beiden Altersstufen ist die Produktivität, den beiden letzteren die Ruhe gemein. Trotzdem ist jedes Paar in sich selbst wieder unendlich verschieden.

Wer den Menschen beobachtet hat, kennt die Kluft, die den Knaben vom Jüngling, den Mann vom Greise trennt. Wenn Knabe und Jüngling in der Art der Thätigkeit sich gleichen, so sind sie desto geschiedener in dem Gehalt derselben. Wenn Greis und Mann die Passivität der Seelenkräfte theilen, so haben sie um so weniger den Stoff dieser Kräfte gemein. In diesem Stoff sind sich die beiden Mittelstufen (Jüngling und Mann) viel ähnlicher als Mann und Greis es sind: ja noch mehr, in diesem Stoff berühren sich die erste und letzte Stufe (Greis und Knabe), so fern sie sonst von einander stehn.

27

Das ganze wahrhaftige Leben ruht nur im Jüngling und im Mann. Nur im Jüngling liegt gehaltene Kraft, und im Mann kraftvolle Ruhe. So wenig der Keim an sich ist ohne Blüthe, so wenig der Knabe ohne den Mann. Der Knabe trägt alles das im Keime in sich, was die spätere Zeit hervorbringt: aber sein Leben ist nur Vorbereitung, nur Andeutung, nur Unterlage für's Kommende.

Der Greis im Gegentheil hat die Fülle des Lebens durchlaufen; aber die Lebenskraft ist versiegt. Seine Ruhe ist nicht die Ruhe der Kraft, sie ist die Ruhe der Vollendung; und wie der Knabe noch kein selbständiges Leben lebt, sondern nur ein werdendes, so lebt der Greis ein vollendetes, aber ein losgelöstes. Sein Leben ist ein Scheinleben, wie die Kraft des Knaben eine Scheinkraft ist: der Knabe lebt im Streben ohne Könnon—in der Zukunft; der Greis in der Erinnerung ohne Schöpfung—in der Vergangenheit: höchstes Leben, Gegenwart, ist nur im (jüngern und ältern) Mann.

28

Wenn man die Thätigkeit der Seele in den einzelnen Perioden verfolgt, so findet sich die große Zweiheit, welche die Natur durch den Gegensatz von Mann und Weib in die ganze Schöpfung gelegt hat, auch innerhalb der Entwicklung des einzelnen Menschen wieder.

Der Knabe und der Greis sind verhältnißmäßig weiblich, der Jüngling und der Mann sind männlich geartet. Die gewöhnliche praktische Erfahrung reicht hin, um dieß einzusehen.


Anmerkung: Man bemerke übrigens, daß hie nur von der Entwicklung des Mannes gesprochen wird. Auch das Weib hat den Dualismus des männlichen und weiblichen Prinzips in den vier Stufen der Entwicklung, aber umgekehrt, indem das weibliche Prinzip die mittleren, das männliche die extremen Stufen ausfüllt. Daher die bekannte Erfahrungswahrheit, daß das weibliche Geschlect dem männlichen in der Kindheit und im Alter überlegen ist.

29

Beim Knaben, so beim Weibe, wiegt Phantasie und Gefühl über die strengeren Seelenkräfte vor. Der Geist des Knaben, wie der weibliche Geist, lebt in der Anschauung, sein Gemüth, wie das weibliche, hat mehr Empfänglichkeit als Stärke. Von Logik sind beide gleich weit entfernt; und es ist ebenso unmöglich einen Knaben, als ein Weib durch Gründe zu überzeugen, gleich leicht, sie durch Thatsachen zu belehren. Anmuthig und hingebend, voll Reiz und Seele, aber auch wetterwendisch sind Knaben und Weiber.

So spielt im Knaben die aktive weibliche Seite des Organismus. Ihre Kehrseite, die passive, zeigt sich im Alter.

Der alte Mann hat mit dem Weibe die Reizbarkeit seines Wesens, die Fertigkeit seines Verfahrens, die Sicherheit und Kälte der Berechnung, die Schnelligkeit und Güte der Auffassung, den Mangel an Produktion, gemein. Gleich den Weibern, ist er voll Feinheit und Kunst, voll Anstand und Haltung; gleich ihnen, wirkt und gebietet er durch sein Erscheinen und handhabt die Schranken der Sitte und der Ettiquette. Seine Weisheit ist, wie die der Weiber, aus dem Leben und der Erfahrung geschöpft, und sein Rath, wie der der Weiber, unschätzbar, während unmittelbares Handeln ihnen wenig mehr gedeiht. Schlau und gewandt wie die Weiber liebt er die Intrigue, wie sie, versteht er unbemerkt Andere zu lenken, und mit ihnen theilt er die Launen und Schwächen des Gemüths.

30

Knabe und Greis, weil beide weiblich gebildet sind, berühren sich innerlich, trotz der äußern Entfernung. Der Knabe ist altklug, der Greis wird knabenhaft gereizt. Die Extreme der Entwicklung stoßen in sich zusammen.

Gerade so nah im Innern, und noch überdieß verwandt im äußeren Alter, sind sich Jüngling und Mann.

Im Jüngling wirkt vor allem die zeugende Kraft mit der Mannigfaltigkeit ihrer Triebe, der Muth und das Feuer der Thatkraft, sodann gemäßigter, der Geist in seiner höchsten Blüthe, der sichtende, organisirende Verstand und mit ihm die Gewalt der Sprache.

Der ältere Mann verarbeitet das Geschaffene mit bewahrender Kraft, im Geist wie im Gemüth. Der Umfang der Forschung und die Klarheit des Wissens ist sein; und wie der Jüngling den glühendsten Muth, so trägt er das edelste Herz und die tiefste Ahnung des Mannes in sich.

Auf diese Weise sind den verschiedenen Altern die verschiedenen Kräfte zugetheilt. Wenn es des Mannes höchste Aufgabe ist, ein Mann zu sein, so erfüllt er diese Aufgabe nur in den beiden Mittelstufen, denn die Kindheit ist der Eingang, das Alter das Nachspiel eines höheren Lebens.

31

Hieraus entspringt nun naturgemäß ein Wechselverhältniß folgender Weise:

Die Altersstufen der aufsteigenden Linie stehen zu denen der absteigenden in einem natürlichen, sogar feindlichen Gegensatz, sofern sie durch die Art des Geistes eigenthümlich geschieden sind. Der Knabe und der Jüngling auf der einen Seite, werden dem Manne und dem Greisen auf der andern Seite widersprechen, wie die Bewegung der Ruhe, die Leidenschaft der Gehaltenheit widerspricht.

Im Gehalt des Geistes dagegen fühlt sich der Mann zum Manne, (der jüngere Mann zum ältern) gezogen,—und die Kindheit zum Alter.

31 [sic]

Der jüngere Mann betrachtet den Knaben mit der Neigung, welche die Verwandschaft der Entwicklung ihm einflößt, aber er sieht auf ihn herab und beherrscht ihn. Er betrachtet den ältern Mann als ein anderes, von ihm geschiedenes Wesen, aber er ehrt ihn und fühlt im letzten Innern die Gleichheit des geistigen Strebens.

Der ältere Mann sieht den Greis mit verwandten Augen an, doch kennt er die Schranke, die ihn trennt und weist ihn zurück, so wie er das Recht des Lebens verkümmern will. Dem jüngern Manne steht er hemmend gegenüber, aber mit dem Bewußtsein, daß nur aus ihrem beiderseitigen Verständniß das wahre Leben erstehen kann.

Das Kind steht dem Greise nach außen unendlich fern, im Gehalt aber dennoch am nächsten: daher beide zwischen Abstoßung und Anziehung, zwischen bitterem Groll und enger Gemeinschaft wechseln.

Am fernsten endlich stehen sich Mann und Knabe, Jüngling und Greis.

Dem Knaben fehlt jedes Verständniß für den Mann, denn die Form sowohl als der Inhalt ihres Geistes ist verschieden. Ebenso wenig, und aus dem gleichen Grunde, vermag der Jüngling den Greis zu lieben. Die Glut der Jugend zerstößt sich an der Kälte des Alters; im Streben und im Thun sind sie durch die tiefste Kluft getrennt.

Der Knabe, in der Aktivität seines weiblichen Charakters, ist das polarische Widerspiel gegen die Ruhe des Mannes; der Jüngling in der Lebendigkeit seiner männlichen Kräfte, bildet den schneidenden Gegensatz zur passiven Schwäche des alten Mannes.

33

Wie aber in dem organischen Lauf der Natur jeder Einzelne diese Entwicklung durchläuft, so prägt sich die letztere auch in der ursprünglichen Natur der Individuen aus.

Es gibt Menschen, die als Knaben geboren sind an Geist und Charakter, und ihr Leben lang Knaben bleiben. Andere sind wieder Jünglings-, andere Männernaturen; und noch andere sind alt und greisenhaft von der Geburt an. So z. B. war Perikles ein Jüngling, Cäsar ein Mann von Natur, war Alcibiades ein Knabe, Augustus ein Alter von Geburt.


Anmerkung: Ich brauche kaum zu bemerken, daß die Qualitäten innerhalb diesen Stufen wieder unendlich verschieden sind; es gibt sehr große und sehr kleine Knaben, wie es große und kleine Männer gibt, und ich habe absichtlich das Beispiel eines großen Knaben gewählt: aber der kleine Mann ist trotztdem im Kernpunkte mehr als der größte Knabe sein kann.

34

Die meisten Menschen sind nicht organisch, sondern gemischt zusammengesetzt; d. h. im Gemüth z. B. knabenhaft, im Geist männlich, oder im Geist alt, im Gemüthe jung. Die entscheidende Richtung in der Politik aber bestimmt der Geist, und je nachdem dieser geartet ist, fällt das Individuum, wenn nicht ein sehr scharf gezeichneter Charakter, jenem entgegensteht, der einen oder andern jener Tendenzen anheim.

35

Die Kindheit und das Alter sind, wie wir gesehen, nur ein halbes Leben, die Fülle des Lebens, Blüthe und Frucht, liegt in der Manneszeit. Der Mann ist das höchste Erzeugniß der Natur. Die Natur aber erzeugt, wie der menschliche Künstler, nur selten ihre höchsten, weit öfter ihre niedrigern Produktionen. Die schaffende Urkraft, deren lebendige Gedanken wir sind, denkt tausend mangelhafte Individuen, tausend halbe Leben bis sie Ein vollkommneres hervorbringt. So geht sie in der Pflanzenwelt, so im Thierreich, und so auch innerhalb der Menschheit zu Werke.

Die Masse der Menschen ist knabenhaft von Natur oder alt geboren. Nur Wenige sind Männer an Gemüth, noch Wenig ere Männer an Geist und die Wenigsten sind Männer ganz und gar.

36

Wenn ich somit weiß, wie der Knabe als solcher denkt, handelt und fühlt—und dies sagt mir die Entwicklung—, so kann ich auch das Wesen eines Menschen erfassen, der mir knabenhaft geboren erscheint. Und eben so durch die übrigen Alter hindurch. Mit Einem Wort: in den vier Entwicklungsstufen lerne ich die vier Grundparteien kennen, wonach die Menschheit in ihren Individuen, wie in ihren Tendenzen (denn die Tendenz fließt aus dem Charakter) sich zertheilt.

37

Diese Richtungen offenbaren sich dem gemäß in allem Sein und Streben der Menschheit; im Kleinen, wie im Großen, im Denken und Handeln, in den Künsten, wie in den Wissenschaften. Selbstbewußt aber, d. h. als Parteien, treten sie nur in den Spitzen der Menschheit, in der Kirche und im Staat hervor.


Anmerkung: Die kirchlichen Parteien unmittelbar können nicht in den Kreis unserer Betrachtung—einer dem Zweck nach überwiegend politischen—gezogen werden. Wohl aber müssen wir, um des geistigen Verständnisses der Parteien willen, oft auf die religiösen und kirchlichen Erscheinungen hinüberblicken. Staat und Kirche laufen neben einander her als zwei Parallelen, deren jede die nämlichen Parteiverschiedenheiten in sich trägt. Später wird von ihrem Unterschied und Zusammenhang die Rede sein.

38

Wir sahen das schaffende Prinzip im Jüngling, das erhaltende im Manne, das anregende im Knaben, das abschließende im Greis.

Der Jüngling ist liberal, der Mann konservativ, der Knabe radikal, der Greis absolut.


Anmerkung: Wir brauchen das Wort absolut (statt absolustisch), ohne jeden philosophischen Nebenbegriff in dem wörtlichen Sinne "losgelöst (vom Leben)," wie der Greis es ist. Im Wort "radikal" liegt die freilich ungesuchte Bedeutung "Wurzelzustand (des Lebens.)"

39

Wir wollen hier einen Augenblick stille stehen um mit einem schnellen Rückblick auf die vorigen Sätze das Verhältniß der Parteien unter sich und ihre möglichen Kämpfe im Großen zu übersehen.

Äußerlich verwandt, aber innerlich ferne ist der Liberalismus dem Radikalismus; der Konservatismus dem Absolutismus.

Äußerlich geschieden, aber innerlich nahe steht der Liberalismus dem Konservatismus, der Radikalismus dem Absolutismus.

Unversöhnlich nach außen und nach innen ist der Radikalismus dem Konservatismus, der Liberalismus dem Absolutismus entgegengesetzt.

40

Es giebt nur zwei wahre Prinzipien, das liberale und das konservative: Das radikale Prinzip ist gehaltlos, wie der Knabe, das absolute leblos, wie der Greis: beide können nur als dienende, (jener, wenn er den Liberalismus, dieser wenn er den Konservatismus unterstützt), niemals als selbständige Elemente vorhanden sein:

Somit auch nur Eine große Politik, die männliche, sei sie liberal oder konservativ; (alle andere ist weibisch und klein—Politik der Insolenz oder der Intrigue [radikal oder absolut]):

Und nur zwei Parteien, in welchen wahrhaftiges Leben für die Menschheit liegt.

41

Die Kämpfe der Parteien sind:

Der Kampf der aufsteigenden Linie gegen die absteigende, des Liberalismus gegen den Konservatismus—Plebejer und Patricier in Roms blühender Zeit; des Radikalismus gegen den Liberalismus—der englischen Radikalen gegen die Whigs; des Absolutismus gegen den Konservatismus—Karlisten und Moderantisten in Spanien, Hochtories und Gemäßigte in England; des Konservatismus und des Radikalismus—der Weltkrieg der Tories unter Pitt gegen die französische Revolution;

Des Liberalismus gegen den Absolutismus—Luther gegen die Päbste seiner Zeit; O'Connell gegen die Orangisten.

Des Radikalismus und Absolutismus—der Kampf der französischen Revolution mit den Monarchien des vorigen Jahrhunderts.

42

Ihre Allianzen:

Vereinigung des Radikalismus mit dem Liberalismus gegen die andern Parteien—Ghibellinen im Mittelalter; Demokraten in Athen.

Des Absolutismus mit dem Konservatismus—die Guelfen; Aristokraten und Oligarchen in Griechenland.

Des Liberalismus und Konservatismus—Whigs und Tories gegen die Radikalen; das deutsche Volk gegen Napoleon.

Des Radikalismus mit dem Absolutismus—Republikaner und Legitimisten; die monarchischen Revolutionen im 18. Jahrhundert; die belgische Revolution.

43

Radikal oder absolut oder gemischt aus beiden ist die Masse der Menschen: versetzt mit liberalen und konservativen Bestandtheilen der Mittelstand: vorwiegend liberal oder konservativ sind Wenige und nur die Höchsten sind es durchaus.

Das heißt, die Majorität liegt immer auf Seite der falschen Prinzipien. Die wahren sind nur sehr spärlich, oft scheinbar gar nich vertreten; und ihre Herrschaft beruht entweder nur auf der Tradition und dem traditionellen Instinkt, der sich durch gewisse Stände, oder Körperschaften d. h. durch die Raçen fortpflanzt, ohne den Individuen klar zu sein; oder sie ist, als individuell bewußt, die Herrschaft des Geistes über die Masse—eine Herrschaft, deren Herbeiführung die erste Aufgabe unserer Zeit ist.

Die Bedeutung der Folgerungen, welche wir hier zum vorläufigen Ueberblick in ein paar Worte gedrängt haben, wird ihrem Gehalte nach erst klar werden, wenn wir die Charaktere der Parteien ausführlicher werden kennen gelernt haben.

Zweites Buch: Die Parteien im Allgemeinen

Erstes Kapitel: Der Knabe (Seine Stellung überhaupt)

44

Das knabenalter ist durch seine ganze Natur an die Erziehung gebunden. Da der Knabe weder im Geiste gereift, noch im Gemüthe gevestigt ist, noch es auch sein kann, so muß er gehorchen lernen um jeden Preis, und eine Selbständigkeit in diesem Alter würde, während sie dem Knaben schmeichelte, den künftigen Mann untergraben.

Dieß dünkt uns so natürlich, daß ein Knabe ohne Zucht uns als Wunder oder Unding erscheint.

Trotzdem müssen wir uns gewöhnen, den Knaben als selbständiges Wesen zu fassen. Wir müssen ihn betrachten außerhalb der Erziehung, losgetrennt von allen äußern Einflüssen, lediglich nach den Eigenthümlichkeiten, die in ihm selbst liegen und die sich niemals beim Knaben im wörtlichen Sinne, wohl aber bei der Summe aller der Menschen, welche, Männer der äußern Entwicklung nach, Knaben im Innern sind, zum besondern Systeme gestalten.

Die Summe jener Eigenthümlichkeiten ist der Radikalismus,—in welchem uns demnach eine Selbständigkeit entgegentritt, die in sich unfähig ist, selbständig zu sein.

45

Das Erste, was nach entwickeltem Bewußtsein im Menschen hervortritt, und immer heftiger sich geltend macht, ist der Geist des Widerspruchs.

Der Widerspruch bezeichnet das Dichten und Trachten, das Denken und Thun des Knaben von der frühesten Zeit an bis zu dem Augenblick, wo er die niedere Schule verläßt. Wer hat dies nicht an sich selbst erfahren? Man opponirt, mit oder ohne innern Grund; man fragt nicht wie und warum, man hat die Lust nicht, dem Befehl zu gehorchen, selbst wenn man ohne den Befehl dasselbige thun würde; kurz man widerspricht um zu widersprechen, man widerstrebt um zu widerstreben. Gleichviel ob mit oder ohne gegründeten Anlaß, man folgt dem "Geist der stets verneint," und glaubt, wie nach der Überlieferung die ersten Menschen, durch ihn zur Fülle der Weisheit und zur Seligkeit zu gelangen. —

Dieser Geist, diese Oppoisition um der Opposition willen, ist in Glaube und Wissenschaft, in Kirche und Staat, der Grundzug des Radikalismus.

46

Die Beweglichkeit der Knaben ist grenzenlos. Stillstand, Ruhe, Gehaltenheit ist ihm unmöglich. Wechsel und Veränderung liebt er bis zur Leidenschaft und sein begehrliches Wesen strebt beständig nach Neuerungen.

Dazu kommt seine krankhafte Sehnsucht, erwachsen zu sein. Er sieht die Erwachsenen um sich, und sein brennendster Wunsch ist, ihnen gleich zu sein. Er beobachtet ihr Thun, ihre Reden, ihre Manieren; er ahmt sie nach oft in der lächerichersten Weise; er spielt den Mann, und ohne das mit Genuß zu sein, was er sein kann, verliert er sich darin, mehr zu sein, als er ist.

Dieses falsche Streben ist durch die Composition seiner Natur veranlaßt. Er trägt in sich die Elemente des Jünglings gerade wie in der Knospe schon die Blüthe liegt, und hält fälschlich zur Eigenschaft des Mannes, was in ihm nur Unterlage ist. Seine Phantasie spiegelt ihm eine Welt von Thaten, seine Gefühligkeit ein geistiges Verständniß der Dinge vor, obwohl er von beiden unendlich entfernt ist. Er unterliegt einer innern Lüge, die in hohem Grade gefährlich ist, wenn sie nicht mit Strenge zurechtgewiesen wird.

Was würde er nicht opfern, um einige Jahre älter zu sein! Was nicht anwenden, wenn es ihm möglich wäre, seiner Länge eine Elle zuzusetzen. Sein Drang nach Wachsthum, seine Lust nach Fortschritt ist ungezügelt; er will nicht warten, nicht rasten, keinen Augenblick gedulden; nicht gehen, sondern laufen, rennen: alles soll mit Einem Male kommen, kaum gesäet, will er erndten, kaum gepflanzt, genießen, kaum angefangen, am Ziele sein. So mit sich selbst, so mit allem was er unternimmt—bis er entweder sich überstürzt oder muthlos die Hände sinken läßt.

47

"Neuerung und Fortschritt," sind die Losungsworte des Radikalismus. Aber die Neuerung ist nicht Reform, sie kommt aus den Triebe des Wechsels und ist, wie dieser, wandelbar in sich selbst: und der "Fortschritt" ist nur der Drang des Fortschritts, in dem das Kind laufen oder fliegen möchte, ohne erst wirklich gehn zu können. Alle Formen des Radikalismus, auch des besten, sind unreif in sich, ungehalten und auf lockern Grund gebaut; alle wollen erndten, ehe sie recht gesäet; alle haben sich überstürzt in sich selbst, wie die französische Revolution, oder sie haben sich aufgegeben, wie Joseph II. sich aufgeben mußte.

48

Der Radikalismus borgt vom Liberalismus, ahmt ihm nach, und stellt sich ihm gleich, wie der Knabe dem jüngern Mann. Er glaubt schaffen zu können, wie dieser, wo er nur anregen, bauen zu können, wo er nur erschüttern kann.

Der Radikalismus in ganz Europa hält sich, vermöge einer organischen Selbsttäuschung, für den Liberalismus. Und weil er fühlt, daß der letztere in tausend Fällen nicht zu ändern wagt, wo er ändert, nicht zu zerstören, wo er zerstört, so stellt er sich als die einzig konsequente Verkörperung des liberalen Prinzipes hin, neben welcher jede andere nur Schwäche sei.

Von dieser Lüge wird ein großer Theil Europas seit einem halben Jahrhundert unterwühlt und die Mehrzahl von Europa hat ihr geglaubt.

49

Der Knabe ist frisch, fröhlich und aufgeweckt, voll Feuer und Leben; liebenswürdig, so lang er in seinem Kreise bleibt. Dies macht ihn zur Anregung vorzüglich geschickt.

Wo es gilt, die Schranke der Konvenienz zu durchbrechen, die Trägheit aufzurütteln, den Gang zu beschleunigen, das Todte wegzuwerfen, das Recht des Lebens festzuhalten, zu reizen, zu stacheln, zu rühren: da steht er am richtigen Platze. So voll er selbst von Fehlern ist, so wohl versteht er zugleich, fremde Fehler zu entdecken. Keine Schwäche des Lehrers bleibt dem Knaben verborgen, er trifft sie, macht sie lächerlich und gefällt sich in einer beständigen Kritik, deren wenigstens relative Wahrheit die Erwachsenen meist anzuerkennen gezwungen sind.

Aber der Knabe ist verloren, so wie er mit Überschreitung seines Kreises selbst zuschalten und zu walten versucht. Ein Knabe ohne Leitung auf dem Thron wird mit den Dingen und den Menschen spielen, wie er als Kind mit den Puppen gespielt; im krankhaften Drange zu handeln, und dabei unfähig zu schaffen, wird er zerstören; die Größe der Würde, die Macht der Verhältnisse wird ihn berauschen und verrücken: seine Regierung wird ein Ungeheuer sein. Heliogabalus, als Selbstherrscher auf dem römischen Throne, ein Knabe im geistigen und physischen Sinn zugleich, ist das sprechendste Beispiel dieses Wahnsinns: aber nicht das einzige. Die römische Kaisergeschichte zeigt uns Menschen, welche ursprünglich nichts anderes, als Knaben mit der guten und schlimmen Seite dieses Alters, erst allmälig durch den Genuß einer Macht betäubt worden sind, deren riesenhafter Contrast mit der Kleinheit ihrer Natur sie zur unmenschlichen Entartung geführt hat.Daher der vielversprechende Regierunds-Anfang bei Caligula und Andern—eine natürliche Knabeneigenschaft.

50

Der Radikalismus ist trefflich geeignet, zu opponiren, wenn er vom Kreise einer untergeordneten Kritik aus die Sünden des Absolutismus verfolgt, den Gang des Konservatismus beschleunigt, den Weg des Liberalismus erleichtert, überall tadelnd, beschleunigend, reizend:

Aber unfähig, zu regieren, unheilbringend und zerstörend im furchtbarsten Grad, sobald er selbst die Zügel ergreift.

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Wie wahr dieß ist, zeigt sich an England. In keinem Lande der Welt ist der Radikalismus so sehr in seiner richtigen Stellung, als dort. Wenn Hume oder Roebuck im englischen Parlement mit ewig gleicher Kritik die Mängel der Verwaltung, die Verschwendung der Finanzen, den Mißbrauch der Bestechungen angreifen, so sind sie an ihrem Platze, sie wirken wohlthätig. An die Spitze der Regierung gestellt, würden dieselben Menschen, durch Einführung der allgemeinen Gleichheit, England an den Abgrund führen.

Es ist daher ein häufiges Vorkommniß in parlamentarischen Staaten, daß die glänzendsten Führer der Opposition vollendete Unfähigkeit offenbaren, wenn sie zur Regierung berufen werden; eine Eigenschaft, die nicht nur an Radikalen, sondern—so sehr sitzt sie im Wesen des Radikalismus-auch an solchen Liberalen sichtlich ist, welche, wie z. B. Fox, nicht frei von radikalen Elementen sind.

In der französischen Revolution hat der Radikalismus, berauscht vom Siege und der Macht, alle Phafen des Wahnsinns in seiner Herrschaft durchlaufen. Die Unmenschlichkeit jener Zeit und ihre Schrecken sind jetzt vergessen; aber aller düstere Glanz, den die Revolution auf ihr Vaterland, aller Einfluß, den sie auf Europa gehabt und alle Segnungen, die mittelbar oder unmittelbar aus ihr hervorgegangen sind, können Frankreich die Entnervung der Regierungskraft und den Zerstörungsgeist nicht ersetzen, welchen die zehnjährige Herrschaft des Radikalismus dem Volks- und Staatsleben auf lange Jahrzehnte hinaus mitgetheilt hat.

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Mit Recht hält man eine Regierung des Radikalismus, sofern er nicht, (wie z. B. gegenwärtig in der Republik Bern) durch die Verhältnisse und den Volksgeist durchaus gehindert ist, sich offen zu entfalten, für unangenehmer, als den Druck des Absolutismus. Abgesehen davon, daß es besser ist, Einem Despoten zu gehorchen, als vielen, bewahrt der Absolutismus wenigstens die Formen der Religion, der Sitte und der Volkstradition, während der Radikalismus mit dem Geist auch die Formen vernichtet und dadurch dem Geiste die Möglichkeit raubt, seine Rückkehr an das alte Gehäuse zu knüpfen.

Mit Einem Wort, das Alter gleichviel wie es regiere, ist seiner Natur nach doch befähigt zu regieren, während der Knabe gerade durch seine Natur vollkommen unfähig dazu ist. Regiment und Kindheit ist ein Widersinn in sich.

Darum dulden die Völker Jahrhunderte lang das Regiment des drückendsten Absolutismus, aber die Herrschaft der Knaben, als ein Unding, stoßen sie nach Jahrzehnten zurück.

Die Reaktionen, die das Volk in der Schweiz gegen den Radikalismus erhebt, so bald er an der Spitze der Regierung ohne Rückhalt seine Principien zu verwirklichen strebt und selbst dann erhebt, wenn es ihm theilweise anhängt, besonders die Septemberrevolution von Zürich, sind hiefür ein merkwürdiges Beleg. Eben darin liegt das Geheimniß der monarchischen Restaurationen in England und Frankreich.

53

Wäre der Knabe nicht schon ohnehin durch sein ganzes Wesen unfähig zu herrschen und angewiesen, zu gehorchen, so wäre er beides in hohem Grade durch seinen Mangel an Erfahrung.

Erfahrung kann nicht angelernt, nicht anerzogen, sie muß im Leben erworben werden. Zum Leben aber ist der Knabe nicht reif, und er wird eben deßhalb niemals den Inhalt gewinnen, welchen nur das Leben verleiht.

Sein Gesichtskreis ist klein und eng von Natur: von ihm schließt er und weis't ab, was aus einer andern Welt ihm zu nahe tritt. Was Andern bedeutungsvoll ist, hat keinen Sinn für ihn, denn er hat es niemals in sich selbst erlebt. Was andere heilig halten, läßt ihn kalt; er hat es niemals in sich selbst empfunden. Ja noch mehr, er begreift nicht, warum es andern bedeutungsvoll, warum heilig ist: denn keine Erfahrung läßt sich vorweg erfassen.

Die Fehler, die hieraus entspringen, sind endlos. Soll ich an die Beschränktheit des Knaben erinnern? An die Dreistigkeit, womit er seine Behauptungen aufstellt; an die kurze, barsche Art, womit er über Dinge abspricht, wofür jedes Organ des Verständnisses ihm fehlt: an die Unduldsamkeit, mit der er fremde Meinungen behandelt, an die Wuth, wozu fremder Widerspruch ihn reizt? Hat der Knabe eine Ueberzeugung gefaßt, so hält er sie (naturgemäß) für die einzig wahre, er begreift nicht, wie es irgend Jemand geben könne, der sie nicht theilt; und je edler sein Gemüth ist, desto mehr hält er sich verpflichtet, die fremde Ueberzeugung zu bekämpfen. Sein Maaßstab ist zu kurz, um fremde Ueberzeugungen messen zu können, und nach sich mißt jeder, um wie viel mehr er die Welt.


Anmerkung. Die Unfähigkeit zur Erfahrung begleitet knabenhafte Naturen ihr Leben lang. Man erinnere sich an die bekannte Erscheinung, daß es Menschen giebt, die bei dem größten Reichthum eines vielbewegten Lebens doch im geistigen Sinne nicht erfahren, während Andere aus dem kleinsten Vorrath äußerer Begegnisse die größte Summe von Erfahrung ziehen. Diese gänzliche Unfähigkeit war es, was Napoleons Geist so heftig gegen die radikalen Ideologen erbitterte; und mit Recht. Denn was man von den Bourbons sagt "sie hätten nichts gelernt und nichts vergessen," gilt in eben so hohem Grade von Leuten solcher Art. Es liegt eine Beschränktheit darin, die den Geist zur Wuth reizen muß.

54

So leer an Erfahrung, so gering an Inhalt ist der Radikalismus. Die ganze Geschichte, vor allem die neuere, ist dieses Uebels voll. Es ist der Grundfehler, der, wie ein Fluch an allen liberalen Institutionen Europas seit 1789 haftet; die Wurzel der Unbefriedigung, woran die Generationen des neunzehnten Jahrjunderts leiden; die Quelle des Wechsels, der Haltlosigkeit und der Hinfälligkeit, woran die modernen Einrichtungen kranken und so lange kranken werden, bis eine tiefere Erfahrung ihnen jene Grundlage verleiht, auf welcher allein die Geschlechter der Menschen sich in fester Sicherheit einzuleben vermögen.

Als Cola Rienzi mit dem Namen des Tribunats und der Form des alten Roms, dessen Kraft, als die deutsche Burschenschaft mit den Titeln des deutschen Reiches seinen Geist herzustellen gedachte, träumten sie wie Knaben, inhalts- und erfahrungslos. Hätten Joseph II. in Östreich, Pombal in Portugal, Struensee in Dänemark die Erfahrung zu Rathe gezogen, so hätten sie gewußt, daß es unmöglich ist, durch eine Unzahl von Dekreten im Nu eine lange Vergangenheit auszutilgen.

Ein Mensch von Erfahrung, gleichviel ob Christ oder Skeptiker, wird niemals das Christenthum politisch anzutasten wagen, weil er seine Macht in den Gemüthern, seine Begründung in der menschlichen Natur kennt. Die Jakobiner glaubten es spielend aus den Herzen der Völker reißen zu können. In der Religion, wie im Staat sprachen sie jeder Erfahrung, auch der einfachsten, Trotz, und hätten sie sonst nichts verschuldet, sie wären schon daran zu Grunde gegangen als Buben. An der Erfahrung sind im alten Rom viel edle Volkstribunen gescheitert, und einer der größten Radikalen des Mittelalters, Arnold von Brescia, hat ein trauriges Ende genommen, weil er zu unvorsichtig dem Leben und der Wirklichkeit entgegentrat.

55

Die Beschränktheit des Radikalismus, seine Intoleranz, sein ausschließendes Wesen kennt man. Ich will nicht abermals auf die gewaltigste und zugleich niedrigste Ausgeburt des modernen Radikalismus, auf die Jakobiner, zurückkommen: die nächste Gegenwart mit ihren kleinen Beispielen ist hinreichend.

Rotteck z. B. war ein wackerer Mann, nicht ohne Verdienst; aber er konnte niemals fassen, wie man "das Recht, das Licht, die Freiheit" in andern Dingen suchen könne, als er; niemals begreifen, wie ein Mensch eine andere Monarchie lieben könne, als seine konstitutionelle; niemals eine andere Anschauung der Geschichte nur entfernt verstehen, als die in seinem Buche steht. Seine Doktrin war ihm, wie allen Radikalen seiner Farbe, schlechthin seligmachend und die Freiheit schien ihm verrathen, wenn man sie nicht auf die gleiche Weise liebte wie Er. Würde dieser konstitutionelle Radikalismus die deutschen Throne besteigen, so würde er in erster Linie (so lang die Gemäßigteren sich an der Spitze zu halten vermöchten) mit äußerer Toleranz, aber mit innerem Hochmuth auf Andersdenkende herabsehn, in zweiter Linie aber "im Interesse des Lichts" gegen die "Finsterniß" in Deutschland so lange wüthen, bis er zu ausschließlicher Geltung gelangt wäre.

Es ist ein Axiom des Radikalismus, in dem die Erfahrungslosigkeit und die Unduldsamkeit sich in gleich schlagender Weise aussprechen: "man müsse das Volk glücklich machen trotz des Volkes." Natürlich, wenn nur in Einem politischen Glauben die Wahrheit und die Freiheit liegt. Daher es geschieht, daß an vielen Orten Europas das arme Volk unter der Summe seines Glückes seufzt, während die Zeitungsschreiber ihm seine Freiheit, Aufklärung, Seligkeit nicht glühend genug zu schildern vermögen.

Auch der gemüthliche Radikalismus ist voll von dieser Einseitigkeit. Der edlere Communist, der religiöse Sektirer (Herrnhuter, Methodisten, kindliche und knabenhafte Radikale in der Religion) fragt sich staunend, warum nicht alle Menschen als Brüder sich umarmen und brüderlich theilen: er würde die Gütergemeinschaft dem menschlichen Geschlechte aufzwingen, wenn auch die ganze Menschheit sich sträuben sollte; gerade wie der Knabe Euch den Bissen in den Mund steckt, der ihm geschmeckt hat, ihr mögt ihn schmackhaft finden oder nicht.

56

(Geistige Seite.)

Da der Knabe keinen Inhalt hat, weder im Geist (der sich erst entwickelt), noch im Gemüth (das sich nur im Leben füllen kann), so muß er lernen.

Lernen ist nicht Wissen, nur Vorbereitung des Wissens. Er aber, wißbegierig, wie er ist, glaubt mit jedem Schritte, den er im äußern Unterrichte macht, eines wahrhaftigen Wissens theilhaftig zu sein. Sobald er eine neue Kleinigkeit gelernt hat, sieht er mit Stolz auf die herunter, die sie noch nicht wissen: das Wenige erscheint ihm viel und umfassend, und in dem äußern Stoff, den er zum Theil verständnißlos sich aneignet, glaubt er realen Gehalt zu besitzen.

Auf der andern Seite weiß man, wie schwer es ist, die Unlust der Knaben an regelmäßigem Unterricht zu überwinden. Seine Wildheit treibt ihn hinweg, sein Instinkt verlangt Bildung und Schule: zwischen beidem schwankt er wechselnd hin und her.

57

Auf diese Weise hat der Radikalismus von jeher entweder eine barbarische Unwissenheit, oder aber ein übertriebenes Bedürfniß nach formaler Bildung, nach Aufklärung und Schule entfaltet. Die Jacobiner traten die Wissenschaft mit Füßen: unsere heutigen Kulturradikalen schrieen nach Unterricht und Volksbildung, wie nur immer der Knabe nach der Schule schreien kann. Rousseau, der Vater des modernen Radikalismus, wollte statt aller Bildung den rohen Naturzustand: jetzt glaubt dieselbe Partei das Ideal des Staates vollendet, wenn die alten Schulmeister in modernen Seminarien zu "Volkslehrern" großgezogen werden, um dem Volke einen Wust moderner Forschungen und allerlei formale Afterbildung beizubringen. Beides ist gleich begründet in der Laune des Knaben. Auch wünscht der Knabe nicht sowohl viel als vielerlei zu lernen, er schweift uns, zersplittert sich, begehrt nach Dingen, die seinen Kreis überschreiten: und dieß ist das Wesen alles radikalen Volksunterrichts.

In den Schulen selbst wird eine Bildung angestrebt, welche der Aufgabe und den Gränzen der Schule widerspricht: die Lehrgegenstände sind überfetzt und unnatürlich: das Volk wird bis in die niedersten Klassen mit einer allgemeinen, in die Breite gehenden Fachbildung überschwemmt, welche, als Conversations- und Pfennigsliteratur die Aufklärung verbreitet, den gesunden Sinn aber untergräbt.

Wie hoch der Radikalismus mit jedem Schritte zu steigen glaubt, den er in irgend einem Gebiete macht, wie verächtlich er auf die eben vorangegangenen Zeiten herunterblickt, hat er in den größten, wie in den kleinsten Verhältnissen gezeigt. Als die constituirende Versammlung das alte Frankreich umgestürzt und die Menschenrechte aufgestellt hatte, blickte sie auf die Jahrtausende herunter, als sei alle Geschichte nur Eine Nacht gewesen bis zum Jahr 1789 und als sei das Menschengeschlecht aus langem unerklärlichem Schlaf nun plötzlich erwacht. Doch die Constituante hat in ihrer Art freilich wohl viel gethan. Als aber, um sehr Kleines mit sehr Großem zu vergleichen, David Strauß die alte Idee des Mythus mit neuen Phrasen in die Literatur einführte, ohne irgend etwas zu sagen, was nicht frühere Gegner des Christenthums besser gesagt hätten—da schien es, als sei nun erst die Welt über Christus und seine Stiftung erleuchtet und das junge Deutschland sprach davon, wie von einer Phase der Weltgeschichte.

58

Die Kräfte der Knaben sind naturgemäß zur Aneignung eingerichtet. Seine Empfänglichkeit ist erstaunlich, seine Phantasie unermüdlich; Verstand aber und Willenskraft und jede tiefere Einsicht fehlt. Der Knabe ist, mit Einem Wort, voll von Talent, nicht voll von Geist.

59

Die Empfänglichkeit, die der Radikalismus in allen Gebieten entwickelt, seine immer neuen Einfälle, sein rastlos lebendiges Treiben, seine allseitigen Fähigkeiten sind bewundernswürdig. Mag man auf die Demagogen des alten Athens zurücksehn, die sich ohne eine Spur von Tüchtigkeit in alles und jedes zu schicken wußten, oder die heutigen Journale überblicken, in denen jedes Talent oder jedes Talentchen über alles und jedes mit gleicher Fertigkeit zu sprechen weiß—der Radikalismus ist sich darin gleich geblieben.

Was die Natur dem Knaben an Tiefe und Gehaltenheit versagt hat, hat sie ihm an Leichtigkeit; Schmiegsamkeit, an Glanz und an Auffassung ersetzt. Wie im Manne der Geist nach seinen innersten Seiten hervortritt, im jüngeren als schaffendes Genie, im ältern als ruhige Weisheit, während im Greis nur formale Vollendung, Kunst, Fertigkeit lebt: so wirkt im Knaben das Talent.

60

Die Radikalen sind Talentmenschen. Das Talent aber besteht nicht vor dem tiefern Geiste.

Die Geschichte hat davon ein sehr großes Beispiel geliefert. In den drei Parlamenten der französischen Revolution, in der konstituirenden Versammlung, in der gesetzgebenden und im Convent war eine Masse von Talenten, zum Theil der bedeutendsten Art in solcher Mannichfaltigkeit und in solcher Zahl vereinigt, wie sie die Welt noch selten gesehen hatte. Die Namen, welche damals schnell auf einander hervortraten, bilden noch heute den Stolz der französischen Nation. Und was ward aus diesen Talenten, als Ein großer Geist, als Napoleon auftrat?

Es war nicht anders, als sei der Inhalt eines einzigen Geistes hinreichend, um allein das Feld auszufüllen, worin sich tausend Talente vertheilt hatten. Wie sanken nicht, um nur die berühmtesten zu nenneu, Sieyes, Talleyrand, Cambaceres, selbst Carnot vor Napoleon zusammen! Mirabeau wäre nicht gesunken: er war in der Mitte der radikalen Talente der einzige—Geist.


Anmerkung. Man kann dieser Vergleichung nicht entgegenhalten, daß Napoleon selbst unter den Geistern einer der größten Geister gewesen sei. Denn einmal war z. B. Sieyes von Frankreich und Europa als das Orakel politischer Weisheit angestaunt worden, und keiner sank mehr vor Napoleon zusammen als gerade er. Sodann aber—und dieß ist die Hauptsache—hätte Napoleon eine eben solche Menge gesund verständiger liberaler Leute, wenn auch niedrigerer Geister angetroffen, als er von radikalen Talenten vorfand, so würde er über jene als über Männer geherrscht haben, während er dieselben Menschen, welche eben zuvor eine neue Weltgeschichte gestiftet zu haben glaubten, als Sklaven beherrschte.


Ein bedeutender Geist ist als solcher niemals radikal, kann niemals radikal sein. Mirabeau z. B. war radikal im Charakter, dadurch Demagog und Führer des Radikalismus: aber sein Geist zog ihn beständig zur Verachtung der Massen, an deren Spitze er stand, und zuletzt noch zur Rettung des Königthums.

Das Talent dagegen ist als solches radikal, wenn ihm nicht entweder völlige Charakterlosigkeit (in welchem Fall seine Dienste jedem Princip zu Gebote stehn) oder ein männlicher Charakter beigegeben ist. Und selbst dann schlägt im letzten Grunde, wenn auch auf edle Art, der Radikalismus des Geistes vor.


Anmerkung. Ich wüßte nur Einen Geist, den man dieser Behauptung entgegenstellen könnte: es ist Milton. Indeß hatte die religiöse Bewegung der englischen Revolution für einen so religiösen Geist, als Milton war, so viele positive Anknüpfungspunkte, und Milton scheint in Cromwell guten Glaubens so viel gefunden zu haben, daß die Eingethümlichkeit der Verhältnisse das Phänomen erklärt. Auch glaube ich nicht, daß irgend einer der heutigen Radikalen sehr geneigt wäre, Milton für seine Tendenz in Anspruch zu nehmen.

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Diese letztere Mischung—die Mischung von männlichem oder annähernd männlichem Charakter und radikalem Geist—ist es, aus welcher die Mehrzahl der Gebildeten sich das Ideal eines Radikalen abstrahirt hat. Menschen von edlem und strebendem Gemüth, welche furchtlos gegen jede Unterdrückung kämpfen und unerschüttert bei der Sache der Freiheit stehen—geistig aber auf radikale Zwecke hinarbeiten und dem Strom des Zeitgeistes oder dem Zug der Masse unterliegen, während sie vom aristokratischenFür diese, wie für künftige Stellen bemerke ich hier, daß ich das Wort aristokratisch in solchem Zusammenhang nur nach seiner geistigen Bedeutung brauche; ohne mich übrigens daran zu kehren, daß dieses Wort—sonst das natürliche Verbindungszeichen aller höhern Naturen—durch den Verfall des Adels einer-, durch die Dummheit der Tagesscribenten anderseits auch im psychischen Sinn einen übeln Klang erhalten hat. Standpunkt ihres Charakters aus mit Widervillen darauf herabsehen. Sie glauben die Sache der wahren Freiheit—des Liberalismus—allein zu fördern, und fördern am Ende, ohne es zu wollen, die falsche oder die Knechtschaft. Carnot unter den Neuern, Cato von Utika unter den Alten waren von dieser Art. Der philosophische Liberalismus, welcher zur Zeit der thebanischen Hegemonie die edlern Griechen beherrschte und mit der idealen Moralität seiner Zwecke die Verletzung der alten Heiligthümer verband, ebenso zum Theil die Gesinnung, durch welche Cäsar siel, ist aus ähnlichen Bestandtheilen hervorgegangen, und man legt deßhalb—mit einem Mißverständniß ohne gleichen—Menschen von dieser Mischung vorzugsweise den Namen antiker Charaktere bei. Ein Name, über den Perikles und Scipio, Alexander und Cäsar sich verwundern würden.

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So vermögen alle Talente, vermag selbst ein ehrenwerther Charakter mit bloßem Talent jene politische Gesundheit nicht zu ersetzen, die nur dem Manne eingeboren ist, und ohne welche die wichtigsten Staatsstreiche—wie damals die Ermordung Cäsars—zu Bubenstreichen werden. Hätten Brutus und Cassius mit politischem Geist anstatt mit knabenhafter Idealität ihre Zeit angeschaut, so würde Cäsar am Leben und Rom trotzdem freier geblieben sein.

Dem Haß der alten Griechen gegen die Tyrannis lag nicht immer und nicht allein ein moralisches Motiv zu Grunde. Sie fürchteten nicht nur die äußere, sie fürchteten eben so sehr die innere Tyrannis—d. h. die aristokratische oder monarchische Herrschaft, welche ein großer Geist von Natur ausübt und welche dem Wesen der Demokratie widerspricht. Mit der Demokratie—als einer, wie wir sehen werden, formalen Staatsform—vertragen sich Talente, nicht aber Geister: und der Ostracismus in Athen, die bekannte Undankbarkeit der Republiken und Staatsstreiche, wie Cäsars Ermordung, waren nicht bloß moralische Reaktionen, es war auch die Reaktion des Talentes gegen den Geist.Freilich waren sich die Alten, Athen etwa ausgenommen, nur des moralischen, nicht des geistigen Motivs bewußt: und die Schriftsteller der spätern Zeit selbst, besonders Plutarch, haben durch moralische Abstractionen häufig die geistigen Gesichtspunkte in der Betrachtung der alten Helden und Geschichten verwischt. Selbst Tacitus kann leicht zu einer schiefen Vortstellung des antiken Charakters verführen. Die Ursache davon ist sehr einfach: in den sinkenden Zeiten standen alle Freiheitsmänner idealischer vor dem Blick der absolutistischen Enkel und man erwies dem Radikalismus nicht selten die nämliche Ehre, wie dem Liberalismus.


Anmerkung. "Charakter mit bloßem Talent", sage ich absichtlich; denn das Talent setzt keineswegs noch den gesunden Sinn und Verstand voraus. Dieser auffallende, für die Politik aber äußerst wichtige Gegensatz bedarf einer kurzen Erläuterung.

Was man gewöhnlich gesunden Verstand nennt, begreift zweierlei Bedeutungen, welche der Sprachgebrauch vermischt, weil sie auch in der Wirklichkeit an einander streifen. Einmal den "gesunden Menschenverstand"—ein Attribut, das jedem von gesunder Raçe gebornen an Körper und Geist von der Natur nicht verwahrlosten Menschen zukommt und das, wie schon der Name selber zeigt, nicht im Einzelnen, sondern in der Gattung wurzelt. Sodann den gesunden Verstand im individuellen Sinn—eine Eigenschaft des Einzelnen als solchen.

In diesem letztern Sinn ist der gesunde Verstand keineswegs, wie man gewöhnlich annimmt, etwas Gemeines, sondern etwas, wenigstens relativ, Seltenes und Bedeutendes. Man kann sehr talentvoll, nach dem gewöhnlichen Ausdruck sehr "geistreich" sein, ohne ihn zu besitzen, und es giebt Gelehrte, die sich eben so sehr durch die Größe ihres gelehrten Talents, als durch die völlige Abwesenheit des gesunden Verstandes auszeichnen. Ich erinnere an die geistreichen Dinge, welche das junge und das jüngste Deutschland zu Tag gefördert, besonders aber an die eigenthümliche Literatur, die sich seit einigen Jahren über Göthe, Bettina, Rahel u. s. w. angesponnen hat, bei der in der That nicht nur der gesunde Verstand, sondern auch oft der gemeine Menschenverstand mit Füßen getreten worden ist.

Das Eigenthümliche des gesunden Verstandes ist: selbständig, einfach und ohne vorgefaßte Begriffe die Dinge im gegebenen Fall zu betrachten. Wer gesunden Verstand besitzt, faßt die Sache, die ihm vorliegt, unbekümmert um Autoritäten und Abstraktionen, an einem bestimmten Fleck, und thut ruhig das Seinige. Mag er auch sonst ohne bedeutenden Geist und von jeder glänzenden Fähigkeit entblößt sein, er trifft immer Einen richtigen Punkt, und sein Fehler beginnt erst dann, wenn er damit Alles gesehen zu haben glaubt und umfassendere Ansichten ausschließt. Es ist also allerdings eine Opposition des gesunden Verstandes gegen das Genie, aber es ist kein Gegensatz des wahren Genies gegen den gesunden Verstand denkbar; das heißt, der letztere begreift keineswegs noch das erstere in sich, dieses aber setzt das höchste Maaß von gesundem Verstand voraus.

Nur dadurch, daß man den Begriff des Genies sehr oft von radikalen Genialitäten (nach unserer Sprache Talenten) abnimmt, ist die heillose Vortstellung entstanden, als seien "Genie" und "gesunder Verstand" unverträgliche Gegensätze. Gerade an den höchsten Erscheinungen des Genies, wie z. B. an Shakespeare, ist Nichts bewundernswürdiger, als die Fülle von gesundem Verstand und der Reichthum von den einfachsten und so schlagenden Bemerkungen. Indessen haben diejenigen, welche sich des Mangels an gesundem Verstand bewußt sind, natürlicher Weise ihr Bestes gethan, um die obige Vorstellung zu nähren, und Hegel insbesondere, in dessen philosophischen Sachen sich von gesundem Verstande Nichts (und vielleicht noch weniger, als er wirklich gehabt hat) befindet, hatte den erklecklichsten Grund, das Verständniß seiner Spekulation an die Bedingung zu knüpfen, daß man den gesunden Vertsand auf den Kopf stelle; denn mit dem letztern wird sie nie begriffen werden.

Wie tief nun dieser Unterschied in die Politik eingreift, ist leicht zu sehen. Jene zuvor geschilderte Eigenthümlichkeit ist die erste und unentbehrlichste Eigenschaft des Politikers, und sie gerade geht dem bloßen Talent (selbst dem in seiner Art bewundernswürdigen Talent) durchaus ab. Das gelehrte Talent ist durch Schule, Bücher und Autoritäten befangen, das "geistreiche" geht nach Abstraktionen und Idolen zu Werk und irrt im Walde umher, statt den Baum zu treffen; und die überschwenglichste Bildung, für sich allein, macht im entscheidenden Falle Dummheiten, die jeder verständige Bauer vermeiden würde.

So hatte Blücher z. B. nichts weniger als einen großen Geist; aber er hatte gesunden Verstand, und dieß, verbunden mit einem bedeutenden Charakter, machte ihn zu dem Manne der er war. Die größten politischen Völker, wie die Römer und seiner Zeit die Deutschen (denn seit langem hat politische Leblosigkeit und Ueberbildung uns geschwächt) haben sich durch das größte Maaß des gesunden Verstandes ausgezeichnet; und während die Franzosen ihren Esprit hervorheben, rühmt sich der Engländer und mit vollem Recht, als der Quelle seiner Macht—des gesunden Verstandes.

Aber nicht nur in der praktischen Politik, sondern für Erkenntniß des Lebens, für jede lebensvolle Philosophie, ist er das erste, unentbehrlichste Bedingniß: er bildent den Grundbestandtheil, das erste Stück des männlichen Geistes.

Indem wir also im Text die Unfähigkeit des "Charakters mit Talent" bezeichneten, waren wir keineswegs gemeint, die ungeheure Wichtigkeit des Charakters zu vermindern; sondern das allein anzudeuten, daß ein edles Gemüth, ohne die nöthige Gesundheit des Geistes, durch die schiefen Bestrebungen des Talents zu weit größeren Fehlern verleitet wird, als ein tüchtiger Charakter mit weniger Talent, aber gesundem Verstand, jemals begehen wird.

63

Phantasie sahen wir, und Gefühl, sind die leitenden Kräfte der Kindheit. Kindheit und Poesie sind unzertrennlich, im Leben der Völker, wie in der Entwickelung der Einzelnen. Jedes Kind ist mehr oder weniger Dichter; und über jeder Kindheit, auch der ärmlichsten, liegt ein Zauber ausgebreitet, den die spätern Alter beneiden.

Der Knabe lebt, wie der Dichter, in einer Welt von Idealen. Er kennt die wirkliche Welt nur im Kleinen, und auch im Kleinen nicht innerlich: wie natürlich, daß er sich in Luftgebilden poetischer und phantastischer Art eine eigene Welt erbaut. Mögen diese Gebilde lächerlich (wie das Schlaraffenland und die Eldorados) oder ernsthaft sein (wie die Nachbildungen des Staates, welche die Knaben unter sich spielen) sie entspringen aus demselben Quell. Der Knabe lebt in der Zukunft; die Ferne locket ihn an; er bemißt sie, weil er keinen höhern hat, mit seinem Maaßstab, und bevölkert sie mit den Gestalten seiner Phantasie.

Vor dem ersten Hauche des reiferen Lebens sinken diese Gestalten zusammen, wie die Gebilde der Dichtkunst vor der Wirklichkeit. Es sind Schemen, von der Einbildung gezeugt: aber ihr Reiz besteht.

64

Auch der Radikalismus hat eine Welt von Idealen geschaffen; auch über ihm liegt ein Zauber, der ganze Völker schon bethört hat und vor allem unsere Zeit bethört. Eine Welt voll Freiheit, Glück und Seligkeit; eine Welt, in der alle Menschen als Brüder sich umarmen, als Brüder mit einander leben, in der ein ewiger Friede herrscht und eine ewige Gemeinschaft alles geistigen und leiblichen Besitzthums; eine solche Welt, wie die religiösen Schwärmer des Mittelalters und die politischen des neunzehnten Jahrhunderts sie aufgestellt haben, wie reizend erscheint sie immer wieder den Sinnen und Herzen, so oft auch die Erfahrung, die Vernunft uns gesagt hat, daß sie vor der Wirklichkeit zerfällt.

Die Versuche radikaler Weltverbesserer gehören so wenig in die wahre Politik, als die Poesie in die Politik gehört: sie haben aber für das Leben ähnliche Wahrheit wie die Poesie. Keine Dichtung gleicht wörtlich dem Leben, sie wäre nicht Dichtung, würde sie es. Wohl aber muß jede Dichtung, soll sie ächt sein, ins Leben übersetzt dem Inhalt des Lebens entsprechen. So wäre auch der Radikalismus, in jenen Idealen aufs Leben angewandt, ein Unding: aber die Sehnsucht, die den Idealen zu Grunde liegt, jenes Glück, jener Friede, jene Freiheit soll, richtig übersetzt, in der Politik ihre Erfüllung sinden.

Was träumt nicht der Knabe von dem Glück, das ihm als Manne bevorsteht, von der Freiheit, die er einst genießen wird, von tausend Lebensverhältnissen! Wird er Mann, so findet er, wenn das Schicksal ihm wohl will, wirklich Glück und Freiheit, aber ein anderes als er geträumt hat; er lächelt auf seine kindlichen Gedanken herab und genießt statt aller Traüme die nüchterne Gegenwart.

So und nicht anders verhält sich der wahre politische Zustand zu den politischen Idealen des Radikalismus.

65

So lebhaft und feurig der Geist des Knaben in seinem eigensten Gebiete erscheint, so dürre und trocken ist seine Kehrseite.

Die Kräfte der Intelligenz, von den andern überwogen, sind nur unterläglich in ihm entwickelt. Sein Verständniß, unfähig für die höheren Wissenschaften, führt ihn zu den formalen Disciplinen; und man darf sich nur an den Unterricht in den höhern Schulen—an die Erlernung der Grammatik, deren sämmtliche Distinktionen ohne eine Spur von innerm Sinn dem Gehör überliefert werden, an die Art von Philologie, welche dort getrieben wird—zurück errinnern, um zu sehen, welchen ungeheuern Forrmalismus der Geist des Knaben ertragen kann.


Anmerkung: Ertragen kann, freilich nicht sollte. Der Formalismus des Unterrichts ist in der Kindheit begründet, aber nicht in dem Grade, in dem unser, auch darin zum Radikalismus neigendes Zeitalter ihn ausgebildet hat und wodurch bloß die Kehrseite beschäftigt wird. Der radikale Volksunterricht, welcher der klassischen Bildung die realistische substituiren und dem Bauer sein Deutsch aus den "rationellen" Grammatiken beibringen will—wovor uns Gott als dem Ruin der Unmittelbarkeit der Sprache und damit der Sprache selbst behüten möge—würde statt des bisherigen Formalismus einen noch weit schädlichern einführen. Uebrigens sollte uns gerade die Einsicht, daß der Knabe für gewisse Dinge nur ein formales Verständniß hat und haben kann, vor solchen Abwegen bewahren. Denn da z. B. der ganze grammatische Unterricht niemals dahin zielen kann, dem Knaben den innern Bau der Grammatik—ein schweres Geschäft für den Mann—zu lehren, so kann die Absicht nur entweder auf praktische Befähigung—wie fürs deutsche—oder auf formalen Nutzen gehen. Die erstere wird nur durch praktische Unterweisung, die zweite nur durch Uebung an einer fremden Sprache erreicht, deren das Volk nicht bedarf. Der Volksunterricht, wie ihn Diesterweg und Andere für Deutschland intendiren und wie er im Kanton Zürich wirklich ins Leben getreten ist, ist daher, ganz abgesehen von der sonstigen Schiefheit seiner Richtung, nicht einmal formal brauchbar.


Besonders aber eignet sich für ihn die formellste aller Wissenschaften, die Wissenschaft des Lernens, im wörtlichen Sinn—die Mathematik. Als Wissenschaft formeller Anschauung, ohne jeden psychischen Gehalt, und deren reale Anwendung ihm im äußern Leben nahe liegt, füllt sie den Knaben aus.

Selbst die Phantasie, wenn er mit ihr an wissenschaftliche Fragen gehen will, leitet ihn nur zur Abstraktion; (denn die Phantasie ist es, vermöge deren der Geist den Raum, die Zeit und anderes Wesenlose als besondere Wesenheiten vor sich hinstellt.)

66

Formal, mathematisch, abstrakt ist der Radikalismus überall, wo er nur entfernt auf das männliche Gebiet herüberspielt. Voll Formalismus ist seine Bildung und seine Gesetzgebung; abstrakt seine Auffassung des Lebens und der Geschichte; mechanisch, ohne eine Ahnung von Organismus, ist der radikale Staat, welcher, mit Aristoteles zu reden, χατ αριϑμονchat arithmon, "by number" statt χατ αξίανchat axian, "by value" gebaut, die Menschen und Verhältnisse als mathematische Größen addirt, subtrahirt, zusammensetzt, vertheilt. Ich erinnere nur an die Konstitutionen der neunziger Jahre und ihren Haupturheber, Sieyes; an die Art und Weise, wie Napoleon, (obwohl nur theilweise radikal) Monarchien und Völker ohne die mindeste organische Beziehung zusammen- und auseinander würfelte; an die noch herrschende Centralisation und an das Ideal des Staates, das der National als Organ des Radikalismus, nach so vielen Erfahrungen, noch heute entwirft.

67

Man sieht leicht, wie aus der bezeichneten Stellung der Kräfte der ganze Widerspruch des kindlichen Geistes entspringt. Derselbe Knabe, dessen Phantasie in Mährchen und Heldengeschichten in allem Wunderbaren schwärmt, schafft sich abstrakte Theorieen, so kalt und dürr, wie der Mann es niemals vermag, nach welchen er die Welt sich regelt und denen er mit seltsamer Konsequenz selbst seine Neigungen zum Opfer bringt.

Diese Mischung von Poesie und Abstraktion, so unvereinbar auf den ersten Blick, aber ein Kennzeichen jedes edlen Radikalismus, wie jedes Knaben von höherer Organisation, ist aufs großartigste verkörpert in der französischen Gironde. Vergniaud, Louvet, Condorcet, Lanjuinais, Brissot—welche Gegensätze, welche Vereinigung von Glut und Formalismus, von Idealität und Trockenheit, von Schwärmerei und Dürre!

Der Radikalismus lockt die Völker mit dem ganzen Reiz der Jugend, wie Gesang der Sirenen läuft seine Stimme durch die Welt, indem sie Freiheit und Leben in Fülle verheißt. Ihr tretet näher und findet statt der Freiheit die Herrschaft seelenloser Theorien, worin jede Eigenthümlichkeit sich fügen, oder will sie nicht, sich verlieren soll, statt des Lebens eine Verkennung alles Lebens, einen trockenen Schematismus von Formeln und Phrasen, vermöge dessen der Staat wie ein Exempel der Algebra demonstirt und der ganze Reichthum des Daseins in einige Kategorien gezwängt wird.

Ihr wundert Euch, und meint, der Radikalismus habe Euch belogen? Irrt Euch nicht: der Radikalismus findet wirklich Leben die Fülle in seinen Schemen und Schematen, gerade wie der Knabe es findet in den seinigen. Wer das Leben noch nicht gesehn, dem scheint der kleinste Inhalt groß, und er glaubt in der That mit jeder Theorie die Mannigfaltigkeit der Organismen bewältigen zu können, weil er sie nicht kennt.

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Der Knabe liebt es, mit mathematischer Konsequenz jeden Gedanken auf die Spitze zu treiben. Von Einem Punkt ausgehend, schafft er sich ein System, und oft muß man ihm zugestehn, daß seine Theorie gleich wahr ist, wenn der erste Satz erwiesen wäre, als sie lächerlich wird, wenn dieser zusammenfällt. Wie simpel konstruirt sich nicht der radikale Staat, wie das Convent ihn herzustellen gesucht hat, aus den damaligen Menschenrechten! Satz folgt auf Satz: aber wie lächerlich erscheint das Ganze, wenn man das Grundprincip verwirft.

Indessen wechselt der Knabe seine Theorieen mit derselben Haft, mit der er sie gefaßt hat; bald diese, bald jene Regel, bald diese, bald jene Meinung setzt sich in ihm fest, und so lang er sie glaubt, hängt er mit solcher Hartnäckigkeit, in so eingerannter Weise daran, daß er nur in dem Einen zu leben scheint, ja daß keine Vorstellung ihn davon abzubringen vermag.

Jener Wechsel ist schon dadurch begründet, daß er nach seiner Art sich bei keiner Konsequenz beruhigt, sondern die Spitze selbst wiederum zur Spitze zu treiben sucht: bis er sich überstürzt. Der Verlauf der Parteien in der französischen Revolution ist das wörtliche Abbild dieses Vorgangs. In raschem Wechsel drängten sich Constitutionelle, Fayettisten, Girondisten, die Bergpartei, die Anhänger Dantons, Heberts, Robespierres: alle ausgegangen von dem gleichen Princip der Volkssouveränetät, uneins nur in den Stufen der Konsequenz. Mit unglaublicher Schnelligkeit war die erste Spitze von der zweiten, die zweite von der dritten, die dritte von der vierten besiegt, bis der Wahnsinn in Robsepierre sich brach: und jede Partei hielt an ihrer Stufe so unnachgiebig fest, daß Tod oder Verbannung das gewöhnliche Ende war.

Der nämliche geistige Proceß zeigt sich in der englischen Revolution; oder vielmehr, er zeigt sich in allen Revolutionen, wenn sie nicht von oben herab geleitet werden, sobald ein Volk, eine Masse davon ergriffen wird. Denn die Masse besteht großentheils aus Knaben, wo nicht aus Buben; von ihr werden die Führer ergriffen, und die Revolution, ob ursprünglich radikal oder nicht, wird zur Spitze getrieben werden, weil der bübische Geist sie zur Spitze treibt.

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Wer sich selbst beobachtet hat, der weiß, wie leicht ein Vorsatz, eine Ansicht, ein Gedanke sich im Knaben zur fixen Idee verengt. Die peinlichsten Leiden der Kindheit—ein psychologischer Durchgang, den jeder Mensch von Geist durchlaufen muß—sind diese fixen Ideen, die ohne Widerstand sich des Geistes bemächtigen und keiner Anstrengung des Willens weichen, bis sie von selbst oder durch zufälligen Anstoß das gequälte Gehirn verlassen.

Ganz aus dem gleichen Quell entspringen die Schlagwörter der Knaben. In einem gewissen Alter ist es ganz gewöhnlich, Ein oder eine Anzahl von Wörtern auf die abgeschmackteste Weise so lange im Munde zu führen, bis sie verbraucht sind, um dann wieder andern Platz zu machen.

Es hat dieß aber eine sehr ernste Seite. Die beste Idee verliert wenn sie fix wird, ihren Geist, sie setzt sich, ohne weiter irgend überdacht zu werden, mechanisch fest; und das Wort, zu lange mißbraucht, büßt Sinn und Bedeutung ein.

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Wer hat dieß nicht schon gefühlt, wenn er die radikalen Blätter der deutschen, französischen, oder vielmehr europäischen Presse gelesen, wenn er sich erinnert hat, wie Europa seit nun sechszig Jahren mit den ewig gleichen Worten "Licht, Aufklärung, Fortschritt, Gleichheit, Schule" überschüttet wird; wenn er bedacht hat, daß die Begriffe selbst nichts weniger als entschieden sind, daß die Menschheit eben darüber im Streite liegt, was Licht, was Fortschritt sei, und daß trotzdem diese Worte tagtäglich von tausend Scribenten ohne Sinn wiederholt werden?

In der Schweiz, wo kraft der freien Verfassung sich der Radikalismus, und besonders der deutsche in voller Offenheit entfalten kann, tritt diese knabenhafte Idiosynkrasie in der komischsten Weise hervor. In den stehenden Oppositionsartikeln sowohl als in der Besprechung der Tagesfragen werden jene Phrasen von der radikalen Presse mit einer unermüdlichen Geduld, gerade so, wie man sie schon in den Büchern der achziger Jahre findet, fort und fort wörtlich wiederholt; sie werden auf jedes Ereigniß, ohne eine Zuthat von Gedanken angewandt, und passen in der That auf jedes, weil, wenn keine Begriffe sich mehr mit den Worten verbinden, jeder Schritt der Gegenpartei ein "Rückschritt", jede ihrer Ansichten eine "dunkle" genannt werden kann.


Anmerkung: Auf diese Weise hat der Radikalismus unter anderem die Unklugheit begangen, durch seine idiosynkratische Jesuitenfurcht den Jesuiten eine weit größere Bedeutung zu verschaffen, als sie von Natur hätten kriegen können. Wenn man nicht müde wird, die geheimen Triebfedern alles dessen, was geschieht, in dem Phantom des Jesuitenordens zu suchen, so bringt man es endlich dahin, die Jesuiten, welche in den germanischen Ländern an und für sich Nichts mehr sind, weil der wahre Zeitgeist ebensosehr als der falsche gegen sie ist, zu Etwas zu machen.


Freilich haben jene Wörter nicht bloß eine ursprüngliche allgemeine Bedeutung, sondern sie sind gerade im Bedürfniß des Radikalisums begründet. Des Knaben Auge, seine Anschauung begehrt nach Licht, Aufklärung; sein Bildungstrieb nach Schule, seine Unruhe nach Fortschritt, seine Zunge nach Preßfreiheit; und er vergißt nur, daß er sich selbst aufzuklären, sich selbst zu unterrichten unfähig ist; daß seine Unruhe gezügelt und daß sein Geschwätz, wenn es die Grenzen des Anstandes überschreitet, verwiesen oder gezüchtigt werden muß.


Anmerkung: Ein guter Erzieher wird niemals daran denken, dem Knaben ein Schloß vor den Mund zu legen; aber er wird sich nicht scheuen, es dem Mund sehr handgreiflich fühlen zu lassen, wenn er geschmäht oder gelogen hat.


Indessen fehlt es nicht an Phrasen, welche, wie die Stichwörter der Knaben, noch gebräuchlich sind, wenn ihr Anlaß und damit ihr Sinn sich längst verloren hat. In der Schweiz z. B. waren bis zum Jahr 1830 Privilegien der Städte (über das Land) und der vornehmen Geschlechter vorhanden. Seit dem Anfang der dreißiger Jahre ist dieß verschwunden; an die Stelle der Restauration is allenthalben die repräsentative Demokratie, meist ohne Census und nach dem Prinzip der Kopfzahl, zum Theil mit dem Veto des Volkes—das alles für die Schweiz ganz passend—getreten. Allein bei diesem Verhältniß spricht die radikale Presse nicht anders als vor zwölf Jahren, im Gegentheil viel heftiger, von den Gefahren der Aristokratie. Worin diese Aristokratie besteht, ist nicht zu erfahren. Ein vernünftiger Mensch denkt dabei an die Gefahren der Demokratie, fragt ihr aber den Knaben, was das Wort bedeute, das er so oft im Munde führt, so gibt er Euch die Antwort: "es sei eben sein Stichwort."


Anmerkung: Man könnte sich nicht wundern, wenn bloß über geistige Aristokratie geklagt würde; denn "die gefährlichste aller Aristokratien ist, wie Börne mit seinem naiven Radikalismus gesagt hat, die des Geistes." Jene Gefahren werden aber als Gefahren einer materiellen Aristokratie geschildert.

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Diejenige Idee, welche den heutigen Radikalen zur ersten, Alles beherrschenden Idiosynkrasie geworden ist, ist Kultur und Bildung—als Ersatzmittel der Natur.

Keine fixe Idee ist natürlicher als diese; denn sie geht aus der Grundeigenschaft des Kindes, aus der Bildsamkeit seines Wesens hervor. Von weichem Stoff und empfänglich für alle Eindrücke, verändert sich das Kind in der That nach dem Maaße der Bildung, die ihm mitgetheilt wird. Während dem Manne, dessen spröde Selbständigkeit alles ihm Widerstrebende zurückstößt, die Bildung nichts anderes sein kann, als die harmonische Übung seiner angebornen Kräfte, nichts anderes als die freie Funktion der Natur: so fühlt das Kind im Gegentheil durch die Bildung sich bestimmt; seine Natur wird dadurchgemodelt, ausgefüllt, gleichsam umgewandelt; ein Vorgang, gegen den nach erreichtem Mannesalter die Ursprünglichkeit des Individuums resultirt, der aber trotzdem für die Zeit des Kindesalters seine Wahrheit hat.

Sofort trägt der Knabe, was er an sich spürt, auf die Andern über. Er sieht in der Bildung den Ersatz der angebornen Gaben, ja noch mehr den Schöpfer der individuellen Natur. Er glaubt: daß die Bildung den Dummen gescheidt, den Albernen geistreich mache; daß es nur an ihr liege, alle Menschen gleich wissend, gleich verständig zu machen; daß durch gleiche Bildungsmittel alle Stände auf Eine Höhe gehoben und der Pöbel für immer vertilgt werden könne.

Von allen radikalen Idden ist keine in Deutschland so allgemein durchgedrungen als diese: der deutsche Radikalismus fußt auf ihr. Und dieß theils darum, weil die Deutschen unter allen Völkern mit dem vorwiegendsten Geschick für umfassende und wahrhafte Bildung begabt, die Bildung zu sehr lieben, um sie nicht leicht zu überschätzen; theils, weil eine Menge von Schriftstellern, welche gebildet und dabei geistlos sind, instinktmäßig nicht müde werden, der Nation eine Theorie zu predigen, deren Sturz ihr eigner wäre. Endlich—und hauptsächlich—darum, weil wir zu wenig politisches Leben haben, um aus Erfahrung einzusehn, daß die Bildung, womit ärmliche Geister übertüncht sind, wie Flitter in jeder Krisis hinwegfällt, wo es natürlichen Blick und Verstand gilt.

Vor wenigen Jahren noch hatte die Welt eine größere Idee, als die der Bildung, aber ihr verwandt: es war die der Erziehung. Es war die Zeit, da Rousseau, Pestalozzi, Fichte durch Erziehungsanstalten das Menschengeschlect verwandeln und alle niedrigen Naturen in höhere umschaffen zu können glaubten. Ungleich größer war diese Idee, (obwohl sie auf demselben Grunde beruht), nicht nur weil sie umfassender war—Geist und Gemüth werden zugleich berührt und der ganze Mensch umfaßt,—sondern auch weil sie neue und durchdringende Prinzipien erfordert. Wenigstens eine liberale Intention, wenn auch sehr radikal gedacht, war damit gegeben, Eine der größten Aufgaben unsrer Zeit, wenn auch sehr einseitig, damit bezeichnet.

Man ist darüber hinweggangen, aber nur um die alleinseligmachende Kraft der "Kultur" an die Stelle zu setzen. Bei der Erziehung mußte der Einzelne mindestens der Idee das Opfer bringen, sich von ihr durchdringen zu lassen: bei der Bildung, schöpft das nichtigste Individuum nach Belieben von der Oberfläche, um dann sicher zu sein, daß alle angeborne Dummheit durch ihre Heilkraft getilgt und ihm der Zutritt in die Reihe der Geister geöffnet sei.

Da man nun sicher ist, auf diese Art alle Individuen auf die nämliche Höhe zu setzen: so wird natürlicher Weise nicht die Bildung den verschiedenen Naturen, sondern die Naturen werden insgesammt der nämlichen Bildung angepaßt; und das Ideal des Volksunterrichts ist das, die Kultur der höhern Stände durch darauf eingerichtete Volkslehrerseminarien den niedern Ständen und endlich dem Landvolk mitzutheilen, mit andern Worten den Kern der Volkskraft in der Wurzel auszurotten.

Nicht genug also, daß in Folge dieses Wahns die Bildung der Individualität gleichgesetzt wird, so würde auch die Individualität selbst durch ihn untergraben. Der Bauer, der bei richtiger Bildung genug gelernt hätte, um ein Bauer zu sein, wird nun durch Überbildung unfähig gemacht, das zu sein, was er hätte sein können. Menschen, die ihren Beruf erfüllt haben würden, wenn sie das Maaß von Fähigkeit, das die Natur ihnen gegeben, an einem Handwerk ausgebildet hätten, treten nun in die Reihe der Gebildeten oder der Schriftsteller ein und schaden der Gesellschaft, der sie nützen konnten. Wer an und für sich gesunden Sinn genug besessen hätte, um im Einklang mit seinen Fähigkeiten zu leben, verliert nun auch ihn, weil die Masse der Bildung, die auf ihn einströmt, ihn mit Begriffen erfüllt, denen er nicht gewachsen ist und die er doch nicht abzuschütteln vermag.

Glückliche Zeit, wenn einst alle Deutschen dahin gekommen sind, "gebildet und geistreich" zu sein! Die Dummheit, die zuweilen noch anspruchlos geschwiegen, würde dann herrschen; die Schlechtigkeit, die noch nicht immer Mittel gefunden hat, um das Schändliche als groß und das Gemeine als hoch hinzustellen, würde regieren; die Mittelmäßigkeit—regiert, in Folge jener Idiosynkrasie schon jetzt. —

Und hier stehn wir auch an der Quelle, aus der der seichte Liberalismus entspringt. Da es nämlich unerläßlich ist, "gebildet" zu sein und da die Bildung den jedesmaligen Zeitgeist in sich trägt; so muß man, um gebildet zu sein, dem Zeitgeist anhängen; es ist Sache des gebildeten Tons, radikal oder "liberal" zu sein. Dem seichten Liberalismus gehört somit in unserer Zeit die große Menge derjenigen Radikalen und Absolutisten an, deren Individualität zu wenig Bestimmtheithat, um sich der Furcht, nicht gebildet zu scheinen, irgend bloßzustellen.


Anmerkung: Es giebt Leute in unserer Zeit, die durch diesen einzigen Beweggrund in ihren Handlungen bestimmt werden. Wenn alle Mittel an einem Culturradikalen gescheitert sind, so gilt es noch, ihm als letztes Schreckmittel die Drohung, seine Meinung sei nicht "gebildet," vorzuhalten, so ohngefähr wie man den Kindern mit dem Knecht Ruprecht droht. Mit Recht hat man diese Klasse, die an ihrem Stückchen Bildung gerade so hartnäckig hängt, wie die Absolutisten am Alten, "Culturzöpfe" genannt.

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Wie die Weiber, kennt der Knabe für alles nur Einen Grund. Eine Vielheit von Ursachen, aus denen Eine Wirkung hervorgeht, zu fassen, ist ihm unmöglich. Bleibt ihm ein Wunsch, eine Forderung unbefriedigt, so ist dies die Ursache seiner sämmtlichen Uebelstände. Umgekehrt, hat ihm irgend ein Mittel einmal geholfen, so soll es ihm jederzeit und für alle Fälle helfen: und nicht nur für sich selbst, sondern auch für Andere glaubt er es als universal betrachten zu können.

Daß "Eines nicht für Alles hilft, daß Eins sich nicht für Alle schickt," will der Radikalismus nicht begreifen. Er nimmt die Verschiedenheiten an, weil sie da sind in der Welt: aber in seinem Sinne ist eine Konstitution, wie er sie will, für alle Uebel eines Staates gleich heilkräftig, für alle Länder und Gemeinwesen gleich passend. Die Jakobiner schrieben jeden Mißstand, den sie zu Hause oder auswärts trafen, der Aristokratie zu; von der Gleichheit versprachen sie ein goldenes Zeitalter für alle Klassen, Beseitigung aller Klagen: ihren Staat, ihre Clubbs, ihre Prinzipien trugen sie, ohne eine Spur von Änderung völlig gleich auf alle europäischen Länder, ja selbst auf Ostindien über.

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Wie der Radikalismus allenthalben, geistig und materiell von dem Drange getrieben wird, zu nivelliren, bedarf keiner Beispiele mehr. Er kann es trotz aller Erfahrungen auch heute nicht lassen; es liegt zu sehr im Innersten seiner Natur.

Nicht nur, daß der Knabe die Mannichfaltigkeit der organischen Beziehungen (im Leben und in der Natur) nicht faßt: das Kind im allgemeinen kennt nicht einmal die Mannichfaltigkeit, die Verschiedenheit der Organismen selbst. Es spricht zu seiner Puppe wie zum Menschen, es spielt mit dem hölzernen Pferd wie mit dem wirklichen; mit dem Leichnam als wäre er lebend; seine Umgebungen, die menschlichen wie die örtlichen wechselt es, wenn auch mit kurzem Schmerz doch leicht, und an den gewechselten hängt es mit der nämlichen Liebe. Mit Einem Wort, Personen und Dinge sind ihm noch verschwommen, sie gehn getrennt, aber nicht verschieden an ihm vorbei. Und dieß ganz seinem Geistegemäß. Nur der Verstand (der in ihm noch unentwickelt ist) secirt die Objekte; die Anschauung faßt sie bei aller äußern Vielheit als volles ungetheiltes Ganze auf. Der Verstand ordnet über und unter; das Auge macht gleich, denn es saugt mit Einem Schlag—im Bilde—alle Vielheit in sich auf.

Es ist dieß der geistige Grundzug der Kindheit, und wie wir sehen werden, der Angelpunkt alles dessen, was der Radikalismus erdacht und gewirkt hat.


Anmerkung: "Ein Kind sieht Himmel und Wiege, Mond und Amme neben einander, es greift nach dem Mond, wie nach der Amme, denn Alles ist ihm Bild auf Einer Tafel." (Herder.) Wir brauchen oben das Wort Auge im psychischen Sinne als die geistige Anschauungskraft, deren physisches Organ das leibliche Auge ist. Wir werden dieß noch öfter, auch in der Benennung anderer Kräfte, thun, und bemerken gleich hier den Grund warum. Es ist eine seltsame, aber sehr verbreitete Vorstellungsart, alle psychischen Kräfte, die in inserm Körper ausdrückliche Organe besitzen, für niedriger zu halten, als solche, deren Organ am äußern Leib nicht heraustritt, oder mit andern Worten, in den physischen Organen nicht Träger einer selbständigen Kraft, sondern bloß Werkzuege einer fremden zu sehen; statt umgekehrt zu schließen, daß eine Kraft, die nach Außen hin ein besonderes Organ besitzt, höher sein müße, als eine andere die dessen entbehrt. So z. B. hält man oft die Sprache für das bloße Organ des Verstandes—(widersprechend genug, da man doch andererseits schon von den Thieren her, sie als die Krone aller Fakultäten und als das Auszeichnende des Menschen anerkennen muß). Die körperliche Sprache ist aber nichts anderes, als das Werkzeug der geistigen Sprachkraft; und nicht der Verstand ist es, sondern sie selbst, welche als wirkendes Princip den wunderbaren Bau der Grammatik aufführt. So sieht man den Geschlechtssinn für nichts weiter an, als für den sinnlichen Trieb, während doch der körperliche Sinn gerade nur der leibliche Ausdruck der psychischen Zeugungskraft ist.

Unsere sämmtlichen sogenannten Sinne sind nur Werkzeuge von Seelenkräften, die in ihnen selbst liegen und die Kraft z. B., deren sinnliches Vehikel das Auge ist, ist eine höhere Kraft, als die Phantasie, (mit welcher man die Anschauung oft verwechselt). Wir werden also von der Sprache, dem Auge, dem Geruch, den Extremitäten &c. als psychischen Kräften reden.—Ueber diese Bedeutung der Sinne hat übrigens Niemand so viel nachgedacht, als Herder.

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Wir sind dabei zugleich zu dem höchsten Feld gelangt, in dem der Geist des Knaben sich bewegt, und zwar mit Originalität bewegt: zur Spekulation.

Der Mensch in der kindheit ergeht sich in Fragen, die er als Mann oft zu beantworten unfähig ist. Er denkt über die Entstehung der Welt, über die Gründe des Seyns, über das Räthsel der Thatsache der Existenz; er grübelt und vertieft sich darein, aber ohne weiter zu kommen als zu einem Cirkelschluß, auf den er beständig wieder zurückgeht. Es sind aber die schwierigsten Fragen, die er aufwirft, ja es ist fast das Wesen seiner Spekulation, sich in Materien einzulassen, die ihrer Natur nach unlösbar sind; richtiger gesagt, Materien, die weniger einer Lösung bedürfen als einer Begrenzung.

So geistreich er nun hierüber denkt, so vollständig entfernt ist er doch von irgend einem psychologisch persönlichen Interesse. Das Bedürfniß, über sein Verhältniß zu Gott, über seine Unsterblichkeit, seine Bestimmung, aufgeklärt zu sein, ist ihm als solches völlig fremd; es liegt ihm zu hoch; sein Interesse ist Befriedigung der Neugierde, er forscht nicht um eines höhern Zweckes willen, sondern weil die Forschung selbst ihm Vergnügen macht. Die Abstraktion füllt ihn aus als Abstraktion.

Und dieß ist das eigenthümliche Merkmal aller radikalen Philosophie. Oder sagen wir vielmehr, um deutlicher zu sein, umgekehrt: Jede Philosophie ist in ihren Ausgängen radikal, welche bei der Abstraktion stehen bleibend, im formalen Begriff als solchem, nicht im Zweck des Lebens ihre Befriedigung findet.

In ihren Ausgängen, sagen wir, weil eine Untersuchung über die spekulativen Materien von Raum und Zeit, von Sein und Nichtsein u. s. w. uns zunächst weder radikal, noch einer andern Richtung angehörig, sondern durchaus farblos erscheint.

Diese Wirkung tritt erst dann hervor, wenn der Begriff auf's Leben übertragen, wenn das Leben, wie der Kunstausdruck heißt, nach dem gefundenen spekulativen Begriff konstruirt werden soll. Alsdann ergiebt sich, daß, um die Verwirklichung des Begriffs zu erreichen, die bestehenden Verhältnisse—und zwar nicht allein die augenblicklich bestehenden, sondern der Bestand der Lebenseinrichtungen überhaupt—von Grund aus umgewälzt werden müßten.

Die Ursache ist sehr einfach. Das Kind beschäftigt sich nicht mit den Existenzen, sondern mit dem, was dem Dasein der Existenzen vorausgeht; nicht mit der Welt selbst und dem Gegensatz der Welt zu Gott, sondern mit der Unterlage der Welt.


Anmerkung: Die Erwachsenen pflegen derartige Aeußerungen der Kinder als komisch zu belachen oder abzuweisen. Allein das Kind denkt lange und tief; man muß dergleichen beobachtet haben, um es zu würdigen. Es ist sehr gewöhnlich, daß die Kinder, nachdem man ihre Begierde mit der Antwort "Gott hat die Welt erschaffen" zu befriedigen geglaubt, die zweite Frage stellen "wer hat Gott erschaffen?" Besonders emsig beschäftigen sie sich mit der Frage "was war, ehe etwas war" und "was wäre, wenn nichts wäre." Man sieht hier den Cirkelschluß und die Grenze unseres Geistes. Gerade in diesen unterläglichen Gebieten hält sich die kindliche Spekulation auf.


Seine Spekulation ist also noch nicht unwahr an sich—so wenig als die Kindheit selbst. Die Kindheit umfaßt die Vorstufe des Lebens, die kindliche Spekulation die Vorfragen der Existenz; und die letztere trägt die Wahrheit gerade so weit im Keime in sich, als die erstere die Ahnung des Lebens in sich trägt. Allein das Kind wird unwahr in dem Augenblick, wo es selbst des Lebens mächtig zu sein glaubt, und seine Spekulation irrt, so wie sie die Existenz selber glaubt ergründet zu haben.

Denn nun, indem sie ohne die mindeste Kenntniß der Existenzen doch das Verhältniß der Existenzen—das Recht und den Staat—nach formalen Begriffen zu bestimmen wagt, entsteht Thorheit und Widersinn. Der Grundcharakter dieser Bestimmung—einer Bestimmung nach Begriffen, die völlig außerhalb des Wesens dessen liegen, was bestimmt werden soll,—kann kein anderer sein, als der vollendetste Widerspruch der Abstraktion mit der Existenz, der Spekulation mit dem Leben.

Die zwei Kennzeichen aller radikalen Spekulation sind so nach folgende:

ideell, Vermischung des Grundes der Welt mit der Welt selbst—;

praktisch, Herrschaft der Abstraktion über das Leben, d. h. (wenn das Leben sich nicht beugt) Umwälzung des Bestehenden zum Einklang mit der Theorie.

Wir glauben hiemit auch den Unterschied der radikalen Philosophie von der liberalen genugsam bezeichnet zu haben. Jede Spekulation, die nichts ist als Spekulation, verhält sich zur Wissenschaft der individuellen Organismen, wie die Kindheit zur Mannheit, wie die Vorarbeit der Erkenntniß zue Erkenntniß, wie die Vorstufe des Lebens zum Leben selbst.


Anmerkung: Wir brauchen schließlich den Leser kaum aufmerksam zu machen, daß die spekulative Kraft des Kindes im innern Auge, (der Kraft der Anschauung) beruht und daß alle Namen, die wir zu ihrer Bezeichnung brauchen, Spekulation, Intuition &c. etymologisch vom Auge selbst entlehnt sind.

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(Charakter.)

Der Charakter des Knaben ist gut und liebenswerth, weich und bildsam, nicht ohne Muth und voll Feuer, gewinnend in hohem Grad, so lang er in der richtigen Sphäre bleibt. Sich selbst überlassen, aus dem Schwerpunkt entrückt, entartet er; seine Tugenden verwandeln sich in eben so viele Laster.

Irgend Jemand hat gesagt: in die Kinder setze sich entweder Gott oder der Teufel hinein. Das ist wahr, und nicht bloß, wiel das Kind überhaupt sich von einem Extrem ins andere wirft. Sondern mehr noch, weil bei unentwickelter Individualität, bei einem Leben, das erst halbes Leben ist, die dämonischen Elemente noch größere Macht ausüben über den Menschen, der ihnen nur schwachen Widerstand entgegensetzen kann.Ebenso bei geschwächter Individualität—im Alter.

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Wie seltsam hat sich dieß in der französischen Revolution bewährt. Am Anfang war es, als sei Frankreich vom Geist der Freiheit, der Freude, des Glücks erfüllt; man glaubte eine neue Zeit, eine neue Erde erstehn zu sehn; ganz Europa war wie von einem göttlichen Zuge hingerissen. Zwei Jahre darauf war Frankreich von finstern Gewalten beherrscht, das Blut floß in Strömen und das ganze Land war vom entgegengesetzten Prinzip im Taumel erfaßt.

Wir haben oben den geistigen Gesichtspunkt der Revolutionen angedeutet. Hier liegt der moralische. In jeder Umwälzung brechen die dämonischen Kräfte hervor, welche gleich sind den Kräften der Masse.

Man betrachte zwei Knaben, wenn eine Kleinigkeit, zuerst vielleicht scherzhafter Art, sie zum Handgemenge gebracht. Keiner weicht; bis der Scherz zum Ernste wird. Ihre Wuth ist maaßlos, jedes Mittel wird gebraucht; hätten sie Waffen, sie würden dieselben ebenso führen, wie sie jetzt die Nägel brauchen. Der Knabe wird, wie das Weib, in der Leidenschaft zum wilden Thier; er verliert sich selbst, der böse Geist besitzt ihn.

Der deutsche Bauernkrieg, die römischen Bürgerkriege waren in ihrem Ursprung nicht radikal, nichts desto minder sind sie auf die nämliche Weise gebrandmarkt.—In allen Revolutionen, welche nicht der Geist vollzieht, ist von der obersten Höhe des Ideals bis zur tiefsten Verworfenheit nur Ein Schritt, weil die radikale oder absolute Färbung, welche die Masse hinzubringt, sich durch den geringsten Anlaß zum beherrschenden Dämonismus steigert.


Anmerkung: Ich brauche die Worte "böser Geist" "dämonisch," und andere, weder in bloß bildlichem, noch in mechanischem Sinn. Der neueren Cultur ist jedes Wort von dieser Art ein veralteter Unsinn. Indessen, "den Teufel merkt das Völkchen nicht, und wenn er sie beim Kragen hätte" ein Spruch, der auf die modernsten Radikalen wirklich mit voller Wahrheit anzuwenden ist. Mephistopheles kennt keine größere Freude, als neben allem Andern auch sich selbst zu verneinen. Man hat den christlichen Begriff des bösen Princips, wie viele andere Dogmen damit widerlegt, daß man ihn als eine Lächerlichkeit mit Klauen und Hörnern hinstellte; und man glaubt, den Teufel vernichtet zuTypo correction: zu for zn. haben, wenn man beweist, daß er nicht, nach der Vorstellung der alten Völker, als gesondertes Wesen außer uns, sondern in uns, (in unsern bösen Begierden u. s. w.) lebt. Allein gerade umgekehrt, ist der Teufel damit erst ganz gesetzt. Denn nun, so sehr mich meine Vernunft drängt, zwischen den wahren, göttlichen Sein überhaupt (d. h. zwischen Gott und mir) einen innigen Zusammenhang anzunehmen, so wenig widerstrebt es ihr anzuerkennen, daß auch zwischen den falschen Elementen im Einzelnen und dem falschen Princip überhaupt ein ähnlicher Zusammenhang besteht.

Erst dann ist die Vorstellung vom bösen Princip verderblich, wenn man das falsche Sein dem wahren als gleich gegenüberstellt, statt einzusehen, daß das falsche Sein, welches eben kein Sein ist, dem wahren nur dient, indem es ihm zu widerstreben scheint.

Gehn wir mit dieser Berichtigung zu den Parteien zurück, so wird sich zeigen, daß diese anscheinend fremde Materie uns in der Politik sehr nahe berührt.

Der Dualismus des guten und bösen Princips ist in den Parteien schon an sich gegeben, als der Dualismus des wahren und des falschen Seins.

Das wahre Sein besteht für eine jede Existenz darin, vollkommen sie selbst zu sein. Der Mann aber ist er selbst nur in den zwei männlichen Altern des Lebens.

Der Radikalismus ist das falsche Sein des liberalen, der Absolutismus die Umdrehung des konservativen Princips und das falsche Sein ist in seiner richtigen Stellung nur wenn es dem wahren dient.

Will dagegen das falsche Sein eine selbständige Stellung für sich einnehmen, ein Bestreben das sich selbst aufhebt, weil es kein selbständiges ist—so bleibt ihm Nichts anders übrig, als sich dem korrespondirenden Princip im Universum—dem dämonischen Princip—in die Arme zu werfen. Dieß geschieht aber nicht so, als ob es einer fremden, mechanisch außer ihm stehenden Macht anheimfiele, sondern in demselben Augenblick, wo das falsche Sein seine dienende Stellung, die einzige individuelle, die es haben kann, aufzugeben, und als gleichberechtigt dem wahren gegenüber zu treten unternimmt, wird es mit Verlust seiner Individualität ein Theil des allgemeinen falschen Seins, von dem es nun seine Nahrung empfängt.

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Was heißt dieß Alles?

Nur das Eine, welches nicht oft genug gesagt, nicht scharf genug begriffen werden kann:

Der Radikalismus ist, gleich der Kindheit, gut und segensreich, ja von einziger Wirkung in seiner richtigen Stellung; entartet und verworfen, so wie er ihr entrückt, aus sich selbst gehoben, an die Spitze gestellt und damit den dämonischen Mächten preis gegeben wird.

Von welchen Übeln er uns befreit, von welchen Mißbräuchen, von welchem Druck er durch seine immer lebendige Anregung und seinen thätigen Blick Europa entlastet, wie viel Schlechtes er hinweggeräumt, wie viel Unnützes entfernt, wie viel Neues angeregt hat, das weiß die neuere Zeit.

Hätte er vermocht, in den Schranken der Opposition zu bleiben, hätte er dem Liberalismus das Ruder übergeben, statt ihn zu erdrücken: seine Wirkung würde gesegnet sein.

Statt dessen hat er sich zum Herrn gesetzt: und nun wird Europa eines Jahrhunderts bedürfen, bis die Wunden vernarbt sind, die er ihm geschlagen hat.

Wohl dem Lande, in dem der Radikalismus, ohne Eingriff in die Geschäfte, mit dem Feuer seines Blickes in gemessener Bescheidenheit opponirt. Wehe dem, in dem er herrscht. Öde des Geistes, Leere des Gemüthes, Ruin der Vergangenheit und Zerfall der Gegenwart sind seine Zeichen. Diese Zeichen trägt Frankreich, und weder die Blüthe der äußern Erscheinung, noch der Reichthum dessen, was in den Tiefen gährt, kann sie verdecken.

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Das Menschen Herz, sagt die Bibel, ist ein trotziges und verzagtes Ding: zwei Worte, die vorzugsweise des Knaben Wesen bezeichnen. Seine Stimmung theilt sich zwischen Fröhlichkeit und Melancholie, sein Gemüth zwischen Weichheit und Starrsinn, Egoismus und Hingebung, Unbändigkeit und Gehorsam.

Je mehr der Knabe sich von den Eindrücken der Kindheit entfernt, desto heftiger tritt die erstere Seite, tritt der Trotz seiner Natur hervor. Unfähig, das Band der Autorität zu vernichten, unfähig auf eigenen Füßen zu stehn, zu klein sie zu entbehren, zu klein sich ihr zu fügen, tobt er dagegen. Die Fehler werden zu Lastern: der Knabe wird Bube.

Der Bube setzt sein Ich, um das Ich als den Mittelpunkt bewegt sich ihm die Welt, und wer es antastet, dem tritt er herz- und rücksichtslos entgegen. Für ihn ist nur Ein Maaßstab in der Welt, der seine; nur Ein Recht, das Recht des Stärkeren—das Faustrecht. Zwar setzt er sich im Bewußtsein nicht über die Andern, im Gegentheil, er ist von der gleichen Berechtigung Aller überzeugt. Sein Gemüth aber treibt ihn, vor allen Existenzen sich zu setzen; wo er im Spiele steht, beugt er unbedenklich das fremde Recht.

Seine Gewandtheit im Fordern, wo nöthig im Bitten, ist eben so groß, als seine Naivetät im Nehmen. Gebt ihr ihm den Finger, wie das Sprüchwort sagt, so nimmt er die ganze Hand. Wird dieß auf die richtige Art, mit Kraft zurückgewiesen, so geht er zurück und dankt Euch für das, was ihr ihm gegeben; wo nicht, so nimmt er Alles und mißhandelt Euch, wenn er es hat, noch überdieß dafür, daß ihr ihm nicht von vornherein Alles gegeben.

79

Auf die letztere Weise ist Karl II. von England und Ludwig XVI. in Frankreich zu Grunde gegangen. Sie verweigerten, um im Bilde weiter zu reden, zuerst den Finger und gaben alsdann die Hand. Wären sie Männer gewesen, so hätten sie im richtigen Augenblick, noch eh er gefordet war, den, Finger geboten, und alsdann die Hand, statt sie zu geben, gebraucht.

Zu allen Zeiten, im alten Athen und Rom wie im neueren Europa, ist der Radikalismus bestehenden Verhältnissen gegenüber anfangs mit Bescheidenheit, ja mit Hingebung, in dem Maaße aber, als er entweder ungerecht oder schwach behandelt wurde, mit Insolenz, endlich mit Grausamkeit aufgetreten. Dieser Vorgang wiederholt sich nicht nur in bewegten, er findet in den friedlichsten Zeiten statt; in Deutschland, wie überall.

Wer Augen hat zu sehen, durchsieht ihn in der radikalen und in einem großen Theil der sogenannt liberalen Presse. Man wünscht anfangs Zugeständnisse; man ist voll Lobes, voll Loyalität, voll kriechender Loyalität gegen den Monarchen, der sie gibt; hierauf möchte man eine Verfassung, um die Freiheit der Bürger, um die Sicherheit des Thrones zu erhöhen; weiter eine Monarchie mit republikanischen Institutionen, und endlich—fällt die Maske und die Republik, d. h. die Herrschaft der Herren selbst, ist da.

Die Maske war nicht immer gemacht. Der Bube strebt anfangs vielleicht wirklich nicht so hoch, aber er folgt Schritt für Schritt dem Instinkt der Unverschämtheit.

Ich erinnere z. B. an die rheinische Zeitung, und an die ergötzlichste aller deutschen Zeitschriften, welche unter dem Mantel philosophischer Phrasen den plattesten Radikalismus und unter dem schimmerndsten Talente den kläglichsten Mangel an gesundem Verstand verbirgt—an die deutschen, ehemals hallischen Jahrbücher. Das Ende dieser beiden Zeitschriften würde das geschilderte sein.Obiges ist geraume Zeit vor dem Verbote derselben geschrieben.

80

Von jener Insolenz, die wie oben geschildert, hat die Menschheit das gewaltigste Beispiel in Napoleon erfahren. Napoleon war kein absoluter, er war ein radikaler Despot. Sein Gemüth war getheilt zwischen einem Zuge liberaler Mannheit, und dem niedrigen Drang eines Egoismus, der, wo ihm entgegengetreten wurde, mit dem Faustrecht die Rechte der Völker gebeugt hat. Der Radikalismus aber überwog unverhältnißmäßig und dieser Schwäche des Gemüths ist sein ungeheurer Geist unterlegen.


Anmerkung: Wir haben bisher Napoleon bald als liberalen Geist, bald als radikalen Charakter angeführt. In dieser Trennung wird uns jedermann beistimmen, der Napoleon ohne Vorurtheil und mit poitischem Sinn betrachtet hat. Indessen ist zu bemerken, daß Napoleons Geist von radikalen Elementen nicht ganz frei war, so wenig als sein Charakter jedes liberalen entbehrte; und bei den nächstfolgenden Verstößen ist somit auch der Geist, obwohl in minderem Grade, betheiligt.


Es gehört nicht hieher die mathematisch nivellirende Richtung seines Wesens, seine Verstöße gegen den Organismus der Völker, den Formalismus seines öffentlichen Unterrichts, seiner Staatsverwaltung, seiner Gesetzgebung, seinen Mangel an historischem Sinn, und was er sonst noch mit dem Radikalismus gemein hatte, näher zu beleuchten. Aber wie diese Verwandtschaft ihn zur Erbschaft der Revolution befähigte, so war das bubenhafte Element seines Charakters die Ursache jenes Dämonismus, der sein entfesseltes Gemüth erfüllt und in Verbindung mit einem mächtigen Geist die Welt in zitternden Gehorsam gebannt hat. Und soll ich noch einen praktischen Beleg hinzufügen: Napoleon war auf der höchsten Stufe der Macht, so sehr er geistig als geborner Herrscher zu verfügen wußte, moralisch unfähig, den Emporkömmling zu verläugnen.

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Des Buben Rohheit, seine Heftigkeit, seine Balg- und Zanksucht sind hinlänglich bekannt. Im Läugnen, nicht minder im Lügen ist er Meister, und nur selten gesteht er, er werde denn handgreiflich gezwungen. Das letzte Wort will er wie die Weiber. Macht ihm einen Vorwurf, er gibt ihn zehnfach zurück; sagt ihm eine Wahrheit, er wirft sie Euch umgedreht ins Gesicht. Thut was Ihr wollt, er ist unüberwindlich, jeder Beschämung setzt er eine eiserne Stirn, jeder Niederlage eine heitere Frechheit entgegen. Endlich glaubt Ihr ihn vernichtet: so fordert er Euch mit der Miene des Siegers auf, "euch zu ergeben."

Diese Eigenschaften, von unberechenbarer Wightigkeit, wenn sie auf einem großen Felde ausgeübt werden, machen ihn zum Meister in der Tages-Presse und zum Meister in jedem Staate, wo statt der geistigen Partei das bloße Treiben der Faktion besteht oder wo die Partei zur Faktion zu entarten beginnt: denn sie sind die Grundbedingungen der faktionären Taktik.

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Die Nordamerikaner sind ein junges noch in der Kindheit begriffenes Volk, radikal in Verfassung und Politik—die Menschenrechte sind von ihnen ausgegangen,—in der Religion—statt der Kirche ein unendlich zersplittertes Sektenwesen—, in der Wissenschaft—sie treiben fast nur formale und materielle Disciplinen—, im Leben—Praxis, Materie, Geld ist ihr Princip—und in der Sitte. Wie natürlich, daß dort in der Oeffentlichkeit jene Rohheit sich hervordrängt. Scenen, wie sie öfters in den Kongressen vorfallen, wo geschrieen, geschimpft, gebalgt, gestochen wird, sind das verkörperte Abbild der geschilderten bubenhaften Unart.

Ein kleiner radikaler Staat in der Schweiz, Baselland, kann sich rühmen, den knabenhaften Charakter nicht nur in seinem Repräsentantenhaus, sondern in ergötzlicher Konsequenz durch Verwaltung, Justiz, Personen und Presse hindurchgeführt zu haben.


Anmerkung: Basellands Thorheiten erscheinen uns komisch, weil sie in sehr engem, Nordamerikas großartig, weil sie in sehr weitem Felde durchgeführt sind. Die Sache bleibt dem ohngeachtet ähnlich, sofern man nur den augenblicklichen Zustand Nordamerikas, nicht die Hoffnungen, die sich daran knüpfen, in Anschlag bringt. Baselland wird von den Schweizerradikalen ebenso als Musterstaat gepriesen als Nordamerika von den Europäern.


Ich habe die obigen psychologischen Einzelheiten angeführt, weil sie allein erklären, zu welcher Taktik und zu welchem Preßunfug der Radikalismus unbedingt überall gelangt ist und gelangen muß, wo der Bube den Knaben überwältigt hat (welches in der Natur wie im Staatsleben der öftere Ausgang ist) Nur wer selbst in einem Lande gelebt hat, wo die Parteien sich ungehemmt enthüllen können, kann die Wightigkeit dieser Einzelnheiten begreifen. Es ist unmöglich, den schlimmeren Radikalismus auf dem Wege der Diskussion oder überhaupt durch Gründe des gesunden Verstandes zu belehren. Der Bube wehrt sich gegen die Uebermacht der Idee mit psychischen Mitteln der schlechtesten, mit körperlichen der plumpsten Art. Hat der Gegner ihn geistig geschlagen, so läugnet oder lügt er; Schmähungen oder Insulten sind seine Antwort, und würdet Ihr Euch Jahre lang bemühn, er bleibt zuletzt so beharrlich auf seinem Satze, als ein Weib, wenn Ihr ihm Stundenlang mit Logik entgegengetreten seid.

Nur faktische Uebermacht kann den Buben zurückweisen. Und selbst dann vollbringt er den Rückzug mit der gleichen Stirn, womit er den Angriff gemacht.

Die nordamerikanische, die spanische und die schweizerische Presse können sich die Ehre streitig machen, die Buberei des Radikalismus in ihrer höchsten Stufe auszudrücken. In der Schweiz haben die Schweizer die Rohheit, die Deutschen die Lüge eingeführt. Vergebens glaubt ein ehrlicher Mann, sich an die Verworfenheit einer solchen Presse, wenn er sie Jahre lang erfahren, gewöhnen zu können. Ein Mann kann niemals die Frechheit eines Buben fassen, weil sie ihm zu fern liegt.

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Der Bube glaubt Muth zu zeigen, wenn er Frechheit, Energie, wenn er seinen Starrsinn entfaltet. Und in der That besitzt er zu vielen Dingen einen Muth, den der Mann sich niemals aneignen kann, weil eine barbarische Rücksichtslosigkeit gegen bestehende Verhältnisse und Rechte oder ein ungemessener Leichtsinn dazu gehört. In tausend Fällen wagt der Knabe, was der Mann nicht wagt, weil ihn kein moralisches Gesetz, keine Einsicht in die Folgen zurückhält.

Diese Eigenschaft ist es, wodurch der Radikalismus mit einer Gewalt in die Räder der Geschichte einzugreifen vermocht hat, welcher in gewissen Fällen der höchste Liberalismus nicht sähig wäre. Sie ist es auch, welcher sich die Vorsehung so vielmal zur Erreichung ihrer Plane bedient.

Wäre die Constituante ganz von liberalem Geist erfüllt gewesen, so war die Nacht vom 4. August, war die ganze Revolution unmöglich. Der Liberalismus hätte niemals gewagt, in Einer Nacht die Geschichte von Frankreich umzustürzen. Aber er hätte den höhern Muth besessen, die Reformation Schritt für Schritt gegen die Revolution wie gegen den Absolutismus hindurchzuführen.

Würde er geherrscht haben, so wären vielleicht jetzt erst die letzten äußern Reste des Absolutismus in Europa gefallen: aber dieser wäre verloren und Europa von keiner falschen Freiheit bedroht.

Wie die Dinge nun geschehen sind, so war Frankreich in Einem Jahre befreit. Frankreich aber hat sich an seiner Freiheit zerrüttet und der Absolutismus lebt doch noch in Europa.

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Es gibt eine gewisse Kraft der Schwäche—ich kann es nicht schärfer bezeichnen—, welche von Menschen, die sich ihrer innern Kleinheit oder ihres Mangels an wahrhaftem Muthe instinktmäßig bewußt sind, beständig mit einer Anstrengung geübt wird, aus der die Absicht, sich selbst zu steigern und dadurch zu täuschen, auf den ersten Blick hervorleuchtet. In eine ähnliche Kraft der Schwäche löst sich die bekannte radikale Energie auf, wenn man sie näher ins Auge faßt.

Als die Jakobiner Ludwig XVI. verurtheiltten, waren sie kühn genug, gegen Recht und Menschlichkeit zu handeln, aber diese Kühnheit zeigte ganz Europa, daß sie sich ohne diese Barbarei, ohne Ludwigs Tod, zu schwach fühlten, die Republik zu behaupten. Mit männlichem Muth begabt, hätten sie den König geschont und sie dennoch behauptet.

Als Pombal auf die bekannte gewaltsame Weise die Jesuiten vertrieb, bewunderte man seine Energie, und nicht mit Unrecht. Trotzdem war sie Kraft der Schwäche. Die wahre Kraft wäre gewesen, entweder trotz den Jesuiten zu herrschen oder sie auf rechtliche Weise aufzuheben.

Als die Regierung des Kantons Aargau den bekannten Klosterbeschluß erließ, offenbarte sie den Muth, sich um keinen Artikel des Bundes zu bekümmern, und zeigte nebenbei, daß es ihr an Kraft gebreche, ein paar störrige Pfassen im Zaum zu halten.

Es ist nicht anders, als Kraft der Schwäche, wenn der Radikalismus mit so wüthender Heftigkeit gegen Ultramontanismus und Pfaffenthum zu Felde zieht. Nur ein Knabe kann in unsrer Zeit vor Pfaffen zittern; ein Staatsmann—gläubig oder ungläubig—beherrscht sie, ohne sie zu fürchten. Friedrich II. nahm die vertriebenen Jesuiten auf, und der andächtigste der deutschen Kaiser, Heinrich III., hat unter allen die stärkste Herrschaft über den römischen Stuhl geübt.

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Der Bube liebt die Gewaltthat; sich selbst überlassen kommt er bis zum Frevel.

Sein Feuer erwärmt nicht, es zerstört. Er liebt das Zerstören, in kleinen Speilereien wie in großen. Sein größtes Vergnügen ist zu verderben, was ihm unter die Hände geräth. Er schont dabei sich selber nicht; was er gebaut hat, reißt er wieder ein; und oft baut er nur um einzureißen.

Zu schaffen, hat er den Drang, heftigen unablässigen Drang; aber auch nur den Drang; die Kraft geht ihm ab. Dieß fühlt er und sein Ersatz ist, um so mehr zu zerstören.

Wir haben bisher gesehen: der Radikalismus geht mittelbar oder unmittelbar aus jeder größern Revolution hervor; hier sehn wir umgekehrt: die Revolution liegt mittelbar oder unmittelbar im Charakter des Radikalismus.

Nicht nur wenn sie verfault sind, stürmt der Radikalismus gegen alte Institutionen an. Er bekämpft die Geschichte an sich, und reißt ein mit Lust; der bessere Radikalismus, weil er die organische Täuschung in sich trägt, auf den Trümmern des Vergangenen eine neue Welt erschaffen zu können, der schlimmere, weil die Sucht zu zerstören ihn treibt. Tabula rasaLatin for "blank slate" — wollen beide; jener um rein und ungestört sein Ideal des Staates darauf zu zeichnen und damit die Menschheit zu beglücken; dieser, um darin zu graben, was ihm beliebt.

Wie viel theils schlechte, theils gute Institutionen der Radikalismus im romanischen Europa niedergerissen hat, mit welcher Lust er sich darin ergeht, bedarf keines Erweises. Wie aber im Knaben weniger die Spielerei zu beachten ist, als der innere Drang, das versengende Feuer, aus dem sie hervorgeht, so wirkt der Radikalismus nicht nur durch Aufhebung nützlicher Schranken—welche, wo sie bewährt sind, sich wiederum herstellen—sondern mehr noch dadurch gefährlich, daß er den Völkern jene Raft- und Ruhelosigkeit, jenen Mangel an Halt, jene lebhafte Intention des Schaffens und jenes heillose Unvermögen zu schaffen, mittheilt, woran er selber leidet.

Wie dieser ruhelose Geist in Spanien, Portugall, Frankreich, in die Schweiz eingedrungen, wie er dorten haust, sagt uns jeder Tag.

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So oft der Radikalismus an die Stelle des Zerstörten Neues zu pflanzen versucht hat, was war der Erfolg?

Als Hebert an die Stelle des Christenthums den Kultus der Vernunft, als Robespierre das höchste Wesen, als man späterhin die Theophilanthropie statuirte—was war dieß alles? Die neue Stiftung vernichtete sich selbst und selbst von denen, die heutzutage das Nämliche wollen, wagt Niemand mehr, den Wahnwitz zu rechtfertigen.


Anmerkung: In unsern Tagen wollen viele einen Cult à la Robespierre ohne es sich zu gestehen; sie würden staunen, wie man ihnen sagte, sie wollten dasselbe was Robespierre gewollt hat; denn sie halten es für himmelweit unterschieden. Was mancher im Ideal sich treflich denkt, erfüllt ihn mit Schrecken, wenn es zur Praxis kommen sollte; und zwar nicht nur aus Schwäche, sondern aus einem Rest von gesundem Instinkt; einem Instinkt, der nur in Revolutionen überwältigt werden kann.


Wenn in der Schweiz in völligem Ernst und zwar von angestellten Lehrern aus der Vorschlag gemacht worden ist, statt des christlichen Kultus einen ästhetischen, mit Hülfe von Sängerhütten einzuführen, so lacht ein Mensch von gesunden Sinnen darüber. Oder wenn in Deutschland die Neuhegelianer beschlossen haben, die Kirche zu verlassen, und an die Stelle der christlichen Religion die des Selbstbewußtseins zu setzen—wohl so mag es geschehen; aber alle Welt weiß, daß Hegelsche KunstwörterOriginal text has this word duplicated: Kunstwörter Kunstwörter. sind und das Christenthum—das Christenthum; d. h. eine positive Stiftung von, wie man auch denken mag, so eminenter historischer Größe, daß Knaben, wie diese, sie kaum verstehen, geschweige denn ihre Weisheit als Ersatz dafür geben können.

Gehn wir von den Karrikaturen des Radikalismus auf seine edelsten Erscheinungen zurück, so bleibt es nichts desto minder gleich wahr, daß er überall aufzuheben, nirgends aufzubauen versteht.

Man betrachte die größten und segensreichsten Veränderungen der modernen Zeit—wo ist irgend etwas gestiftet worden?

Europa hatte früher einen Adel—der Radikalismus hat ihn aufgehoben.

Es hatte Verschiedenheiten der Rechte, der Rechtsfähigkeit und der rechtlichen Behandlung—der Radikalismus hat sie ausgestrichen.

Es hatte Zünfte, Innungen, Korporationen—der Radikalismus hat sie getilgt. Das heißt mit andern Worten: Die Gleichheit der Stände, die Gleichheit des Rechts, die Befreiung der Gewerbe sind noch keine Schöpfungen, sie sind nur Negationen früherer positiver Verhältnisse.

Daß sie trotdem Großes und Herrliches gewirkt, liegt in der Verdorbenheit dieser letzteren.

Man hat seitdem einen neuen Adel zu schaffen versucht—aber was ist z. B. die französische Pairie? Durch die Rechtsgleichheit ist mehr als je das höchste Recht zum höchsten Unrecht geworden—wie hat man gesteuert? Die Schrankenlosigkeit der Gewerbe hat sich fühlbar gemacht—wir haben noch keine ersetzende Einrichtung.

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Obwohl nichts weniger als grausam gesinnt, begeht der Bube doch Grausamkeiten genug. Er quält die Thiere und Menschen, wenn die Laune ihn treibt; er gefällt sich in Plackereien aller Art ohne sie zu berechnen; er ist rücksichtslos in hohem Grad—bis zur Barbarei.

Sein Zorn, wenn er gereizt, seine Rachsucht, wenn er beleidigt, seine Wuth, wenn er gebändigt wird, ist barbarisch. Einmal aufgeregt, spielt er mit Leben und Tod, wie der Poet in seiner Dichtung und ohne einen Einzigen persönlich zu hassen, wäre er fähig, mit leichtem Sinn Hunderte hinzuopfern.

Mit dieser Barbarei verbindet er trotzdem ein Zartgefühl oder vielmehr eine Weichheit des Gefühls, die ins Kleinliche und Ubertriebene geht. Seine Vorliebe, wenn er einen Gegenstand erfaßt hat, artet in Hätschelei aus: der geringfügigste Anlaß preßt ihm dann Thränen aus und sein Mitleid ist nun ebenso unbegrenzt, als es vorher seine Gleichgültigkeit war.

Die Quelle so entgegengesetzter Eigenschaften ist die Sentimentalität—die vorspringendste von allen moralischen Funktionen im Knabenalter. Die Sentimentalität ist ebenso grausam als sie leicht zu rühren, ebenso bestimmbar zum Bösen als sie erregbar zum Guten ist. Sie besteht in nichts weiter als in der lebhaftesten Gefühligkeit. Um eine Sache wieder zu gewinnen an der sie gehangen hat, gibt sie im Augenblick des Schmerzes hundert werthvollere hin; um ein kleines Interesse zu retten, das ihr Vergnügen gemacht, mißhandelt sie tausend große; und so heftig ihre Anhänglichkeit im Augenblick ist, so wenig hält sie Stand in die Länge der Zeit oder im Augenblick der Gefahr.

Das Bild der bloßen Sentimentalität ohne jede Gemüthskraft ist Couthon der Jakobiner, der kein Blut zu sehen und kein Thier zu tödten vermag, während er mit herzloser Kälte die Menschen der Guillotine überliefert.

Dieser Contrast von Grausamkeit und Zartgefühl zeigt sich nicht nur in Revolutionen. Er ist das Merkmal aller Völker, die auf der niedrigsten Stufe der Kindheit stehn und die wir "Wilde" nennen.

Er zeigt sich endlich innerhalb der Civilisation—in den radikalen Gesetzgebungen oder den Principien der Gestzgebung: als Verbindung der rücksichtslosesten Umkehrung der Privatrechte mit der übertriebensten Schaustellung der Humanität.

Gegen den Kriminalverbrecher z. B. ist unser Radikalismus unendlich human. Die Todesstrafe ist nach ihm eine furchtbar mittelalterliche Barbarei; wer sie vertheidigt, ist ein Feind der Humanität; und nach seinen Aeußerungen ist es, wie man glauben sollte, nicht der Gemordete oder Verwundete, sondern der Mörder, der als Unlgücklicher im Voraus das zarteste öffentliche Mitleid und die ausgesucht schonendste Behandlung in Anspruch zu nehmen hat.

Ebenso sentimental zeigt er sich beim Züchtigungsrecht in der Erziehung, dem Herrschaftsrecht in der Ehe u. s. f. in den einzelnen Privatverhältnissen. Mit Einem Wort, "der Radikalismus arbeitet, mit W. Menzel zu reden, auf der einen Seite fast ebenso eifrig, durch laxe Gesetzgebung die Zucht- und Armenhäuser und Spitäler zu füllen, wie auf der andern Seite das menschliche Elend in diesen Häusern zu mildern."

Diesem gegenüber stelle man das Verfahren der Radikalen gegen politische Verbrecher, wenn sie selbst an der Spitze der Regierung stehn. Die Plackerei, womit der Einzelne behandelt, die Leichtigkeit, womit die Todesstrafe zuerkannt wird; die Barbarei der Prozesse. Man braucht dabei nicht gerade an die Jakobiner zu denken; man hat neuere Beispiele in einigen Kantonen der Schweiz, in Bern, in Tessin, in Aargau.

Erwägt man dieß alles, so ergiebt sich der eigenthümliche Rechtssinn des Radikalismus.

Der Knabe hat das feinste, lebhafteste Rechtsgefühl, so wie er selbst geschädigt oder ein Gegenstand seiner besondern Neigung, sein Interesse verletzt wird; er ermangelt nicht, sich sofort zum Vertheidiger des Rechts und zum Schützer der Unterdrückten aufzuwerfen. Allein jede Spur verschwindet, wenn das Recht gegen ihn selbst vollzogen werden soll, oder wenn ein verhaßter Gegenstand ihm Blößen bietet; alsdann kennt er nun mehr sein Recht der unbeschränkten Freiheit, das Recht zu thun was ihm beliebt.

Auch ist ein Verständniß des Rechts, genau betrachtet, für den Knaben in der That unmöglich. Der Knabe kennt kein Recht. Achtung des Rechts setzt einen Begriff der verschiedenen Berechtigungen des Daseins voraus—ein Begriff, den der Knabe moralisch nicht empfinden kann, weil er ihn geistig nicht besitzt.

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(Weltansicht.)

Seinem Wesen nach kennt der Knabe nur eine abstrakte oder eine sinnliche Weltanschauung. Nur die Einheit für sich allein oder die Vielheit faßt er auf; und diese Gegensätze liegen in ihm so unvermittelt neben einander, wie in der alten Welt das Judenthum und der griechische Polytheismus.

So wird er auch in der Religion zwischen den Extremen umhergeworfen. Sobald er selbständig darüber nachzudenken beginnt, versenkt er sich entweder mit ganzer Abstraktion der Seele in ihre Eindrücke und Geheimnisse, oder er gibt sich, unfähig mit seinem Verstande durchzudringen, dem Geiste des Widerspruchs hin und verwirft den Glauben mit einer Dreistigkeit, die in Frivolität ausartet. Der Knabe schwärmt—oder zweifelt.

In den Zeiten des Mittelalters, und noch später war der Radikalismus schwärmerisch. Er äußert sich in einer Unzahl mystischer, puritanischer, ascetischer Sekten; wie sie heute noch in Nordamerika, dem Lande der Kindheit, zu finden sind. In unserer Zeit ist er skeptisch; er hat das Christenthum über Bord geworfen, er bekrittelt, tastet an, wirft um, so viel immer möglich; er zweifelt, um zu zweifeln. Ächt knabenhaft erklärt er alles für unvernünftig, was seine Vernunft nicht faßt. Es ist nicht die Wahrheit, die er im Zweifel sucht. Der Knabe dreht sich als natürlicher Sophist in den Formen der Dinge herum, statt ins Wesen einzugehn, eine Eigenschaft, die sich auch als Sophismus des Gemüths bei denjenigen religiösen Sekten offenbart, welche das Wesen des Christenthums in die Aufrechthaltung formeller Kleinigkeiten setzen.

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Nur selten wird der Knabe Gott lieben; er fürchtet ihn. Wenn Angst oder Noth ihn drängt, flüchtet er sich zu dem unbekannten Wesen, dessen Nähe er außerdem von sich zurückweist. Aber je weniger er in das Innere der Religion eingeht, desto heftiger ist seine Neigung zum Kultus, dessen seine Phantasie, seine Sinnlichkeit bedarf. Hat er den kirchlichen verworfen, so schafft er sich selbst einen andern; wie denn der Radikalismus unserer Zeit sich in einem ästhetisch—belletrischen Kultus gefällt und durch Feste, Mahle, und Sängeranstalten die Sakramente zu ersetzen wünscht.

Des Knaben Gemüth, mag er zweifeln oder schwärmen, steht gewöhnlich unter der Herrschaft eines Aberglaubens, von dem er um so mehr umfangen ist, als der Geist sich desselben nicht bewußt wird. Daher die Feigheit radikaler Freigeister in großen Momenten oder in der Stunde des Todes.

Vergebens strebt das Individuum, ehe es die Jünglingsjahre erreicht hat, nach einem klaren, freien Verhältniß zu Gott; er bleibt sclavisch oder zügellos. Ein Ersatz dafür liegt in seiner Beziehung zur Natur.

Es ist nicht blos das Malerische der letzteren, was dem Knaben gefällt. Die wunderbare Mannichfaltigkeit, die er im menschlichen Organismus noch nicht fassen konnte, erblickt er hier in verständlicher Art; das Urwesen tritt ihm vermittelt und doch sprechend in der Natur entgegen. Auch ihre Gesetze sind ihm nicht zu hoch: sie lassen sich mathematisch ermitteln. Völker von radikaler Entwicklung, wie die Nordamerikaner, treiben daher nächst der Mathematik vor allem die Naturwissenschaften, und Völker von radikaler Färbung, wie die Franzosen, sind Meister darin.

Vom Gemüth aus entwickelt sich dieses Verhältniß zu einem Kultus der Natur; von der erhabensten und schönsten Weise bei Kindern in kindlicher, von der krankhaftesten bei Kindern in männlicher Zeit. An die Stelle der Verehrung Gottes tritt die Verehrung des Geschöpfes, in dem Gott sich offenbart; in einer männlichen Zeit also des Menschen selbst, als Cultus des Fleisches, Cultus des Genius, und wie die Culte alle heißen, wodurch die positive Religion ersetzt werden soll.

91

(Politik.)

Die Welt betrachtet der Knabe als ein Conglomerat nebeneinanderliegender Erscheinungen, deren Verkettung ihm ebenso unbekannt ist als ihre Stufenreihe. Nur der Verstand, haben wir oben gesagt, sondert die Dinge: die Abstraktion macht sie gleich. So sieht er auch die Menschen an, so weit sie nicht außer seiner Sphäre, seinem Blicke zu hoch stehn.

Knaben unter sich sind Demokraten. Gleichheit verlangt ihr Geist und Gleichheit verlangt ihr der Unterordnung widerstrebendes, zu herrschen unfähiges Gemüth.

Man vergegenwärtige sich eine Schule von dreißig oder vierzig Knaben, in der kurzen Zeit bevor der Lehrer eintritt. Hier herrscht unbedingte Freiheit und Gleichheit; Keiner gehorcht und Jeder befiehlt; ein wüstes Durcheinander von Figuren und Stimmen, die Verwirrung, der Lärm, das Geschrei ist allgemein. — Der Lehrer erscheint und von dem Augenblick an sind alle eben so gleich im Gehorsam, als sie vorher gleich waren in der Anarchie.

Das heißt, für Knaben paßt nur die demokratische oder die despotische Verfassung. Denn auch das ist Gleichheit, wenn alle insgesammt gleichmäßig einem Einzigen gehorchen, der auf unerreichbar hoher Stufe steht.

In der Kindheit der Geschichte sind nur Despotieen und Republiken zu sehn; und das radikalste Volk Europas, die Franzosen, wird niemals anders als entweder unter der Diktatur oder unter der Demokratie zufrieden sein.

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Dem Knaben ist die Freiheit die Willkür zu thun was ihm gelüstet. Die Gleichheit setzt er darein, daß kein Anderer höher berechtigt sei als er selbst. Sie hindert ihn also nicht, sein Recht, so oft es ihm einfällt, über das der andern zu setzen. Wenn nur kein fremdes Recht sich über das seinige hebt. Der Erzieher kann die Freiheit des Knaben beschränken und er verträgts; jede Verletzung der Gleichheit aber, gegenüber seinen Genossen begangen, bringt ihn außer sich. "Ich habe oft die Freiheit der Franzosen angetastet, hat Napoleon gesagt, die Gleichheit habe ich niemals zu verletzen gewagt." Die letztere ist dem radikalen Frankreich viel theurer als die erste. Auch Talleyrand pflegte dieß oft zu sagen; er hielt es für den Grundpfeiler der französischen Regierungskunst.

In der That ist sie das politische Grundaxiom alles Radikalismus, sowohl des religiösen als des weltlichen, von den Buddhisten an bis auf diesen Tag.

Diese Gleichheit war früher auf einzelne Raçen, einzelne Stände, einzelne Gemeinwesen beschränkt; erst in unsrer Zeit und nur in Europa—warum, ist später zu erörtern—ist sie eine allgemeine geworden.

Wie sie nun durch alle Verhältnisse des Lebens, theils theoretisch, theils praktisch hindurchgedrungen ist—als Gleichstellung aller Rechte, als Aufhebung der Nationalitäten, als Gleichsetzung der Geschlechter, als schrankenlose Freiheit in Handel und Gewerbe, als Parcellirung der Güter, als Nivellement der Stände, als Ausgleichung der Bildung und der Sitten bis hinab zu den Trachten—dieses alles ist so bekannt, daß zum Behuf eines Ueberblicks im Ganzen schon die Hindeutung genügt.—

Wir glauben damit den Grundcharakter des Radikalismus—Beugung des organischen Lebens unter die unumschränkte Allmacht der Abstraktion—hinlänglich geschildert zu haben.

Zweites Kapitel.

Der jüngere Mann.

Vorbemerkung: Indem wir zum Liberalismus übergehen, machen wir den Leser auf die von nun an völlig veränderte Stellung der Naturen zur Entwickelung aufmerksam. Jeder Mensch, vom kleinsten bis zum größten, zeigt sich in der Knabenzeit als Knabe; aber nicht jeder zeigt sich in der Manneszeit als Mann. Die Mängel der Entwickelung fallen beim größten Individuum sichtbar ins Auge; aber fast unsichtbar sind die Vorzüge der Entwicklung bei kleinen Naturen. Während wir bei einer Menge von Menschen in der Knabenzeit den vollkommensten Einklang von Natur und Entwickelung bemerken, finden wir nur bei Wenigen diesen Einklang in der manneszeit.

Die Beobachtung wird dadurch ungleich schwieriger; und wenn die vorige Schilderung auf Alle gleich sehr gepaßt zu haben scheint, so muß die jetzige nothwendig nur auf Einzelne anwendbar erscheinen. Um den Widerspruch zu begreifen, muß man die angegebene Ursache im Auge behalten.

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(Im Allgemeinen.)

Der Jüngling tritt frei in die Welt. Ihn bindet keine Zucht mehr; von nun an erzieht ihn das Leben und das Schicksal.

Sein erstes ist, den Boden zu prüfen, auf dem er steht—die innere und die äußere Welt. Die Traditionen der Kindheit, die ganze Summe dessen, was er bisher geglaubt, fällt hinweg. Er feblst will sehen. Seine Kritik verschont Nichts; er ist kühn genug, an Allem zu zweifeln.

Aber nicht, um zu zweifeln. Er zweifelt, um von sich slebst aus zur Wahrheit durchzudringen. Er forscht, um zu finden; setzt Gottheit und Menschheit in Frage, um sie eigener, und größer wieder zu gewinnen.

Die Lust der Forschung und der Drang nach Wahrheit, die geistige und gemüthliche Kritik ist ein Erzzug alles Liberalismus. Lessings bekannter Ausspruch "wenn Gott in der Rechten ihm die Wahrheit, in der Linken den Drang nach Wahrheit anböte, er würde das letztere wählen"—drückt ihn in der paradoxesten Weise aus. Von jener Opposition aber, wie sie der Unfreie macht, ist im Liberalismus keine Spur. Der Freie bedarf ihrer nicht. Der Knabe hatte bekrittelt, um zu negiren; der Jüngling kritisirt, um zu finden.

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Soll ich in einem historischen Bilde den Charakter des Liberalismus und seine Verschiedenheit vom Radikalismus bezeichnen: so denke man sich Luthers Leben auf religiösem, Lessings Wirken im wissenschaftlichen Gebiete.

Luther war nicht größer, wenn er gegen die Verfaulung des Pabstthums predigte, als wenn er verachtungsvoll den Radikalismus der Carlstadt, Münzer und die Ausschweifungen des Bauernkrieges zurückwies. Noch unsterblicher, als durch seinen Streit gegen den orthodoxen Absolutismus ist Lessing durch die Strenge geworden, womit er als Liberaler die Knabenhaftigkeit der Franzosen in der Philosophie und Religion, in Poesie und Kunst gegeißelt hat. Beide waren vermöge ihrer Zeit berufen, den Absolutismus durchzubrechen; beide haben es ihr Leben lang, auch im heißesten Kämpfe verschmäht, den Radikalismus zu Hülfe zu ziehn, geschweige denn mit ihm in Bund zutreten. Während die eine Hand das Verderbniß oder die Verknöcherung des Alten bekämpfte, züchtigte die andere das Unwesen der Buben. Ungebeugt durch die radikalen Konsequenzen, welche die Mehrzahl der Menschen an seine Lehre knüpfte, blieb Luther auf festem Grunde stehn, und ungestört durch die steigenden Siege des Deismus und Atheismus hielt Lessing, der Freidenker, das Christenthum in der Tiefe seiner Dogmen aufrecht.

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Der jüngere Mann ist der mensch in seiner höchsten Blüthe. Voll Leben und Bewegung, und zugleich voll Verstand und Bewußtsein; der Geist nach allen Seiten entfaltet und auf der Höhe der schöpferischen Kraft; das Gemüth energisch und hoch gesinnt, noch ungetrübt vom Schicksal: der ganze Mensch in der Fülle seiner Triebe, voll Begierde der Zukunft und doch schon Meister der Gegenwart, voll Geschik und muthig alles zu wagen und doch zugleich schon im Leben belehrt; unbeugsam ringend nach Einem Ziel, unbesiegbar durch jede Schranke und dabei voll Erfindung im Entwurf, voll Verstand in den Mitteln, voll Genie in der Ausführung: eine solche Konstitution oder keine ist zur Reform gemacht—wie der Knabe zur Revolution es war.


Anmerkung: Wir brauchen den Ausdruck Reform, da er allgemein üblich ist, obwohl er den Liberalismus nur mangelhaft bezeichnet. Das Eigenthümliche des Liberalismus ist Schöpfung, Formation, nicht Reformation, welche letztere vielmehr den Konservatismus charakterisirt. Indessen ist der Ausdruck insofern brauchbar, als er stets daran erinnert, daß die wahre Formation an vorhandene Elemente anknüpft.


Das Knabenalter wünscht über sich hinaus zu gehn; dieses trägt seinen Endzweck schon in sich; der Knabe strebt vorwärts, gleichviel wohin, der Jüngling geht vorwärts auf sein Ziel. Sein Fortschrrit trägt die Schranke in sich selbst; seine Jugend läutert, seine Kritik kritisirt sich selbst. Wo der Knabe nur opponiren kann, da ist er berufen, ein-und durchzugreifen. Jener scheint zu schaffen und zerstört; dieser scheint zu zerstören und schafft. Und selbst da, wo er im Ungestüm der Jugend die Grenze überschreitet, wirkt er heilsam, weil er Keime der Schöpfung zurückläßt.—

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Gleichwie ohne die Jugend wohl Friede, Wohlsein, Glück, aber kein Leben bestehen könnte auf der Welt: so ist der Liberalismus, weil er allein mit der Gediegenheit der Kräfte die Aktivität verbindet, das bildende Prinzip alles Daseins in Wissenschaft und Glauben, in Kirche und Staat; und nur, was Keime der Schöpfung von positivem Kern in sich hält, verdient den Namen liberal.

Ueberall, unter jeder Bedingung, auch da, wo er Zerstörung vor sich her trägt, verfährt der Liberalismus organisatorisch; wo nicht unmittelbar segenspendend, doch immer lebenspendend. Was hat nicht z. B. Alexander der Große, bei aller Wildheit, gestiftet, geweckt, gesäet, gebaut; wie tiefe, wie positive Wurzeln hat nicht seine Wirksamkeit in Orient und Occident geschlagen! Er fand das persische Reich zur Zerstörung reif: sein Wille war, ein Neues und Höheres auf den Trümmern zu begründen. Er trug die griechische Freiheit zu Grabe, weil sie vorüber war: zum Ersatz hat er griechische Kultur über die Erde verbreitet. Gerade wie er Tyrus mit dem ganzen Ungestüm seiner Leidenschaft zerstören konnte, aber nicht, ohne ein zweites und größeres, Alexandrien, erstehn zu lassen: so war sein ganzes Leben, so ist aller wahrhafte Liberalismus.

In ganz anderer Weise hat Lessing dieß so sehr gefühlt, daß er, obwohl unpoetisch ganz und gar und sich dessen bewußt, in der Dichtkunst mit seinem Beispiel voranging, bloß um nicht nur das Falsche zu bekämpfen, sondern auch zum Wahren wenigstens Bahn zu brechen.

Will man ein politisches Bild, um die schaffende Kraft des Liberalismus und das Unvermögen des Radikalismus zu vergleichen: so denke man sich Frankreich unter dem Direktorium; und Frankreich unter dem ersten Konsul, oder man denke sich den letztern, wie er über den Trümmern der Revolution binnen zweier Jahre einen neuen Staat, eine neue Kirche, neue Gesetze, neue Finanzen hervorruft; und neben ihm die spanische Regentschaft, wie sie, unter verwandten Verhältnissen, Spaniens Zustände verlängert. Man erinnere sich, wie viel der Freiherr von Stein, als liberaler Minister, in wenigen Monaten für Preußen gethan hat, und vergleiche damit, was die Julirevolution den Franzosen genützt hat.

In der deutschen Geschichte haben wir ein erquickendes Charakterbild eines organisirenden Liberalen an König Heinrich I, wie er das Reich aus der tiefsten Zerrüttung zur Ordnung, aus der wehrlosesten Zerriffenheit zur Einheit einer kräftigen Nation erhebt.

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Die Periode des jüngern Mannes ist eine Zeit des Ringens, welche sich, durch tausend Reibungen hindurch, mit einem Abschluß seines Wollens und seiner Ueberzeugungen, mit der Consolidation des innern und äußern Menschen, endigt. Während dieser Zeit erwirbt er sich die Erfahrung; aber von vornherein besitzt er so viel, um die Erfahrung Anderer zu schätzen und zu Rathe zu ziehn. Seine Meinungen sind voll Glut, seine Behauptungen voll Schärfe, aber er ist zu gescheidt und zu menschlich, um nicht von Natur jedes fremde Streben, wenn es edel gemeint ist, zu achten. Wo der Knabe ausschließend ist, ist er durchdringend; wo jener sich beschränkt, wahrt er sich den freien und ungetrübten Blick; wo jener verdammt, betrachtet er. Frei von Vorurtheil, mit gesundem und starkem Sinn, nimmt er die Dinge wie sie sind, und diese Freiheit ist die Mutter der höchsten Toleranz—einer Toleranz, welche niemals mit der Schlechtigkeit Frieden schließt oder zwischen verschiedenen Richtungen in ekler Mitte herumschwankt, jedes Ehrenwerthe aber auch im erbittertetsten Gegner ehrt und von ihrem festen Gesichtspunkt aus mit Unbefangenheit die andern Standpunkte würdigt.

Wenn diese Unbefangenheit in der Leidenschaft des Kampfes oder in Zeiten, wo es gilt, mit ganzer rücksichtsloser Kraft nach Einem Zwecke hinzuarbeiten, nicht immer vorhanden sein kann, so wird er wenigstens immer loyal, offen und mannhaft, ohne Hinterlist, wie ohne Schminke seine Waffen führen.

Ich erinnere abermals an Lessing. Lessing war von einer Billigkeit beseelt, die jedem und allem, dem sich irgend ein Verdienst abgewinnen ließ, seine Ehre gönnte. Sein Lob war ebenso ferne von Schmeichelei als sein Tadel von Schmähsucht. Er kannte kein Vorurtheil irgend einer Art. Was ihm richtig schien, vertheidigte er zum Trotz aller Welt, und so sehr er wahrhafte Autoritäten achtete, so wenig ließ er sich jemals durch eine Autorität bestimmen.

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Der Knabe wirft die Autoritäten weg oder er untergibt sich ihnen; er verdammt oder vergöttert sie. Der jüngere Mann, zur Selbständigkeit gelangt, thut keines von beiden; er kann vermöge seines Alters sie bestreiten, ohne der Mißachtung, kann sie anerkennen, ohne der Unterwürfigkeit schuldig zu scheinen.

Jene Toleranz und diese Selbständigkeit sind unzertrennlich verbunden. Die Toleranz z. B., welche ein liberaler Staat bei politischen Vergehen ausübt, besteht nicht darin, daß er ohne System und als Sklave der Stimmung, den Angriffen ihren Lauf läßt oder sich der Strafgewalt begibt, sondern darin, daß er, von seinem System aus, ohne Leidenschaft wie ohne Furcht, das Unumgängliche mit Strenge bestraft, das Verzeihliche verzeiht, das Unbedeutende aber sich selbst überläßt.

Dieß hat man im alten Rom verstanden; man versteht es in England. Man läßt dort Agitationen gewähren, die bei uns als ungeheure Verbrechen behandelt würden, weil man im letzten Grunde sich sicher und kräftig weiß; während anderswo gegen Kleines gewüthet, bei Großen kapitulirt wird. In Frankreich und in der Schweiz ist man der Spielball jeder Empörung; und wo die Toleranz sich in Schwäche verkehrt, verkehrt sich die Schwäche, so bald sie kann, zur Intoleranz und zur Rache. In Deutschland setzt man, um einiger studentischen Unbesonnenheiten willen, die Nation aufs Spiel, und kokettirt auf der andern Seite mit dem Zeitgeist; man straft die Leute, wenn sie sich in der bescheidenen Form von Bittschriften äußern, und wird höflich, wenn sie handgreiflich werden.

Die Duldung des Mannes ist also das Widerspiel der schwächlichen "Humanität", die wir oben geschildert haben. Aus der Hingebung—an Sentimentalität oder Leidenschaft, an den Eindruck des Glücks oder die Schrecken des Unglücks—entspringt das Verhalten der Extreme; aus der Unbefangenheit, das des Manns. Die letztere straft ohne Haß und verzeiht ohne Schwäche, die erstere ist gehässig, wenn sie strafen, und zittert, wenn sie vergeben muß.

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Da die Selbständigkeit der Nerv des Manneslaters ist, (des jüngeren im Vollgefühle seiner Kraft, des älteren im Bewußtsein seiner Errungenschaft), so kann der Mann die Gründe seines Handelns niemals in einer Autorität, er kann sie nur in der Wahrheit finden, welche die Autorität ihm entgegenbringt. Eine liberale Regierung wird niemals der öffentlichen Meinung als solcher, dem Zeitgeist als solchem huldigen; sie wird ihn immer beachten, seine Falschheiten aber bekämpfen, wie sie seine Wahrheiten beherzigt. Eine liberale Opposition wird niemals die Autorität des Thrones mißachten, aber ebenso wenig einen Vorschlag genehmigen, weil er vom Throne kommt; oder, wie die Radikalen, ihn verwerfen, weil er vom Throne kommt.

Der Knabe, wenn er sich von der Autorität losgerissen hat, ist genöthigt, sich zur Selbstständigkeit zu schrauben; um zu scheinen, was er nicht ist, zeigt er sie in jedem Augenblick, bei jedem Anlaß. Der Mann prunkt nicht mit ihr, weil er sie in Wahrheit besitzt, aber er beweist sie. Auf die letztere Art haben große und männliche Staaten allezeit gegenüber dem Ausland gehandelt; die erstere ist in den kleinen radikalen Staaten der Schweiz und Südamerikas üblich, wo man nach Knabenart erst widerbellt und dann gehorcht.

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(Seine Humanität.)

Die Zeit des jüngern Mannes ist der höchste Ausdruck des Menschen. Die menschliche Natur, welche wie jeder andere Organismus verschiedene Phasen durchläuft, die sich dem Urbilde stufenweise nähern und such stufenweise davon entfernen, tritt hier in ihrer eigensten Darstellung auf. Des Menschen mächtigste, die reichste Fülle seines Gemüths und die vollkommenste Blüthe seines Körpers fallen in deise Zeit. Der Mensch wird in ihr ganz zum Menschen. —

In diesem tiefsten Sinn de Wortes ist der Liberalismus human; er und die Humanität sind Eines. Nichts menschliches steht ihm ferne; er umfaßt Alles, der Sinn für menschliche Zustände, das Gefühl für menschliche Gebrechen ist ihm eingerboren; denn unter allen Parteien trägt er allein den Menschen ganz in sich.

Und dieß ist seine Macht—eine unermeßliche, unwiderstehliche Macht. Wenn der Radikalismus durch den piquanten Reiz, den der Widerspruch immer im Menschen erweckt oder durch den Zauber des Idols, wenn der Absolutisms durch seine Kunst, der Konservatismus durch seine Gediegenheit die menschen bezwingt, so besiegt sie der Liberalismus durch sich selbst, durch die Kraft seiner Wesenheit: der Mensch wird zm Menschen gezogen.

Wer wollte, im moralischen Sinne des Wortes, un liberal sein? Der es wollte, wäre kein Mensch. Aller Radikalismus, um zu wirken, nennt sich liberal, und alle Despotie, wenn sie mildern oder gewinnen will, schmückt mit liberalem Scheine.

Ich will hier, auf die Gefahr hin mißverstanden zu werden, einen Namen anführen, der in Aller Ohren ist. Der größte Liberale, der einzige vollkommene, den die Weltgeschichte kennt, ist Christus. Und wodurch hat Christus am mächtingsten, wodurch hat er so mächtig gewirkt, daß noch heute Niemand unter uns, der ihn irgend kennt, wenn er nur Menschengefühl hat, anders als ihn lieben und heilig halten kann? Wodurch hat sein Bild sich so tief in die Sinne der Völker, in das Herz der Menschheit eingeprägt? Nicht durch die Erhabenheit seines Geistes, nicht durch die Wunder seines Lebens allein, nicht durch das Überirdische seines Wesens, sondern durch seine Menschlichkeit.


Anmerkung: Indem wir Christus als menschliches Beispiel anführen, ist es nöthig, den Standpunkt anzugeben, von welchem aus dieß geschieht. Es ist der Standpunkt der Geschichte, welcher uns mit Absehung von allen dogmatischen Fragen, Christus bloß als historische Persönlichkeit zu betrachten berechtigt. — Diese Berechtigung versteht sich von selbst gegenüber der Philosophie, erscheint jedoch seltsam gegenüber der Religion und der Kirche. Indessen so scheint es auch nur. Denn die Kirche, indem sie die Gottmenschheit Christi statuirte, hat damit keinen Abbruch seiner menschlichen Naturstatuirt, sondern im Gegentheil zugleich den durchaus menschlichen Charakter derselben gegen alle Sekten festgehalten. Ein psychologisches Eingehen auf die menschliche Individualität Christi (mit der nach kirchlichem Begriff die Gottheit sich vereinigt hat), wie es schon bei den Kirchenvätern zu finden ist, widerspricht deßhalb weder der Kirche, noch geschweige der Religion, wenn anders die Wissenschaft nicht die Bedingung des kirchlichen Dogmas nach der andern Seite hin untergräbt. Nicht der Drang, Christus als Menschen kennen zu lernen, sondern dieses letztere ist der Fehler der radikalen Philosophie. Nicht gegen den dogmatischen Begriff, sondern gegen die unendliche Hoheit Christ überhaupt, gegen Christus als den Mittelpunkt unserer Geschichte (mag man ihn menschlich oder göttlich auffassen) stürmt der Radikalismus an; während die wahre historische Betrachtung vor allem jene Hoheit feststellen, in zweiter Linie aber mit der Auffassung der Kirche vorsöhnen wird. So viel vorläufig, um für hier und für künftige Stellen die Erwähnung eines Namens zu rechtfertigen, ohne den von Geschichte zu sprechen selbst dem Politiker kaum möglich ist.

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Man weiß, was den Alten, Griechen und Römern, die Humanität war. Vermöge des liberalen Elements, womit sie (jene mehr geistig, diese mehr moralisch) begabt waren, begriffen sie in der Humanität die Fülle alles dessen, was den Adel menschlichen Wesens ausmacht. Pericles unter den Athenern, die beiden Scipionen in Rom sind unsterbliche Charakterbilder eines humanen Liberalismus, so weit das Heidenthum ihn hervorbringen konnte. Um alle liberalen Geschlechter der Geschichte, um die Hohenstaufen wie um die Scipionen, um alle liberalen Menschen, um Alfred von England, wie um Kaiser Friedrich II., schwebt jener humane Zauber, woran sich, als den Inbegriff all ihrer Tugend unser Andenken knüpft. Wenn Schiller z. B. trotz Göthes geistiger Überlegenheit vorzugsweise der Dichter des deutschen Volkes geworden ist, so verdankt er dieß der liberalen Seite seines Wesens, welche, wo sie in seinen Werken verkörpert ist, auch den geistlosesten Menschen als Menschen ergreift.

Der Liberalismus regiert, wie Pericles regiert hat: ohne Gewalt, ohne Intrigue, stark und frei durch den Magnetismus, den er ausübt. Wenn Napoleon sein liberales Element, wenn er die große humane Seite seines Geistes hervorkehrte, war er bezaubernd, unwiderstehlich. Nichts ist schmerzhafter, als in liberalen Geistern, wie er, das Bild der Humanität durch die Barbarei des Gemüths verwischt, oder wie in Peter dem Großen völlig zerstört zu sehen.

Ist es wahr, daß der Liberalismus das menschliche Wesen in seiner höchsten Eigenheit ausdrückt: so gebührt ihm unter den vier Parteien die Herrschaft: denn der Mensch soll herrschen über die Menschen. Wie aber die Natur sich lange und tausendfältig unter den niedrigern Phasen verweilt und nur selten und auf kurze Zeit die Spitze zur Erscheinung bringt: so hat auch der Liberalismus unter allen Völkern nur in den blühendsten Epochen und nur auf kurze Zeit geherrscht. David und Salomo in der jüdischen, Pericles in der griechischen, die Scipionen in der römischen, die großen Chalifen in der arabischen, Heinrich I. und III., Friedrich I. und II. in der deutschen Geschichte sind kurze Lichtpunkte, nicht einmal ungetrübt. in sich selbst. Der Politik aber kommt es zu, diese Herrschaft anzustreben, wie es dem Menschen zukommt, an der menschlichkeit niemals zu verzweifeln, so oft sie auch durch die Thorheiten und Leidenschaften der Menge entstellt wird.

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Die Bildung des jüngeren Mannes ist Schule des Lebens, nicht von außen angelehrt, sondern von innen angeeignet. Sein Unterricht, im geraden Gegensatz zum Formalismus der Knaben, geht auf den Kern der Dinge. Seine Cultur ist Entwickelung reiner Menschlichkeit in ihrem ganzen Umfang.

Eine solche Cultur war annähernd die griechische in ihrer besten Zeit; wie denn überhaupt die Griechen in ihrer geistigen Construktion dem Typus reiner Menschheit, d.h. dem reinen Liberalismus näher standen, als irgend ein Volk der seitherigen Geschichte. Die griechische Erziehung war umfassend, ohne überladen, einfach, ohne doch einseitig zu sein. Die Gelehrsamkeit als solche war Mittel, nicht Zweckt: niemals wurde ihr der Nutzen, niemals aber auch dem Nutzen die Schönheit, niemals dem Wissen das Leben aufgeopfert. Gesundheit—nicht künstliche Nahrung—des Geistes, des Herzens und des Körpers war die Grundlage aller Bildung; Tüchtigkeit im Leben, bürgerliche Befähigung für Staat und Krieg, männliche Tugend ihr Endzweck.

Wo der Radikalismus auf die Schule steht, betrachtet der Liberalismus die Natur des Menschen. Jener fragt nach dem Systeme, dieser nach der gesunden Ansicht, jener nach der Erziehung und dem mechanischen, dieser nach dem Leben und dem bleibenden Wissen. Der Eine hat in Allem das Angelernte, der Andere das Angeborne im Auge; vermöge des ersten kann man nie mehr als Staatdiener, vermöge des zweiten allein Staatsmänner gewinnen.

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Erfüllt von dem Streben nach Vervollkommnung und nachdem er an sich selbst den Einfluß der Erziehung erfahren, ist der jüngere Mann weit entfernt, die große Wichtigkeit der letztern und den Werth der Bildung znTypo correction: zu for zn. verkennen. Fortwährende Uebung und harmonische Ausbildung seiner Kräfte ist ihm unzertrennlich vom Vorhandensein derselben. Aber eben deßhalb kennt er keine Erziehung als diejenige, welche mit den organischen Elementen, mit den natürlichen Gaben Hand in Hand geht; keine Bildung, als welche den verschiedenen Maßen auf verschiedene Weise zu Hülfe kommt. Seine Bildung ist gleich der wahren Heilkunst, welche den Gang der Natur zu unterstützen und ihre Prozesse zu beschleunigen, den schlummernden Trieb zu wecken und den geschwächten zu stärken strebt; die radikale gleicht jener falschen Medicin, die der Nature Gesetze vorzuschreiben und sie nach Willkür bestimmen zu können glaubt, während die Natur in Wirklichkeit ihrer Anmaßung spottet.

Auch dem Liberalismus ist also der Unterricht des Volkes heilig. Jeder Mensch, will er, soll zum Menschen erzogen, jede Kraft, die kleinste wie die größte, zu dem, dessen sie fähig ist, gebildet werden. Statt aber den Maßstab der obern Stufen auf die niedersten überzutragen, will er eine Fundamentalschule, die nicht über das Maaß der geringen Kräfte hinausgeht, dem Talente aber zur höhern Stufe den Weg bahnt, eine Organisation des öffentlichen Unterrichts, welche jedem Fähigen, auch aus der niedersten Klasse, die Möglichkeit der höchsten Bildung gibt, ohne doch die niedere Klass selbst zu überbilden.

Indem der Mann die Bildung vom natürlichen Gesichtspunkte betrachtet, kämpft er mit eben so großer und nach Umständen mit größerer Strenge gegen die Verbildung, als gegen die Nichtbildung. Bei der letzteren bleibt der Kern der natur, wenn auch unentwickelt, doch wenigstens unversehrt; durch die erstere kann die tüchtigste Natur verschroben, zerrüttet und verdorben werden. Denn die Erziehung ist, wie die körperliche Heilkunst, zwar unvermögend, der angebornen Konstitution eine Elle zuzusetzen, aber sie vermag nur zu leight, gesunde Naturen zu schwächen, und blühende zu untergraben.

Alles dieses liegt dem jüngern Mann um so näher, als er selbständig geworden, das dringendste Bedürfniß fühlt, alle sremdartigen Stoffe, vomit ihn die Erziehung beladen, von sich abzustreifen, alles Wissen, was er als Knabe nur aus eitler Sucht sich angeeignet, wegzuwerfen und sich lediglich auf das zu beschränken, was seinen Fähigkeiten, seiner Natur entspricht.—

Trotzdem besitzt er von selbst eine Allseitigkeit der Bildung, welche aus seiner Menschlichkeit fließt und keine Seite der menschlichen Schöpfungen in Wissenschaft und Kunst, Religion und Politik ausschließt. Diese Vielheit aber wird beherrscht von dem Mittelpunkte aus, der sein eigenstes Gebiet ist, und dem das übrige Treiben in geordneter Stufenfolge nur dient.

So wie der Knabe die Allseitigkeit nachahmen will, verfällt er in einen Unrath encyclopädischer Halbbildung, in dem sich alles tüchtige Wissen verliert. Seine Natur kann die Vielheit nicht ergreifen, ohne die Einheit darüber zu verlieren; der jüngere Mann, in der Lebendigkeit seines Geistes, bedarf der Vielheit, um von ihr erholter zur Einheit zurückzukehren.

So ist der Abstand der liberalen Bildung von der radikalen. Wenn man die ungesunde, alles bekrittelnde Vielwisserei der modernen Bildung mit der lebendigen antiken vergleicht, oder ihr gegenüber die wahre und doch von gelehrtem Dünkel so entfernte Allseitigkeit Lessings stells, so wird man den Unterschied begreifen.

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(Geist des jüngern Mannes.)

Die unmittelbare, frisch hervorquellende Schöpfungskraft, welche den jüngern Mann sowohl gegenüber dem Talent des Knaben als im Verhältniß zur gemessenen Weisheit der spätern Alter bezeichnet, nennt man Genie. Das Genie erkennt, wo das Talent lernt; es schafft, wo dieses dilettirt, es denkt, wo dieses phantasirt.

Das wahre Genie ist niemals gesetzlos; es überwacht sich selbst, indem es die eingebornen Gesetze zum Bewußtsein erhebt. Der höchste Mann handelt organisch aus seiner Natur heraus, aber er ist sich dessen mit jedem Schritt bewußt, was er thut, und er korrigirt durch beständige Selbsterforschung die Fehler, die er hin und wieder begangen hat. Kritik und Produktion sind in ihm verbunden: dieß, und nicht jene knabenhafte Genialität ist der wahre Begriff des Genies.

Genial im gewöhnlichen Sinn war die französische Revolution, indem sie ohne Selbstkritik und bewußtlos stürmend die Welt bewegte. Genial in demselben Sinn ist die neuere französische Romantik in ihrer üppigen Regellosigkeit; aber beide sind weit entfernt vom Genie.

Der wahre Mann kennt sich selbst, und trägt in sich das Maaß. Jenes ist die Grundbedingung, dieses die höchste Eigenschaft des Genies. Die Griechen haben dieß gewußt: es waren die zwei Grundregeln ihrer Weisen.

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Der Knabe überschätzt seine Kräfte und läßt sie speilen ohne Maaß, der Mann kennt sie und braucht sie mit Umsicht. Auf jene Weise verfährt die Politik und Verwaltung des Radikalismus, auf die letztere die des Liberalismus mit dem Staate.

Die ganze geniale Epoche Frankreichs von 1789 bis zur Restauration ist dafür Zeuge. Napoleon, dessen Geist groß genug war, um die Schwächen Frankreichs und den Mangel der innern Bedingungen zu durchschauen, deren eine Hegemonie in seinem Sinn bedurft hätte, ließ sich von der Maaßlosigkeit seines Charakters zur Ueberschätzung verführen. Bei allem was er gethan hat, wurde er doch im letzten Grund Schritt für Schritt von den Ereignissen getrieben, statt sie selbst zu treiben. So sehr wirkt der Mangel an Selbstüberwachung. Er und die Revolution spielte mit den Kräften Frankreichs, glänzend nach außen, unwahr nach innen, bis der überspannte Bogen zerbrach.

Wie ganz anders Friedrich der Große! Selten hat ein Fürst die Kräfte seines Staates genauer bemessen, selten sie mit umsichtigerem Maaße gebraucht. Er hat mit der Kühnheit des jungen Mannes bis an die äußersten Grenze gestreift, aber niemals sie überschritten. Das Maaß des Mannes war ihm eingeboren: hierin steht er als Liberaler dem radikalen Napoleon gegenüber. Des Letztern Stiftung ist zerfallen; die seinige steht noch jetzt.

Wenn der Radikalismus die Verwaltung eines Staates überkommt, so werden Veränderungen aller Art, Verbesserungen in Masse, große Anstalten in Schule und Industrie, zahlreiche Bauten und Plane unternommen, der ganze Staat wird aufgeboten, nach allen Seiten greift man aus und die Entwicklung scheint bewundernswerth. Bald aber zeigt sich das Mißverhältniß zwischen den Kräften des Staates und den Intentionen, die man ihm untergelegt: die Folgen des Unmaaßes treten ein, und die Regierung, ohne vollenden zu können was sie begann, vermag kaum mehr die Uebel abzuwenden, die das Unmaaß erzeugt hat. Ja noch mehr, sind diese Intentionen, wie sehr häufig, dem Naturell des Volkes entgegen, welches sie zu beglücken geglaubt, so darf sie zufrieden sein, wenn sie ohne Schmach sich zurückziehen kann.

Man hat dieß in der Schweiz mehr als einmal erlebt. Das Talent experimentirt; das Genie geht nach der Natur der Dinge. Dieses letztere ist es, was das Volk verlangt; jenes ist ihm zuwider. Große Talente, wie der Kaiser Joseph II., haben diese Wahrheit auf die grausamste Art gebüßt.

Wenn der Liberalismus verwaltet, so werden alle Theile des Staates, nach Verhälitniß der Wichtigkeit zur Thätigkeit geweckt, aber keiner darf überschätzt, keiner überreizt werden. Die Reformen gehen weniger laut, aber desto sicherer ihren Weg. Das alte Rom war und Englad ist noch Muster in der Kenntniß der Staatsmittel und in der Beobachtung des richtigen Maaßes.Das heißt, die Intention und das Vermögen stehn bei den Unternehmungen der Engländer gewöhnlich in richtigem Verhältniß. Es ist aber damit nicht gesagt, daß die Stellung, welche England überhaupt einnimmt, eine maaßhaltende sei.

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Indem das Genie von der Höhe seines Standpunktes die Gewöhnlichkeit übersieht, durchbricht es allerdings die Schranken der Convention. Sein Zweck ist überall, aufs Wesen der Dinge loszugehn. Es scheut sich nicht, wo die Wahl gilt, das äußere Gesetz, die äußere Sitte, dem innern Gesetz, der innern Sitte aufzuopfern. Deßhalb hat auf ihm zu allen Zeiten der Haß des Geschlechtes geruht, das der deutsche Brauch mit dem Namen Philister bezeichnet, ein Haß, der kein anderer ist, als der Haß der Absolutisten gegen den Liberalen. Aber während der Radikalismus die Convention hintansetzt, um sich aller Zügel zu entbinden, baut der Liberalismus, so wie er durch die falsche Form hindurch zur wahren gedrungen ist, die richtige Form wieder auf: denn der wahre innere Gehalt—und dieser ist es, den er unter jeder Bedingung sucht—zieht, wie durch ein Naturgesetz die entsprechende Außenseite wieder nach sich—die Form bildet sich organisch aus ihm heraus.

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Ein Beispiel aus der Geschichte unserer Dichtkunst kann hier als Bild des politischen Lebens dienen. In den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts vereinigten sich Talente und Geister in Deutschland zum Umsturze der Convention und des Zwanges (der französischen Regeln und der Gottschedschen Diktatur) mit Einem Wort des Absolutismus in der Poesie. Dieser Umsturz war die erste Bedingung einer nationalen Literatur. Die Talente nun, welche nicht mehr waren als Talente, (d.h. die Radikalen), ergingen sich in einer revolutionären, gegen alle Regel, alle Form anstürmenden Genialität, und der Untergang der meisten war die Folge dieser Schrankenlosigkeit. Die Geister hingegen, wie Klopstock, Göthe, Schiller, nachdem sie eine Zeitlang mit der Revolution zu gehen geschienen, fanden den wahren Gehalt, und bildeten reformatorisch aus diesem Gehalt eine neue Form heraus: unsere klassische Poesie entstand. Sie waren ausgegangen gegen die Convention; ihr Zweck war die innere Wesenheit; aber, die letztere erreicht, folgte von selbst der Wesenheit das richtige Maaß des Äußern, die klassische Form nach. Wenn man daher auch in poetischen Dingen von Genie und von Geschmack als von Gegensätzen spricht, so ist es nur der Mißbrauch, der mit dem Worte Genie radikale Genialität bezeichnet: das wahre Genie trägt den Geschmack in sich wie der wahre Staatsmann das Bewußtsein.

108

Jene Kunst, die Kunst, die Dinge von innen heraus umzubilden und die äußere Umgestaltung durch den naturgemäß wirkenden Trieb von selbst vollziehen zu lassen, ist die höchste Operation des schaffenden Genies im Allgemeinen, des Liberalismus im Staate.

Der Radikalismus glaubt die Zustände zu verändern, wenn er von oben herab ihre Veränderung bestehlt. Er findet z. B. in irgend einem Volke die Leibeigenschaft vor: er hebt sie mit Einem Federstrich auf. Er sieht ein Volk unter der Herrschaft der Pfassen: wohlan, so werden die Klöster aufgehoben und die widerspenstige Geistlichkeit verjagt. Die alten Schulen sind schlecht, ohne Aufklärung, abergläubisch: so ordnet man neue Lehrer, neue Bücher, neue Regeln an. Aber mit alledem wird der Bauer nicht frei; wird das Pfassenthum nicht getilgt; wird die Volksansicht nicht verändert. Ja noch mehr: der Bauer sehnt sich nach dem alten Herrendienst, das Volk begeistert sich um so mehr für seine Priester, für seinen Glauben: es verschmäht nicht nur das Schiefe, das ihm angenöthigt, es weist auch das Gute zurück, das ihm geboten wird.

Man hat dieß in Betreff der Leibeigenschaft in Rußland, man hat es mit der Preßfreiheit in Dänemark (unter Struensee), man hat es unter Joseph II. mit der Volksbildung in Belgien, man hat es mit der Toleranz in O;sterreich exfahren.

Und woher dieß? Das Volk von Österreich, sagt man, war für das Toleranzedict nicht reif. Die Antwort schlägt sich selbst. War dem so, so mußte man es erst reif machen, oder man mußte kein Toleranzedict geben.

Der Radikalismus legt den Zuständen ein neues Gewand an, in der Meinung, das neue Kleid werde den neuen Geist verändern, und ist erstaunt, wenn der alte Geist das unbequeme Kleid zurückstößt. Der Liberalismus haucht dem alten ein neues, dem falschen ein besseres Leben ein, und wartet ruhig zu, bis der verjüngte Geist sich selbst mit neuem Gewande bekleidet.

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Friedrich der Große z. B. gab seinem Volke von allen politischen Rechten keines: aber er flößte ihm einen Geist ein, der in steigender Entwicklung immer ungestümer diese Rechte fordert. Wenn wir auch anstehn müssen, diesen Geist einen liberalen zu nennen, theils weil die Nachwirkung Friedrichs sich eben so sehr an die falschen Zeitbegriffe, womit seine Individualität verhüllt war, als an den wirklichen Liberalismus des Individuums geknüpft hat, theils des provinziellen Charakters halber—so bleibt doch gewiß, daß Friedrich hauptsächlich es war, der durch die stille Macht seines Antriebes den preußischen Staat bisher belebt hat.

Joseph II. hat nach außen ganz Östreich umgewandelt; aber der unveränderte Geist seiner Völker empörte sich gegen das neue Geschenk. Dieser unglückliche Prinz hat Östreich deiselben Freiheiten gegeben, welche die Nationalversammlung Frankreich gab: und sein Land ruht heute noch auf dem Prinzip, worauf es vor ihm stand. Es ist als hätte ein politisches Schicksal Friedrich II. und Joseph II. zusammengestellt, um den Unterschied eines radikalen und eines liberal-konservativen Staatsmanns zu zeigen. Jener har, indem er jedes Besonderverhältniß sich selbst überließ erreicht; dieser mit einer Masse von Schöpfungsversuchen sich selbst dem Untergang und seine Staaten der Verwirrung überliefert.

Nicht, als ob der Liberalismus nicht auch neue Formen zu finden, als ob er nicht das Innere und das Aeußere zugleich umzubilden vermöchte. Er thut dieß nicht, ehe nicht die Reife gekommen, ehe nicht die Zeit es gebietet. Er thut es aber rasch, durchgreifend, energisch, sobald die Zeitunmstände eine sichtbare, drastische Umwandlung des Staatsgeistes und des Staatskörpers erfordern.

Von dieser Art war Preußens Wiedergeburt in der Zeit der fanzösischen Allmacht. Auch unter Steins Verwaltung häuften sich Dekrete auf Dekrete: aber der Geist ging Schritt für Schritt mit diesen Dekreten. Während Stein die bürgerliche Freiheit, Scharnhost die allgemeine Wehre gründete, hatte sich Sinn und Herz des deutschen Volkes zu dieser Freiheit erhoben, hatte seine Thatkraft sich nach Bewaffnung gesehnt.

Würde diese Zeit und nichts weiter hinterlassen haben, als den Beweis, wie viel der Liberalismus, mit der Natur des Volkes im Einklang binnen weniger Monate vermag, so wäre sie schon deßhalb von unverwüstlicher Bedeutung.

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Wir haben die Kunst einer organischen Reform der Dinge als die höchste Blüthe alles Liberalismus hingestellt: wir wollen, um jeder Undeutlichkeit zu begegnen, sie noch an dem größten weltgeschichtlichen Beispiel erläutern.

In der ganzen Geschichte ist, auch für den Politiker, wenn er anders die Bible kennt, kein größeres Kunstwerk aufzufinden, als die Art, wie Christus das mosaische Gesetz beseitigt hat, ohne es aufzuheben, das Christenthum an seine Stelle gesetzt, ohne es einzuführen.

Christus fand den Mosaismus vor, überladen mit Zusätzen einer wirktheilig Schule, verdorben nach allen Seiten, verknöchert im Absolutismus. Trotzdem war er weit entfernt, ihn aufzuheben. "Ihr sollt nicht wähnen, sprach er, daß ich gekommen bin, das Gesetz aufzulösen; ich bin gekommen, es zu erfüllen." Noch mehr, er verschärfte es. "Ihr habt gehört, fährt er fort, daß zu den Alten gesagt ist: du sollst nicht tödten; ich sage Euch, wer mit seinem Bruder zürnet, ist des gleichen schuldig. Ihr habt gehört, daß gesagt ist: du sollst nicht ehebrechen; ich sage Euch, wer eines Weibes begehrt, bricht schon die Ehe. Es ist gesagt: du sollst keinen falschen Eid thun; ich sage Euch: Eure Rede sei Ja, ja, Nein, nein. Ihr habt gehört: du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen; ich sage Euch: liebet Eure Feinde." Aber in demselben Augenblick, wo er die juridischen Verbote des Judenthums in moralische Gebote, wo er die äußere Moral zur innern verschärfte, war auch eine Reinigung von innen heraus gegeben, durch die der Mosaismus Schritt für Schritt sich des alten Gewandes entledigen und, ohne es zu wissen, zum Christenthum umwachsen mußte. Die Verschärfung selbst wurde zur Aufhebung.

Jene Worte—der Inbegriff seines ganzen Verhältnisses zum ethischen Theile des Judenthums—hatte Christus am Anfang seiner Laufbahn gesprochen: bis zum Ende war sein Wirken, auch in dogmatischen Dingen, nur auf die Wiedergeburt des Geistes und Herzen gerichtet, still und in die Tiefe gehend, während er selbst dem Gesetze unterthan blieb.

Ueber die äußere Stellung seiner Lehre zum moralischen Gesetz, über Form und Bildung der neuen Gemeinde schwieg er; er überließ beides der naturgemäßen Entwicklung des wirkenden Triebes. Von selbst löste sich, nach seiner Entfernung von der Erde, eine Hülle nach der andern ab; und als unter den Aposteln sich Zwiespalt über die Frage erhob, ob den Heiden durch Vermittlung des Gesetzes oder unmittelbar der Zutritt zu gewähren sei, so siegte, im Geiste Christi, die liberale Meinung, wie sie Paulus vertrat. Die Gemeinde bildete sich kraft des eingepflanzten Triebes zu einer Verfassung heran, welcher an Vollendung der Form, an Festigkeit und an Dauer kein politisches Gebäude verglichen werden kann.

Wenn irgendwo, so wurde hier die höchste Operation die schaffenden Genius, wurde hier die Kunst vollzogen, die Dinge vom Kern heraus umzubilden und ihre formelle Umgestaltung dem eingepflanzten Triebe selber zu überlassen.

111

Die erste Stufe der sogenannten Schöpfungen im Staate ist, wie wir sehen, nur ein Aufheben, ein Hinwegräumen;

die zweite Stufe ist ein Schaffen ohne Grund und Boden, was nur die Oberfläche der Dinge berührt.

Bis hieher hat es der Radikalismus unserer Zeiten gebracht.

Die dritte Stufe ist, zu zerstören und wieder aufzubauen, wie Alexander der Große;

die vierte ist, die Zustände in sich selbst zur Verwandlung zu bringen. So hat Christus während seines kurzen Lebens, so hat das Christenthum während seiner langen Dauer unter den Völkern gewirkt, und auf diese Art muß die wahre Reform auch in der Politik wirken, wenn sie der europäischen Menschheit zum Heile gereichen soll. Wir fürchten in dieser Vergleichung nicht mißverstanden zu werden.

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Verhältniß zur Wissenschaft.

Klarheit des Verstandes, Reichthum und Größe der Ideen, logische Schärfe, Vollendung der Sprache und Macht der Rede bezeichnen den Blüthepunkt des menschlichen Geistes. Seine ganze Organisation treibt den jüngern Mann auf die geistigen Felder, nach organischen Erkenntnissen: zur Philosophie und Psychologie, zu den Staatswissenschaften und zur Politik.

Zuerst liegen vor ihm die großen Probleme des Lebens—die spekulativen Fragen über Gott und Welt, über Bestimmung, Herkunft und End des Menschen, über die religiösen und ethischen Principien, in denen er erzogen worden. Mit jedem Schritt, den er weiter ins praktische Leben tritt, beschäftigt ihn mehr die Natur des Menschen selbst, die intellektuellen und moralischen Verschiedenheiten der Individuen, ihr Verhälitniß unter sich, ihre sociale Bestimmung; von selbst und unvermerkt führt ihn die Psychologie zur Politik.

Diese Fragen sind es, um die der Gang seiner Entwicklung von Anfang an bis zu der letzten Epoche sich bewegt, in welcher ein, wenigstens relativer Abschluß seiner Ueberzeugung und seines Strebens eintritt. Ohne ihre Lösung, mag er sie nun in der Philosophie oder in der Religion finden, gibt es keine Ruhe des Gemüthes, keine Sicherheit des Geistes, keine Consolidation für ihn: sie sind ihm unmittelbare Lebensache, praktisches Bedürfniß und schon deßhalb, ganz abgesehen von dem heiligen Drange nach Wahrheit, wird er hier mehr als irgendwo alles Wort- und Phrasenwerk, jede Spielerei mit abstrakten und abstrusen Begriffen, jede Sophistik zurückweisen.

113

Wollte man also das, was heutzutage in Deutschland fast ausschließlich Philosophie genannt wird, als Sache des Liberalismus bezeichnen, so würde man heftig irren. Philosophie der Schule, bloße Scholastik, wie sie auch heißen möge, Formeln und Kunstworte gehören für den Knaben; Philosophie der Wahrheit und des Lebens für den Mann. Der Liberalismus denkt vor allem mit dem natürlichen Verstand, unterstützt der Energie eines wahrheitsuchenden Gemüths; mit demselben natürlichen Verstand, womit seit Aristoteles alle fruchtbringenden Philosophen gedacht haben und welche als unbrauchbar für die wichtigste Lebensfrage hinzustellen erst unsrer Zeit aufbehalten war. Hohle Kategorien und nebelhafte Begriffe, die nach Gefallen zu jeder Ansicht gemodelt werden können, ekeln ihn an; und wenn der Drang der Erkenntniß ihn zu den Systemen der Schule führt, wenn das höhere Bedürfniß an diese Form sich knüpft, so faßt er das Wesentliche, läßt hinter sich, was seiner Deknart widerspricht und geht weiter seinen Weg.

Sein menschlicher Charakter schon sagt ihn, daß die wahre Philosophie, wie die wahre Religion, allgemein menschlich, und damit auch verständlich sein müsse. Sein Bewußtsein aber führt ihn auf den Zusammenhang der Pricipien mit der Gesellschaft, der psychologischen Menschenkenntniß mit der Regierungskunst; auf die Nothwendigkeit einer moralischen oder socialen Rückwirkung jeder philosophischen Idee. Liberal war die griechische Philosophie, sofern sie in ihren Ausgängen Erziehung, Verfassung und Politik der Griechen berührte; liberal, wenn auch beschränkt, ist die praktische Philosophie der Engländer; in noch höherm Sinne liberal war die Philosophie der großen deutschen Denker, Leibnitzs, Lessings, Herders, Müllers, Friedrichs des GroßenEs versteht sich, daß hier nicht von dem individuellen Charakter der Einzelnen, sondern von der Art und Weise im Allgemeinen gesprochen wird. Unsere systematische Philosophie, als solche obwohl in Fichte z. B. liberale Elemente enthaltend) [sic] ist es nicht, weil die Art und Weise, wie sie die Wahrheit sucht, eine formale und die Tendenz, die sie im Auge hat, nicht die des Lebens, sondern die des Denkens als Geschäftes ist. Mit ihr verglichen, ist sogar die französische Philosophie Montesquieus, Rousseaus, Diderots, wenn auch freilich nur der Form nach, liberal.

Der jüngere Mann sucht die Wahrheit, weil er zur Ruhe seines Lebens ein sicheres Verhältniß zu Gott, einen sichern Blick auf den Tod bedarf; er sucht die Wissenschaft der Welt, des Geistes, der Menschen, weil er ohne dieses Wissen nicht eingreifen, mit bestimmter Tendenz nicht handeln kann: dürre Abstraktion und todte Gelehrsamkeit steht ihm fern.

Denken und Handeln, Theorie und Praxis ist ihm Eins: kein Gedanke in ihm, dessen Ausgang nicht That, keine praktische Wirksamkeit, deren Grundlage nicht eine Idee wäre.

Der wahre Philosoph, hat Plato gesagt, ist auch der wahre Staatsmann—zwei Worte, mit denen die Stellung des Liberalismus zur Wissenschaft bezeichnet ist. Ind Pythagoras und Aristoteles, in Pericles und Scipio, in Friedrich II. un Friedrich dem Großen war eine solche Einheit.


Anmerkung. Es ist merkwürdig genug, daß Plato mit jener seiner Meinung gewissermaßen sich selbst verurtheilt hat. Wollte man sie auf unsere Zustände anwenden, so wäre die Folge davon nicht, daß Deutschland von seinen Philosophen regiert werden sollte, sondern umgekehrt die, daß diese Philosophen, weil sie von nichts weiter entfernt sind, als davon, Staatsmänner zu sein, keine wahren Philosophen, sondern nur Spekulanten sind.

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(Idealität des jüngern Mannes.)

Der Knabe legt an die Welt den abstract-spekulativen oder mathematischen, der jüngere Mann den psychologischen Maaßstab. Der eine sucht und handelt nach mechanischen, der andere nach organischen Gesetzen; der eine stellt Kategorien, der andere Principien auf. Menschen und Dine faßt jener schematisch, dieser nach der individuellen Besonderheit auf, jener beurtheilt nach Theorien und Verfassungen, dieser nach dem Leben und dem Volksgeiste den Staat.

Auch der jüngere Mann, vornehmlich der Jüngling, ist von Idealen erfüllt; aber seine Ideale wurzeln in Ideen, wie die des Knaben in Träumen oder Idolen. Er ist noch nicht so lange durchs Leben gegangen, um sich nicht oft und schwer über die Ausführbarkeit seiner Ideen zu täuschen, um nicht die Welt, wie sie sein sollte mit der Welt, wie sie ist, zu verwechseln; unt nicht die Zukunft vorauszunehmen oder in die Gegenwart seine Stimmung hineinzutragen. Allein der Kern seines Ideales ist eine Wahrheit, welche der Wirklichkeit nicht widerspricht, sondern das Leben erhöht und nur dann von der Wirklichkeit verschlungen wird, wenn diese für die Wahrheit noch nicht gereift ist.

Sehn wir aufs Alltäglichste. Der Knabe träumt sich ein Schlaraffenland, der Jüngling eine Stellung im Leben, der Knabe liebt eine Mährchengestalt, der Jüngling ein wirkliches Wesen. Wenn der Jüngling die gehoffte Stellung, das gehoffte Glück auch nicht erreicht, so war es doch eine Wesenheit, wonach er strebte; was der Knabe will, sind Phantasiebilder, überhaupt unerreichbar, weil sie nicht sind.

Nicht anders im Großen. Die allgemeine Gleichheit und Freiheit kann schlechthin nicht erreicht werden, weil sie (im Menschen) nicht ist. Der vollkommene, organische Staat ist bis heute noch nicht erreicht und schwierig zu erreichen; aber er ist eine Wesenheit, welcher nachzustreben Pflicht und welcher nur theilweise zu genügen schon groß ist—selbst dann, wenn man sich überzeugt hielte, daß er ganz niemals erreicht werden kann.

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Der Jüngling glaubt das Höchste und ringt darnach. Dieser Glaube ist der Uequell alles Großen; ohne ihn wäre Europa nicht was es ist und die Erde eine Wüste. Die Menge spottet dieses Glaubens, weil der äußere Erfolgihn Lügen zu strafen scheint. Aber die Vorsehung selbst, möchten wir sagen, hat mit absichtlicher Weisheit eine Art von organischer Täuschung—nicht dem Inhalt, nur dem Grade nach—in die Brust des Jünglings gelegt. Der Mensch in der Zeit seines höchsten Strebens würde erlahmen, sollte er mit der Bedächtigkeit späterer Jahre in die Zukunft sehn. Freudig in der Hoffnung unverzagt um den Erfolg, opfert er der Idee um der Idee willen; oft ist halbes, oft völliges Mißlingen, nicht selten Untergang sein Loos. Aber, wie auch der Ausgang sein mag, der Kern des Ideales bleibt, um früher oder später als Samen wieder aufzugehn.

Thöricht also die, welche, unfähig radikaler Schwärmerei und liberaler Begeisterung, zwischen Phantom und Gedanke, zwischen Idol und Ideal zu scheiden, das ideale Streben unter dem Namen "Ideologie" verdammen. Jede Politik, soll sie groß und menschlich sein, muß ein Ideal verfolgen; und nur dann ist sie keine Politik, wenn sie statt mit kühler, besonnener Praxis zu diesem Ziele zu gehn, es auf idealistische Weise verfolgt. Der ächte Mann birgt unter der kalten Hülle des Weltmanns die innere Glut.

Auf der höchsten Stufe des Liberalismus, beim vollendeten Mann wie in der größten Politik, verschwindet jene Täuschung. Hier wird das Ideale und das Reale Eins.

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Wenn Napoleon vom französischen Radikalismus sagte: "Der Ideologie, jener finstern Metaphysik, welche die ersten Ursachen mit Spitzfindigkeit aufsucht und die Gesetzgebung der Völker auf ihre Grundlagen gründen will, statt die Gesetze der Kenntniß des menschlichen Herzens und der Geschichte anzupassen, müsse man das Elend Frankreichs zuschreiben": so hatte er vollkommen Recht; und die Aeußerung zeigt, wie gut er den Unterschied radikaler Gesetzgebung von liberaler oder konservativer verstanden hat. Wenn er aber auch die deutsche Ideologie verlachte, welche damals im Ganzen—denn einzelne Auswüchse kommen nicht in Betracht—auf der lebensvollsten Idee beruhte, so war er um so mehr im Unrecht, als er selbst in seinem Ideale von Frankreich einem Phantom nachjagte, das sich, vereinigt mit der deutschen "Ideologie", bitter an ihm gerächt hat.

Man vergleiche z. B. den französischen Lafayette une unsern Stein. Beide warn Ideologen; aber auf welch verschiedene Art. Lafayette jagte nach einem Idole der allgemeinen Gleichheit und Freiheit; Stein nach einem Ideale für Deutschland, das er so wenig als jener das seinige erreicht hat, das aber erreichbar ist und in Deutschlands Bedürfniß liegt. Lafayette war unbelehrbar durch jede Erfahrung, so oft auch sein Phantom vor ihm niederfiel; Stein lernte und modificirte sich nach der Wirklichkeit, um das Mögliche zu thun, ohne am Ideal zu verzweifeln: der Eine bei vielen edlen Seiten unverbesserlicher Radikaler, der Andere bei manchen Mängeln, ein standhafter Liberaler.Ueber den Mängeln Steins verstehen wie den Mangel einer vollkommenen Harmonie zwischen seinem Geist und seinem Charakter. Steins Geist war mit der Energie seines Charakters nicht im entsprechenden Verhältniß. Keineswegs aber wollen wie damit bezeichnen, daß Stein zu sehr, "Aristokrat" gewesen sei, um als Liberaler zu gelten—ein Vorwurf, der ihm von Autoritäten gemacht wird. Wenn die Organisation, welche Stein dem preußischen Staate geben wollte, eine "aristokratische" im gehässigen Sinne war, so giebt es keine liberale Constitution als die von Sieyes oder von Herault de Sechelles. Wenn Steins Andenken als reaktionär in den Staub gezogen wird, was bleibt uns Deutschen noch übrig?

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Jedes liberale Ideal hinterläßt, wenn auch an der Gegenwart scheiternd, eine Furche in der Geschichte, aus der später entweder seine verkörperte Gestalt hervorbricht oder doch sonst eine Saat des Gegens heranreift. Er scheitert aber an der Gegenwart, so oft der Zeitgeist zu schroff dem Liberalismus entgegensteht. Dieses Schicksal hat Kaiser Friedrich II. gehabt; dieses Schicksal hat Schiller im Marquis Posa gezeichnet; und jeder Liberale muß unter Umständen seiner gewärtig sein.

Ein anderes Scheitern ist is, wenn eine liberale Idee sich selbst durch radikale Elemente schwächt oder durch radikale Ausführung vernichtet. In diesem Fall verschwindet sie, wie das Idol, aber ihr Andenken bleibt, und kann nach Jahrhunderten noch wirken.

Auf solche Art ist Franz von Sickingen untergegangen. Seine Intention war, den deutschen Adel vor dem Übergewichte der Fürsten zu retten und Deutschlands Einheit durch einen Wall gegen die Oligarchie zu bewahren—ein Gedanke, der auf dem damaligen Wendepunkt groß, politisch, ja weltgeschichtlich war. Die Art der Ausführung hat ihn zerstört; was Sickingen wollte, ist nie mehr aufgetaucht; aber Sickingen war des Unterganges eines Thoren nicht werth. Er hat seine Fehler gebüßt und wird immer fortleben im Andenken seines Volkes.

Hier ist es, wo die ganze unerbittliche Gerechtigkeit des Schicksals sich zeigt. Die reine Idee soll von reinen Händen gehandhabt werden; jede Vermischung mit falschen Elementen rächt die Geschichte, indem sie die ersten Urheber opfert, das Wesentliche aber bewahrt. Auch Arnold von Brescia und Savonarola sind dafür furchtbare Zeugen.


Anmerkung. Wir führen Arnold v. B. und Savonarola an, sofern sie auch im Staate wirken wollten, nicht als Menschen der Kirche. Für die Kirche ist das Märtyrerthum das Höchste, während es in der reinen Politik sehr oft ein unorganisches Element voraussetzt. Auf Huß und Hieronymus z. B. könnte jene Idee einer Selbstverschuldung nur mit dem größten Unrecht angewandt werden. Jene Beiden hingegen gaben schon durch die Vermischung der religiösen und weltlichen Sphäre ihr Werk getrübt. Denn der Staat hat im zeitlichen, die Kirche hat im ewigen Leben ihren Stoff. Im ewigen Leben wird der Tod zum Triumphe, im zeitlichen zum Untergang, und was dort ein Sieg, ist hier ein Fehler. Der Staatsmann soll nicht fallen, sondern wirken.

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(Stellung zur Geschichte.)

Der Blick des jüngern Mannes ist zunächst vorwärts in die Gegenwart und Zukunft gewendet. Ohne vorerst zu fragen, wie sie war, sucht er die Welt zu erfassen, wie sie vor ihm liegt. Sein Erstes ist durchdringende Erkenntniß; von ihr ab erst erhält ihm das Wissen Bedeutung. So ist sein Verhältniß zur Geschichte kein unmittelbares; aber nichts desto weniger ein tiefes und heiliges. Das Leben führt ihn in die Geschichte, und mit jeder neuen Erfahrung, jeder neuen Entdeckung geht ihm ein neues Verständniß der Geschichte auf.

Heilig ist ihm jede Institution, welche die Geschichte geheiligt hat—nicht als ob das, was war als solches oder die lange Dauer ihm Ehrfurcht abgewänne, sondern weil er ihre Begründung in der menschlichen Natur, ihre Wirkung in den Köpfen und Gemüthern, ihre psychologische Beschaffenheit versteht. In der Geschichte ist ihm das Leben, das er im Kleinen vor sich hat, im Großen aufgerollt.

Jede Einrichtung, jede Idee, die mit Nachhalt in der Geschichte aufgetreten ist, stellt sich ihm dar, als eine eigenthümliche, auf psychischen Stützen wurzelnde Macht. Wo solch eine Macht verhöhnt, mißachtet oder nur äußerlich bekämpft worden, sieht er sie aus scheinbarem Tod erstehn, um mit doppelter Gewalt auf die Gegner zurückzustürzen. Keine Macht der Geschichte, das weiß er, ist vertilgbar, wenn nicht ihre psychischen Wurzeln getilgt werden, auf denen sie fußt, oder wenn nicht eine größere psychische Gewalt gegen die andere geführt werden kann. Mit andern Worten, keine Institution der Geschichte darf angetastet werden, wenn nicht für ihre bisherige psychische Wirksamkeit ein gleich großer psychischer Ersatz gegeben ist.

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Man denke sich einen Liberalen, der am Christenthum zweifelt; er sei den Dogmen der Kirche, den Geistlichen abgeneigt, Skeptiker durch und durch, an der Spitze eines Staates. Nun liegt vor ihm das Christenthum mit seinen unzähligen Wurzeln im Volke, im Menschen überhaupt. Diese Wurzeln auszureißen, liegt ihm fern; weil die Unmöglichkeit ihm so klar als das Bedürfniß des Volkes ihm heilig ist. Es bliebe ihm übrig, mit einer andern Macht die vorhandene zu bekriegen, zum Ersatz der alten dem Volk eine neue Religion zu geben. Diese Macht aber fehlt ihm; seine Philosophie kann es nicht sein, die er dem Volke bieten könnte: mit Einem Wort, er läßt das Christenthum in voller, ungehinderter Wirksamkeit.

So hat Friedrich der Große gehandelt; und dieser Zug seiner Regierung kann für alle ähnlichen Menschen und Zeiten als Muster dienen. Er ist um so erquicklicher, da Friedrichs Charakter ihn vor jedem Verdachte schützt, als habe er die Religion als Mittel zum Zweck benutzt.Dieses Einzige ist hinreichend, um zwischen Friedrich und den Radikalen eine unübersteigliche Kluft zu befestigen. Die Naivetät, womit der kindischste Radikalismus ihn gegenwärtig als seinesgleichen, als "gekrönten Demokraten" in Anspruch nimmt, ist höchst ergötzlich. Dieser "Freigeist" schützte gegen seine Minister die alten Kirchenlieder des Volks!

Umgekehrt, ein eifriger Christ, Herr eines muhamedanischen Landes und liberal, würde sich abgesehn von Gründen der Toleranz, jedes Angriffs auf den Muhamedanismus enthalten; weil das Christenthum, welches er dem letztern entgegensetzen müßte, nicht fähig wäre, der vereinigten Macht des religiösen und nationalen Prinzips im Lande zu widerstehn. Er würde versuchen, seine Völker von innen heraus dem Christenthum anzunähern, aber auch hier sich hüten, es nach Art der religiösen Radikalen ihnen aufzudrängen.

So klärt sich dem Liberalen das Leben aus der Geschichte, die Geschichte aus dem Leben auf und er wagt keine Reform, wo nicht beide zu eingen sind; ja er achtet deu Widerspruch der Geschichte selbst da, wo er ihn noch nicht versteht.

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Die Geschichte als Wissenschaft behandelt der Liberalismus mit strenger und sichtender Kritik, aber mit der Ehrfurcht und der Liebe zur Wahrheit, wodurch, selbst bei übergroßer jugendlicher Kühnheit, das Ganze nur gewinnt. Wo der Absolutismus in blinder Trägheit am Buchstaben hängt, räumt er das Vorurtheil, wenn auch hundertjährig hinweg; wo der Radikalismus als Mythe verächtlich verwirft, sieht er näher hinzu und gibt in keinem Fall die äußere Wahrheit auf, ehe nicht die innere, die ihr zu Grunde liegt, gerettet ist.Der Radikalismus, wie er überall den Schein des Liberalismus annimmt, gibt sich die Miene, dieß zu thun, z. B. in der Kritik der biblischen Geschichten. Der Inhalt des Christenthums, rühmte man, sei durch die mythische Auffassung um so sichrer konstatirt. Worauf diese Rettung des Gehalts hinausgeht, haben diejenigen gezeigt, die mehr Offenheit besitzen als Strauß; einleuchtend gezeigt, auch für die blindesten Augen. Bei so wichtigen historischen Dingen, als die evangelische Geschichte ist, gilt es aber vor allem, auch in äußerer Beziehung erst näher zuzusehn. Wie weit der liberale Geschichtsforscher im Zweifel gehen kann, ohne an der Geschichte zu sündigen, und wie seine Kritik in sich selbst wieder ihre Schranke trägt, hat uns Niebuhr in der römischen Geschichte gezeigt.

Der liberale Geschichtschreiber wird die Geschichte vom Standpunkte seiner bestimmten Überzeugung aus betrachten, jede Tendenz aber und jede Eigenthümlichkeit in ihrer Bedeutung würdigen. Theilt er, wie dies geschehen kann, die schiefen Ausichten seiner Zeit, so wird sich bei allen Fehlern doch die Billigkeit und der gesunde Sinn nicht verläugnen. Der radikale wird in der ganzen Geschichte nur sich und seine Meinung sehn. Wenn man den mannhaften und verständigen Sinn, der trotz der Hingabe an die Theorien der damaligen Zeit und trotz großer Einseitigkeiten in Spittlers Werken lebt, mit Rottecks Büchern vergleicht, so hat man ohngefähr den Unterschied.

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(Charakter.)

Von der Menschlichkeit des jüngeren Mannes, von seiner Selbständigkeit ist gesprochen worden; hier noch einige Zusätze.

Wie das Talent sehf oft, ja gemeinhin schimmernder erscheint als der Geist, so dünkt auch der Menge die störrige Opposition des Knaben, seine eingerannte, in die Augen fallende Hartnäckigkeit viel charaktervoller als die ruhige Festigkeit des Mannes. So sind uns aus dem Alterthum die Brutusse als höchste Charakterbilder überliefert, während die Scipione, obwohl weit größere Charaktere, weil sie nicht die äußern Zeichen des Charakters vor sich hertrugen, uns nur als gut und milde gepriesen werden. So gilt bei vielen der spartanische Charakter als größer denn der römische, blos weil die Spartaner ihre Sitten auf seltsame Weise zum Extrem getrieben hatten. Noch weniger begreift man, daß stille Aufopferung eines großen Charakters bedarf und man würde von Vielen verlacht werden, wollte man die Männer, die einst mit ihrem Blute das Christenthum unter unsere Väter gebracht, große Charaktere neunen. in Deutschland ist heutzutage um ein Charakter genannt zu werden, Nichts nöthig, als viel von Charakter zu scprechen und die Phrasen der Opposition im Munde zu führen.

Indessen giebt es, noch abgesehen von den Handlungen, ein Merkmal, das den Charakter des jüngeren Mannes von dem des Knaben untrüglich unterschiedet, und bei allen Radikalen als tief wirkende Ursache in Betracht kömmt. Der Knabe ist eitel: der Mann kennt nur ruhigen Stolz.


Anmerkung. Man bemerke, daß hier nicht von der Eitelkeit auf äußere Dinge gesprochen wird, sondern von der Eitelkeit als Motiv der wichtigsten Handlungen, möglicher Weise Entsagungen. Die erstere kann auch der Mann besitzen, die letztere nie. Man ist noch nich eitel im wahren Verstand, wenn man wie Kaunitz, oder wie Bulwers Pelham [???] den Stutzer macht; man ist es aber, wenn man, wie der Kaiser Julianus sich die Nägel wachsen und sich mit Unflath bedecken läßt—aus Eitelkeit. Dieser Mann war vielleicht das großartigste Beispiel radikaler Eitelkeit in der ganzen Geschichte. Eitelkeit und Cynismus sind also sehr oft vereinigt.

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Man vergleiche z. B. Lafayette und Washington. So nahe sich Beide in ihren Verhältnissen und Ansichten berühren, so sticht doch die einfache Ruhe in Washingtons Wesen hinreichend von Lafayettes Eitelkeit ab, um diesen als vorwiegend radikal, jenen als vorwiegend liberal zu charakterisiren, wozu freilich schon der Charakter des Franzosen und des Engländers das Seinige beiträgt. Wenn Napoleon gegen Lafayette, gegen Necker und gegen die Stae:l eine unüberwindliche Abneigung hatte, so entsprang sie zum Theil zwar aus moralisch selbstsüchtigen Motiven, geistig aber war sie begründet durch den Radikalismus der Eitelkeit, der ihrer Opposition gegen ihn unverkennbar zu zu Hülfe kam. Das Talent wird immer empfindlich berührt vom Genie.

Man hat in eigenen Schriften den Kaiser Mark Aurel und Friedrich den Großen vergleichen. Der römische Philosoph auf dem Thron war nicht frei von Eitelkeit; der deutsche war es. Dieß ist der wichtigste Vergleichungspunkt. In der That hatte Mark Aurel radikale Elemente, von denen an Friedrich Nichts zu sehen ist.

Mit der Eitelkeit des Knaben läßt sich spielen, die Würde des Mannes schreckt ab. Wie natürlich also, daß man an absolutistischen Höfen viel lieber mit dem Radikalismus verkehrt, als mit dem Liberalismus. Während der französischen Revolution war keine Fraktion von der Camarilla gehaßter als die konstitutionelle; man näherte sich den Personen in demselben Maaß, als das liberale Element in ihnen zurück, das radikale hervortrat; man stieß Lafayette zurück und unterhandelte mit den Lameths. Verletzte Eitelkeit macht den Knaben zum erbittertsten Gegner, befriedigte wandelt ihn um. Beispiele davon hat man in Deutschland in Menge erfahren; die Geschichte unserer Ständekammern ist leider reich daran. Wie hübsch war es nicht, als Napoleon seine alten Republikaner mit Titeln und Lehen kirrte, und wie artig nimmt sich die eiserne Opposition Ludwigs des XVIII. und Carl des X. unter Louis Philipp aus.

Aber nicht nur die Höfe, auch das Volk kennt diesen Unterschied. Es hält sich von den Männern, von seinen wahren Größen, mit bescheidener Achtung entfernt und überhäuft radikale Sprechtalente mit Ehrenbechern, Bürgerkronen und Festlichkeiten. Wollte man nach letzterm den Grad der Achtung bemessen, so würde man irren, denn das Volk hat Instinkt genug, um Jeden nach seiner Weise zu belohnen.Als Grabbe die Bildnisse der badischen Oppositionsdeputirten, (von Einem derselben herausgegeben), sah, schrieb er an Immerman, "man sehe den [lang=fr]Messieurs par peuple[/lang] an, wie wohlgefällig, vorsichtig und ernst sie dem Maler gesessen; und Rotteck stehe voran mit einer Nase, die nach Weisheitskörnern zu picken scheine." Ein guter Ausdruck für jenes Etwas, das jedem Unbefangenen bei den badischen Freiheitsmännern aufstößt und das nichts anderes ist, als die Eitelkeit.

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Während der Radikalismus, wenn ihm gehuldigt wird, eine Bescheidenheit entfaltet, hinter welcher Uebermuth oder Eitelkeit sich verbirgt, tritt der Mann mit Selbstgefühl und Selbstbewußtsein auf. Der erstere verführt den Pöbel, indem er sich ihm von außen gleichstellt und durch diese Schmeichelei seine Zwecke erreicht, der Liberalismus stößt ihn durch seine Ueberlegenheit zurück, sorgt aber in Wahrheit für sein Bestes, indem er seine Schwächen züchtigt, seine billigen Forderungen ohne Eigennutz vertritt. Jener zeigt sich überall bürgerlich, wo nicht plebejisch; dieser giebt niemals, selbst bei den populärsten Formen, den Adel des Wesens auf. Der eine ist, kurz zu sagen, Demagoge, der andere, wenn seine Stellung ihn zur Führung des Volkes beruft, Tribun.

Welch eine Kluft zwischen Menschen, wie Hunt oder O'Connor—und zwischen O'Connell. O'Connell ist nicht frei von einer pöbelhaften irischen Race, aber seine Stellung gegenüber der Masse seiner Landsleute ist trotzdem adelig im höchsten Grad. Er leitet sie für Irlands Interesse, wie der Vormund seine Schützlinge leitet, ohne Prüderie und Falschheit von seiner, ohne Widerspruch von ihrer Seite. Die Art und Weise, wie er seine Rente von Irland des Mannes in Anspruch nimmt und vertheidigt, ist königlich zu nennen. Nur ein Liberaler, der über der Volksgunst steht, vermag dieß; ein Radikaler ist beständig genöthigt, mit ihr zu bublen.

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(Rechtssinn.)

Der Knabe kann weder herrschen noch gehorchen; der jüngere Mann herrscht an seinem Orte und gehorcht an seinem Orte: beides mit gleicher Unbefangenheit. Er ordnet sich mit der nämlichen Ruhe dem unter, den er als überlegen anerkennt, als er sich dem überordnet, den er als tieferstehend fühlt. Diese natürliche Würdigung seiner selbst wie der andern ist der strake Gegensatz zum Charakter des Knaben, der, um Niemanden über sich zu sehen, Alle zur Gleichheit bestimmt. Wenn der letztere gesagt hat, "kein Recht über das meinige", so will der Mann, daß Jedem das Seinige werde. Dieses letztere Princip—das Princip aller Gerechtigkeit—, ist ihm unverwüstlich eingeboren. Haß gegen jede Unterdrückung und Unbild, ein glühender Rechtssinn, ist der Grundzug seines Charakters. Wenn diese Seite berührt wird, so tritt die ganze Lebendigkeit seiner Seele, die heftige Energie seines Gemüthes heraus. Da er aber vor allem das sittlich-natürliche Recht im Auge hat, und je älter je öfter des Widerspruches gewahr wird, in dem das positive, materielle Recht mit der innern Ordnung der Dinge steht, so durchbricht oder vernachlässigt er im Unmuth nur zu leicht die gegebenen Formen und gibt damit dem Gegner eine Waffe in die Hand, durch deren geschickte Führung schon mancher Liberaler im Kampf gegen heuchlerische Legalität—die Legalität der Pharisäer und Schriftgelehrten—unterlegen ist. Im Götz von Berlichingen hat Göthe einen solchen Charakter gezeichnet. Göthes Götz kämpft mit dem ganzen Heldenmuth seines natürlichen Rechtssinnes gegen die Scheingerechtigkeit der Intriguanten, aber seine Mittel sind der Art, daß der alte Spruch [lang=latin]summum jus summa injuria[/lang] sich in umgekehrter Weise wieder verwirklicht, indem sein Recht sich in der Form des Unrechts geltend macht, während das Unrecht des Gegners sich mit dem Titel des Rechts umgeben hatte.

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Der Ungestümm der Jugend ist also die Klippe, die der Liberalismus zu meiden hat. Der jüngere Mann, wie er ist, voll Glut und Lebensfrische, heftig und aggressiv, in der höchsten Blüthe der Sinnlichkeit und im Zeitraum der gewaltigsten Leidenschaften, wagt alles und setzt das Äußerste dran, den einmal als wahr erkannten Zweck zu erreichen. Oft geschieht es dann, daß wenn der Widerstand zu stark oder die Hitze der Zeit zu betäubend ist, er in Ungeduld sich aufreibt oder in ungehaltener Leidenschaft—einer Leidenschaft, die weder sich noch andere mehr schont—sich verzehrt.

Einer der edelsten Männer Deutschlands, Ulrich von Hutten, hat sich auf diese Weise verzehrt.

Und hier ist es nun, wo die Ergänzung des ältern Mannes als unentbehrlich in vollem Maaße eintritt. Hutten wäre nicht untergegangen, hätte er statt Sickingens einen konservativen Freund an der Seite gehabt. Wie schon im Alter des jüngern Mannes zwar freie Selbständigkeit liegt, aber nicht sein Charakter auf ein Verhältniß zum ältern Manne hin, welcher allein die Fehler der Leidenschaft ausgleichen und die Ungeduld der Jugend ermäßigen kann. So sand Luthers Ungestümm seine Ermäßigung in Melanchtom, und Luther selbst bezeugt mehr als einmal, wie ergänzend nothwendig ihm diese Freundschaft gewesen sei.

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Im praktischen Leben verfährt der jüngere Mann mit der Einfachheit des gesunden Verstandes. Wo es größere Dinge gilt, mit der drastischen Entwicklung einer Thatkraft, die mehr durch ihren moralischen Rapport als durch ihre Kunst oder Bedachtheit die Menschen ergreift. Mechanisches Geschick besitzt der Knabe und der Greis in höherm Grad; aber dieses Geschick zerfällt, wenn mächtigen Ereignissen eine organische Praxis entgegentreten soll.

Das praktische Talent der Radikalen, die Geschicklichkeit, womit sie handthieren, ist bekannt genug. Die wahre Praxis aber, die Kunst, überall naturgemäß und harmonisch mit den Dingen umzugehn, ist nur dem Manne gegeben.

Nirgends zeigt sich dieß lebhafter, als in den nächsten Verhältnissen des Lebens.

Der Knabe ist zu jung, um das Wesen der Familie, um die Gewalt des Vaters, um die Ehe zu begreifen. Ließe man ihn gewähren, so würde er die Familie zersetzen, d. h. die väterliche Autorität aufheben, die häusliche Dienstbarkeit lockern, die Ehe—deren innerer Gehalt ihm unverständlich ist—zu einem Gegenstand beliebiger Laune machen; und alles dieß würde ihm human erscheinen, weil er nichts davon ahnt.

Man weiß, wie sehr die radikalen Gesetzgebungen bemüht waren, die Ehe ihres bindenden Charakters zu entkleiden, die Scheidungsgründe zu vermehren, die väterliche Gewalt zu schwächen und weiters mehr. Man nannte dieß Humanität.Im radikalen Nordamerika ist, wie Leo anführt, in der That diese Humanität so weit gediehen, daß nach den Gesetzen einiger Staaten dem Kinde Klage zu führen erlaubt ist, wenn der Vater es geschlagen hat.

Der jüngere Mann, wenn auch selbst ohne Hausstand, versteht das Gesetz, auf dem die Ehe beruht, versteht die Bedeutung des Familienregiments. Seine Pietät und die Natur der Sache wird ihn vor Mißbrauch schützen. Er wird in sehr Vielem weniger strenge sein und denken, als der ältere Mann. Aber wenn er z. B. in der sinnlichen Kraft der Jugend, wie wir dieß bei der Mehrzahl der bewegenden Geister in der Geschichte sehen, das Maaß überschreitet, so wird er deßhalb doch niemals innerhalb und antasten, wenn er anders nicht nur dem Geiste, sondern auch dem Charakter nach liberal ist. Und wo er, wie dieß häufig geschieht, auch hier veranlaßt ist, gegen die Engherzigkeit absoluter Convention oder Etiquette anzukämpfen, geschieht es nicht, um die Macht der Familienbande, gleich dem Knaben, aufzulösen: sondern um ihren wesentlichen Werth vor Verfaulung in bloßen Formeln zu schützen.

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Ein anderer Punkt des praktischen Lebens, in dem die Verschiedenheit materiell in die Augen fällt, ist das Geld. Der Knabe weiß, wie natürlich, mit dem Gelde nicht umzugehen; ohne Verständniß seines Werths und seiner geistigen Beziehung, verschleudert er es entweder auf kindische Weise, oder er giebt sich dem Gelde als Gelde, dem Mittel als Zwecke hin und macht es zum Gegenstand seiner Liebhaberei. Der jüngere Mann ist freigebig; und braucht das Geld ohne Schonung, wo ein moralischer oder geistiger Zweck es nöthig macht; Gelderwerb als solcher liegt ihm fern, aber er schätzt es als Mittel und hütet sich, es zu verachten.

Die Radikalen haben sich überall in Europa als schlechte Haushälter bewährt. Die Finanzverwaltung der französischen Republik war so leichtsinnig als verkehrt. Dieß hindert aber nicht, daß der Radikalismus dem Gelde nachjagt, sich vorzugsweise mit ihm beschäftigt und seiner mechanischen Neigung gemäß, tausend Projekte und Speculationen daran knüpft. Nordamerika ist der sprechendste Ausdruck dieser Leidenschaft; sein ganzes Staateswesen dreht sich um Bauken und Finanzoperationen, und bei alledem ist das Geldwesen der nordamerikanischen Staaten unsicher, untüchtig und knabenhaft durch und durch.

Der Liberalismus hält sich von jeder schwindelnden Finanzoperation, von jedem künstlichen Geldsysteme entfernt; er benutzt die natürlichen Hülfsquellen, und wenn irgent so zeigt sich hier sein schöpferisches Talent. Friedrich der Große und Napoleon waren darin bewundernswürdig. Beide haben ein finanziell erschöpftes Land, Friedrich nach dem stebenjährigen Krieg, Napoleon nach der Revolution, binnen kurzer Zeit, zu blühendem Haushalt erhoben. Napoleons Doppelwesen aber ging auch durch die Finanzen hindurch; während er mit dem Liberalismus seines Geistes die Finanzen des Reichs organisirte, verschwendete er mit knabenhafter Schwäche des Gem:uths Millionen an seine Marschälle, um später die Folge davon an sich zu büßen.

Der jüngere Mann steht die Materie nicht an, wenn der Geist in Frage kommt; der ältere hat das Gewicht des Geldes in höherem Maaß erkennen gelernt und hält es strenger zusammen. Jener erlaubt sich, was ein Hausvater sich nicht mehr erlauben kann: er macht Schulden, auf das Kapital seiner jugendlichen Kraft hin. Wenn er die Summe seiner Kraft genau und richtig gegen die Summe der Schulden abgewogen hat, so mag dieß gehen: die Schuld trägt alsdann das Correctiv in sich selbst. Die Zukunft wird zeigen, ob das liberale England, das mit jeder Schuld seine Kraft und mit jedem Zuwachs an Kraft seine Schuld vermehrt hat, richtig oder unrichtig abgewogen hat.

Der jüngere Mann, an der Spitze seiner Epoche angekommen, wird sich nicht konsolidiren, ohne sich in Gleichgewicht gesetzt, und das Capital seiner Kraft von jeder störenden Verpflichtung befreit zu haben; und so wird auch der Liberalismus im Staatswesen, in seiner höchsten Ausbildung, die natürliche Freiheit an die Stelle des jetzigen Schuldensystems setzen.


Anmerkung. Wir erlauben uns diese Andeutung in der Überzeugung, daß die Oekonomie das Staates auf keine andern Grundregeln gebaut werden kann, als die des Privathaushalts—während freilich gegenwärtig die umgekehrte Ansicht vorherrscht—und daß auch hier einst die Einfachheit der Natur an die Stelle des komplicirten Geldsystemes treten muß.

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(Verhältniß zur Religion.)

Was auch das Resultat seiner Forschung sein mag: der jüngere Mann wird immer in einem tiefen und heiligen Verhältnisse zu dem stehen, das er als letztes Prinzip gefunden hat, sogar wenn dieses Letzte statt der lebendigen Idee Gottes ein kalter wesenloser Begriff ist. Oft kann er den Einflüssen einer zersetzenden Zeit unterliegen, oft im eignen Zweifel die Grenze überschreiten; aber den positiven Gehalt, der ihm bleibt, umschließt er mit ganzer Kraft der Seele und die Wahrheit ist sein Heiligthum. Oft ist ihm mehr geblieben als er sich zu gestehen wagt, und noch öfter legt die Position seiner Natur ein reiches Leben in die Kälte seines Verstandes hinein. So versenkte sich Spinoza mit der Inbrunst eines frommen Gemüthes in den Urgrund der Substanz, die er an die Stelle des persönlichen Gottes gesetzt hatte. Napoleon glaubte, so wenig sein Gemüth einer reinen Religiosität überhaupt fähig war, doch mehr als er sich gestand, er faßte Gott in der Idee des Schicksals und hing am Shicksal mit dem Cultus des Glaubens. Wenn Shakespeare Skeptiker war, so lebt doch in seinen Werken eine unerschöpfliche Fülle positiver Weltanschauung und ein Grundton von Religiosität, der vielleicht noch ebenso unbewußt als bewußt aus ihm hervorging. Lessing war zu gewissenhaft, um sich—besonders der beschränkten Legalität der damaligen Theologie gegenüber—als Christ zu halten; aber alle seine theologischen Stücke enthalten eine Anerkennung des Christenthums, deren ganzes Maaß er vielleicht selbst nicht kannte.Erst die jetzige Generation kann den positiven Gehalt der Rechfertigungen würdigen, die er versuchsweise den schwierigsten Dogmen des Christenthums gewidmet hat. Sie sind weitaus das Liberalste, was die deutsche Philosophie von kritischem Standpunkt aus über das Christenthum hervorgebracht hat. Friedrich der Große hatte nach Art seiner Zeit Gott und Welt bis zur Vernichtung zersetzt nnd [sic?] verzweifelte an der Wahrheit, aber aus dem Ruin bewahrte er sich das Princip der Pflicht und umfaßte es mit der unbeugsamen Gewissenhaftigkeit, die ihm unter allen Königen am meisten eigen war.

129

Die meisten liberalen Geister der neuen Zeit haben es nicht vermocht, weder ihren Verstand mit den Dogmen des Christenthums noch ihr Leben mit der Strenge seiner Moral in völligem Einklang zu bringen: und dieß sehr natürlich in einer Zeit die nach wissenschaftlicher Erkenntniß der Wahrheit, nach Aufstellung eines eigenen Principes ringt. Doch wie der Radikalismus sich selig dünkt, wenn er die Religion über Bord geworfen und der—so drückenden—Abhängigkeit von Gott sich entledigt hat, so waren Jene von Schmerz ergriffen, wenn sie sich zum bloßen Zweifel verdammt sahen und banden sich selbst an das letzte Princip mit derselben Strenge wie der Christ sich an Gott gebunden fühlt. Der Radikale steht verächtlich auf den herab, dem der Glaube gegeben ist, der Liberale—achtet und oft beneidet er ihn. Napoleons Äußerungen auf St. Helena und Friedrichs and Ziethen sind Belege dafür.

Andere Liberale, z. B. Stein, haben im Christenthum Ruhe gefunden. Die Deutschen mit ihrer philosophischen Neigung finden sie seltener, als die Engländer, deren praktischer Liberalismus den Zweifel durchs Leben bestegt. Die größten englischen Staatesmänner, der ältere und der jüngere Pitt, waren aufrichtige Anhänger des christlichen Glaubens. Immer aber wird der Liberalismus, wie er im Zweifel das Band mit dem göttlichen Wesen festhält, so im Glauben seine volle Freiheit bewahren. Er wird die äußern Satzungen ehren, aber niemals knechtisch ihnen unterthan sein. Auch im persönlichen Verhältniß zu Gott wird diese Freiheit sich offenbaren; selbst bei Gemüthsmenschen, wie Luther. Luthers persönlicher Umgang mit Gott, die freie und eigenthümliche Kraft des Glaubens, womit er Gott zu bestürmen pflegte, würde allein schon hinreichen, ihn zum großen Manne zu stempeln.

128 [sic]

So den Dogmen, so der Kirche gegenüber. Der Orthodoxist glaubt an die Wahrheiten der Religion, weil sie von der Bibel oder der Kirche gesagt sind; der Knabe, diese Sclaverei durchschauend, wirft mit dem Organ den Inhalt weg; der Christ als Mann ehrt Bibel und Kirche, weil sie die Träger einer Wahrheit sind, die er erkannt oder erfahren hat.

Der Radikalismus und der Absolutismus treten, wenn sie irreligios sind, die Kirche mit Füßen (Spanien und die Schweiz auf der einen, Rußland auf der andern Seite beweisen es), sind sie religiös, so lösen sie die Kirche auf, jener durch die Anarchie der Schwärmerei (wie die Sekten in England) dieser durch starre Bigotterie und Verweltlichung (wie im frühern Spanien). Der Liberalismus ist, wenn noch so skeptisch, weit entfernt, die Rechte der Kirche zu schmälern; und der Konservatismus, wenn noch so religiös, wird niemals der Würde des Staates gegenüber der Kirche das Geringste vergeben. Preußen unter Friedrich II. und Oesterreich unter Maria Theresia haben auf denkwürdige Weise Beides zu gleicher Zeit bewährt.

Das Verhältniß zur Kirche ist ein sicheres Wahrzeichen der politischen Richtung.

Hier verrathen sich die Schwächen, wenn sie sich in Anderem noch so vorsichtig verhüllen; und der Kern tritt heraus. Hier oder nirgends ist der ganze staatsmännische Geist erforderlich; büreaukratische Maximen und formelle Gewandtheit reichen hier nicht aus. Hinwiederum darf man an keinem Staate ganz verzweifeln, so lang er hierin sich männlich bewährt. Schon dieser Gesichtspunkt verleiht allen kirchlichen Kämpfen eine politische Wichtigkeit, ganz abgesehen von der, die sie in sich selbst tragen.

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Die Stellung des Liberalismus zur Religion ist mit Einem Wort bezeichnet, wenn wir an den bekannten Grundsatz Bacons von Verulam erinnern, "daß die wahre Philosophie in Allem zweifeln müsse und solle, daß aber gerade sie durch den Zweifel hindurch zu Gott zurückführe." Der Liberalismus ist in den Anfängen immer Kritik; sein Ende ist Position. Er hat bis jetzt dieses Ende noch nicht erreicht; aber sein ganzes Streben geht dahin und seiner Natur nach muß er es erreichen.

Jene Ansicht dagegen, nach welcher die Offenbarung als ein ohne Zusammenhang mit dem Menschengeiste von außen herein gebotenes Geschenk betrachtet wird, zu dem unsere Erkenntniß sich niemals erheben und wodurch sie in ihren Grenzen gefesselt werden soll, ist ihm im Innersten zuwider. Durchdrungen von der angeborenen Freiheit des Geistes und seinem Triebe die Fragen des Weltalls zu lösen, ist er überzeugt, daß dieselbe Macht, welche das Gemüth des Menschen befähigt hat, Gott im Glanben zu erfassen, auch in seinen Geist die Bestimmung gelegt hat, ihn im Wissen zu erkennen.

Einige Beispiele werden die Eigenthümlichkeit des Liberalismus in Sachen religiöser Kritik erläutern.

Als Herder über den Ursprung der Sprache schrieb, war es unter den orthodoxen Philosophen angenommen, Gott selbst habe persönlich einwirkend den Menschen im Sprechen unterwiesen. Herder bewies, daß die Erlernung der Sprache in der Organisation des Menschen selbst gegeben sei, und fragte dann die Theologen, welche Behauptung mehr zum Preise des göttlichen Wesens gereiche: die ihrige, daß Gott sich herabgegeben, den Menschen zu unterrichten, oder die seinige, daß er den Menschen von Anfang an so vollkommen organisirt habe, um aus sich selbst die Sprache zu erzeugen.

Dieses Bestreben, Gott nicht auf mechanische Weise, kindisch oder greisenhaft, sondern auf organische und zwar in seiner höchsten Schöpfung im Menschen zu ehren, ist ein Grundzug liberaler Religiosität. Wo das natürliche Leben verdammt und die organischen Produktionen des menschlichen Geistes in Wissenschaft und Kunst als Werke der Sünde bezeichnet werden, wie dieß von pietistischer Schwärmerei und orthodoxer Beschränktheit noch heute geschieht, sieht sie keine Anerkennung, sondern die niedrigste Verkennung Gottes im Menschen, seinem Geschöpf.

Die Religion des Liberalismus ist frei und heiter, wie sein Zweifel gehalten und ehrfürchtig bleibt.

Ein liberaler Christ wird das Bild Christi niemals als unbestimmtes und unnahbares Idol eines Gottes, er wird es als vertraute Persönlichkeit im Herzen tragen, und nur in einem menschlich lebendigen. Christus den Mittler zwischen sich und der Gottheit finden. Aber dasselbe Bild wird trotz der Vertrautheit als ein unerreichbar hohes, als unantastbar von Menschenhand, in ihm leben, und diejenigen, nach welchen Christus ein Lehrer der Tugend und Aufklärung war, wie sie selbst unter Umständen auch hätten sein können, werden ihm erbärmlich erscheinen.

Ein anderes Beispiel mag den Unterschied radikaler und liberaler Skepsis bezeichnen.

Die zwei namhaftesten Werke, welche in neuester Zeit über Christus geschrieben wurden, sind das Leben Jesu von Strauß und dasselbe von Salvador.

Strauß bemüht sich in weitläufiger Untersuchung zu zeigen, daß die evangelischen Berichte sich widersprechen: daß die Wunder, die Jesu zugeschrieben werden, auf gewöhnlichem Wege nicht möglich und daß alles dieß Produkt eines Mythus sei, der sich an die Person Christi nach alttestamentlichen Vorstelungen geknüpft habe.

Ganz anders Salvador. Er findet nicht nur die Verschiedenheit der Angaben, er findet die Wunder selbst natürlich. Die Wunder, sagt er, waren im Orient sehr gewöhnlich, sowohl der natur des Orients als der damaligen Zeit gemäß: nicht nur Christus sondern noch viele andere vor und nach ihm haben Wunder gethan: die Wunder wurden nur als Beiwerk, nicht als Kriterium der Messianität betrachtet, (denn auch falsche Propheten waren ihrer fähig) und das Volk war über diese Wunder durchaus nicht in dem Sinne verwundert, wie wir uns wundern würden. Mag also alles wahr sein, was in den Evangelien erzählt ist: so folgt daraus weder die Wahrheit der Christinischen Sendung noch die des Christenthums.

Der erstere Schluß ist albern und kindisch; der zweite innerlich gedacht und mannhaft. Es ist albern, schon wegen abweichender Berichte über einen Vorgang den Vorgang selbst zu bezweifeln; kindisch, mit bogenlangen Deduktionen zu beweisen, daß Wunder, die gegen das Naturgesetz laufen, nicht möglich sind:Kindisch, weil die Wisseschaft dieß [lang=latin]a priori[/lang] voraussetzt. Die Frage ist nicht die, ob Christus gegen die ewigen Naturgesetze handeln konnte (was die Vernunft im Voraus verneint) sondern die, ob wir diese Naturgesetze kennen, d. h. mehr kennen, als in ihren gröbsten, materiellen Zügen, und wie viel wir von dem Einfluß wissen, den der lebendige Geist auf die leblose Natur ausüben kann ? und Aehnliches mehr, von dem sich der Radikalismus nicht träumen läßt und worauf hier gerade Alles beruht. und wenn es wahr wäre, daß die ganze Vorstellung von Christi Geburt, Leben, Wirken, Tod und Auferstehung durch die Tradition des alten Testamentes erzeugt worden, d. h., daß eine bald zweitausendjährige Geschichte des Christenthums den Nachklängen des Judenthums ihr Dasein verdankt, so wäre dieß ein Wunder, wogegen die Auferweckung eines Todten Spielwerk ist.

Der zweite Schluß dagegen geht in die Tiefe. Er läßt dem Christen alles das, was man als historische Beweise anzuführen pflegt; aber er nimmt in demselben Augenblick, durch historisches Eindringen in die Zeit, dem Beweise die Beweiskraft. Die Wunder bleiben wie sie sind und verlieren trotzdem alles Wunderbare; Christus wie er ist, und doch ist er nur mehr—ein Orientale.

Salvadors Schluß könnte einen Konservativen erschüttern; Strauß kann nur auf Absolutisten wirken, (wenn sie beschränkt genug waren, um die wörtliche Uebereinstimmung der Berichte als Bedingung der Inspiration zu verlangen) oder auf seines gleichen.Um einem Mißverständniß vorzubeugen, bemerke ich, daß ich oben nur Eine Idee Salvadors, keineswegs aber das ganze Werk oder den Mann selbst als liberal hervorheben will. Was Strauß betrifft, so ist er, nebenbei gesagt, eines der auffallendsten Beispiele für den Unterschied zwischen Talent und Geist—ein sehr bedeutendes Talent ohne allen Geist. Allen andern, insbesondere allen, die jemals umfassend gezweifelt haben, wird er erbärmlich scheinen. In der That beweist Nichts mehr als die allgemeine Anerkennung, welche dem angeblich großen Geist dieses Buchs gezollt worden ist und die Furcht, die es erregt hat, die Alterschwäche der protestantischen Theologie. Ein tüchtiger Atheist hätte das Christenthum gegen solche Angriffe besser geschützt als—mit einigen Ausnahmen—die vereinigten Wächter der Kirche.

Irgend Jemand hat gesagt, er pflege gläubig zu werden, so oft er eine der modernen deutschen Schriften gegen das Christenthum lese und ungläubig, so wie er es von den Orthodoxisten vertheidigt finde. Der Radikalismus reizt den Mann zur Position, der Absolutismus zur Kritik und das Christenthum will weder radikal noch absolut behandelt sein, weil es keines von beiden ist.

Noch ein Exempel. Man erzählt von zwei Männern, der eine Katholik, der andere Protestant, welche nach Rom reisten. Die Verdorbenheit des römischen Hofes machte auf den Erstern einen so starken Eindruck, daß er sich entschloß, dem Katholizismus zu entsagen. Er theilt dieß seinem Freunde mit, und dieser entgegnet ihm voll Erstaunen: er im Gegentheil sei geneigt, katholisch zu werden, denn eine Religion, die trotz solcher Verdorbenheit sich so lang erhalten habe und noch erhalte, müsse von höherer Kraft beseelt sein. Der Letztere hatte—wenn man ein solches Paradoxon sagen kann, ohne der Verdrehung ausgesetzt zu sein—liberaler geschlossen als der Erste.


Anmerkung. Wir brauchen den Leser kaum zu erinnern, daß wir mit dem Vorhergegangenen weder gegen den Einen der genannten Schriftsteller polemisiren noch den Andern leben, sondern lediglich an die bekanntesten Beispiele anknüpfen wollten—welches für unsern Zweck ebenso nothwendig ist, als literarische Fehden ihm durchaus fern liegen. Bei der Stellung des Liberalismus zur Religion mußten wir etwas länger verweilen, weil heutzutage, da beide, Liberale und Radikale, Skeptiker sind, die Scheidung zwischen beiden erschwert ist und weil eben deßhalb hier auch der politische Erkennungspunkt liegt.

132

(Welt und Staatsansicht.)

Indem der jüngere Mann nach den Grundelementen des Vorhandenen sieht, ist das Erste was die Welt ihm bietet, eine unendliche, tausendfach abgestufte Mannichfaltigkeit. Er sieht, wie die Natur von Stein zur Pflanze, von der Pflanze zum Thier, vom Thier zum Menschen schreitet; wie die Menschheit selbst vom Papu zum Neger, vom Neger zum Asiaten, vom Asiaten zum Europäer aufsteigt. Er steht in seiner eignen Umgebung die reichste Abwechslung von schlecten und guten, tauglichen und untauglichen Individuen: er sieht, wie kraft eines und desselben Grundes die Thiere vom Menschen, die Wilden von den Gesitteten wird: kurz, er sieht überall das Gesetz der Ueber-und Unterordnung, eine ungeheure Stufenleiter auf einander—nicht nebeneinander wirkender—in Art und Wesenheit verschiedener Kräfte: von Gleichheit keine Spur, wohl aber von der weisesten Ausgleichung in den Trieben der Organisation.

Er gewahrt bald, daß diese Verschiedenheit es ist, worauf das Räderwerk der Schöpfung beruht: daß sie erst vertilgt werden müßte, eh es möglich wäre, die gleiche Freiheit für alle herbeizuführen: daß vermöge eines ewigen Naturgesetzes der Stärkere dem Schwächern, der Geistige dem Geistlosen immer überlegen sein würde, so oft man auch die Gleichheit dekretirte, und daß die Abstufung der Stände, die ungleiche Vertheilung der Macht und des Besitzes, die ganze Hierarchie der Gesellschaft, nur die äußeren Abdrücke dieses Gesetzes sind.

Weit entfernt also, nach selbstgeschaffenen Rechten des Menschen die Natur des Menschen zu verdrehn, sucht er vielmehr aus der letzteren die ersteren kennen zu lernen.

133

Jede Individualität, sagt sich der Liberalismus, hat den unauslöschlichen Trieb, die ihr eigenthümlichen Kräfte geltend zu machen; und nichts als der volle Gebrauch dieser Kräfte, nichts anderes als die ungehinderte Entfaltung der individualen Vollkommenheiten kann die Freiheit sein. Zur Entfaltung der seinigen hat somit Jeder ein gleiches Recht, ein angeborenes, heiliges Recht; da aber die individualen Vollkommenheiten selbst verschieden sind, so wird es naturgemäß auch ihre Ausübung, d. h. auch die Freiheit wird es sein.

Das Recht der Freiheit ist naturgemäß durch die Rechte der Andern beschränkt, d. h. Jeder kann seine Freiheit nur so weit entfalten, als er nicht die Freiheit des Andern verletzt. Je größer nur die geistigen oder die Charakterkräfte eines Menschen sind: desto kleiner werden die Einschränkungen, welchen er zum Besten Aller sich unterwerfen muß, desto größer seine Freiheit sein. Und dieß nicht durch Vertrag, sondern durch Nothwendigkeit der Natur, denn der Unfähige ist unwillkürlich und freiwillig vom Fähigern abhängig.

Der Liberalismus kennt somit keinen Maaßstab der Urrechte, als den die Natur selbst in jeden Einzelnen gelegt hat: d. h. die Abstufung der Freiheit oder Abhängigkeit ist ihm gleich mit der Abstufung der von Gott verliehenen Kräfte. Das Recht haben nach göttlicher Einrichtung Alle gleich, aber nicht die Summe des Rechtes. Der, dem die Natur Ein Pfund verliehen, um es in die Societät einzulegen, hat auf Rutzung dieses Einen Pfunds unstreitig dasselbe Recht, als der es hat, dem sie hundert Pfund verliehen: aber die Pfunde sind nicht dieselben, und wem diese göttliche Anordnung ungerecht erscheint, der vergißt, daß von bem, dem wenig gegeben ist, auch wenig gefordert, von dem, dem viel gegeben ist, auch viel gefordert wird.Da hier die Vorstellung des Liberalismus (nicht eine persönliche Meinung) geschildert wird, so bedienen wir uns mit Absicht eines Bildes, das Burke ähnlich in den Betrachtungen: über die französische Revolution gebraucht hat.

Nicht dadurch, daß die Pfunde verschieden ausgetheilt sind, sondern dann scheint ihm die Freiheit verletzt, wenn der Arme, der Ein Pfund besitzt, gehindert ist, es zu benutzen oder genöthigt, es zu vergraben, während der Reiche mit seinen Hunderten wuchert; oder umgekehrt und nicht weniger, wenn dem Reichen das Recht, das seine Pfunde ihm verleihn, entzogen und der Besitzer des Einen Pfundes sich die Dividende der hundert aneignen will.

Die Menschheit, sagt er sich, ist ein großes, kraft ihrer Organisation, d. h. kraft göttlichen Rechtes mit der Herrschaft über die Erde begabtes Gesammtindividuum. Jedes Glied dieser Gesammtheit hat seinen Antheil an ihren Rechten. Dieser Antheil wird um so größer sein, je mehr es den Gesammtcharakter in sich ausdrückt, um so kleiner, je weiter es sich von ihm entfernt. Gott schuf den Menschen, sagt die erste Tradition, nach seinem Bilde: und nicht ist einfacher als daß die Geltung der Einzelnen sich nach dem Grade der Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit richtet, in dem sie zu dem Urbilde stehn.


Anmerkung. Oder, um in radikaler Sprache zu reden, d. h. mit mathematischen Begriffen, welche nun einmal den Inhalt radikaler Staatsweisheit bilden: die Menschheitswürde ist ein Gesammtkapital, woran jeder Mensch seine Quote hat. Ohne Zweifel hat jeder Theilnehmer ein und dasselbe Recht auf den Vortheil, den seine Quote ihm verleiht: aber sind deßhalb die Quoten und die Dividenden gleich? Daß die erstern gleich seien, (d. h. daß Dummheit und Schurkerei den nämlichen Grad von Menschenwürde besitzen, als Geist und Seelengröße) hat meines Wissens noch kein Radikaler zu behaupten gewagt. Trotzdem sollen die Dividenden gleich sein. Trotzdem soll die Rechtsgleichheit darin bestehen, daß die größte Quote auf gleiche Dividende mit der kleinsten gesetzt wird. Als Erfolg davon wurde verheißen, daß der Besitzer der kleinsten Quote zum gleichen Gewinn mit der größten erhoben werde. Der Erfolg war aber der, (und mußte es sein) daß sämmtliche wurden. Die wahre Rechtsgleichheit ist einfach die, daß die Dividende einer jeden Quote genau der Größe derselben entspreche.

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Wer fühlt nicht, daß der Weise dem Typus der Menschheit unvergleichbar näher steht, als der Neger? Der Wilde selbst fühlt es am tiefsten: er sinkt bewundernd vor ihm nieder. Dieselbe Natur, die dem Starken den Drang eingepflanzt hat, sich geltend zu machen, hat in den Schwachen den Instinkt gelegt sich zu beugen. Wo die Ueberordnung der Einen gerecht sein soll, muß die Unterordnnung der Andern belohnend sein.

Das Thier wird erhöht, indem es dem Menschen gehorcht; der Unwissende verstärkt sich, indem er sich dem Wissenden, der Unmündige, indem er sich dem Unmündigen untergibt; das Weib erhebt sich, indem es dem Manne gehorcht; dem Knaben ist er heilsam, gezogen, dem Schlechten fruchtbringend, beherrscht zu werden.

Wenn der Liberalismus keine Gleichheit kannte: so ist ihm auch keine Herrschaft gerechtfertigt, wenn sie nicht dem Triebe des Beherrschten entgegenkommt und denselben erfüllt. Der Höhere soll herrschen über den Niedrigen, aber nur, um dem Dienenden wieder in dem zu dienen, was dieser sich selbst nicht leisten kann. Der Neger also, der sich selbst überlassen versinken würde, soll geleitet und erzogen—nicht aber (nach dem Staatsrecht des ersten auf die Menschenrechte gegründeter Staates) als Sache mißhandelt werden.

Nicht Eins für Alle: Jedem das Seine, ist auch hier das große Princip des Liberalismus. Jeder Fähigkeit die passende Sphäre, jeder Tugend den entsprechenden Spielraum, jeder Individualität die richtige Stelle anzuweisen—dieß scheint ihm das höchste Problem der Wissenschaft, dieß die erste Aufgabe der Staatskunst, dieß die Grundbedingung alles menschlichen Wohles zu sein.

Und hier ist es, wo er die Ausgleichung der Natur bewundert. Unter der zahllosen Menge hat sie jedem nicht allzu spärlich Bedachtem ein eigenes Geschick und mit ihm die Möglichkeit verliehen, durch das, was sein Eigenstes ist, die Andern sich zinsbar zu machen, denen er im Uebrigen dient. Der nämliche Handwerker, der in hundert Beziehungen nur gehorcht, übt durch seine Kunst eine Herrschaft aus, der Alle sich unterwerfen müssen, weil nur er sie hat. Jeder dient, wie das französische Sprichwort sagt, für das, was ihm fehlt und gebietet für das, was er hat—Keinen hat die Gottheit ganz verurtheilt und von der Höhe des Herrschers bis zum tiefsten Pöbel herab zieht sich eine sanfte Wellenlinie des Gleichgewichts.

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(Widerspruch der natürlichen und der wirklichen Welt.)

Indem aber nun der jüngere Mann von diesen ihm so einfach scheinen den, aus der Natur selbst geschöpften Principien sein Auge auf die positiven Verhältnisse zurückrichtet, öffnet sich ihm eine andere Welt.

Viele tausend Menschen sieht er ihres natürlichen Rechts völlig beraubt; Andere zu einer Berechtigung erhoben, die weder ihrem Geiste, noch ihrem Charakter gebührt, die Mehrzahl in einem Zustande, der dem individuellen Berufe nur wenig oder nicht entspricht: nur eine kleine Zahl mit der richtigen Stellung begabt. Er findet, daß die äußere Hierarchie der Stände, ihrem Ursprung ungetreu, nur zu oft das Gegenbild der innern Würde ist, die sie audrücken sollte. Er findet Pöbel in den hohen, Adel in den niedern Ständen, er sieht die Dummheit regieren, den Reichthum herrschen, die Schwäche von Einfluß, die Schlechtigkeit geehrt, während der Geist dem Elend oder der Verkennung, die Kraft der Versaurung, die Seelengröße dem Haß und der Intrigue preisgegeben ist. Er sieht die Freiheit Aller unterdrückt zum Gelust eines Einzigen oder einiger Wenigen; er sieht, wie der Pöbel die Bande der Unterordnung durchbricht, um seine Rechtsund Zügellosigkeit zum Recht und Zügel für andere zu machen, er sieht, wie die Mittelmäßigkeit mit eitler Unduldsamkeit sich zum Herrn aufwirft und die Menschheit in ihren Maaßstab zwängt, als wäre (wie es oft ihm scheint) kein wahrer Adel mehr vorhanden auf Erden. Das ganze wirkliche Dasein ist ein anderes als das geistig gerechtfertigte, von dem er ausging.

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Diese wirkliche Welt ist so fest gegründet, durch unzählige Bande und Rechte so stark verwebt, daß es ihm kaum möglich scheint, die positiven Verhältnisse mit den naturrechtlichen in Einklang zu bringen. Aber nicht lange, so entdeckt er in der Natur selbst Anlässe des Widerspruchs und der Schwierigkeiten.

Nicht nur daß keine Richtschnur vorhanden ist, die Würde der Naturen, und die Geltung der Verdienste zu bestimmen—welche Richtsnur nur aus der genauesten Kenntniß des Menschen, aus der vollendeten Wissenschaft der Seele hervorgehen kann—so sindet er eine organische Verwirrung in der Doppeltheit des Maaßstabes selbst. Wenn der Geist als solcher der Ehre würdig (wie kein Zweifel ist): so kommt auch der zu Ehren, der mit Geist Schlechtigkeit verbindet; ist es der Charakter als solcher, (was ihm eben so fest steht) so kann durch geistige Schwäche der nämliche Mann den Staat verderben, der ihn durch moralische Tugenden ziert. Somit vermischen sich die Stände, und die höchste Stufe der Hierarchie kann, so hoch sie auf der Einen Seite steht, auf der andern in die Tiefe hinabreichen—das Oberste und das Unterste berühren sich.

Noch mehr aber: er sieht aus der Natur, daß die Würde des Einzelnen sich nicht ausschließlich und allein nach seiner individuellen Organisation, sondern, wenn auch nur in untergeordneter Linie, noch zugleich nach einer andern Werthung bestimmt.

Diese Werthung ist die Race; sofern nicht nur der Körper, sondern auch die Seele von der Geburt erbt.

189 [sic]

(Individuum und Race.)

Wenn der Europäer, selbst mit dem geringsten Talent begabt, dem Eskimo nicht nur in Künsten und Bildung, sondern auch im geistigen Ueberblicke unbedingt überlegen ist, sogar dann wenn dieser Wilde unter seines Gleichen ein Geist der ersten Größe wäre: so verdankt das europäische Individuum dieß nicht seiner individuellen Natur, sondern seiner europäischen Race. Die erstere mag in Europa unter den Reihen des Pöbels stehen; die letztere erhebt ihn trotzdem über sämmtliche andere Völker.

Der talentvollste Deutsche wird nie gewisse Fertigkeiten erreichen, die jeder Franzose als Franzose besitzt; und umgekehrt. Jeder Mensch, auch der niedrigste, erhält mit seiner Volksrace Vorzüge und Fehler, woran sein Individuum schuldlos ist, welche trotzdem als Moment in die Maagschale fallen und von welchen absehen zu wollen gegen die Natur wäre.

Diese Race beschränkt sich aber nicht nur auf die Nationalität—sie dehnt sich auf den Provincial-, auf den Stammes-, auf den Familiengeist aus. Ein Stamm, eine Familie ist, obgleich in unendlich niedrigerem Grade als die Nation, doch in ihrer Art wieder eine besondere Wesenheit; jeder ihrer Genossen wird mehr oder weniger Erbe ihrer guten und schkimmen Eigenschaften, und es ist daher naturgemäß, daß, wenn ein Geschlecht durch Adel der Organisation sich über andere emporhebt, jedes Glied derselben, wenn auch individuell von geringerer Bedeutung, die Vorzüge der Race genießt, sofern es diese Race besitzt.

Die Herrschaft einzelner Racen über die andern, und Einer über die einzelnen—die Bekleidung aller Familienglieder mit den Vorzügen ihrer Race und die Gewohnheit der Völker, nicht nur Personen, sondern Geschlechter (als Individuen, die alle Elemente der Bevölkerung ausdrückenEine Nation aus lauter Familien bestehend, wird vollkommen nur durch eine Familie repräsentirt, als welche in Mann, Weib, Kind ??? alle Theile der Bevölkerung in sich faßt. Es versteht sich, daß hier vom Souverän nur sofern er auch einem Geschlechte angehört, die Rede ist; denn die Verehrung des Souveräns als Regenten beruht auf einem ganz andern Grund. an ihre Spitze zu erheben, mit Einem Wort der Entstehungsgrund des Erbadels und der Erbmonarchie wird ihm hiemit begreiflich.

Die Race, sieht er, ist unzertrennlich von der Person; sie bildet die Vorfrage bei der Beurtheilung jedes Menschen, sie ist die Hülle, welche sein eigentliches Wesen umgiebt, der Vorgrund, aus welchem sich die charakteristische Besonderheit des Individuums erhebt. Indem sie sich ihm somit als zweiter Maaßstab der menschlichen Werthung ergibt, so ist es seine Aufgabe, beide Maaßstäbe in ihr richtiges Verhältniß zu setzen, die Race als Unterlage, das Individuum als Eigenschaft, so daß das letztere herrscht, aber mit organischer Berücksichtigung der erstern.


Anmerkung. Obgleich die Wichtigkeit der Race uns täglich im Leben entgegentritt und obwohl jeder Mensch ohne Unterschied das Recht höhern Race gegen die niedere ausübt, so ist doch der Radikalismus dreist genug, sie als einwirkendes Princip im Staate kurzweg zu verwerfen; (ohne zu bedenken, daß die Race es ist, auf welcher die Einheit jeder Nation, mittelbar des Staates beruht und die Race, welche das niedrigste menschliche Individuum über das Thier erhebt: denn als bloßes Individuum ist ein edles Thier einem unedeln Menschen überlegen.) Der Grund davon ist der, daß man nicht scheidet zwischen materieller und geistiger Race. Man glaubt der erstern anheimzufallen, wenn man die letztere anerkennt. Die materielle Race ist die bloße Thatsache der Geburt; die geistige ist der psychische Charakter, den die Abstammung dem Menschen noch neben seinem individuellen ertheilt. Der Absolutismus und der Radikalismus ehren bloß die erstere; der Mann bloß die letztere. Wir wollen dieß erläutern.

Der Absolutist verehrt den äußern Adel als solchen und die Söhne desselben als Erben des Privilegiums; d. h. die bloße Thatsache der Abstammung. Der Radikalismus thut dasselbe nur auf umgekehrte Weise, d. h. er haßt den Erbadel schlechthin, ein Mensch von fürstlicher Abkunft z. B. ist ihm durch die Abkunft allein schon schwarz bezeichnet. Die französischen Ausgewanderten betrachteten jeden Adeligen von Vollblut als höheres Wesen, die Jakobiner verfolgten jeden als Auswurf ihrer Gesellschaft. Beide begehen somit den nämlichen Fehler; beide setzen anstatt der möglichen psychischen Mittheilung, welche aus der Abstammung fließt, die bloße Geburt, und beide machen das Individuum zum Opfer dieser materiellen Race.

Ganz anders der junge Mann. er ehrt im Geschlecht die Geschlechtstugend, im Einzelnen des Geschlechts den Antheil an dieser Tugend. Er erkennt somit naturrechtlich keinen Adel an, der nicht auf der Basis eines wirklich hervorragenden Geschlechts, auf aristokratischer Race im geistigen Sinn beruht; und kein einzelnes Glied des Adels, wenn es nicht diese Race wirklich besitzt. Hiemit fällt aller Geldadel (d. h. nicht nur der mit Geld erkaufte, sondern auch der sich von selbst bildende Vorrang der Geldgeschlechter—sofern diese sich nicht wie die Medicäer oder die Fugger zu höherem politischen und moralischen Geschlechtsgeist erheben—) ins Nichts zurück; und Niemand ist der Ehren seines Geschlechtes würdig, wenn er von den Tugenden desselben entartet ist. Reden wir, um das letztere deutlicher zu machen, mit dem Sprichwort, so setzt der Radikalismus und der Absolutismus ohne weiters voraus, der Apfel gleiche dem Stamm, der Liberalismus dagegen untersucht, wie nah oder wie weit der Apfel vom Stamm gefallen sei.Die mögliche Entartung von der Geschlechtstugend wird schon jetzt beim Adel vorausgesetzt, obwohl mehr im mechanischen Sinn. So erlischt z. B. der Adel, wenn der Adelige, um sich zu nähren, zu einem niedrigen Handwerk greift; taucht aber wieder auf, wenn ein späterer Erbe die Ehre des Hauses wiederherstellt. Dieser Vorgang ist ein äußerer Abdruck der psychischen Wahrheit, daß der Racecharakter eines Geschlechtes oft im Sohne entartet, während er im Enkel oder Urenkel wieder auftaucht. Auf der Voraussetzung, daß bei der ersten Erzeugung die psychische Mittheilung der Race am vollkommensten und lebhaftesten sei—einer natürlichen Voraussetzung—beruht, beiläufig gesagt, das Recht der Erstgeburt. Hiemit ist vom Individuum noch nichts gesagt; der Erde etnes großen Geschlechts kann die Tugenden seiner Race besitzen, ohne selbst weitere Bedeutung zu habenDas heißt, dieses nämliche Individuum, in einer niedern Sphäre geboren, würde durch Nichts hervorragen und unter der Menge verschwinden. und es kann umgekehrt Jemand aus der Art schlagen, dem die Natur eine feltene Individualität verliehen hat, (z. B. ein sehr geistreichter aber feiger Mensch aus einem Geschlechte, dessen vorwiegender Charakter Tapferkeit ist.) Allein der Besitz einer edeln Race ist außer dem Werth, weil er aufs Individuum zurückschließen läßt. Die Natur vereinigt nicht die äußersten Widersprüche; und um eine große Erbschaft anzutreten, muß ich wenigstens einige Fähigkeit besitzen. Ein Mensch, der in der Race den Geist eines großen Geschlects oder den Muth eines solchen eingesogen hat, kann individuell nicht geradezu dumm, nicht feig konstituirt sein; er kann die Hauptsache seines Geistes, den größten Theil seines Muthes seiner Race verdanken, er kann mittelmäßig, aber er kann nicht schlect sein. — Daß übrigens die Geschlechtstugend so verschiedene Arten hat als die individuelle, daß es Geschlechter (und zwar zum ADel wahrhaft berechtigte) geben kann, die mit bedeutendem Geist einen grausamen Charakter oder Charakter mit wenig Geist verbinden, braucht kaum gesagt zu werden. Keine Geschichte der Welt ist aber so reich an großen Geschlectern—geistig und gemüthlich großen—als die deutsche, besonders des Mittelalters (vom Kaiser bis zu den Freiherrn herab); wie denn überhaupt der deutsche Adel im Mittelalter der erste Adel Europas im innerlichen Sinn zu sein gestrebt hat und sich dessen bewußt war (wovon Hutten deutlich Zeugniß gibt.) Diese besondere Wichtigkeit der Race für unsere Verhältnisse macht noch eine Bemerkung nothwendig. Man verwechselt sehr häufig die Entartung der Geschlechter (welche den Adel vernichtet) mit ihrer Veraltung. Das Geschlecht hat seine Blüthe und seine Abnahme, d. i. seine Entwicklungsstadien, wie der Einzelne und wie die Nation. Wird ein Geschlecht alt, so überkommt es den Charakter des Alters; es schlägt nicht aus der Art, aber es entartet, sofern es dem Absolutismus des Alters verfällt. Bedenkt man nun, wie hoch ein großer Theil unsers hohen Adels hinausreicht, wie alt er schon gewesen im 18. Jahrhundert, wie absolutistisch damals der allgemeine historische Zeitgeist selber war und setzt man hinzu, daß Deutschland noch besonders veraltet war in seiner Nationalentwicklung; erwägt man dies dreifache Alter, so wird man den Verfall unsers Adels im Gegensatz zum Mittelalter—ein Hauptgebrechen deutscher Nation—begreifen, zugleich aber auch manches im Lichte der Entwicklung sehen, was man den Individuen zugeschrieben hat.

Wir haben so viel über die Race gesprochen, nicht als ob ihre Hervorhebung der Ansicht des j. Mannes eigenthümlich wäre (wovon wir das Gegentheil sehen) sondern weil der j. Mann, weit genug, um sämmtliche Potenzen des Menschen aufzufassen, sie bereits in Betracht zieht.

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Wenn nun schon die Anlage des Menschen eine Verschlingung der Zustände hervorruft: so treten als weitere Ursachen noch die Accessorien des Menschen, die irdischen Momente der Gesellschaft, Reichthum und Grundbesitz hinzu. Durchs praktische Leben lernt der jüngere Mann auch sie in ihrer Wichtigkeit kennen; und so sehr sie ihm, der nur den Menschen im Menschen sucht, widerstreben, so würdigt er doch ihren Einfluß. Mit jedem Schritte weiter sieht er ein, daß die socialen Verhältnisse, die vor ihm liegen, das Produkt einer unzähligen Menge von geistigen und materiellen, in der Natur selbst oder in ihren Mängeln begründeten Faktoren sind—ein Produkt, welches nicht nach einer einfachen mathematischen Formel, sondern nur durchs tiefste Studium des psychologischen Kunftwerkes, aus dem es entsprossen ist—der menschlichen Natur—gelöst werden kann; und daß, wenn die Gesellschaft von ihrer gesunden Konstruktion entartet ist, keine Reform zum Segen wird, welche, statt auf die Natur zurückzugehen, d. h. die unendliche Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse zu berücksichtigen, den gordischen Knoten mit Einem bequemen Streiche durchhaut.

Indem solchergestalt seine Anschauung sich erweitert und berichtigt, hält er dennoch unverbrüchlich an dem Grundprincip fest, von dem er ausgegangen—an der Individualität. Der Geltung des Raceadels des Besitzes den innern Herrschaft des Geistes und der Tugend entgegen. Wenn es ihm auch nicht gelingt, die Welt wie sie ist, mit der Welt wie sie sein sollte, der Welt seines Naturrechts zu vereinigen, so bleibt jene ihm doch das erste Prinzip der Gesellschaft. Unter allen Zuständen wird sein Auge sich hierauf zuvörderst richten und er kennt keine Verfassung, in der der Einfluß einer geistigen Aristokratie nicht wenigstens annähernd möglich wäre; die beste aber wird ihm die scheinen, wo dieser Einfluß unabweislich ist.


Anmerkung. Wir haben die Widersprüche der idealen Welt des jüngern Mannes mit der wirklich bestehenden geschildert; aber nicht die Versöhnung beider, nicht die Lösung des Widerspruchs. Denn wie im Einzelnen nur der vollendete Mann diese Lösung erreicht, so gelangt auch die Geschichte zu ihr erst mit der Herrschaft des höchsten Liberalismus. Diese Zeit war noch nicht vorhanden; vielmehr haben bis jetzt beide Welten gekämpft und die Einheit ist es, wonach wir ringen.

Also auch der Liberalismus kennt ein Naturrecht und einen Gegesatz des Naturrechts mit dem positiven Recht, aber in ganz anderm Sinne als der Radikalismus. Das Recht des ersteren ist das Recht der Existenzen; das des letztern die ursprüngliche Gleichheit Aller. Während der letztere die Menschheit in ihren Anfängen übereinstimmend, dann aber Schritt für Schritt mehr entartet vom Naturrecht annimmt, sieht der Erstere umekehrt das positive Recht von Stufe zu Stufe mehr ähnlich werden mit dem Naturrecht. Mit andern Worten das Recht der Menschheit (welches Wort gleich ist dem Naturrecht) kann sich ganz erst entwickeln, wenn die Menschheit zum Mensch geworden, d. h. ihre höchste Manneszeit erreicht hat. Je weiter von dieser hinweg, desto ferner, je näher ihr, desto ähnlicher muß das positive Recht dem Naturrecht sein, bis endlich beide zusammentreffen; der Radikalismus muß das positive Recht umstürzen, um sein Naturrecht zu verwirklichen; der Liberalismus erreicht das höchste positive Recht und findet eben damit das Naturrecht.

141

(Enstehung des Staates.)

Daß der Staat vom Manne als unmittelbar nothwendiges Produkt der menschlichen Natur, als die Krone der menschlichen Organiszation (und somit der göttlichen Weltordnung) betrachtet wird, folgt von selbst aus der geschilderten Weltansicht.

Der Mann kennt kein Staatsrecht, das vermöge eines Vertrags entstanden (oder vielmehr verfertigt worden) wäre. Dieß dünkt ihm so lächerlich, als wollte man den Trieb, vermöge dessen das Kind dem Vater gehorcht oder ein Bruder den andern liebt, auf einen Vertrag zurückführen. Will man aber die Art und Weise, wie der Trieb der menschlichen Seele zur Staatsvereinigung sich unbewußt vollzieht, einen Vertrag nennen, so ist es ihm ein unwillkürlicher in aller Herzen geschriebener Vertrag. Jeder Grundkontrakt einer abgesonderten Staatsgesellschaft ist ihm, mit Burke zu reden, "nur eine Clausel in dem großen Urkontrakt, der von Ewigkeit her alle Weltwesen zusammenhält, die niedrigen Naturen mit den höheren verbindet und die sichtbare Welt an die unsichtbare knüpft, alles unter der Sanktion eines unverletzlichen und unwandelbaren Gesetzes, vor dem Nichts im physischen, Nichts im moralischen Weltall seine Stelle verlassen darf."

Der Mann kennt aber auch keinen Staat, dessen Urheber und Vorsteher Gott im mechanischen Sinne wäre, d. h. in anderm Sinne wäre, als sofern er den Staatstrieb in die menschliche Natur gelegt hat und in ewigem nahen Zusammnhange mit diesem seinem Geschöpfe bleibt. Keinen Staat also und keinen Staatszustand, der schon dadurch geheiligt wäre, daß er ist wie er ist ("daß Gott ihn gesetzt oder verordnet habe"); denn dieß läuft wider das Gesetz der Natur—das göttliche Gesetz. Der Mann kennt nur einen organisch wirkenden, durch menschliche Freiheit thätigen Gott.

142

In sich selbst, in seinem Körper und seiner Seele finder der mann die Grundprincipien des Staatsorganismus.

Der Knabe, dessen Seelenkräfte in unbewußten Schwingungen hin und her wogten, dessen Leidenschaften nur selten von der Vernunft, dessen sinnliche Gelüste noch seltner von der Willenskraft gezügelt wurden, der die Instinkte des Gemüths in kein Verhältniß zu den Antrieben des Geistes, der die extremen Schwankungen seiner Neigun in keine Unterordnung unter die gesetzgebende Macht des Bewußtseins zu bringen vermochte, der Knabe, in dem die Seele selbst noch in chaotischer Unordnung gährte, konnte sich kein Bild vom Staate entwerfen. Oder vielmehr, er trug sein eigenes Bild—ein regelloses Nebeneinander—in den Staat hinein.

Der Mann findet seine Sinnlichkeit gezügelt durch die Kraft des Willens, seine Empfindungen geregelt durch Starkmuth; er sieht seine Einbildung von der Vernunft bezähmt, sein Gedächtniß vom Verstande beherrscht; seine Neigungen im Dienst des Charakters, seine Talente im Dienste des Geistes. Er sieht die ganze Energie seines Gemüths von der Macht des Gedankens geleitet: alle Glieder des Leibes gehorsam den Befehlen des Kopfes; jede Kraft in freier Funktion und doch unterthan ihrem Herrn: er fühlt Krankheit und Mißbehagen, sobald irgend eine Function in ihrer Bewegung gehemmt, oder unziemlich erweitert ist: über alle endlich erblickt er als vereinigendes und bestimmendes Gesammtorgan, als Krone der Harmonie, die Sprache gesetzt, und ihr zur Seite die niedrigern Organe der Vollziehung.

Dieses Bild geht nicht bloß auf die Zeit zurück, wo Menenius Agrippa die empörten Plebejer beschwichtigte. Es ist, nach indischen Ausdrücken zu schließen, so alt, als der Staat selbst: es liegt im Menschen.

143

(Staatsverfassung.)

So denkt sich der Liberalismus den Staat als einen Körper, in dem kein Glied ohne Zusammenhang mit dem Ganzen, kein Glied aber auch ohne Antheil am Ganzen ist; in welchem dem Demos, dem Mittelstand, dem Adel, jedem seine Berechtigung zugewiesen ist, an dessen Spitze als höchster Ausdruck des Gesammtlebens eine Herrscher-Gewalt steht, welche wie die Sprache im Körper gleich unfähig sein soll, die Funktionen der andern zu zerstören, aber auch gleich geschützt, von den andern in ihrer Freiheit beschränkt zu werden.

In diesem Organismus denkt er sich jede der Staatsgewalten an ihren Platz gestellt und frei wirkend in ihrer Sphäre; keine so geschieden von der andern, daß der lebendige Zusammenhang gestört würde, keine entgegengestell: der andern, daß statt einer heilsamen Harmonie eine lähmende Gleichheit enstände; Eine aber als zusammenfassende Macht über allen.Keine radikale Trennung der Gewalten also—keine Gleichstellung von Regiment und Gericht, wodurch keines gefördert und beide gelähmt werden.—Der Ausdruck "Eine" will hier nicht die Einheit der Zahl bedeuten.

Das Gesetz betrachtet er als das Erzeugniß des gesammten Nationalwillens—ein Erzeugniß, das nicht kurzweg durch Dekrete vorgeschrieben, sondern nur, wenn es sich aus den Zuständen entwickelt hat und zum Ausdrucke reif geworden ist, in der höchsten Gewalt diesen letztern—einen organischen, nicht erzwungenen Ausdruck—finden soll. Er will daher, daß nicht ausschließlich das Haupt, sondern auch die Glieder nach Verhältniß der gesetzgebenden Gewalt theilhaftig seien; und das Maaß dieses Antheils, den Jeder an den Gesellschaftsrechten überhaupt hat, denn das Gesetz ist die Bestimmung dieser Rechte.


Anmerkung. Das Wort Gesetz ist hier im eigentlichen Verstand, nicht im Sinn der Verordnung zu nehmen, wodurch die Anwendung des Gesetzes regulirt und bestimmt wird und welche man im gewöhnlichen Lehen wohl auch Gesetz nennt. Diese Verwechslung trägt dazu bei, den Begriff der gesetzgebenden Gewalt zu verwirren; um so mehr, als er durch die Zusammnstellung dieser Gewalt mit der ausübenden und richterlichen schon entsetzlich verwirrt ist. Denn der erste Begriff ist nicht homogen mit den zwei letztern. Vollziehung und Gericht sind nothwendige Funktionen im Staate; Gesetzgebung ist die Funktion des Staates, der Souverainetät selbst. Jene werden—und schon dieß zeigt den Unterschied—von beamteten Behörden, diese wird von den Ständen der Nation geübt. Absichtlich haben wir daher oben mit einer Tautologie geschlossen.

144.

In der Anwendung aller dieser Principien verfährt der Mann nicht nach dem Zwange der Theorie, sondern nach den Verschiedenheiten des Nationalcharakters.

Er wird keinem von Natur republikanischen Volke die Monarchie aufdrängen, keinem mit Erbadel und Erbfürsten verwachsenen die Erblichkeit nehmen wollen. Er geht auch hier, wie immer, an der Hand der Natur, von Stufe zu Stufe.

Wo, wie in den Urkantonen der Schweiz, nur ein Demos, oder wie in den übrigen Theilen dieses Landes, nur ein Demos, oder wie in den übrigen Theilen dieses Landes, nur ein Bürgerthum vorhanden ist, wird es ihm nicht in den Sinn kommen, die höhern Stufen dazu zu schaffen, sondern er wird Sorge tragen, daß die Verfassung jeder individuellen Trefflichkeit Raum gebe, sich zu entfalten, und daß nicht die Freiheit zu Anarchie, die gemeinsame Befähigung aller Glieder, zur Herrschaft des Bauches und zur Unterdrückung des Hauptes ausarte; denn das letztere, mag es nun aus Einem oder Mehreren, aus erblichen oder persönlichen, aus wechselnden oder bleibenden Personen bestehen, wird er überall mit demjenigen Ansehen bekleidet wissen wollen, ohne welches der Leib uur [sic?] geil wird.

Wo nebst diesen zwei Stufen noch Aristokratie, aber nur dieß besteht, wie in den Städteverfassungen des Mittelalters, wird er eine Spitze der Aristokratie am Orte finden, niemals aber ein eigenes monarchisches Element gewaltsam gründen wollen.

Wo endlich alle vier Elemente vorhanden sind—eine Zustand, der ihm als der geistigste erscheint, weil damit die Natur selbst ihre Vollendung erreicht—Wie das, wird später erläutert. Daß der Liberalismus nur die monarchische Verfassung liebt, soll damit keineswegs angedeutet sein. da giebt er jedem Elemente seine Geltung, nicht jedem die gleiche (welches den Staat aufheben würde), sondern in langsamer Steigerung von Stufe zu Stufe, bis in der letzten Stufe, der Monarchie, sich die Staatsgewalt concentrirt.

Eine solche, wie man es nennt, zusammengesetzte Verfassung ist ihm die höchste, weil die Mischung der natürlichen Organisation, somit der Einfachheit entspricht, während die gepriesenen arithmetisch-einfachen Verfassungen die Natur mißachten oder umkehren.

Wie die letztern in ihrem regelmäßigen Gang pyramidalisch weiter schreitet, besweilen nur die Grundlage legt, bisweilen den Bau in der Mitte beendigt, niemals aber von oben nach unten baut oder ohne Mittelglied die Spitze mit dem Fundament verbindet: so findet er allenthalben die Freiheit oder das Glück des Staates gestört, wo die höhern Stufen ohne Mitwirkung der niedern vertreten oder die höchste mit den niedrigen ohne Mittelglied verbunden sind.

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Konstitutionell ist sonach aller Liberalismus, aber nicht in moderner Art. Die konstitutionelle Verfassung in dem Sinne, wie sie heutzutage von den Meisten ihrer Anhänger und von der mehrzahl ihrer Verfechter verstanden wird—eine Erbmonarchie, mit demokratischen Institutionen umringt, ist nichts weniger als liberal. Nach liberaler Ansicht—einer Ansicht, die freilich nicht Viele unsrer Liberalen theilen, die aber in England jeder Whig unterschreiben würde—wird die Freiheit nicht geschützt durch ein Ungeheuer von zwei sich widersprechenden Gewalten, denen jede Vermittlung fehlt. Ein König, der in seinem ganzen Reiche der einzige Erbwürdenträger ist, wird dem Bürgerthum, wenn er nicht Geist genug hat, es zu beherrschen, durch Gewalt oder Intrigue entgegenstreben; das Bürgerthum wird, wenn es schwach ist, dem Despotismus verfallen, wenn es stark ist, das Königthum untergraben. Steht der Adel dazwischen, so wird durch den doppelten Widerstand, den der König an Volk und Adel, das Volk an Adel und König findet, die Gefahr gebrochen.

Nach dieser Ansicht ist eine Verfassung, bei der auf eine Unzahl von Gleichberechtigten ein Einziger mit einem unerhörten Vorrecht gethürmt ist, eine Verfassung für Extreme. Nach dieser Ansicht war die gepriesene Constitution der constituirenden Versammlung ein Widersinn in sich, der dahin führen mußte, wohin er geführt hat—zur Anarchie. Nach ihr mußte man in Frankreich im Jahre 1832 entweder die Pairie in ihrer Erblichkeit belassen oder aber mit der Erblichkeit der Pairs zugleich die Erblichkeit des Königs vernichten. Nach ihr endlich scheint es theils thörichte Verblendung, theils widerliche Heuchelie zu sein, wenn die Unzahl von Scribenten, welche gegenwärtig den Untergang des Adels und den Sieg der Demokratie verkündigt, trotzdem nicht müde wird, ihre Anhänglichkeit an die Erbmonarchie zu betheuern.

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Nicht kleiner ist die Gefahr, wenn andere Stufen geschmälert oder übersprungen sind. Wo, wie in allen flavischen Ländern, der Bauernstand noch nicht zur Reife gekommen, ist auch die Nation für politische Freiheit noch nicht reif oder sie wird sich daran verbluten. Wo, wie in Polen, noch überdieß ein tüchtiger Mittelstand fehlt, ist der Untergang fast unvermeidlich.

Schon dadurch leidet England sehr tief, daß die Klasse der freien Bauern der Mehrzahl nach in den Pächtern untergegangen ist und Portugal ist das vollendetste Bild des Elends, weil weder Bauern noch Mittelstand in tüchtiger Weise gepflegt sind.

Wo die monarchische Gewalt sämmtliche Gewalten in sich anfsaugt, indem sie, als die erste Stufe, die drei übrigen verschlingt, da ist die Umkehr der Natur vollendet, Ordnung und Machinerie, aber keine Freiheit möglich. Diese Verfassung, zuweilen heilsam in großen Krisen, wenn das Staatswohl Einheit und Schnelligkeit verlangt, oder wenn, wie es in Dänemark geschehen, die niedern Stände von den höheren gedrückt sich der Monarchie in die Arme werfen,—düunkt ihm unvereinbar mit dem Ebenmaaß, der Würde und der Freiheit der menschlichen Natur und nicht anders, als ob die Sprache im menschlichen Körper die Funktionen aller übrigen Glieder an sich ziehen wollte.

Ebenso fern steht dem jüngern Mann eine andere Ausartung—wenn eine in sich geschlossene Erbaristokratie, versunken in den Materialismus der Kafte, Bürger und Demos überwältigt und sich zum Herren des Thrones setzt. Denn wie er die Individuen der Raçe gegenübersetzt und die Raçe selbst in geistigem Lichte auffaßt, so stellt er in natürlicher Folge die doppelte Forderung an den Erbadel, einmal, sich fortwährend mit bedeutenden Individualitäten zu verstärken, sodann die Raçe selbst durch beständigen Verkehr mit den Volksraçen zu erneuern. Wie er den Adel denkt, tritt Jeder ein, der die Berechtigung von Gottes Gnaden—Größe des Geistes, des Charakters und des Verdienstes—in sich trägt; und dieser Adel, anstatt sich abzuschließen und in sich selbst zu verfaulen, steht durch Heirat, wie durch die Abstufung der Familienglieder im lebendigsten Zusammenhang mit den mittlern und niedersten Klassen des Volks. Sein leiblicher Vorzug ist zugleich ein geistiger, und die Tugent seines Geschlechtes muß, wie in der antiken Zeit, ihn dem Volk als adelig bezeichnen, wenn auch alles äußere Merkmal fehlt.

Der junge Mann haßt nichts mehr als den Despotismus eines vielköpfigen Kastenadels und wird unter allen Umständen ihn weniger ertragen als die Vollgewalt eines Einzigen. Jener vernichtet gleichzeitig die Idee und die faktische Freiheit der Republik; in diese erblickt er wenigstens noch das Bild des Staates, fühlt er noch einen Schatten von dem, was die wahre Monarchie ihm theuer macht.

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Es ist nicht bloß die Einheit des Willens, die rasche Vollziehung, die drastische Kraft des Lebens, die Möglichkeit eines ungehemmten Fortschritts, welches alles der jüngere Manne übereinstimmend mit dem Charakter männlicher Jugend, in der Monarchie liebt, sondern eben so sehr dir geistige Idee, welche er in ihr ehrt. Jeden Staat betrachtet er als die Verkörperung einer Nation—mehr oder minder kräftig, je mehr oder minder vollkommen er die Glieder der Nation umfaßt—; jede Nation als ein besondres, mit unzerstörlichen Zügen gezeichnetes Individuum. Die Darstellung dieses Individuums sieht er ausgedrückt in der Person des Herrschers—symbolisch, wenn diese Person nur der erblichen Ehren genießt, vollkommen, wenn sie zugleich die würdigste unter ihrem Volke ist. In diesem Einen ehrt er das Vaterland, den Staat, sich selbst, unde seine Ehrfurcht, weit entfernt die des Knechtes zu sein, ist die Ehrfurcht freier Wahl, veredelnd und zügelnd für den, dem sie gewidmet ist.

Nach alle dem ist der Staat des Liberalismus ein ständisch—organischer Staat, d. h. ein Staat, in dem die Markzeichen der verschiedenen Stände in Würden und Rechten bewahrt sind, der aber das Recht des Geistes als das höchste Kriterium des Standes verehrt: Stände, die in ihrem Charakter als solche fest und unbeweglich stehn, in den Personen aber lebensvoll und ungehindert auf-und abwogen, so daß der ärmste Bauer in den höchsten Adel heraufzusteigen, der Sohn des Adels in den niedrigsten Stand herunterzusinken fähig ist, wenn vollendeter Werth und Unwerth sie bezeichnen: eine Verfassung, die überall den Menschen den Verhältnissen, die Natur der Bildung, die Einsicht dem Angelernten vorziehtMit diesen drei letzten Bestimmungen vergleiche man unsre deutsche Art, die Staatsämter zu besetzen.; die dem Geist und der Tugend die leichteste Gelegenheit gibt, sich geltend zu machen, und den stetigsten Einfluß, um zu wirken;Beides ist sehr verschieden und selten vereinigt. In der Schweiz z. B. hat das eingeborne Individuum die leichteste Gelegenheit, sich geltend zu machen, aber nahebei die Unmöglichkeit der stätigen Wirkung; bei uns in Deutschland ist die Möglichkeit des letztern ebenso vollständig als die Unfähigkeit zum Ertsteren. in welcher endlich die Monarchie keine Schattenmacht, sondern wahrhaftige Hoheit, zugleich aber der ärmste Poletarier, wenn nicht unmittelbare Vertretung, doch seinen Tribun-besitzt; in der Keiner seines heiligsten Rechtes, des unveräußerlichen Antheiles an der Menschheit beraubt ist und die Glieder neidlos zur Macht des Hauptes hinaufsehn, weil diese Macht sie in ihrem Antheile festigt.

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Der Knabe, der Niemanden seiner Genossen über sich sehen will, opfert gleichwohl dem äußeren Schein des Ranges die wesentlichsten Bedingungen der Freiheit: er läßt sich unterdrücken, wenn die Unterdrückung nur dem Namen nach Rechte anerkennt. Der Mann sieht weniger auf äußere Formalitäten, aber er setzt seine Selbstständigkeit durch, sobald sie bedroht ist, wenn der Versuch auch unter der ehrendsten Form geschieht.

Mit andern Worten: der Radikalismus opfert einem Idol von Freiheit, einem Uebermaaß politischer Rechte, das theuerste Recht des Menschen, die persönliche Freiheit; der Liberalismus schätzt die politische Freiheit nur, wenn sie auf der Grundlage der persönlichen ruht.Wir können hier nicht alle einzelnen Forderungen des Liberalismus berühren. Daß dem Mann, dem Menschen, dessen erste Kraft die Sprache ist, die Preßfreiheit eben so sehr ein persönliches als ein politisches Recht ist, braucht kaum erwähnt zu werden.

Im allmächtigen Staatsthum des Radikalismus geht Eigenthum, Familie und Person der Bürger auf; die Person scheint nur um des Staates, das Volk nur um der Verfassung willen vorhanden: der Staat ist das Absolute, vor dem jede individuelle Einzelheit verschwindet. Im liberalen Staat ist die Verfassung nur der Ausdruck der Nation; für sie, nach ihrem Bedürfniß erhält, entwickelt, verändert sie sich; die Freiheit der Person und das Glück des Bürgers kann dem Staate nur geopfert werden, sofern sie durch eben dieses Opfer unmittelbar erstrebt wird.

Der Knabe verhärtet sich entweder in dem Kreiseseiner Geburt, d. h. in der Raçe seiner Familie, seines Stammes, seiner Nationalität, unfähig, andere Individualitäten zu verstehn und stets bereit sie zu verachten und zu bekriegen; oder er reißt, wenn es ihm gelingt, über seine Sphäre hinauszusehn, alle Grenzen nieder, und setzt den ewigen Unterschieden der Natur einen schwimmenden Kosmopolitismus entgegen.

Der Mann ehrt die Menschheit auf der Grundlage seines Vaterlandes. Er hält seine Sphäre theuer, ohne andere zu mißkennen und liebt die Menschheit, ohne das Vaterland aufzugeben. In der Verbindung dieser beiden Principien wird der ältere Mann überwiegend das nationelle verfolgen, ohne die Menschheit zu verletzen; der jüngere mehr die Menschheit im Auge behalten, ohne das Vaterland zu beeinträchtigen.

Mit Einem alles auszudrücken: der radikale Staat, ob despotisch oder demokratisch, wird unter allen Umständen abstrakt und schematisch sein; der liberale, ob republikanisch oder monarchisch, ist jederzeit ständisch-konstitutionell; in jenem herrscht das Theorem, in diesem, ob richtig oder unrichtig dargestellt, doch immer annähernd, der Organismus der Natur.

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Das Beispeil der liberalen Staaten, welche die bisherige Geschichte kennt,Die bisherige, sagen wir, weil das Beispiel eines vollendeten liberalen Staates noch nicht verhanden ist. zeigt ohne Mühe die Wahrheit der politischen Eigenschaften, die wir dem Liberalismus beigelegt.

Lassen wir hier das deustche Reich im Mittelalter bei Seite, so treten uns Rom in der antiken, England in der modernen Welt als die vollendetsten ihrer Gattung entgegen.

Die Geltung des persönlichen Geistes und der persönlichen Tugend, der Einfluß der Individualität im Staate, ist in allen liberalen Staaten wenigstens erleichtert, in jenen beiden war und ist er gesichert. Das Mittel dazu war in Rom die allgemeine Theilnahme der Bürger am Gemeinwesen, in England ist es das Parlament. Wären Parlamente nichts anderes als die Erziehungschule geborner Staatsmänner, als das Feld, in dem die verborgenen Fähigkeiten sich entwickeln, um von da aus, wie in England, zum Staatsdienst überzugehn,—sie wären schon aus diesem Grunde für den wahren Staat unumgänglich nöthig. Roms große Zeit war eine fortgehende Herrschaft großer Individualitäten und erprobter Verdienste. In Rom füllte sich der Senat von allen Männern, welche dem Staate in hohen Stellen bedeutende Dienste geleistet hatten: in England steht jedem politischen Geiste der Weg zur Regierung oder in die Aristokratie offen; der Eintritt ist nicht von Hofgunst bedingt, sondern durch die Natur der Dinge vorgeschrieben. Nicht der Reichthum der Bildung, sondern die Gewalt des natürlichen Geistes gibt den Ausschlag. Nicht Gelehrsamkeit und Wissen, sondern die Einsicht des gesunden Verstandes, der angeborne Blick des Staatsmannes führt in England von der tiefsten Stufe der Gesellschaft zur höchsten. Den Staatsmann nur von der Prüfung des Wissens abhängig machen, heißt die Bildung führ höher erklären, als die Natur: dort wird vorausgesetzt, daß eine tüchtige Natur sich von selbst mit der nöthigen Bildung umgibt, während bloße Bildung, wenn sie mit keinem Geiste vereinigt ist, ihre Unfähigkeit beständig offenbart.

In radikalen Demokratien ist zwar die Möglichkeit persönlicher Auszeichnung durch die gleiche Berechtigung Aller von selbst gegeben: allein entweder verwahrt man sich, wie in Athen, geradezu vor der Aristokratie des Geistes, oder der Geist ist, wenn er auch an die höchste Spitze gelangt, zu sehr gebunden, um sich kräftig dem Staatsleben mitzutheilen und den Widerstand der Menge zu besiegen. Sodann beschränkt sich seine Wirksamkeit auf kurze Dauer und der Staat thut Nichts, um sich (wie es durch den Eintritt in einen Senat oder sonstigen Körper geschieht) seiner Dienste auf Lebenszeit zu versichern. Drei Übel, woran die neuen schweizerischen Staaten kranken und wodurch die Schweiz, sonst der leichteste, fast ein zu leichter Spielraum für alle Talente, einer wahrhaft wirksamen Geistesaristokratie verluftig geht.

In allen, auch den größten bisherigen Staaten findet sich nicht blos ein individueller, sondern auch ein erblicher Adel—ein Adel der Raçe. Auch hier kann England genannt werden, obwohl seine Erbaristokratie, im Uebermaaß bevorzugt an Einfluß, Grundeigenthum und Geld, nicht geeignet ist, das richtige Verhältniß zu veranschaulichen. Denn trotzdem ist die doppelte Forderung, die, wie wir oben gesagt haben, der Liberalismus an den Erbadel stellt,—fortwährende Verstärkung durch geistigen Adel aus allen Ständen, und beständige Erneuerung der Raçe durch Vermischung mit dem untern Volk—unter den Formen der Pairscreirung und des Majorats in der englischen Aristokratie schon erfüllt. Noch immer ragt eine große Anzahl ihrer Glieder durch individuelle Bedeutung, und ragen viele ihrer Geschlechter durch Kraft und Schönheit der Raçe über dem Volk empor. Sie allein hat sich geistig und leiblich mit ihrer Nation in Zusamenhang erhalten und sie allein hat bis jetzt den Stürmen der Zeit getrotzt.

Indessen ist doch nur im alten Rom das Bild einer organisch verbundenen Würdigung des individuellen und des Raçewerthes zu finden. Während die Plebejer nach politischer Gleichstellung rangen, erhielt sich der alte und bildete sich ein neuer Adel blos vermöge der Kraft des Geistes. Ohne die äußern Titel der jetzigen Zeit waren diese adeligen Familien als adelig anerkannt, und der Plebejer sah neidlos und ehrerbietig gingen in der That aus diesen Familien hervor. Nichts wat dem Römer weniger gleichgültig als ein "dunkles" oder "beflecktes" Herkommen; aber weit entfernt, den individuellen Unwerth zu unterstützen, entehrte der Geburtsadel vielmehr den unedlen Sprößling einer edeln Familie, weil nichts schmählicher war als die Tugend des Geschlechts durch Untüchtigkeit der Einzelnen zu beflecken.

In allen liberalen Staaten hat jede Bürgerklasse einen unmittelbaren oder mittelbaren Antheil an der Gesetzgebung gehabt. Ausschließung von diesem Antheil traf wenigstens (durch Irrthum der Zeiten) nur wenige Klassen und galt im Allgemeinen so unvereinbar mit dem Begriff eines BürgersDer Grundsatz des Antheils aller Bürger an der Gesetzgebung bedingt noch nicht die Befähigung aller innerhalb des Staates Geborenen zum Bürgerthum, d. h. schließt noch nicht die Sclaverei aus, wie sie in Athen, Rom und im Mittelalter geherrscht hat; wovon später zu reden ist., als numerische Gleichheit des Antheils naturwidrig erschein. Dieß zeigt nicht nur Rom und England, sondern auch der Gaustaat, ja selbst der Lehenstaat des Mittelalters: denn auch im Lehenstaat war das Gesetz, weit entfernt, der alleinige Ausfluß des Monarchen zu sein, Produkt der vereinigten Stände.

In allen findet sich das Princip strenger Ueber-und Unterordnung, die Trennung der Stände, die Abstufung der Rechte, die Ehrfurcht vor dem Gesetz, die Achtung vor der Obrigkeit. In diesen Stücken ist England Muster—und das gerade Widerspiel des radikalen Staates. Die Geschiedenheit der Stände in England, die merkwürdige Sicherheit, womit eine sehr stark privilegirte Aristokratie sich neben einem oft aufrührerischen, mit der äußersten Freiheit begabten Pöbel bewegt, der dennoch neidlos zu ihr hinaufsieht, der Respekt des Engländers vor dem Gesetz, die freie Verehrung, die er seinen Monarchen widmet—alles dieß hat oft genug und mit Recht die Bewunderung des Continents erregt. Nach unsern radikalen Theorien ist es, als wäre Geringschätzung der Obrigkeit und Opposition gegen die Strenge ihrer Gewalt das Kennzeichen eines guten Bürgers; und ein Römer der alten Zeit, gewöhnt an den furcht, baren Gehorsam, den die Republik in der höchsten Blüthe der Freiheit ihn lehrte, und der nur mit der Freiheit selbst Schritt für Schritt zu Grabe ging, würde erstaunen über die kindische Humanität, wodurch man heutzutage das Ansehn der Obrigkeit untergräbt, und in welcher man die Freiheit zu erwerben glaubt.

In allen liberalen Staaten herrscht lebhafter Fortschritt, aber Fortschritt auf dem Grund des Bestehenden. Tradition knüpft sich an Tradition, Geschichte an Geschichte; die Vergangenheit, das Werk der Vorfahren, wird theuer gehalten und die Reform vermehrt die Heiligkeit der Gesetze, statt sie durch ewig wechselnde Umänderung zu stürzen. Wenn man das Staatsleben von Athen mit dem der römischen Republik, die französische Gesetzgebung mit der englischen, und die neuen Staaten der Schweiz mit den Republiken der alten Eidgenossenschaft bis zum 17. Jahrhundert vergleicht—so übersieht man den ungeheuern Unterschied zwischen radikaler Unstätigkeit und liberaler Fortentwicklung. Die Achtung der Römer für ihre Vorfahren und der traditionelle Charakter der Engländer sind wesentliche Bedingungen ihrer Größe, und ein Geschlecht, welches, wie die heutigen Radikalen, verachtend auf seine Väter und auf alle frühere Geschichte herabsieht, ist niemals eines sichern Fortschrittes fähig.

Was politische und persönliche Freiheit betrifft, so zeigt ein Blick auf Frankreich und England den Abstand radikaler und liberaler Rechte. Niemals war weniger persönliche Freiheit in Frankreich, als zu der nämlichen Zeit, wo die konstituirende und gesetzgebende Versammlung den Franzosen gleiche politische Rechte verliehen hatte. Es war eine Freiheit, bei welcher die Sicherheit der Person und des Eigenthums, und die Freiheit des Schreibens und Denkens zu Grunde ging. Umgekehrt haben sich die Engländer jederzeit zunächt für ihre persönliche Freiheit erhoben, und die Zähigkeit, womit sie, vom größten bis zum kleinsten, an ihr festhalten, hat ihrem Volksleben die politische Freiheit, ihrer Staatsverfassung die Stärke gegeben, welche Europa beneidet.

Ein ähnlicher Contrast stellt sich dar, wenn man das Nationalbewußtsein der Franzosen mit dem der Deutschen vergleicht. Der Franzose vereinigt die starrste Beschränktheit in seiner Sphäre, die vollendetste Unfähigkeit, sich in andere Völker zu finden, mit einem weitausgreifenden aber haltlosen Weltinstinkt—einem Instinkt, der nichts weiteres begehrt als überall sich hineinzutragen. Der Deutsche dagegen—der wahre Deutsche wenigstens—, umfaßt die Welt auf der Grundlage des Vaterlands und verbindet richtige Würdigung der fremden Nationalitäten mit warmer Liebe der eignen, Liebe der eignen mit der Liebe zur Menschheit. Wenn er fehlt, so fehlt er eher an sich selbst als an der Menschheit.

Der Engländer beschränkt sich auf England, ohne deßhalb wie der Franzose, zum Verständniß Anderer unfähig zu sein. Er achtet jeden, der sein Vaterland liebt gerade wie er jeden Religionsverwandten ehrt, der seiner Religion ergeben ist, mag er nun das Land selbst auch hassen oder lieben. Auf diese Weise hat Englad Ungeheures für sich gethan aber gewöhnlich auf Kosten der Welt: Deutschland hat mehr für die Welt gearbeitet, aber nur zu oft sich selbst vergessen. Während also der französische Charakter auch hier das Bild des Extrems ist, so zeigt sich in England die nationale, in Deutschland die kosmopolitische Seite des Liberalismus; aber keines von beiden Völkern entfalter bis jetzt diese zwei Seiten in harmonischer Verbindung und die englische Weltherrschaft wird daher eben so an ihrer nationalen Ausschließichkeit zu Grunde gehen, wie die ehemalige deutsche durch ihren Mangel an Nationalität gescheitert ist.

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(Kriegerischer Charakter.)

Nicht nur der Staat in seinen civilen Formen, auch seine Kriegsverfassung bestimmt sich nach dem Charakter der Lebensalter.

Der jüngere Mann, in der Fülle des physischen Wachsthums, sieht nicht allein die Seele, sondern auch den Körper an. Die Ausbildung des letzteren, die Harmonie zwischen Leib und Seele, ist natürliches Verlangen der Jugend. Kraft des Körpers und Schönheit des Körpers sind ihr Eigenschaften, welche der Frage nach der psychischen Persönlichkeit des Individuums unmittelbar zunächst stehn.

Mit dieser physischen Entwicklung, mit der Lebhaftigkeit und Frische seines Alters, ist der j. Mann von der Natur selbst zum Krieger bestimmt. Es ist daher angeborene Sitte der liberalen Völker, es war römisches und germanisches und ist noch deutsches und schweizerisches Wehrprinzip, daß jeder Bürger, der die Vorthiele des Vaterlandes genießt, auch zu seiner Vertheidigung gehalten sei: ein Princip, das sich von selbst dem gesunden Verstande bietet und dessen praktische Vernachlässigung, wo sie eintritt—immer auf einen Nachlaß des allgemeinen Nationalgeistes schließen läßt.

Indessen ist nicht nur der Jüngling kriegerisch. Auch der ältere Mann ist es und der Knabe; und selbst das Alter, wenn die Lage der Dinge seine Reizbarkeit hervorruft. Man hat deßhalb nicht mit Unrecht gesagt, daß der Streit um den Vorrang der Tapferkeit ein leerer sei, weil es keinem Volksnaturell an Tapferkeit gebreche. Allein die Art dieser Tapferkeit ist sehr verschieden. Der jüngere Mann verbindet Schnelligkeit und Ungestüm der Jugend mit der Festigkeit des Manns; er ist im Angriff dem älteren überlegen, der ihm gleichwohl durch die Zähigkeit der Ausdauer die Spitze bietet. Der Knabe dagegen ist voll Feuer, Beweglichkeit, elastisch und biegsam, und zum soldatischen Leben an und für sich vielleicht am meisten geschickt: aber es fehlt ihm die Kraft des Widerstands: glänzend im Angriff, ist er mißmuthig in der Vertheidigung und unfähig, wenn das Glück sich von ihm wendet, im Unglück Stand zu halten. Das Alter endlich ist unkriegerisch von Natur, aber gleichwohl durch Resignation oder Verzweiflung einer Tapferkeit fähig, welche, wenn auch in seltenen Fällen, der Jugend trotzt.

Die alt römische und die deutsche Tapferkeit sind sprechende Bilder des jüngern und ältern Mannes. Der heutige Franzose ist radikal auch im Krieg: soldatisch durch und durch, aber ohne männlichen Zweck und ohne tiefern Rückhalt. Der Untergang des jüdischen Staates gibt ein Bild von der Tapferkeit altgeborner Völker: Fanatismus der Resignation.

Das militärische Motiv des Knaben ist naturgemäß, der Ruhm ([lang=fr]la gloire[/lang]) und der Enthusiasmus; so war es in den Armeen der Revolution und des Kaiserreichs. Das Prinzip des jüngeren Mannes ist Ehre und BegeisterungEhre, nicht im Sinne der Beehrung, sondern als Selbstehre, moralischer Selbstwürdigung des Mannes. Die Begeisterung steht der enthusiastische Erregbarkeit entgegen, indem jene das Motiv der Erregung in sich selbst, diese außerhalb ihrer selbst findet. Der Charakter des Knaben ist eben so sehr zum äußersten Anstaunen und Bewundern als zur Opposition geneigt., das des ältern Treue und Pflicht; das des Alters Gehorsam und Vortheil. Das Alter ist daher, bei sonst gleichen Verhältnissen, nicht einmal dem Radikalismus gewachsen; und es war nichts natürlicher, als daß die Heere, die der Absolutismus der europäischen Monarchien der französischen Revolution entgegengestellte, dem lebendigen Princip des Ruhmes und der Schwärmerei unterlagen.

Im liberalen Staat ist der Bürger und der Krieger eins, (mit Uebergewicht des letzteren Elements in Rom, des erstern in unsrer Zeit) und die stehende Armee ist nur der Auschuß der allgemeinen.Das Beispiel von England, das nur geworbenes Militär hat, ist als Ausnahme anzusehen, weil die insularische Lage, der Handel und der Seedienst, den Stand der Wehre verändern. Als der französische Angriff drohte, schuf Pitt eine Landwehr. Im konservativen Staat tritt das stehende Heer in den Vordergrund, die allgemeine Wehrpflicht zurück—aber so, daß die letztere als Grundlage bleibt und in Landesgefahr jederzeit belebt werden kann.Wie z. B. in Österreich. Im radikalen Staat bringt der unruhige Geist des Knaben die Neigung zum Kriege mit sich, der Krieg wird statt als Mittel, als Zweck behandelt, der Soldat tritt als Stand der Nation gegenüber und trachtet nach einer Stellung, die ihn über das Volk hinaussetzt und die Tendenz des Staates bestimmt—eine Klippe, vor der sich Frankreich zu hüten hat. Das Alter kennt nur stehende, gemiethete oder konscribirte Heere und überläßt Söoldlingen, oft ausländischen, einen Dienst, an dessen Leistung seine Schwäche es verhindert.

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Der aggressive Charakter des j. Manns führt uns schließlich zu einem Punkte, von dessen Verständniß die Scheidung zwischen Liberalismus und Radikalismus wesentlich bedingt ist. Wir meinen sein Verhältniß zur Revolution. Wir wissen, wie die Reform des Mannes der Revolution (das Wort im geistigen Sinn genommen) entgegensteht. Allein es kann Zustände geben, in denen auch die männlichste Reform sich in unauflöslichem Widerspruch mit den Staatsgewalten sieht und daher genöthigt ist, zur wirklichen Revolution zu werden. Die Geschichte zeigt uns neben den Auswüchsen der Extreme auch die größten und glorreichsten Revolutionen; und Jedermann fühlt, wie lächerlich es wäre, jede Revolution schon im faktischen Sinn des Worts als radikal bezeichnen zu wollen.

Eine Revolution ist unvermeidlich auch für den Mann, wenn das innere Recht mit dem äußern in einem unversöhnlichen Gegensatze steht; d. h., wenn schlechterdings keine Hoffnung vorhanden ist, durch allmälige Umgestaltung des letztern beide in Einklang setzen zu können. In diesem Fall wäre der Mensch genöthigt, aufs innere Recht für immer zu verzichten. Diese Verzichtleistung wäre gleich der Verzichtung auf die Existenz—eine Forderung, welche dem Wesen der Existenz selbst zuwiderläuft. Unter solchen Umständen wird der j. Mann rascher, der ältere langsamer verfahren, aber im Princip sind beide gleich, und beide werden nur dann sich erheben, wenn nach Erschöpfung aller gesetzlichen Mittel die Unmöglichkeit der Zukunft vor Augen liegt.

Wenden wir dieß auf Nationen an, so fällt der Unterschied zwischen denjenigen Umwälzungen, welche durch einen fremdartigen Gegensatz der Herrschenden zu dem Beherrschten erzeugt werden und denen, welche innerhalb des Kreises der Nation selbst entstehen, in die Augen.

Die wesentlichsten Existenzrechte einer Nation sind ihre Nationalität und Religion. Jede Revolution, welche davon ausgeht, diese zwei Bedingungen des Daseins gegen fremde Einwirkung zu retten, beruht auf einer organischen Basis, selbst dann, wenn sie nebenbei radikale Färbung hat.

Der Aufstand der Holländer gegen die Spanier, der christlichen Griechen gegen die muhamedanischen Türken, der katholischen Polen gegen die griechischen Russen, war somit in der Natur begründet; und es war ein schreiender Fehler der europäischen Diplomatie, die beiden letzten Revolution vom Standpunkte der übrigen aus zu betrachten.

Ganz anders, wenn eine Nation, die lange Zeit im Einklang mit ihren Herrschern gelebt und sich selbst ihr Schicksal gebildet hat, plötzlich ihre eigenen Schwächen an der Regierung rächt, welchen sie lange vorher im gesetzlichen Wege hätte wiederstehen können. Der französische Absolutismus z. B. hatte sich zwei Jahrhunderte lang im höchsten Einklang mit dem Nationalgeist entwickelt; Herrscher und Beherrschte standen in keinerlei fremdartigen Gegensatz, und als die Nation zu einer neuen Entwickelung erwachte, hatte sie in den Reichsständen ein legales Mittel der Umgestaltung in der Hand; — es war keine Unmöglichkeit der Zukunft vorhanden.

Indem wir diesen Unterschied als Hauptmoment hinstellen, ist damit keineswegs gesagt, daß alle Revolutionen der ersten Art als gerechtfertigt und alle der zweiten Gattung als unnatürlich erscheinen.

Eine Nation, deren Souverain von anderm Stamme ist, steht dadurch noch in keinem Gegensatz, sondern erst dann, wenn der Souverain mit seinem Nationalgeist der ihrigen entgegentritt. Die Beherrscher von Österreich z. B. werden verwachsen sein mit Ungarn und Böhmen, so lange sie dort nur Könige von Ungarn, hier Könige von Böhmen sind; der Kaiser von Rußland war russischer Czaar in Polen, statt König von Polen zu sein. Hinwiederum können eingeborne Herrscher durch ihre ganze Tendenz in so unversöhnlichen Zwiespalt gerathen mit der Tendenz des Nationalgeistes, daß die Natur der Dinge den Bruch begründet—ein Fall, in dem die Veränderung schnell und leicht zu Stande kommt, wie bei der englischen Revolution von 1688. Was wir zeigen wollten, ist vielmehr, daß der Liberalismus in Fällen der ersten Art immer nach der organischen Lage der Nation, in Fällen der zweiten Art nach der innern Tendenz des Verfahrens, niemals aber bloß nach formellen Rücksichten oder nach einem allgemeinen Maaßstabe sein Urtheil fällen wird.

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Setzen wir als Beispiel der ersteren Klasse die belgische Revolution, so ist Jedem einleuchtend, daß die Belgier als ein Volk von besonderer Geschichte, besonderem Provincialcharakter und von katholischer Religion, den begründetsten Anlaß hatten, den protestantischen Holländern gegenüber ihre Selbständigkeit zu wahren. Allein dieß konnte geschehen auch innerhalb einer Union beider Völker. Belgien, selbst nur untergeordnetes Glied eines (oder wenn man will zweier) größerer Stämme, ein Land, welches auf Provincialtypus aber nicht auf Nationalität Anspruch machen kann, hätte besser gethan, seine Provincialstellung mit der der Holländer zu verbinden, anstatt sich allein zwischen Deutschland und Frankreich in die Mitte zu werfen. Es ist somit klar, daß die belgische Revolution, ganz abgesehen von der radikalen und durchaus abhängigen Weise wie sie vollzogen wurde, ohne Vergleich weniger innere Berechtigung in sich trug als die polnische, und trotzdem sahen wir Polen geopfert und Belgien anerkannt. Eine wahre Diplomatie hätte Holland zu einer richtigen Behandlung der belgischen Dinge rechtzeitig nöthigen, die Trennung selbst aber verhindern müssen.

Im andern Fall, wenn ein Regent z. B. einen Punkt seiner Wahlkapitulation oder einen Artikel der Charte, oder wenn eine Kammer das Recht des Regenten verletzt, wird ein Liberaler zuerst nach der Absicht fragen, in der der Fehlet unternommen, nach dem Geist, in dem er ausgeführt worden; denn der Staatsfriede ist für ihn kein Contract, der bei jedem Anlaß anfgekündet, sondern ein Heiligthum, das bis zur äußersten Grenze einer möglichen Vereinigung aufrecht erhalten werden muß. Selbst den Fall gesetzt, ein Regent würde eine garantirte Verfassung eigenmächtig aufheben, so wäre dieß an sich möglicher Weise nur ein Staatsstreich, den ein energischer Mann zum Besten seines Volkes ausführen und den eben deßhalb das Volk ihm verziehen köntte. Würde nun aber zugleich aus der Sachlage aus der Art der Ausführung und aus den sonstigen Maaßregeln die Absicht der rohesten Gewaltthat und der niedrigsten Willkür hervorleuchten; so wäre das Recht in jedem Sinne verletzt, und kein Liberaler würde sich bedenken, energischen Widerstand zu leisten, sofern nicht vielleicht der Austrag einer dritten kompetenten Macht zu hoffen wäre.Obwohl wir hier nicht eine allgemeine Ansicht, sondern nur die des jungen Mannes geben, der überall mehr auf die Tendenz der Handlungen als auf ihre Form sieht, so wollen wir doch absichtlich diesen Standpunkt dem andern entgegenstellen, der nur vom Contract und dem Bruch des Contractes ausgeht. Wenn in unserer Zeit ein Fürst die Verfassung beeinträchtigt, so lärmen die Radikalen, "er hat seinen Eid verletzt"; empört sich ein Volk, so schreien die Absolutisten über "Eidbruch"; beide benehman sich, als wäre die Heilighaltung des Eides ihr Endzweck, während in der That der Fürst oder das Volk in ihren Augen für jeden Eidbruch gerechtfertigt wären, wenn er in ihren Interessen geschähe. Es wäre daher besser, man ließe den Eid in allen Fällen aus dem Spiel, wo nicht der Eidbruch unwidersprechlich auf der Hand liegt, um so mehr, als promissorische Eide ihrer Natur nach schon schwierig sind; denn dadurch, daß man den Eidbruch als gelegenes Mittel benutzt, wird wahrhaftig die Heiligkeit der Eide nicht gefördert.

Unserer Zeit ist neben einer Menge von radikalen Umtrieben auch der seltnere Anblick zu Theil geworden, eine männliche Agitation zu sehen; und wir können den Unterschied nicht deutlicher erklären, als wenn wir uns in die Lage von Irland versetzen.

Jede liberale Agitation muß im Allgemeinen auf positiven Volksgrundlagen, im Einzelnen auf den bestimmtesten praktischen Bedürfnissen beruhen.

O'Connell fußt auf den positivsten Grundlagen, welche erdenklich sind—auf dem Recht der irischen Nationalität gegen die englische, der katholischen Religion gegen die Übermacht der Episkopalkirche. Die praktischen Mängel Irlands sind so auffallend, und in solcher Menge vorhanden, daß selbst der beschränkteste Absolutismus sie nicht läugnen kann.

Haben wir nun weiter gesetzt, daß der Liberalismus in vollkommenem Einklang mit den organischen Elementen versährt, so findet sich auch diese Forderung befriedigt. Als natürliches Glied der vereinigten Reiche hat Irland einerseits seine eigenthümliche Besonderheit, andrerseits aber diese nur innerhalb der Vereinigung zu wahren. O'Connel strebt keine Trennung in den Rechten und größere Selbständigkeit in Parlament und Verwaltung an. Wenn er gegenüber einem Feinde, dessen Zähigkeit und Indolenz den Finger verweigert, wenn nicht gleich die Hand gefordert wird, seine Forderungen zuweilen überspannt, so handelt er, in seiner Stellung, wie er nicht anders handeln kann.

Aber nicht nur den ursprünglichen Zuständen, auch der Geschichte, auch den Verhältnissen giebt der Liberalismus ihr Recht. Wenn O'Connell, und das natürlich, für die vielhundertjährige Unterdrückung seines Vaterlandes eine Genugthuung verlangt, so sind doch die Maaßregeln, die er vorschlägt, unendlich verschieden von radikaler Rache. Wie weit entfernt ist er trotzdem von jedem Mißbrauch. Die Rechte der Engländer, die die Hälfte der Insel einnehmen, den Bestand der protestantischen Kirche erkennt er bei allen Änderungsvoerschlägen an, und weit entfernt das Bestehende umkehren zu wollen, will er vielmehr eine Versöhnung Aller in dem Bewußtsein Eines gemeinsamen Vaterlandes.

Der Liberalismus kann mit dem Radikalismus gehen, aber nur in der richtigen Stellung und nur mit scharfer Zurückweisung des bubenhaften Extrems. O'Connell verschmäht nicht die Hülfe der englischen Radikalen, aber niemals hat er sich mit chartistischen und socialistischen Auswüchsen befaßt und eine Unterstützung, die jeder Ndere in seiner Lage ergreifen würde, mit Abscheu zurückgewiesen. Der konsequente Radikalismus sein, der auf die Volksmasse gestützt immer zugleich ihre Extreme bekämpft, und im heftigsten Kampf gegen die Aristokratie immer ein überlegenes Verhältniß mit dem whiggischen Adel unterhält.

Als Liberaler will O'Connell, obgleich Herr einer unermeßlichen Menge, doch immer nur den Sieg des Geistes über die Massen. In dem nämlichen Augenblick, wo diese herrschaft den höchsten Punkt erreicht hat, hält er die Masse zurück und bittet das Schicksal, ihm seinen Sieg zu erhalten. Als Liberaler befördert er Hand in Hand mit der Agitation die innere Reform seines Volks, durch die Kirche, die Schule, die Mäßigkeitsvereine. Mit dem Magnetismus, dessen nur ein Liberaler fähig ist, ruft er durch die Macht seines Wortes die Bewegung hervor und dämmt sie durch sein Wort zurück. Als Liberaler endlich, um mit dem Größten zu endigen, überschreitet er niemals die Grenze des Gesetzes. In den schlimmsten Zeiten, wo die Aussicht auf rechtlichen Erfolg unmöglich erschien, wie in den günstigsten, wo eine glänzende Revolution nur in seiner Hand stand, hat er mit immer gleichem Maaß seinen Weg verfolgt. Ungebeugt durchs Unglück und gehalten im Glück, jugendlich begeistert in der Verfolgung seines Ideals und unerschöpflich praktisch in der Anwendung seiner Mittel, verwebt mit allen Eingenschaften seiner Nation und doch unermüdlich in der Einsicht in ihre Fehler und in der Wirkung gegen diese Fehler, eben so sehr Demokrat als Monokrat seines Volkes—so muß O'Connell die Achtung jedes Zeitgenossen erregen, der nicht durch Vorurtheile verblendet ist.

Gerne haben wir mit der Hindeutung auf den seit langer Zeit einzigen Volkstribun, der sich bis jetzt unter den schwierigsten Umständen liberal erhalten hat, und der keinem Staatsmann der andern Sphären nachgestellt werden kann, die Skizze des Liberalismus geschlossen. —

Sollen wir nun dem Radikalismus gegenüber den Grundcharakter des letzteren bezeichnen, so ist es alles in allem gefaßt, wie dort die Abstraktion, so hier die Herrschaft der Individualität—im Sinn der Einzelnen wie im Sinne der Gesammtheit.

Drittes Kapitel: Der ältere Mann.

Da die Anschauungweise, aus welcher die Parteien aufgefaßt sind, durch das Vorhergehende dem Leser bekannt genug ist, so können wir in den folgenden Stufen kürzer verfahren und deuten Vieles nur an, dessen nähere Anwendung dem Leser überlassen bleibt.

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(Im Allgemeinen.)

Der ältere Mann hat den Boden gewonnen, den der jüngere sich erkämpften mußte. Seine Verhältnisse sind geordnet; sein Hausstand gegründet; seine Thätigkeit gesichert. Nicht Neues anzustreben, sondern festzuhalten was er hat; nicht zu erwerben sondern zu mehren; nicht eine unbekannte Welt zu bezwingen, sondern die bekannte zu ordnen, ist seine Sache.

Selbständig und frei ist er wie der jüngere Mann: in höherm Grade, sofern die Reife des Alters ihn jedes Beistandes überhebt; in minderem, soweit das Leben selbst ihn bindet. Verhältnisse und Umgebungen, Pflichten und Rückischten fesseln ihn, von denen der jüngere Mann, der meist noch gesondert im Leben steht, keine Ahnung hat: und seine Freiheit ist durch Naturgesetze beschränkt, denen kein Mensch sich entziehen kann ohne sich dem Dienste der Natur selbst zu entziehn.

Sein Weib und seine Kinder, seine Stellung und sein Vermögen legen ihm gleichmäßig die Pflicht der Erhaltung auf; Instinkt und Bewußtsein treibt ihn dazu.

In zwei Grundgesetzen, im Gesetz der Erzeugung und im Gesetz der Erhaltung, hat die Natur die Bedingnisse alles Lebens zusammengefaßt. So sind auch die zwei Grundrichtungen der Menschheit, der Liberalismus durch das erste, der Konservatismus durch das zweite jener Gesetze charakterisirt.

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Unter allen Lebensstufen zieht keine die Augen der Menschen und den Beifall der Massen so wenig auf sich, als die des ältern Manns. Dem Knaben steht der Zauber der kindheit, dem jüngern Manne die anziehende Kraft der Humanität, dem Greis die natürliche Ehrfurcht vor dem Alter zur Seite. Im älteren Manne erscheint nur der strenge Ernst des Berufs und die trockene Prosa des Lebens. Während der Radikalismus sich zu allen Zeiten den Rückhalt einer zahlreichen Menge, die freiwillige Huldigung des Absolutismus und, bei irgend bescheidenem Auftreten, die Milde des Mannes versprechen kann; während der Liberalismus die Hochachtung und die unwillkürliche Theilnahme Vieler genießt; während der Absolutismus wenigstens den wirksamen Reiz des Extremes und einen Theil der Masse für sich hat: so kann der Konservatismus niemals hoffen von einem andern seiner Genossen, als einzig vom Liberalismus verstanden und geehrt zu werden; und gleich jedem älteren Mann, welcher reich oder arm, hoch oder niedrig, seinen Platz im Leben auszufüllen hat, ist er durch sein ganzes Wesen an das Prinzip der Pflicht gewiesen, welches allein unter allen Wechselfällen ihn aufrecht halten kann.

Trotzdem hat der Konservatismus, so weit die bisherige Geschichte reicht, gewöhnlich die Staaten oder vielmehr den Instinkt der Staaten regiert und wird ihn auch künftig regieren, die wenigen aber kurzen Blüthezeiten ausgenommen, in denen der vollendete Liberalismus die Herrschaft überkommt. Es ist das die nothwendige Folge seines Alters. Der ältere Mann ist allein unter allen unbedingt zum Regiment berechtigt. Dem jüngeren fehlt für die erste Hälfte seiner Laufbahn die Erfahrung; den alten hindern die Jahre; nur er vereinigt Kunst und Kraft.

Es ist daher nichts als die Natur der Dinge, daß die meisten Regierungen, wenn sie nicht dem Extreme des Radikalismus oder dem äußersten Absolutismus verfallen sind, sobald sie die Zügel ergreifen, unwillkürlich von dem konservativen Instinkt ergriffen werden, der mehr oder weniger die Staatsmaschine an sich beseelt, und jeden neuen Gewalthaber sich unterwürfig macht.

Wenn wir sagen, daß der Liberalismus gewöhnlich die Welt führt, der Konservatismus sie regiert, während an den Flanken der Radikalismus opponirt, der Absolutismus intriguirt, so wird damit das Verhältniß der Parteien wie der Zustand der Menschheit es im Durchschnitt mit sich bringt, in Kürze bezeichnet sein.

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Der ältere Mann hat seine Meinung gefaßt. Seine Ansichten sind entschieden, sein Glaube bestimmt. Der jüngere mußte durch den Zweifel zur Wahrheit gehn. Er hat durch die Forschung die Wahrheit zu erhalten und zu erhöhen. Jener kritisirt um zu erwerben, Dieser um das Erworbene zu mehren. Der eine war vorurtheilslos, weil er mit freiem Geiste zu wählen hatte; der andere ist es, weil die Erfahrung ihn gelehrt hat, fremde Meinungen zu achten und in jeder Ansicht das Mögliche zu ehren. Der eine hat sich denkend seine Welt geschaffen, der andere stützt sie durch Wissen und erweitert durch Arbeit die Tiefe und Breite ihres Umfangs.

Der Knabe spielt mit der Zukunft, das Alter mit der Vergangenheit: in die Gegenwart theilt sich das Mannesalter, das jüngere mit dem Hinblick auf die Zukunft, das ältere mit dem Rückblick auf die Vergangenheit. Mit der vollen Kraft des Leibes und der ganzen Stärke des Geistes begabt, fühlt der ältere Mann so wenig den ungeduldigen Trieb nach Vorwärts als die lähmende Nothwendigkeit still zu stehen; das Prinzip, das die Natur selbst ihm eingegraben, ist: zu wirken fort und fort bis die Nacht kommt, da Niemand wirken kann.

Neues zu schaffen fehlt ihm die Frische der Jugend, die Zwanglosigkeit der Verhältnisse, der Idealismus der Hoffnung; aber Vorhandenes auszubilden, den gegebenen Stoff zu verarbeiten, das Unnütze auszuscheiden, das Brauchbare, wenn es vergessen ist, wieder in's Lebes zu rufen, wankt es, ihm neue Grundlagen unterzubreiten, den Geist der Reige und der Vollendung, der Stärke und der Ausdauer in die Schöpfungen einzuhauchen, dieß ist ihm wie Keinem, beschieden. Keine Schöpfung des Liberalismus ist von Dauer, wenn er sie nicht ergänzt, kein Fortschritt ersprießlich, wenn er nicht durch die Macht der Erfahrung ihn regelt. Und gleich wie das Ideal zwar das Höchste im Leben ist und der Kern, der dem Leben seine Bedeutung und Schönheit verleiht, dennoch aber zum Phantom herabsinkt ohne das Leben selbst, ohne dessen bestimmende und formgebende Wirklichkeit, gleich wie die Blüthe nichts ist ohne die Frucht, durch welche sie erst ihre Rechtfertigung erhält: so sind Liberalismus und Konservatismus an einander gebunden, um in gegenseitiger Ergänzung das volle Dasein hervorzubringen.

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Neigung zum Erhalten und Geschicklichkeit im Verbessern—die zwei Eigenschaften, welche man in England als Grundbedingungen des Staatsmanns verlangt—sind die vorwiegenden Züge des ältern Manns. Hausvater und konsolidirt in seinen Verhältnissen scheut er jede Erschütterung und ändert nich, wenn nicht ein dringendes Bedürniß die Anderung nöthig macht. Aber gleich natürlich ist es ihm, sein Haus immer fester zu gründen und seine Einrichtung immer mehr zu vervollkommnen. Seine Stellung hält ihn nicht nur nicht ab, sondern sie treibt ihn an, solche Verbesserungen im großartigsten Maßstab und mit den umfassendsten Mitteln auszuführen. Er ist darin eben so unermüdlich und thätig, als der jüngere Mann es in der Gründung seines Besitzstandes ist. Ohne gleichgültig oder beschränkt zu sein, nimmt er die Welt wie sie ist mit ihren Vorzügen und Gebrechen; und seine Art, sie erträglicher zu machen, besteht mehr darin, die guten Elemente, die sich vorhanden finden, herauszubilden und zu bewahren, als in Schöpfungen, für deren zweifelhaften Erfolg er sich nicht mehr berufen fühlt, sie umzuwandeln. Statt einer Vollkommenheit nachzustreben, deren Ziel ihm zu ferne liegt, sucht er das Nächste zu erreichen und ergreift es mit einer Hand, unter deren Berührung sich jedes gute Element erhöht, befestigt und verdichtet. Seine erste Liebe ist: das Mögliche ganz und nach allen Seiten zu vollenden, dem jüngern Mann überläßt er es, das Unmögliche zu versuchen und das Ungewisse zu erzwingen.

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Ein Beispiel der Gegenwart kann dieß erläutern. Die jetzigen Verhältnisse von Deutschland werden von allen Parteien ohne Ausnahme als mangelhaft aufgefaßt. Der Gesitchspunkt, unter dem Dieses geschieht, bezeichnet charakteristisch ihre Verschiedenheit. Der Radikale findet das jetzige Deutschland schlechthin unbrauchbar und würde, wenn es in seiner Macht stände, ein neues auf die Trümmer des algen setzen. Der Absolutist verwirft, eben so unbedingt die Entwicklung, in der es gegenwärtig begriffen ist und führt es, so viel an ihm liegt, in die Grenzen der alten Monarchie zurück. Der Liberalismus dringt auf die Nothwendigkeit umfassender Reformen, unbeschadet des vollen Anschlusses an die tüchtiger Elemente, welche vorhanden sind.

Der Konservatismus dagegen würde zunächst nur auf Ausbildung und Vollendung dieser letztern bedacht sein. Er würde sagen: Es ist wahr, daß ihr beschränkte Verfassungen und gebundene Kammern habt, und nicht unnatürlich, daß ihr mehr verlangt. Aber wer hätte euch verhindert, die vorhandenen Rechte stärker zu benutzen, zu entwickeln, und jeder Kammer, in ihrem Kreis männlicher und segensreicher zu wirken als ihr wirklich gethan habt? Es ist wahr, daß ihr keine Freiheit der Presse habt; aber konntet ihr nicht trotzdem eine ganz andere durch ihre Tüchtigkeit viel einflußreichere Presse haben als ihr sie habt? Ihr wollt eine sichtbare Einheit, einen kräftigern Mittelpunkt. Aber konntet ihr nicht wenigstens den Bund, den ihr habt, in so langen Jahren zu einer kraftvollen Institution heranbilden? Ist nicht sein faktisches Dasein noch weit unter dem, wozu die Verfassung ihn bestimmte? Ihr habt wenig politische Freiheit,—aber doch noch mehr im Gesetz als ihr faktisch genießt. Ihr habt Garantien für die persönliche Freiheit und nicht einmal diese sind im Leben recht entwickelt. Ihr verlangt öffentliche und mündliche Gerichtsbarkeit und das mit Recht, aber Niemand hätte euch gewehrt, Eure nicht öffentliche und nicht mündliche Gerichte mittlerweile besser zu machen als sie sind. Ihr beklagt Euch über Eure Bureaukratie; Ihr wünschtet ein größeres Staatsleben an die Stelle dieses bloß mechanischen Lebens, einen höhern öffentlichen Geist an die Stelle dieses Amts- und Privatgeistes zu setzen. Aber wer sind diese Bureaukraten? Sind sie Eure gebornen Feinde, ist es eine Kaste, deren Privilegien nicht zu durchbrechen sind—oder seid es nicht Ihr selbst? Sind sie nicht Eure Nächsten und Verwandten, nicht aus dem innersten Kern Eures Mittelstandes, nicht von Eurem eigensten Fleisch und Blut? Wer rhat Euch verboten, ihnen ein höheres Streben als das der Lohn- und Stellensucht einzuflößen und der Verwaltung statt des überladenen vielschreiberischen Wesens einen einfachen praktischen Organismus beizubringen? Was hat Euch gehindert, die Theilnahme für's öffentliche Leben und den Sinn für nationale Einheit nicht schon lang und in viel höherm Maaße aufzuwecken, als Ihr seit einigen Jahren begonnen habt? Statt also nach Neuem zu streben und über eine Lage zu jammern, die Ihr selbst Euch zugezogen habt, würdet Ihr besser thun, diese Lage mit unverdrossener Kraft so gut zu machen als es möglich ist."

Der Liberalismus würde, wenn ihm die Umgestaltung von Deutschland anheim gegeben wäre, die Deutschen so mächtig mit seinem Geiste durchdringe, ihnen einen solchen Impuls verleihen, daß die Reform ohne alle Gewalt hervorsprießen müßte. Der Konservatismus würde das vorhandene Gute so allseitig hervorziehen, vermehren und vollenden, daß Deutschland seine Mängel nur halb mehr fühlen würde: und diese beiden Operationen würden sich, weit entfernt sich auszuschließen, an einander reihen. Die Besserung des Alten wäre der Weg zur Schöpfung des Neuen. —

Kein deutscher Schriftsteller hat die geschilderten Eigenschaften des Konservatismus, die Kunst sich an's Mögliche zu halten und es auszubreiten, den vorhandenen Stoff zu benutzen und zu übersehen, und vergessene nützliche Dinge wieder an's Licht zu ziehen, in solchem Grade besessen als Justus Möser. Wenn auch nicht vom höchsten politischen Standpunkte ausgehend, ist er doch das getreue Abbild eines praktischen durch und durch soliden, verständigen Konservatismus; und mit Recht hat man den Mann, der mit immer festem und nüchternem Sinn gegen Despotismus und Phantasterei Deutschlands alte Rechte und Sitten vertheidigt hat, den Advokaten des Vaterlands im weitesten Verstand genannt.

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Wie der jüngere Mann nicht nur zu positiven Schöpfungen, sondern gleichlaufend zur Beseitigung der Mißbräuche und des Ueberlebten sich getrieben fühlt, so ist der ältere neben der Mehrung des Vorhandenen immer zur Wiederherstellung derjenigen Einrichtungen geneigt, die eine undankbare oder beschränkte Zeit mit Unrecht dem Verfalle preisgegeben hat.

Aus der ersteren Anlage geht die Reform, aus der letzteren die Restauration hervor.

Wenn der Liberalismus vor allem dazu berufen ist, die Menschheit ihrem Ideale näher zu führen und alles Menschliche hervorzulocken, was bisher entweder nicht oder unklar entwickelt war, so ist es die Kunst des ältern Mannes, das immer Richtige und Bleibende in allen Phasen der Vergangenheit aufzufinden und in der entsprechenden Form zu restauriren.

Diese Restauration ist von den nämlichen Bedingungen begleitet wie die Reform und hat die nämlichen Stufen. Wie diese kann sie wahrhaft nur auf innern Grundlagen erfolgen und wie ein Schaffen ohne tiefern Boden durch Edikte, deren Bedürfniß nicht vorher geweckt worden, kein Schaffen ist, so ist eine Restauration, die nicht an das Leben sich anschließt und aus ihm ihre Kraft erhält, ein Unding. Und wie es die höchste Operation der liberalen Politik ist, die Reform sich in sich selbst entwickeln zu lassen, so ist es der Höhepunkt der Konservativen, das Alte was Noth thut, durch innere Wiedergeburt mit der Zeit zu vermählen.

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Es gibt schwerlich ein Land in Europa, in welchem die Restauration allein, richtig angewandt, so national umfassend wirken könnte wie in Deutschland. Wenn die alten Institutionen, welche im Lauf der letzten Jahrhunderte zernichtet worden sind, wenn die großartigen Elemente, welche im frühern deutschen Rechte, in der alten Gerichtsverfassung, im frühern Adel, in der Blüthezeit der deutschen Conföderation, in der Weltstellung Deutschlands liegen, mit staatsmännischer Weisheit in den Geist der neuen Zeit übertragen würden, so wären wir des größten Theiles der Uebel ledig, über die gegenwärtig geklagt wird. Es ist aber das Wesen des Mannes, daß er allein eine solche Uebertragung vollziehen kann, weil er allein den wandelbaren Charakter der Zeiten vom ewig dauernden und ewig nationalen zu unterscheiden weiß; während das Kind und der Greis je des in seiner Art die Sclaven der Zeit sind, in der sie geboren werden und deren Anschauung sie mit unbewußten Fesseln umstrickt.

Eine Restauration in diesem Sinn war ihrer ursprünglichen religiösen Tendenz nach die kirchliche Reformation des 16ten Jahrhunderts. Damals galt es nicht und war es nicht erste Absicht, eine neue Stiftung an die Stelle der alten zu setzen; nur das alte Christenthum sollte von Entstellungen, die es im Laufe der Zeit erfahren, gereinigt und auf die frühere innerliche Grundlage zurückgeführt werden. Dieses war das Motiv, was alle Religiosen der damaligen Zeit bewegte und was selbst Luther im Anfang seiner Wirksamkeit allein durchdrang: und nur die absolutistische Weigerung der damaligen Curie, sich seiner Reform zu unterziehen, welche in der That, wie sie zuerst von Luther gedacht wurde, nichts als nothwendige Konservation des Katholicismus war, hat die Entstehung des Protestantismus als Religion hervoergerufen. So lange der letztere seither bestanden hat, waren seine wahrhaften kirchlichen Rückwirkungen vorwiegend restaurativ, währen er fast überall, wo er als neue, schöpferische Kirche sich hinzustellen versuchte, der Zerrissenheit und dem Unvermögen anheim gefallen ist.Wir berühren hier nur dir kirchliche, nicht die wissenschaftliche und politische Seite des Protestantismus. Man erinnere sich hier übrigens der obiden Bemerkung üner das Wort "Reform". Reformation und Restauration ist im genauern Verstand genommen Eins.

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Der Radikalismus sucht nicht selten die Restauration gerade so nachzuahmen, wie er seine Neuerung als Reform ausgibt und der Absolutismus verdreht sie. So war die große Bewegung der Freiheitskriege gegen Napoleon in ihrem innersten Kerne restaurativ; Erhaltung und Herstellung war die große Tendenz, in der bei tausendfältigen Widersprüchen sich alle Deutschen vereinigten. Nach dem Frieden bemächtigte sich der Absolutismus und der Radikalismus der Restauration; der eine, indem er die Erhaltung zum Stillstand alles Lebens umwandelte, der andere, indem er die Herstellung des alten Deutschthums auf kindische Weise versuchte.

Eben so kindisch verfuhren die Schwärmer zur Zeit der Reformation, indem sie das Zurückgehn auf die alten Grundlagen des Christenthums zu einer mechanischen Einführung der ersten Zustände der Gemeinde (der Gütergemeinschaft u. s. w.) verkehrten; und ebenso beschränkt zeigte sich der Absolutismus der lutherischen Orthodoxie, indem er an die ersten drei Jahrhunderte als der Quelle der Restauration sich klammernd, die ganze dazwischen liegende Entwicklung der Kirche mit dem Anathem belegte.

So lange die Restauration noch möglich, ist die Lebenskraft eines Staates niemals gebrochen. Die Wiederherstellung ist der Prozeß einer Verjüngung, welche mit der Erzeugung neuer Elemente auf gleicher Linie steht; und nicht beweist in der römischen Geschichte so deutlich den hinsterbenden Verfall der letzten Zeiten, als die ohnmächtigen Versuche, womit der Senat in den Interregnen sich um die Restauration der Republik bemüht hat.

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Die Herrschaft des ältern Mannes beruht auf der Achtung die er gebietet, auf dem Zutrauen, das er einflößt und auf der Gevestigtheit seines ganzen Wesens. Steht er auch nicht mehr unmittelbar als Mensch den Menschen gegenüber, so giebt ihm seine Stellung als Familienhaupt und als Vertreter aller innern und äußern Verhältniße, welche das praktische Leben umfassen kann, einen Einfluß von ersetzender Art.

In ähnlicher Weise ist seine Bildung an reeller Tüchtigkeit, an Umfang des Wissens und in der Beherrschung der Einzelnheiten der Bildung des jüngern Mannes eben so überlegen als sie ihr an idealer Menschlichkeit nachsteht. Während der jüngere Mann theilweise noch unter dem Einfluß einer gewissen Erziehung steht, deren Rath er sich nicht entschlagen kann, ist der ältere von der Natur selbst zu Erziehung berufen und dieß ist es eben, was ihn für's Regiment unentbehrlich macht. Die ideelle Kraft des Liberalismus kann auch in der Opposition dem Staate heilsam sein: die Lebeserfahrung des Konservatismus gehört unmittelbar für die Geschäfte. Jener dringt mit seinen Principien durch, mag die äußere Stellung ihm gegeben oder entzogen sein; dieser würde sehr oft nutzlos für die Menschheit, in kaltblütiger Ruhe sein Leben dahin bringen, würde nicht der Staat ihn zur Regierung ziehn.

Die Geschichte bezeugt überall die Wahrheit dieses Verhältnisses. Menschen, wie Karl V, wie Hospital, wie Max Trautmannsdorf würden umsonst gelebt haben, hätten sie nicht den Geschäften gelebt, während liberale oder radikal-liberale wie Fox und Mirabeau unter allen Umständen in die Geschichte würden eingegriffen haben. Der ältere Mann hat weder die Rührigkeit des Knaben, noch die magnetische Kraft des Jünglings, noch den Ehrgeiz, der unter allen Umständen zum Handeln treibt; und wenn unter sonst gleichen Bedingungen einem Staate die Wahl frei steht zwischen einem Liberalen und einem Konservativen, so sollte er (falls nicht der besondere Zeitcharakter, wie z. B. der unsrige, liberale Menschen erfordert) in der Regel den letztern wählen, nicht weil der Erstere untauglich wäre, sondern weil der Letztere ohne bestimmte Stellung weniger wirken könnte, während jener sich durch sich selbst zu Einfluß bringt.

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(Geistige Seite.)

Wir haben die geistige Konstitution des ä. Mannes in dem Ausdruck "Weisheit" zusammengefaßt.Wir müseen dieß Wort gebrauchen, weil es das treffendste ist, und zwar im Sinne einer geistigen Disposition (wie die Worte Talent und Genie), obwohl es nach gewöhnlichem Sprachgebrauch nur eine Eigenschaft ausdrückt.

Die Weisheit kann sich an Produktivität nicht messen mit dem Genie, aber sie ist ihm gleich an Reichthum der Auffassung und überlegen in der Verarbeitung. Wo jenes zergliedernd, geht sie sammelnd zu Wege; das eine schneidet ein und dringt durch, die andere verbindet und hält zusammen. Wenn die Weisheit an Durchsicht hinter dem Genie zurücksteht, übertrifft sie es an Umsicht; sie ersetzt durch Fülle des Wissens, was das Genie an Scharfblick der Erkenntniß, durch Umfang des Einzelnen, was es in der Leichtigkeit des Ganzen voraus hat: und die Erfahrung gibt ihr eine Gediegenheit und eine Menschenkenntniß, welche durch die Stärke ihres Gehalts mit dem Glanz der Ideen wetteifern kann.

Wenn das Genie das Maaß in sich trägt, weil es sich selbst überwacht, so ist es für die Weisheit zu unwillkürlichen Natur geworden; — Maaß halten und weise sein ist eins. Beide sehen auf den Organismus der Dinge, aber wenn jenes nur die Natur im Auge hat, berücksichtigt sie auch in vollem Grad die Verhältnisse, wenn jenes mehr der Welt wie sie sein sollte, trägt sie mehr der Welt wie sie ist, ihre Rechnung. Das erste erobert die Menschen, die zweite gewinnt sie; dort werden die Schwierigkeiten durchbrochen, hier werden sie umgangen; das Genie geht agressiv, die Weisheit diplomatisch zu Wege.

Wie könnten eben so gut jenes das aktive, diese das passive Genie nennen. Der jüngere Mann ist Genie in der Bewegung, das ältere Genie in der Ruhe.

Stellen wir in der Poesie Shakespeare und Göthe gegenüber, so ist dieß ein ohngefähres Bild des letzteren Gegensatzes; nur ohngefähr, weil Göthe innerhalb der konservativen Sphäre nicht das war, was Shakespeare als Liberaler ist.

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Die Weisheit forscht und ahnet; sie spürt das Verborgene auf, versteht das Vergangene und bewahrt die Keime des Zukünstigen. Spürkraft des Geistes und Stärke des Gedächtnisses sind dem ä. Manne eingeboren.

Wie wir als die höchste Kraft des jüngern Mannes die Sprache, so können wir als das Eigenthümlichste des ältern den geistigen Geruch bezeichnen. Was Mund und Nase für den Körper—die Thore des Odems und die ersten Vehikel des Lebens—, sind Sprache und Geruch für den Geist.

In diesen zwei Funktionen, den höchsten Eigenschaften des Herrschers, soweit die Intelligenz den Herrscher macht, liegt der Unterschied liberaler und konservatiber Politik. Napoleon und Friedrich d. G. können ihn, wenn wir von ihrem moralischen Charakter absehen, annähernd bezeichnen:— (denn Friedrich war liberal—aggressiv nur im Charakter, konservativ—ruhig im Geist.) Napoleon gab der Welt Gesetze und prägte ihr den Stempel seines Namens auf; Friedrich ließ die Welt wie sie war, spürte sie aber dermassen aus, daß Niemand ihn umgehen konnte. Jener rief durch sein Edikt neue Zustände, neue Staaten hervor, dieser richtete sich nach den Verhältnissen, aber so, daß die Verhältnisse von seiner Begleitung und die Staaten von seiner Stellung abhängig wurden. Jener wollte allenthalben und unmittelbar gebieten, dieser suchte nur und erhielt, daß nichts Unvermuthetes gegen ihn, nichts Großes ohne ihn geschehe. Der Eine beherrschte die europäische Politik durch die Allmacht seines Worts, der Andere durch die Feinheit seiner Nafe; Napoleon war der aktive, Friedrich der passive Mittelpunkt von Europa. —

Die Sprache drückt die Dinge aus und stempelt sie, der Geruch zieht und spürt sie aus; die Sprache giebt ihnen Werth und Namen, der Geruch saugt ihren Inhalt ein.Das Verhältniß dieser zwei geistigen Potenzen wird am anschaulichsten, wenn man sie mit den entsprechenden sinnlichen, dem Geschmack und dem Geruch, vergleicht; denn der geistige Geruch ist vom körperlichen so verschieden wie der physische Zungengeist, den wie Geschmack nennen, vom psyschischen Zungengeist—der Sprache. Durch jene werden die Dinge erst gemacht—denn ohne sie sind sie für den Geist nicht vorhanden—durch diesen werden die gemachten erfaßt und verarbeitet. Der Verstand und die Sprache mußten aus dem Chaos, in dem die Anschauung des Kindes nur allgemeine Bilder aufgefaßt, zergliedernd und schaffend die Welt konstruiren; das Gedächtniß und der Geruch bewahren die wirkliche Welt in der konstruirten und suchen die konstruirte in der wirklichen. Dort war die Erkenntniß mehr die Erkenntniß dessen, was die Natur intendirt—des Höchsten was sein kann—, hier wird sie zum Wissen dessen, was vor uns liegt—des Gewöhnlichen was wirklich ist. Die Wissenschaft des Geistes wird daher jetzt zur Wissenschaft der Verhältnisse, in denen der Geist sich niedergelassen hat; das Naturrecht zum historischen Recht; die Psychologie wird zur—Geschichte.

Es ist also dieselbe Wissenschaft, welche den ältern und den jüngern Mann beschäftigt, Wissenschaft der organischen Existenzen, aber nach verschiedenen Seiten hin. Der Liberalismus sucht die Gesetze, der Konservatismus den Abdruck dieser im Bestehenden und die Entwickelung, welche sie durchgemacht. Es ist Bild und Gegenbild, Vorderseite und Rückseite und erscheint äußerlich als der Gegensatz der ideellen und der positiven Disciplinen.

Es ist also nichts wesentlich Neues, was der Konservatismus hervorbringt, es ist dieselbe Wahrheit, dieselbe Schöpfung, die schon der Liberalismus erzeugt hat—nur in einem neuen Lichte. Der ä. Mann kann nichts durchführen, nichts unternehmen, wozu er in der Jugend nicht irgendwie den Grund gelegt, und wie im Leben, so ist es in der Wissenschaft und Politik.

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Das größte Beispiel von jener Excerptionskraft des Geruchs, von der Fähigkeit, den geistigen Gehalt aus den Dingen zu ziehen und ohne selbst schöpferisch zu sein, das Bedeutende in aller Menschheit zu erfassen, — von der Stärke und dem Unfang, von dem historischen Wissen und dem Tiefsinn eines konservativen Kopfs ist Johannes Müller, ein Geist, welchen abschätzig zu beurtheilen neuerdings Ton geworden ist, weil seine gelehrten Verdienste durch die neuern Fortschritte in Hintergrund getreten sind, während sein geistiges von der Beschränktheit bloßer Gelehrter niemals nur entfernt kann verstanden werden. Hätte dieser Mann statt des kindlich-kindischen Gemüthes, das er besaß, von der Natur auch den Charakter des Konservatismus erhalten, so wäre er der Mann gewesen, um der Revolution ein ideelles Gegengewicht zu halten. Es ist unmöglich, die Quintessenz aus dem Überlieferten erschöpfender, und klarer zu ziehen, oder, um einen Ausdruck von ihm selbst zu brauchen, vollständiger den Saft daraus zu pressen als Müller gethan hat. Er ist der einzige Geschichtschreiber, der aus den Quellen nicht nur die Thatsachen, sondern auch die geistige Athmosphäre jeder Zeit gezogen hat, und niemand hat ihn, wenn man die moralischen Fälschungen abrechnet, die sein trüglicher Enthusiasmus ihm unbewußt zuweilen in die Geschichte gebracht hat, an geistiger Liebe zur Wissenschaft, an geistiger Treue und Ausdauer und an Hingebung für die Geschichte übertroffen. Seine politischen Rathschläge sind, wenn sie von gemüthlichen Antrieben ausgehen, oft haltlos und unmännlich; spricht er aber vom intellektuellen Standpunkt, so sind sie die eines großen Staatsmannes, der die Verhältnisse der Völker, die Grundregeln der Politik und die Treibräder des Weltlaufs mit einer Klarheit übersieht, wie sie Gott in Jahrhunderten nur wenigen Begünstigten verleiht. Die schweizerische Eidgenossenschaft wäre glücklicher, wenn sie ihnen folgte, und sollte nicht vergessen, auf die Stimme ihres größten, ich möchte fast sagen, ihres SchutzgeistesDenn Müller war es, der durch seine Geschichte die Schweiz, Europa gegenüber, in der nämlichen Zeit geistig hat, wo sie äußerlich unterzugehen schien. zu achten.

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Man sieht leicht, daß der ältere Mann mit diesen Eigenschaften des Geistes zu einer zwar festen, aber nichts weniger als ausschließenden Ansicht gelangt. Neigung und Studien führen ihn darauf hin, das Tüchtigste aus den verschiedensten Elementen zu sammeln und unter dem Bindemittel seines sicheren Taktes viele Wahrheiten gemeinsam sich zur Anerkennung zu bringen. Er wird sogar auf diese Weise zuweilen eklekltisch; und wenn der höchste Liberalismus zu völligen Unparteilichkeit gelangt, sofern sich ihm von seinem Standpunkte aus alles erklärt, so ist der höchste Konservatismus unparteiisch, weil er, um bildlich zu reden, das Götterblut aus allen Ansichten zu trinken vermag. Aber dieses letztere ist leichter möglich, als das erste, und der ältere Mann muß daher, wenn es die Wahl gilt, im Allgemeinen unparteiischer und anerkennender genannt werden, als der j. Mann, obwohl er mit seiner Anerkennung weit weniger durchdringend wirkt, als dieser mit seiner Einseitigkeit.

Auch in dieser Beziehung ist Müller ein treffendes Bild. Mit Recht hat Gentz—der Einzige, der Müllers Geist und Geschictschreibung vollkommen gewürdigt hat—von der Unparteilichkeit gesprochen, mit der er über den Dingen schwebe. Die spekulative Hoheit der alten Religionen, die specifische Einzigkeit des Christenthums, das eigenthümlich Nützliche des Muhammedanismus, die Vorzüge des Katholizismus und der Beruf des Protestantismus—nichts ist seinem geistigen Geruch entgangen. Die verschiedensten Größen hat er mit gleich richtigem Maaßstab gemessen und so oft er in der Allseitigkeit umherschwankt, statt an dem festen Faden einer unveränderlichen Überzeugung zu gehn, so rührt dieser Mangel von der Schwäche seines Gemüths, nicht von der Konstruktion seines Geistes her.

Wir brauchen kaum mehr zu sagen, daß diese Allseitigkeit und Unparteilichkeit, daß diese Stärke der Spürkraft und dieser Reichthum des Wissens in hohem Grade dem deutschen Volksgeist eigenthümlich sind. Wir haben Müller angeführt, weil sich der Konservatismus in der Behandlung der Geschichte am schlagendsten zeigt; wir hätten eben so gut Göthe und Jean Paul, Herder und Leibnitz (letztern zugleich als das größte Exempel konservativer Gelehrsamkeit) nennen können. Diese Eigenschaften sind es, welche dem Deutschen die größte Freiheit der Weltansicht, die umfassendste politisch-historische Übersicht und die Vermittlung des geistigen Weltverkehrs gaben; mit diesen ist er das Centrum—aber, vergessen wir nicht, mit ihnen allein noch nicht das thätige, sondern nur das passive Centrum—von Europa.

Hier ist der Ort, eine Verwechslung zu berühren, die man fast täglich hören kann und die besonders auf die Beurtheilung Deutschlands (sowohl durch die andern Nationen als der Deutschen unter sich selbst) den nachtheiligsten Einfluß übt. Es ist die Vermengung von radikaler Bildung und konservativem Wissen, von knabenhafter und männlicher Gelehrsamkeit. Die Menge scheidet nicht zwischen der äußerlichen Gedächtnißfertigkeit des Knaben und dem innerlichen Gedächtniß—dem geistigen Merk—des Mannes, nicht zwischen einer massenhaften Anhäufung mechanisch erlernter und einem organisch erworbenen Material bleibender Kenntnisse, nicht zwischen der todten Gelehrsamkeit, die, wiel sie ohne Verlangen nach geistiger Einsicht sich selbst zum Zwecke setzt, vor dem Leben zusammensinkt und dem freien Wissen des Mannes, welcher die Gelehrsamkeit lediglich als Substrat für höhere Zwecke benutzt und das Erworbene unaufhörlich mit dem Gange des Lebens vergleicht. Nehmt einem Gelehrten der ersten Art seine materiellen Kenntnisse, so habt Ihr ihm Alles genommen; nehmt sie einem Konservativen, so nehmt Ihr ihm—Nichts; denn jener verliert sein einziges Eigenthum, dieser aber behält, was Niemand ihm nehmen kann—die Summe der innern Einsicht, die er aus dem äußern Material sich abgezogen und seinem Gedächtniß überliefert hat: denn das Material wird ihm gleichgültig, so wie der Dienst, den es leisten sollte, erfüllt ist. Konservatives Wissen ist daher in seiner Art so selten als liberale Philosophie. Nicht jenes macht uns zu Stubengelehrten, nicht diese zu unpraktischen Träumern, sondern die Unmasse von knabenhaften—mechanischen oder abstrakten—Gelehrten ist es, welche die Vorstellung unterhält, als seien wir nur zum Sinnen und Lernen, nicht zum Handeln bestimmt.


Anmerkung. Die Vermischung eines radikalen Zeitgeistes mit dem konservativen Volksgeiste, wodurch die männliche Neigung zur Gelehrsamkeit mit knabenhaften Elementen inficirt wird, trägt vor allem da zu bei, jene Verwechslung für die Gegenwart doppelt täuschend und doppelt gefährlich zu machen; denn nun erscheint Vieles als dem deutschen Geiste angemessen, was lediglich Wirkung des Zeitgeistes ist. Was die angeführten Beispiele, nicht als Charaktere genannt, denn Jean Paul war von einer knabenhaften Allseitigkeit des Gemüths, Göthes diplomatisches Wesen war nach moralischen Seite hin furchtsam berechnend, nicht männlich, und Herder, der Charakter hatte, war aus liberalen und konservativen Elementen gemischt.

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De Liberalismus ringt nach Prinicipien und nur er vermag das höchste Princip zu erzeugen. Stößt er aber auf ein falsches Princip, so verfällt er in Irrthümer, die der ältere Mann niemals theilen kann, weil er die Principien niemals dem positiven Leben gegenüber setzt, sondern sie stets durch die Geschichte und das Recht ermäßigt.

Es liegt in diesem Rechtsbewußtsein, daß er schon vom geistigen Standpunkt aus den Zwang der Gesetze, die Macht der Sitte und Gewohnheit und die Schranken der Konvention viel strenger achtet als der jüngere Mann. Auch er will, daß das äußere Recht ein Spiegel des innern sei, aber er opfert es niemals um des letztern willen, weil die Erfahrung ihn von der Gefährlichkeit solcher Versuche zurückschreckt.

Die Unverletzlichkeit des Eigenthums und der Privatrechte überhaupt ist deßhalb ein Erzzug alles Konservatismus. Der ältere Mann ist der große Meßkünstler, der den Verhältnissen des Lebens ihre Bahnen, dem Räderwerk des Staats seine Formen anweist, der die Conturen der Gesellschaft in sichern Linien hinstellt und die Privatrechte des Menschen mit undurchdringlichen Einzäunungen umgibt. Er ist der treueste Verwalter, der sorgsamste Buchführer, der geschickteste Bewahrer der öffentlichen Sicherheir und der privaten Ruhe. Hier stehn wir bei der Art von Menschen, wozu die Großen unter den Erzkanzlern des deutschen Reichs und der Kern des alten französischen Parlamentsadels gehörte. Wir haben damit zugleich schon den Charakter des ä. Mannes angedeutet.

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(Charakter.)

Die Seele des ältern Mannes, frei von den Leidenschaften der Jugend, bewegt sich in einem ruhigen Gleichgewicht. Statt der Begeisterung ist die natürliche Konsequenz der Grundsätze, statt des Ungestümms die ruhige Festigkeit des Willens eingetreten. Ein ebenmäßiges Leben, ein gleichförmiges Handeln ist ihm Bedürfniß. Seine Geduld und Ausdauer, sein Fleiß und seine Widerstandskraft sind unermüdlich. Der ältere Mann wird nur schwer gereizt. Unentzündlich für Beleidigungen und im Bewußtsein seiner Pflicht sieht er verächtlich auf Schmähung und Verläumdung, still auf Verkennung herab und nur zu oft verachtet er den Feind, weil er von sich aus nicht fassen kann, worin seine Gefahr besteht. Ein Mann, den ein Knabe mit Schmutz bewirft, geht unbewegt vorüber, wiel der Knabe zu tief unter ihm steht. Wie natürlich aber, daß der Knabe diese Langmuth benutzt und zu einer Frechheit ausartet, die dem Gleichgültigen gefährlich wird.

In dieser Weise ist es, daß der Konservatismus schon vielmals vom Radikalismus übermannt wurde. Die Beweglichkeit des Knaben schlägt wie die Welle so lang an den unbewegten Felsen an, bis der Stein sich am Ende dennoch lockert; wenn aber die Grenze der Langmuth übersprungen ist—, und es gegehört viel dazu bis dieß geschieht—dann erhebt sich der Mann mit einer gefaßten Leidenschaft, die den staunenden Knaben mit einmal in die Unbedeutendheit zurückstürzt, aus der er sich so glücklich empor gehoben hatte. Der Sieger aber, sehr entfernt, mit Leidenschaft den Sieg zu verfolgen, zieht sich wieder in die Ruhe zurück, aus der er nur ungern aufgestanden war und es kann sehr wohl geschehen, daß der Knabe, der sich kaum erst in der tiefen Angst seines Herzens in alle Winkel verkrochen, auf's neue hervorkommt und das alte Spiel noch einmal beginnt. Dann ist es Sache des Mannes, von Zeit zu Zeit den Ernst zu zeigen, der seine innere Natur offenbart und das richtige Verhältniß wird sich herstellen.

Dieß ist die Geschichte der destruktiven Versuche gegenüber dem hausväterlichen Stock der Bevölkerung; der Zügellosigkeit entarteter Pressen gegenüber dem wahrhaften Kern der Gesellschaft. Der konservative Instinkt erhebt sich fürchterlich, wenn er sich erhebt, aber die Revolution kann Jahre lang anstürmen und der Mann erhebt sich nicht. Die Langmuth ist bei ältern Jahren eben so gefahrbringend, als der Ungrstüm bei jungen.

Etwas dem Ähnliches ist der Kampf der radikalen und konservativen Partei in Zürich. Der Uebermuth, womit eine radikale Regierung in diesem Lande die alte Religion behandelt hatte, rief den konservativen Geist herauf, welcher fast in jedem Lande unter der Klasse der freien Landeigenthümer einheimisch ist und nur der klaren Ausgesprochenheit durch einige intelligente Geister bedarf, um sich in Zeiten der Gefahr zu einer Partei zu entwickeln. Eine solche Partei organisirte sich zur Verwunderung der Schweiz auf einmal mit reißender Schnelle und die radikalen Regenten, welche die Sympathie des Volkes für seinen Glauben leichtsinnig genug für den Wahnwitz eines verächtlichen Pöbels erklärten, obwohl sie selbst es waren, die die Volkssouveränetät auf den Thron gesetzt, sanken wie Knaben zusammen als der Instinkt der Erhaltung sich riesengroß über ihren Häuptern erhob und im September 1839 sie nöthigte, auf der Flucht oder in Kniebeugungen ihn [note: n may not be correct; original copy is marred] Heil zu suchen.

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Wenn die Kraft des Widerstandes den Mann nach außen erhält, so leitet ihn nach innen das Prinzip der Treue.

Der jüngere Mann hat vor Allem die Freiheit zu erstreben. Die Freiheit ist seine Pflicht, das höchste Ziel seines ganzen Daseins. Der ältere Mann hat die Freiheit errungen; als Freier hat er freie Verpflichtungen übernommen, die nach tausend Seiten hin ihn mit der Menschheit verweben und die Seele dieser Verpflichtungen ist die Treue.

Könnte man Heinrich IV. so ideal ansehen als die französische Anschauung ihn macht und denkt man sich seinen Liberalismus ungeschwächt von andern Zusätzen: so würden Heinrich und Sully das schönste Beispiel eines Verhältnißes bieten, in welchem der liberale Herr mit edler Freiheit und als Mensch über den Verhältnissen steht und der konservative Minister mit einer aufopfernden Treue die Schritte seines Königs unterstützt, seine Fehltritte bewacht und seinen Mißgriffen sich mit unermüdlicher Geduld entgegenstemmt. Gerade das letztere ist es, worin die Treue sich am Wesentlichsten zeigt und es wäre unnöthig, noch mehrere Beispiele von Staatsdienern anzuführen, die auf diese Weise ihren Herrn gedient haben.

Unter den Alten ist Aristides das Muster eines Konservativen, der ohne viel Geist durch den Rechtssinn, die Biederkeit und die Mäßigung seines Charakters sich das unbegränzte Zutrauen seiner Mitbürger erwarb.

Diese Treue ist es, aus welcher das Sprichwort: "ein Wort ein Mann" hervorgegangen ist; das Worthalten ist so recht das eigenthümliche Merkmal konservativer Gemüther und deßhald auch ein alberühmtes Kennzeichen des deutschen Volks. Der ältere Mann bricht sein Wort niemals, selbst wenn die innern Bedingungen die es veranlaßt, verschwunden sind und ein höheres Recht ihm zum Bruch zu berechtigen scheint. — Die alten Römer haben in der That des Regulus solch eine aufopfernde Gewissenhaftigkeit verehrt. Im Mittelalter ist der Cid der Mann des Volkes geworden, weil er wie Keiner die Treue und den Starkmuth des Mannes in seinem Leben abgebildet hat; Ritter wie er und Bayard sind nicht liberale, sondern konservative Charaktere.

Wenn der jüngere Mann sich für Ideen mit größerer Hingebung opfert, so hat der ältere einen strengern Sinn für Privatverhältnisse. Wenn jener das Recht im Großen mit höherer Leidenschaft verfolgt, so verletzt dieser seltner das Recht im Kleinen. Der Eine steht in der Großmuth und der Begeisterung für's Allegemeine, der andere im Edelmuth und in der Sorgfalt für's Einzelne voran.

Ganz ähnlich unterscheiden sich Beide in ihrer moralischen Weise der Menschenbehandlung und der politischen Taktik. Die offensive Lebendigkeit des j. Manns reizt von vorn herein und unwillkürlich die schwachen oder feindlichen Seiten der Menschen, und geräth sofort mit ihnen in Kampf. Der ä. Mann, umgekehrt, sucht das Gute aus den Menschen hervorzulocken, festzuhalten, und dadurch mittelbar die schlimmen Elemente in den Hintergrund zu drängen; wie jener auf aktive, strebt er sie auf passive Art zu überwinden. Jenes ist für den Anfang, dieß für's Ende gefährlicher. Cäsar z. B. hat mit der beschwichtigenden Milde eines konservativen Charakters operirt. Er glaubte die Schlechten entwaffnet zu haben, wenn er sie mit Wohlthaten überhäuste, seine Feinde gewonnen, wenn er ihre Feindschaft verneinte; und wurde dafür von denselben Menschen ermordet, welche vorher zu besiegen leicht gewesen wäre, hätte sein Naturell von Anfang an den in ihnen schlummernden Haß zum Ausbruch gereizt, statt ihn immer wieder zu dämpfen (und damit zugleich zu ermuthigen.) Dieß war es, was Napoleon meinte, wenn er sagte, "Cäsar habe einen einzigen Fehler gemacht, den, sich ermorden zu lassen"; während er selbst gerade entgegengesetzt mit Wahrheit bezeugen konnte—und alle aggressiven Naturen der Geschichte köntten es mit ihm bezeugen—"seine Feinde haben ihn groß gemacht."


Anmerkung. Dieser Unterschied in der moralischen Taktik und die Wirkung desselben auf die Menschen ist für Parteileben und Politik von der eingreifendsten Wichtigkeit. Hier liegt die Ursache, warum der Konservatismus vom Radikalismus so oft überflügelt wird, warum er ihn überhaupt nur zu hemmen und zurückzuwerfen, nicht zu entwurzeln vermag: hier liegt der feinste Punkt für das Verständniß der Verhältnisse der beiden Parteien unter sich selbst. Die ruhige Taktik des ä. Manns ist eben so passend als nothwendig gegenüber dem Alter, welches ihr Gewicht vollständig versteht, weil es selbst passive Elemente in sich trägt; aber gefährlich gegenüber dem Knaben. Jeder will nach seiner Weise behandelt, jeder kann nur nach seiner Weise besiegt werden; daher nur der ä. Mann den Absolutismus, nur der jüngere den Radikalismus ganz überwinden kann. Gegen Absolutisten angewandt, ist Cäsars Verfahren das richtige, (denn der Absolutist ist zu klug um nicht zu merken, daß der Konservative sine Schliche nur ignorirt, weil er sie ignoriren will, und verhält sich darnach); gegen Radikale, hat es ihm den Tod gebracht. Eben so gefährlich ist es, wenn der Liberalismus den Absolutismus blos mit der Aktivität zu bezwingen glaubt; denn der Absolutismus, während er anscheinend Schritt für Schritt zurückweicht, gräbt mittlerweile auf anderem Weg eine Mine, die Schritt für Schritt entgegenwirkt. "Der Radikalismus," pflegte ein deutscher Staatsmann, den ich nicht nennen will, allegorisch zu sagen, "muß mit Keulen angegriffen, der Absolutismus in die Tasche gesteckt werden." Alle diese Bemerkungen erhalten nur in politischen Verhältnissen ihren Werth, aber hier auch in den kleinsten so sehr, wie in dem größten, wenn sie geistiger Art sind; wie denn jeder Zürcher Politiker z. B. das Meiste davon fast täglich bewährt sinden kann.

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Das praktische Leben ist der natürliche Spielraum des ältern Mannes. Das Familienregiment, die Ehe, das Dienstverhältniß, die Sitte überhaupt werden von ihm verstanden und gehandhabt wie von Keinem.

Ohne in diesen Gegenstand, der uns hier zu weit führen würdge, einzugehn, wollen wir nur Einen Vergleichspunkt, in Betreff der Ehe, hervorheben. In der Jugend folgt der Mensch dem Zuge der natürlichen Neigung, im gereiften Alter zieht er zugleich die Umstände in Betracht; dort herrscht mehr die subjektive, hier mehr die objektive Rücksicht. Der jüngere wie der ältere Mann begründet die Ehe auf die göttliche Sanktion, d. h. auf das göttliche Naturgesetz, das die Zweiheit der Geschlechter und damit die organische Vereinigung zweier entsprechender Individuen gewollt hat. Aber während der erstere die gegenseitige Ersetzung nur auf die psychische Ahnlichkeit der Naturen gründet, bemißt sie der andere zugleich nach der Ähnlichkeit der positiven Lebensverhältnisse und den Bedingungen einer gesicherten Femilienexistenz. Beide Ansichten werden auf gleiche Weise, jene vom Radikalismus, diese vom Absolutismus mißbraucht. Dort sinkt die innere Neigung zum schwächlichen, wandelbaren Gefühl herab und es entsteht jene moderne Ehe, welche man mit Recht die sentimentale genannt hat. Das Band, das ein unzertrennliches war, so lange es Harmonie der Naturen galt, wird das willkürliche Opfer jedes Augenblicks. Umgekehrt macht der Absolutismus die Ehe zur bloßen Convention, indem er ohne Rücksicht auf die Natur einzig nach den äußern Verhältnissen, nach Geburt, Geld u. s. w., zu Wege geht. Wie nun hiernach die verschiedenen Gesetzgebungen sich bestimmen, in welch doppelter Art die beiden Extreme das Wesen der Ehe vernichten und wie hier besonders der Konservatismus, weil er die objektive (auf Alle gleich anwendbare) Rücksicht mit der subjektiven (deren richtige Anwendung nur höheren Naturen möglich ist) verbindet, für unsere Zeit berufen ist, den richtigen Maaßstab aufzustellen, — alles das geht unmittelbar aus den obigen Ansichten hervor.


Anmerkung. Wir haben absichtlich diese Andeutung mit Beziehung theils auf theils gegen das gegeben, was Leo in seinen Skizzen zur Naturlehre des Staates über die verschiedenen Arten der Ehe sagt. Vor allem der organische Ersatz ist es, der die Ehe nach göttlicher Intention begründet—und dieses setzt subjektive Wahl voraus. Leo hat hier, wie in andern Dingen, die radikale Verdrehung des liberalen Princips und das liberale Prinzip selbst in Eins gemischt und beides hinweggeworfen, statt beides zu sichten. Es ist übrigens zu bemerken, daß hier der Standpunkt unsrer Zeit, d. h. die Freiheit der Privathältnisse, vorausgesetzt wird. Nur innerhalb dieser geschieht es, daß der Radikalismus die liberale Ansicht zur sentimentalen Willkür verdreht. Denn in der eigentlich radikalen Zeit, d. h. in der Kindheitsjugend der Geschichte, war das Weird dem Manne und die subjektive Freiheit—wie in Sparta—dem abstrakten Staatsideal geopfert; wovon a. a. O. zu reden ist[.] Hier drängt sich uns noch die Bemerkung auf, wie sehr sich der deutsche Adel, vom höchsten bis zum niedern, dadurch geschadet hat, daß er die Ehen fast nur nach absolutistischer Konvention, statt nach konservativen Rücksichten abzuschließen gewohnt ist. Alternde Geschlechter setzen sich dem Untergang aus, wenn nicht die Raçe durch freie Wahl erfrischt wird—ganz abgesehn von dem moralischen Verderbniß, das sich an Konvenienzehen knüpft. Auch darin ist der englische Adel, im Prinzip wenigstens, dem deutschen unendlich überlegen.

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Eben so verwachsen als das Familienregiment ist mit dem ä. Mann die Verwaltung seines Hauses, die Wirthschaft seines Vermögens. Besitzthum gehört unmittelbar zu seinem Charakter.

Wie dieß auf seinen Staatsberuf zurückwirkt, ergiebt sich von selbst. Gleich wichtig ist eine andere Folgerung: die daß der Konservatismus ganz wesentlich mit dem Element der Erde verschwistert ist—ein Zusammenhang, den Jedermann unwillkürlich beim Klang des Wortes fühlt. Die ganze Geschichte zeigt, daß der konservative Sinn gleichsam von vorn herein an der Scholle haftet. In den größten Bewegungen, wenn radikaler oder absoluter Fanatismus die Massen ergriffen hat, bleibt immer dem Staate in der Partei der Hausväter, der Grundeigenthümer, besonders unter den freien Bauern, ein konservativer Instinkt übrig, der unsichtbar in der Menschen wirkt, und seinen eignen Anhängern unbewußt durch die Kraft der Trägheit die Auflösung der Staaten verhindert.

Von dieser Gebundenheit an Besitz und Familie rührt es her, daß der Konservatismus als Partei sich schwerer organisiren und lenken läßt als die übrigen Parteien. Radikale und Absolutisten sind zur Parteidisciplin wie geschaffen; jene, weil sie unwillkürlich dem Führer gehorchen, diese, weil sie an unbedingte Unterwerfung gewöhnt sind. Der Mann dagegen, der sein Haus-, sein Hof- und seine Geschäftsverhältnisse hat, ist minder leicht zu vereinigen; und hat er seine Ruhe so weit überwunden, um als Parteimann aufzutreten, so kann er doch niemals kommandirt werden wie man einen Rudel von Knaben kommandirt.

Eine konservative Partei ist für gewöhnlich unthätig und phlegmatisch; jeder geht seinen Geschäften nach; man läßt die Sachen gehn und erst wenn Gefaht ensteht, erhebt sie sich. Man betrachte, um sich dieß zu veranschaulichen, nur die Parteien in ganz Europa. In England z. B. sind es nicht die Gemäßigten, sondern die Hochtories, die das heftige Parteigetriebe unterhalten; in Frankreich ist es der Anhang des absolutistischen Justemilieus, mit dem die konservativen Instinkte sich nur theilweise verbinden; in Deutschland, dem konservativsten aller Länder, ist der Konservatismus überall und—nirgends. In der Schweiz sind konservative Parteien organisirt, größtentheils Parteien des Instinkts, eine sogar von Bewußtsein, in Zürich; aber selbst diese ruht für gewöhnlich: nur wenn der Radikalismus die Schranken überspringt, wird sie lebendig. In Luzern z. B., wo das absolutistische Element die Vorhand hat, ist größere Beweglichkeit der Partei, aber ein niedrigeres Leben. Die Ruhe also an sich zeugt nicht gegen, sondern für den Charakter der Partei; nur die Nothwendigkeit liberaler Anregung ist mit dem Charakter selbst gegeben. Die Ergänzung tritt hier umgekehrt ein. Dagegen ist es die konservative Partei, die, wie keine, im Grund und Boden, in den Verhältnissen und dem Herkommen wurzelt; und wer sich erdreistet, dieses ihr geheimstes Leben anzutasten, mit absoluter oder mit radikaler Gewalt, der lockt sie unwiderstehlich hervor.

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(Religion und Weltansicht.)

Die Erfahrung und das mit ihr gegebene gemüthliche Bedürfniß führen den ältern Mann unmittelbarer zur Religion, als die Kritik den jüngern. Wenn der Letztere zweifelt, so hält die Unmöglichkeit, das Christenthum zu ersetzen und die Achtung vor dem Glauben der Völker ihn von Irreligiosiät zurück. Wenn der ältere Mann zweifelt, so hat er trotzdem bereits das ganze Bedürfniß der Religion, die Nothwendigkeit religiöser Formen und Gesetze, die Uebereinstimmung der Religion mit dem Wesen des Menschen eingesehen und nur der Widerstreit geistiger Rückstände mit seinen gemüthlichen Erlebnissen oder die Herrschaft einer pfäffischen Orthodoxie kann ihn abhalten persönlich für die Religion einzustehen, die er im Staate unter allen Umständen mit dem innersten Ernste aufrecht halten wird.

Göthe ist vielleicht das beste Beispiel eines Konservativen, der eine Stellung dieser Art einnimmt; wie er denn überhaupt nach seiner geistigen Seite die Weisheit, die Vollendung und die Gediegenheit des ältern Mannes aufs trefflichste darstellt. Göthe war von den Zweifeln bewegt, die ein starker Kopf in unserer Zeit an den dogmatischen Formen des Christenthums fast nothwendig fassen muß; und noch überdieß Empiriker bis zum Skepticismus. Trotzdem beweisen viele seiner Aussprüche, daß er den universellen Gehalt des Christenthums und seine Conformität mit der Natur des Menschen, seine Heilkraft für unsere europäischen Zustande und den Unverstand der modernen Kritik vollkommen eingesehen hat. Sein Benehmen geneigt gewesen wäre oder war, den Skepticismus am Staate spielen zu lassen; ein Benehmen, dessen Richtigkeit auch dann bestehen bleibt, wenn moralische Schwäche dabei im Spiele war. In jedem Fall zeigt Göthe in einem Maaße, wie kein anderer, welch ungemein ersetzendes Verständniß die Erfahrung für alle diejenigen Dinge gibt, mit welchen die geistige Kritik an sich oder die bloße Neigung (denn Göthe war von Natur nichts weniger als religiös) den Menschen niemals würde befreundet haben, und gerade dadurch geschieht es, daß Göthes Werke, vornehmlich die spätern, einen für Alle gleich brauchgaren Schatz von Weisheit enthalten, der in der allgemein menschlichen Sphäre eben so einzig ist als Müller in der Geschichte.

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Ist der ältere Mann vorwiegend religiös, so kann er streng und bis auf einen gewissen Grad ängstlich sein, aber niemals unfrei oder feindlich gesinnt gegen eine männliche Kritik. Die merkwürdige Stellung einer solchen Religiosität zur liberalen Kritik zeigt sich sehr hübsch, wenn man im Wandsbecker Boten die Art verfolgt, wie Claudius, einer der liebenswürdigsten Konservativen, mit Lessing umgeht. Wie weit dieselbe Religiosität in politischen Dingen, trotz der hingebenden Treue, welche in ihrem Wesen liegt, entfernt ist, zur Unfreiheit auszuarten, können die beiden Moser zeigen, Vater und Sohn, deren beharrlicher Kampf gegen die höfischen Schändlichkeiten ihrer Zeit für uns Deutsche ein schönes Denkmal konservativer Ehrlichkeit gegenüber von absoluter Gewalt ist.

Natürlich will der Konservatismus eine sichere Norm in der Religion wie im Staate. Eine Konfession ohne Symbol ist für ihn ein Unding. Ueberzeugt von der Nothwendigkeit der Entwicklung, ohne welche kein Leben ist, will er gesetzliche Einrichtungen um die Entwicklung des Symbols zu handhaben; niemals aber den Unsinn einer Glaubensgemeinschaft, die sich dadurch charakterisiren will, daß sie keine Gemeinschaft des Glaubens hat.

So wird er auch die Kirche mit aufrichtiger Achtung und Liebe behandeln. Aber eine Verschlimmerung ihrer Zucht, eine Verweltlichung ihrer Glieder, ein Mißbrauch ihres heiligen Charakters findet in ihm den härtesten Feind. Der Herzog Georg von Sachsen, der eifrige Gegner der Reformation, scheint ein Mensch von dieser Art gewesen zu sein. Die Curie haßte wenigstens seine Besserungsvorschläge eben so sehr als die Reformen der Protestanten, und Nichts war von jeher für absolutistische Neigungen des römischen Stuhles gefährlicher, als fromme Konservative, die sein Verderbniß im Interesse der Religion bekämpften.

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Wie die konservative Weltansicht der liberalen nicht sowohl in der Wesenheit als in Form und Stellung gegenübersteht und wie beide sich unterscheiden, erhellt schon aus dem Vergleich der geistigen Anlagen, den wir oben angestellt. Will man ein Bild in der Philosophie, so sind unter uns Deutschen als bezeichnend für den Gegensatz etwa Leibnitz und Lessing zu nennen. Eben so gleich im Kern, als verändert in der Stellung stehn beide Alter den radikalen Philosophemen in unsrer Zeit gegenüber. Der jüngere Mann tritt ideell auf die Spekulationen ein, um ihre Haltlosigkeit zu widerlegen oder positive Gedanken entgegenzusetzen. Der ältere vergleicht mit der Erfahrung und Geschichte und legt einfach bei Seite, was diesen ins Angesicht schlägt; er übersieht es von vorn herein von seinem Standpunkt aus, ohne sich weiter damit zu befassen. Auf jene Weise war es, daß Müller dem Unsinn der Kantianer entgegentrat. Aber genug von den theoretischen Ansichten: wichtiger ist, wie die praktischen auseinander gehn.

Wie statt des ungebundenen Daseins, in dem die Jugend fröhlich war, im reifern ALter die Verpflichtung tritt, so drängt sich neben dem Gesichtspunkt der Freiheit als leitende Maxime der der Ordnung hervor. Die Freiheit will, daß jeder das Höchste erreiche, dessen er fähig ist, die Ordnung, daß Keiner nach Höherem strebe als ihm gebührt; jener gefällt es zu erhöhen, wen sie ungerecht erniedrigt, dieser zu erniedrigen, wen sie ungerecht erhöhet sieht. Die Verbindung dieser beider Prinzipien für die Gesellschaft ist eben nichts weiter als die nothwendige Ergänzung des liberalen und konservativen Princips.

Hat der j. Mann die Ungleichheit des Menschen als Grundursache jedes individualen Glücks gesetzt, weil Jeder nur in seiner Weise glücklich wird, so setzt sie der ältere als Grundbedingung alles Bestandes, weil ohne sie kein Gehorsam gedenkbar ist. Es ist hieraus klar, daß, so sehr auch beide in der allgemeinen AnschauungWie sie §§. 32 - 34 geschildert ist. übereinstimmen, doch die Momente der Gesellschaft von beiden auf verschiedene Art müssen betrachtet werden. Wenn die Quoten des Antheils von den extremen Parteien nur numerär, von den männlichen nach dem Gehalt gewerthet werden, so ergibt sich weiter, daß der jüngere sie mehr qualitativ, der andere mehr quantiativ berechnet.

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Es ist zunächst die Raçe, welche, von der Jugend nur nebenbei berücksichtigt, für den Familienvater ein ganz neues Gewicht erhält. Ein unwillkürlicher und unabweislicher Instinkt treibt den ä. Mann, ihr eine höhere Geltung zu verschaffen und sie nur dann aufzugeben, wenn das Individuum vollkommen untauglich ist. Wie ferner der Liberalismus nur das im Auge hat, womit der Mensch von sich selbst aus seine Kraft erhöht, so bringt er, der bereits Andern zu hinterlassen gedenkt, mehr das in Anschlag, was man von Andern überkommt, den Besitz.

Drücken wir uns schärfer aus: Beide werthen die organischen Potenzen des Menschen, aber der Liberalismus mit vorwiegender Würdigung des organisch Eigenthümlichen, der Konservatismus mit Hervorhebung des organisch Ererbtern.

Mein Eigenthümliches ist meine geistige und körperliche Individualität; mein Ererbtes ist was ich seelisch und faktisch ererbt—meine Raçe und mein Besitz. Die "eigenthümlichen" Potenzen bauen die Gesellschaft, die "ererbten" erhalten sie; in jenen liegt die Grundgestalt, ohne welche Nichts entstehen, in diesen die Tradition, ohne die Nichts dauren kann.


Anmerkung: Um jedem Mißverstand zu begegnen, sind noch einige Worte über den Begriff des organisch Ererbten nöthig. Setzen wir als Beispiel einen Berner Patricier,so vereinigt er folgende Raçecharaktere in sich: seine Familienraçe; seine Geschlechtsraçe; patricische Raçe; Berner Stadtraçe; Bernerraçe überhaupt; Schweizerraçe; deutsche Raçe; germanische Raçe; europäische Raçe; die Raçe des weltgeschichtliche Zeitgeistes, in dem er geboren ist; die des germanischen, die des schweizerischen Zeitgeistes und so fort. Jedermann sieht ein, daß alles dieß ihm nicht eigenthümlich gehört, denn theils einige Wenige (die Glieder seiner Familie) theils sehr Viele, theils Millionen besitzen es auch: und das Eigenthümliche meiner Natur ist ja nur das, was ich für mich allein besitze. Jedermann sieht aber auch, daß alles dieß mit ihm organisch verwachsen ist, denn wäre das nämliche Individuum in Indien und ein Jahrtausend früher geboren, so wäre es ein ganz anderer Mensch. Diese ungeheure Reihe von seelischen Erbschaften ist sonach die zweite Hälfte meiner ganzen Existenz, die zweite Hälfte der Menschenwerthung, welche der Konservatismus der ersten gegenüber hervorhebt. — Was den Besitz betrifft, so ist darunter nicht nur Vermögen und Grundeigenthum (denn zunächst ist hier nur von dem Besitz die Rede, den ich in jedem Augenblick bei mir trage und der mir nicht genommen werden kann), sondern auch das ganze Material gemeint, das ich von den Vorfahren ererbe; also die ganze Erbschaft dessen, was die Jahrhunderte vor mir erarbeitet haben, die ganze Aneignung der Tradition, alles nicht aus mir geschöpfte Wissen—ein Besitz, ohne den ich nichts wissen würde und mit dem ich eben so handthiere, auf dem ich ebenso fuße, wie mit dem beweglichen und auf dem unbeweglichen Eigenthum; und der trotzdem noch ein anderer ist als die Raçe, weil ich mir ihn erst aneignen muß. Der Staatsmann z. B. braucht Reichthum und Grundbesitz auch im geistigen Sinn, d.h., ein Wissen das er umtreiben, eine Basis, auf die er fußen kann. Praktisch ausgedrückt, heißt also die Hervorhebung des Besitzes: der Konservatismus verlangt von jedem, der öffentlich wirkn will, als Bedingniß der Befähigung ein bestimmtes Vermögen an Kenntnissen, einen bestimmten Fond von Erfahrung—gegenüber dem Liberalismus, welcher die ursprüngliche Anlage der Natur und das jenige, was die Individualität aus sich selbst herausbilden, wozu sie sich durch Charakter und Geist, durch Kraft und Geschicklichkeit selbst machen kann, in den Vordergrund stellt.Wir bedienen uns absichtlich der Worte "ind den Vordergrund stellen," "hervorheben," um das richtige Verhältniß in Erinnerung zu bringen. Es ist nicht als ob der Liberalismus nur das Eigne, der Konservatismus nur das Ererbte würdigte, sondern, was jener in die erste Linie, stellt dieser in die zweite, was jener in die zweite, stellt dieser in die erste Linie.

"Kraft und Geschicklichkeit," sagen wir, denn was oben "körperliche Individualität" genannt ist, soll eben so wenig als das Wort "Besitz" blos die äusdrücken, sondern die Stärkung und Handhabung der Physis überhaupt, Nachdruck und Feinheit des Auftretens, Nerv und Figur in der Erscheinung,—die ganze Unterstützung, des Charakters durch das Gewicht, des Geistes durch die Feinheit leiblicher Vorzüge—lauter Dinge, die dem jüngern Alter so wichtig sind, als es der Besitz dem älteren ist.

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Gleichwie nun Größe der Individualität, verbunden mit einem entsprechenden Aeußeren, dem der beides besitzt, einen Vorrang verleiht, den die Menschen unwillkürlich und kraft eines ursprünglichen Triebes anerkennen, so gibt auch eine bedeutende Raçe, verbunden mit Reichthum des geistigen und mateiellen Besitzes ein Ansehen, dem Niemand seine Anerkennung entzieht. (Dieser Satz bleibt wahr, wenn es auch Menschen gibt, die die Anerkennung entziehen oder zu entziehen sich anstrengen. Denn auch der Vorrang des Geistes wird nicht von Allen anerkannt, und trotzdem ist er ein einfaches Naturgesetz). Das heißt, der Konservatismus kennt eben so wenig als sein Vorgänger einen andern Adel, als den, welcher in der Natur des Menschen und der Dinge von vornherein liegt. Auch nach ihm ist der Staat nicht fähig, einen Adel künstlich zu schaffen, sondern nur berufen, dem schon vorhandenen das äußere Zeichen oder der allgemeinen Anerkennung das Siegel aufzudrücken.


Anmerkung: Hienach ist zu bemessen, wie weit der Konservatismus den Geldadel und Briefadel schätzt.


Der weitere Unterschied fließt hieraus von selbst. Man kann nicht leicht seinen Geist und seinen Körper, man wird aber naturgemäß seine Raçe und seinen Besitz auf Andere fortzuplanzen streben, jenes kann nie, dieses wenigstens theilweise hinterlassen werden. Die Erblichkeit ist daher im Konservatismus unmittelbarbegründet, während der Liberalismus sie nur mittelbar kennt, sosern er die Raçe als Unterlage würdigt.

Aber nur eine organische, keine gemachte Erblichkeit. Nehmen wir auch hier die Republik Bern in ihrer blühenden Zeit als Beispiel, so war der Vorrang der großen Geschlechter in Staatswürden und öffentlichem Ansehn weder vom Staate geboten, noch durch irgend eine Nöthigung erzwungen: es war lediglich die Folge ihres natürlichen Uebergewichts, eines Uebergewichts, das die andern Bürger freiwillig anerkannten, und das nur verloren ging, wenn das Geschlecht entartete.

Erst dann, wenn die Geschlechter sich schließen, wenn der Staat die Vorzüge, die sich von selbst ergeben, durch Dekret in fixe verwandelt, wenn, wie in vielen ege maligen deutschen Reichstädten, eine Serratura erfolgt, wenn somit sowohl die Entartung der Geschlichter geheiligt, als der Einfluß des Geistes gesetzlich gebannt wird, erst dann tritt die Verdrehung der Erblichkeit ein. Der konservative Adel sinkt dann eben so zum Absolutismus herab, als der liberale zum Radikalismus, wenn statt des Geistes nur die Bildung, statt des Charakters nur die Erziehung des Menschen gewerthet wird.

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Wie sehr aber die konservative Ansicht, trotz des Widerspruchs mit der liberalen, gleichwohl auf der geistigen Ordnung der Dinge beruht, wird erst dann ganz anschaulich, wenn man sich den Umfang der Raçe in ihren weitern Bestandtheilen verdeutlicht.

Es ist nämlich nicht blos die angeborne Mittheilung, woraus die Raçe besteht: es ist auch die anerzogene: eine zweite und geistigere, die sich auf der Grundlage der ersteren erhebt.

Die erste Raçe ist die Erbschaft des Bluts, die der Mensch mit dem Eintritt in die Welt empfängt; die zweite, die Erbschaft alles dessen, was im Laufe des Lebens durch natürliche Assimilation mit seinem Naturell in dem Maaße verwächst, daß es ihm wie zum BluteVerwandlung in succum et sanguinem. oder mit einem treffenden Ausdruck der gemeinen Sprache zur zweiten Natur wird—der Inbegriff des ganzen Eindrucks, welchen Verhältnisse und Umgebungen, Menschen und Schicksale bleibend und bestimmend in der Seele zurücklassen.

Die anerzogene Raçe ist von dem radikalen Begriff von der Erziehung eben so verschieden, wie das konservative Wissen vom knabenhaften. Der Erziehung widersetzt sich die Natur des Menschen, sobald sie ihr widerspricht; man streift sie ab, wenn man ihr entronnen ist, und sie geht vorüber. Die anerzogene Raçe dringt unvermerkt in den Menschen ein; ohne es zu wissen, verschmelzt er mit sich, was ihm homogen ist: ihr Einfluß kann weder abgewiesen noch auch, wenn er gefühlt wird, abgeschüttelt werden.

Sie ist es hauptsächlich, auf welcher die geistige Tradition der Gesellschaft und der Staaten beruht; und durch welche das Räderwerk der menschlichen Ordnung seinen Gang geht, wenn auch keine Hand, die es leitet, mehr sichtbar. Wenn der Charakter das Fundament aller großen Staaten ist und der Geist ihr Bildner; so ist die angeborene Raçe die Widerlage, welche das Fundament unterstützt, die anerzogene aber das Medium, wodurch der Geist sich im Gebilde erhält.

Vermöge ihrer haben die Römer die Welt noch besiegt, nachdem der Kern ihres Staatsgeistes und ihrer Moralität sich schon geneigt hatte; sie ist es, welche in gewissen Staaten und gewissen Stellungen die verschiedensten Inhaber, willig oder unwillig, zu den ähnlichen Maximen zwingt; sie ist es endlich, kraft deren jedes große Verhältniß den, der darin eintritt, nöthiget, es zu beherrschen oder sich damit zu verschwistern, — wo nich, ihn zurückwirft.


Anmerkung: Der Begriff der Raçe als politisches Moment wird an sich schon Vielen so fremdartig erscheinen, daß ein Verständniß kaum zu hoffen ist, wenn wir innerhalb dieses unbekannten noch zwei verschiedene Bestandtheile hervorheben. Allein wir drücken auch hier nur aus, was Jeder weiß oder fühlt, ohne ihm einen Namen zu geben. Man begreift leicht, daß die angeborene Raçe trotz der eingreifenden Wichtigkeit der Bestandtheile, die wir oben aufgezählt, doch durch die anerzogene erst näher bestimmt wird. Setzen wir einen Deutschen von früher Jugend an unter ein wildes Volk, mit dessen Sprache, Sitten und Verhältnissen er sich amalgamirt, so bleibt freilich seine Blutraçe die alte, aber sie wird durch die anerzogene vollkommen paralysirt: oder einen Engländer, der als Kind nach Deutschland kommt und hier sein Leben vollbringt, so ist er der ersten Raçe nach, Engländer, der zweiten nach, ein Deutscher, und dieses letztere ist so wichtig als das erste. Was hier im Kleinin, findet bei Auswanderungen im Großen statt. Kolonien, die in entfernte Länder, von anderm Klima und andrer Bevölkerung ziehen, werden sich allezeit leicht emancipiren, nicht weil der Zusammenhang der angeborenen Raçe so schnell erlöscht, sondern weil die Veränderung der anerzogenen diesen Zusammenhang schwächt oder aufhebt.Die Nordamerikaner z. B. haben heute noch die angeborene englische Raçe und nur sehr allmälig (durch Vermischung) wird sie sich verlieren; aber die anerzogene ist himmelweit von der englischen verschieden. Wenn dieser Veränderungsprozeß schon unter den Engländern, die nur einer schwachen, wilden Bevölkerung gegenüberstanden, vor sich ging, wie erst unter den Deutschen, die auf die englische Bevölkerung stoßen! Bei der bisherigen Zerrissenheit der Auswanderung müssen sie der Nationalität sehr bald verlustig gehn.

Beide Begriffe sine von einander ohngefähr so verschieden, wie der unbewegliche und bewegliche Besitz; der eine hängt uns grundeigenthumartig an, der andere modificirt, verringert und vergrößert sich nach Umständen.

So wenig nun die bloße Abstammung von einem bedeutenden Mann schon eine bedeutende Raçe verleiht, so wenig ist um mit großen Verhältnissen zu verwachsen nichts weiter erforderlich, als diese Verhältnisse selbst. Vielmehr ist Jedem klar, daß eine solche Assimilation entsprechend große Eigenschaften voraussetzt; denn wo diese nicht sind, versinkt der Mensch zum Sclaven oder wird zum Opfer der Verhältnisse. Setzt einen Menschen von niederer Geburt auf den Thron, so wird er, wenn ohne Geist, gerade so vom Thron herabsteigen, als er heraufgekommen—ein Fall, der uns mehr als einmal in der Reihe der ruflos verschwundenen Anmaaßer der römischen Imperatorenzeit begegnet —; wenn aber von hohem Geist und Charakter, wird derselbe Mensch, so bald er die Luft des Thrones eingeathmet, mit der fürstlichen Atmosphäre verwachsen, die anerzogene Raçe, die er erhält, wirkt auf die Menge wie die der gebornen Regenren, und man wird sich über die schnelle Amalgamation ebenso wundern, wie Siehes sich über Napoleon wunderte, als er den bisherigen Soldaten so schnell mit allen Zweigen der civilen Gewalt vertraut sah. Nur wer diese Fähigkeit besitzt, kann von den niedrigsten Umständen zu hohen gelangen, ohne den Menschen als Parvenu zu erscheinen: und wenn selbst Napoleon, der als geistiger Herrscher sehf wohl mit den alten Fürstengeschlechtern seiner Zeit umzugehen wußte, ein Stück davon behielt, so war es, weil seine moralische Barbarei sich nie ganz mit der Würde des Souverains amalgamiren konnte. Diese nämliche Fähigkeit (der natürlichen Assimilation mit fremden Athmosphären und fremden Zuständen) ist die höchste Eigenschaft der Diplomaten—und eins mit der geistigen Excerptionskraft, von der oben die Rede war.

Auf der anerzogenen Raçe beruht einem großen Theil nach das Verhältniß des Menschen zum Menschen, vornehmlich die Verkettung der Höhern mit den Niedrigern. Ein wahrer Hausvater z. B. verbreitet über seine Familie, sein Gesinde, sein ganzes Hauswesen einen bestimmten Geist, einen Typus, der Alles durchdringt, dem Jeder ohne Zwang sich unterwirft und der als Tradition sich unterhält, wenn er abwesend ist, und längere Zeit hindurch selbst nach seinem Tode. Ohne besondere Anstrengung entstanden, hat er sich gleichsam nervenartig Allen mitgetheilt und der Fremde, der das Haus betritt, spürt sogleich die eigenthümliche Luft des Hauses. Die bloße Erziehung dagegen hält nicht länger an, als der Hausvater persönlich eingreift: sie theilt dem Gesinde und dem Gang der Geschäfte keinen allgemeinen Charakter, sondern nur den Befehl mit, der mechanisch das Ganze zusammenhält: und der Fremde, der die anerzogene Raçe überall spürt, wenn er den Herrn nicht einmal in Ausübung seiner Gewalt sieht, fühlt, wo nur jene ist, eben so leicht, daß das ganze Haus in Unordnung gerathen muß, wenn die künstlichen Zügel einmal nachgelassen sind.Hienach bemesse man die zwei verschiedenen Arten der Privaterziehung—beständig eingreifender, aber nur äußerlicher Befehl, und unvermerkte, stille Mittheilung des ganzen moralischen Tons von den Eltern an die Kinder. Jene vergeht, diese hält durchs Leben.

Tragen wir dieß von der Familie auf den Staat, vom Hausherrn auf den Regenten über, so fühlt Jeder die ungemeine Wichtigkeit jenes Unterschieds. Ein Staat, der nur dadurch zusammengehalten wird, daß der Regent in jedem Augenblicke selbst erziehend eingreift, ist auf Sand gebaut: denn mit jeder Verhinderung lockert sich die Maschine und mit dem Tode fällt sie aus einander. Ein geistiger Regent aber drückt der Maschine selbst einen Typus auf; von dem Moment seines Eingreifens spüren sämmtliche Beamte die Veränderung der Luft, und ohne es Mehreren, als den oben Stehenden fühlen zu lassen, flößt er sie mittelbar allen Adern des Staates ein. Selbst dann, wenn er stirbt, ohne einen ähnlichen Nachfolger zu hinterlassen, ist der Staat kraft der Mittheilung, die er eingesogen hat, noch lange fähig, in gleichem Geiste fortzuleben—vorausgesetzt, daß das Volksnaturell der anerzogenen Raçe fähig ist (denn radikale Nationen sind blod durch Erziehung zu regieren.) Wenn man also von einem Regenten sagt, er habe seinem Volk seinen Stempel aufgedrückt, so ist dieß nichts anders, als die Aneignung der anerzogenen Raçe von Seiten der Nation. Dieß geht so weit, daß wir Staaten sehn, welche sich lange Zeiträume hindurch, ohne tüchtige Individualität, weder der Regenten noch der Minister, bloß durch die Macht der organischen Tradition regieren, und die überhaupt ihrem Wesen nach weniger durch orginale Geister, als durch geschickte Bewahrer der Tradition regiert werden können.Es versteht sich, daß die organische Tradition nicht bloß durch die Nachwirkung großer Individuen, sondern auch ohne solche durch die ursprüngliche Lage und die ersten Umstände des Staats sich bilden kann. Man erinnere sich an die österreichische Geschichte. Hieraus allein erklärt sich, wie ein gleichbleibender Staatsinstinkt sich in Reichen entwickeln kann, bei denen die Fortpflanzung der Blutraçe nur wenig oder gar nicht vorhanden ist—in Wahlreichen und geistlichen Staaten. Unter allen Thronen der Welt kann sich keiner einer so langdauernden und unabhängigen Tradition rühmen, wie der päbstliche Stuhl.Natürlich: weil keiner eines solchen Begründers seiner Tradition sich rühmen kann, wie Derjenige war, der der Kirche den Stempel seines Geistes aufgedrückt. Man weiß, wie seltsam diese Tradition oft die Gesinnungen der Personen umzuwandeln vermochte und wie sie seit vielen Jahrhunderten die verschiedensten, oft die schlechtesten Inhaber sich unterworfen hat: und doch ist hier kein Band des Blutes und nur ein schwaches des Besitzthums vorhanden. Wahlreiche sind daher nicht deßhalg gefährlich, weil ohne Erbdynastieen sich keine Staatstradition entwickeln kann, sondern deßhalb, weil zu versschiedene sich entwickeln, d. h., weil der Staatsorganismus, indem die Mehrzahl der Regenten jeder seine Familie zu geben strebt, mit wechselnden, entgegenstrebenden Instinkten erfüllt und so lange hin und her gezerrt wird, bis die Einheit sich schwächt und enlich auflöst: wie es dem deutschen Reiche geschah. Durch das Cölibat ist dieß in geistlichen Staaten beseitigt; denn wenn der Pabst auch Nepoteninteressen verfolgt, so verwirrt sich nur das wertliche, nicht das Kirchenregiment.

Ees erklärt sich weiter hieraus, warum die Fortpflanzung des Geistes auf Thronen weit häufiger ist als in andern Sphären. Während die gemeine Meinung die Söhne großer Geister, und mit Recht, weit öfter als ungleich denn als ähnlich voraussetzt, sehn wir in der Regentengeschichte sehr oft eine Reihenfolge geistvoller oder doch tüchtiger Männer, zuweilen dicht nach einander, hervortreten: und was noch mehr ist, es zeigt sich, daß selbst mittlere Naturen, wenn sie nur gesunden Sinnes und Verstandes sind, auf Thronen mehr sind, als sie in niedrigen Umständen sein würden.Z. B. Friedrich Wilhelm I. von Preußen; die meisten Regenten, die gut regiert haben, ohne ausgezeichnet zu sein. Zunächst nun rührt dieß freilich daher, daß die Eigenschaft des Regenten eine allgemein menschliche, d. i. männliche ist, während der gewöhnliche Begriff großer Geister eine ganz einzelne Fähigkeit voraussetzt. Es ist uns lächerlich zu denken, daß Shakespeares oder Schillers dichterische Gabe sich auf ihre Kinder vererbt, aber nicht unnatürlich, daß auf den Sohn eines männlichen Regenten etwas vom Charakter des Vaters übergeht. Allein der Grund liegt noch tiefer—in der Vereinigung der angebornen und anerzogenen Raçe. Wenn ein Regentensohn von großem Geschlect nur etwas von den Zügen desselben erbt, so wird dieses Etwas dadurch erhöht, daß er in fürstlicher Umgebung aufwächst; in demselben Maaß als er fähig war, die angeborne Raçe ist er auch fähig, die anerzogene an sich zu ziehen (wenn nicht in höherm); die erste Natur wird durch eine zweite gehoben, und ist das Maaß auch gering, so doch hinreichend, um ihm vor der Mehrzahl der Menschen ein Übergewicht zu geben. Man sieht aber leicht, wie furchtbar diese Vereinigung umgekehrt wirkt, wenn souveräne Geschlechter in sich entartet sind, und wenn noch überdieß, wie im 18. Jahrhundert, der Ton der Höfe verdorben ist. Die doppelte Erbschaft ist alsdann eben so sehr geeignet, das tüchtigste Individuum zu erniedrigen, als im guten Fall ein mittelmäßiges zu erhöhen.

Endlich, um das Wichtigste zu nennen, so liegt hierin die psychische Begründung eines Instituts, das gegenwärtig nur von privater Bedeutung ist, vor Zeiten aber den tiefsten und wohlthätigsten Einfluß auf den Staat geübt hat. Es ist die ADoption, wie sie unter den Römern üblich war. Der organische Grund dieses Akts ist die Gleichgeltung der anerzogenen Raçe mit der angebornen. Nur dieser Gesichtspunkt macht die Annahme an Kindes Statt zum natürlichen, jeder and ere läßt sie als juridisch fingirten Vorgang erscheinen. Ein Kind, welches frühzeitig in den Schooß einer andern Familie aufgenommen wird, saugt den Familiengeist in sich ein und amalgamirt sich mit ihm; ein Erwachsener, der sich freiwillig adoptiren läßt, gibt damit die Neigung kund, mit der Tendenz und den Interessen der Familie zu verwachsen, und in dieser Neigung liegt die Möglichkeit der Verwachsung selbst.Die Erziehung ist nur in der Kinderzeit möglich, die anerzogene Raçe auch in den spätern Altern. Daher es gescheigt, daß die großen römischen Geschlechter uns wie von Einem Blut erscheinen; und doch waren Adoptirte z. B. unter den Scipionen, und welches Geschlect ist von einheitlicherem Charakter als sie?

Dieses Princip wird in spätern Zeiten den Einfluß wieder erlangen, den es in Rom gehabt hat. Die Römer benutzten es instinktmäßig zur Erneuerung der Raçen, und zur Erhebung der Individualität. Wir überlassen dem Leser in Verbindung mit dem sonst Gesagten den Gehalt zu entwickeln, den es in sich trägt.

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Es wird hier dienlich sein, theils in Bezug auf das Nächstvorige, theils um auf das vom Konservatismus überhaupt Gesagte einen bildlichen Rückblick zu werfen, an ein paar historische Beispiele zu erinnern.

Der hervorragendste konservative Regentencharakter, den die Geschichte uns überliefert hat, ist Carl der Große. In ihm findet sich ein großer Theil der geschilderten Eigenschaften vereinigt.

Carts des Gr. gesammte Wirksamkeit war nicht Schöpfung einer neuen, sondern die umfassendste Ausbildung und Erweiterung der vorhandenen Welt. Dieser Mann ging in der geographischen, politischen und kirchlichen Staatstendenz durchweg auf der Bahn seiner Vorgänger. Die Ausbreitung des Reiches gegen die Sachsen, die Slaven und die spanische Mark hin, der Krieg mit den Lombarden und Avaren, die Stellung zu Rom und das Verhältniß zur Kirche—alles das lag schon vor ihm in dem Instinkt des fränkischen Reiches. Die Art aber, wie er dieses Instinktive erkannt, die Beharrlichkeit, mit der er das Angefangene durchgeführt, das Vorhandene vermehrt, die Kunst, mit der er das Bestehende verbessert hat, die Vollendung, die er dem ganzen Gebäude gegeben—alles das macht ihn zum größern Mann, als wenn er Neues, wie Napoleon, im Übermaaß versucht, und eben so groß, als wenn er Neues überhaupt erstrebt hätte. Carl der Gr. war kein Eroberer im aggressiven Sinn. Seine Kriege zielten nicht, wie die Napoleonischen, auf die Bildung eines neuen Staatensystems, sondern auf die Abrundung derjenigen Uebermacht hin, in der er das fränkische Reich schon getroffen hatte. Die Länder des Südens, kraftlos, wie sie vor ihm lagen, hätten Andere gereizt; er zog es vor, in jahrelangen Kämpfen die deutschen Wälder zu lichten. Aber er setzte diesem allen die Krone auf durch eine Restauration, die nach der damaligen Zeit den Werth einer Schöpfung hatte—durch die Wiederherstellung des Kaiserthums.

Auf die nämliche Weise verfuhr er im Innern seines Reichs. Er ließ die Einrichtungen, die er vorfand, aber es war keine, die er nicht vervollkommnete; manche, wie die der Sendgrafen, in so hohem Grad, daß die Nachwelt ihn seither als ersten Stifter betrachtet hat. Ebenso erhielt er die herkömmlichen Gesetze, aber er läuterte und vermehrte was da war, und hieß sie aufzeichnen: — ächt konservativ auch darin, daß er das Eigenthümliche der überwundenen Völker schonte und nebeneinander die mannigfaltigsten Rechte bestehen ließ. Er weckte wieder auf, was verfallen war (wie die alten deutschen Lieder) und trug von allen Seiten zusammen, was sich im damaligen Abend land an Kunst und Kenntnissen finden ließ. Das Maifeld, der Heerbann, die ganze Verfassung blieb wie sie vor ihm gewesen, aber er brachte mit starker Hand Ordnung in die fränkische Freiheit und Strenge in den Heerbann. Sein Verhältniß zur Kirche war voll von Religiosität und Ehrfurcht; weit entfernt, ihr Uebergriffe zu gestatten und von unnachsichtlicher Strenge gegen Sittenverfall und Unwissenheit der Geistlichen. Im Kriege war er voll Starkmuth und Ausdauer: nach Art aller konservativen Feldherrn öfters geschlagen und doch nie überwunden, und mit eherner Geduld begabt, um das Einmal Begonnene zum Ziel zu führen. Carl regierte seine Völker wie ein strenger Vater, aber ein Vater, regiert; "fast sünfzig Jahre lang, wie Müller sagt, ohne eigne Soldaten, ohne willkürliche Auflagen, in den Gesetzen seines Volks, und nie schämte er sich des Rathes der geistlichen und weltlichen Herrn; der Große, weniger, weil er den wankenden Thron der Lombarden gestürzt und weil er die Sachsen ermüdet, als weil er bei so besonderer Geisteskraft—in den Schranken der Verfassung blieb."

Man erinnert sich, wie Carl der Gr. zugleich in den praktischen Dingen des gewöhnlichen Lebens als Muster seines Volks gepriesen wird. Aber die ungemeine Sorgfalt, die er der Landwirthschaft, der Viehzucht, den materiellen Verhältnissen überhaupt widmete, ist nicht nur ein Zeichen seines hausväterlichen Sinns, sondern auch ein wesentlicher Bestandtheil seiner Regierung. Er war der beste Verwalter und der erste Grundeigenthümer seines Reichs.

Wir brauchen nicht zu sagen, wie Carls persönliche Eigenschaften, sein historischer Sinn, seine Liebe zur Gelehrsamkeit, — die Nüchternheit und Gehaltenheit, die Würde und Festigkeit seines Wesens, mit diesem Bilde übereinstimmen.

Dieser nämliche Mann war in der Größe der Raçe und im Einklang ihrer Bestandtheile allen Zeitgenossen überlegen. Der angeborenen, weil er aus einem Geschlecht, das durch individuelle Bedeutung seine Höhe erreicht hatte, und von einem Vater, Großvater und Urgroßvater stammte, die zu den größten Männern ihrer Zeit gehörten und deren sämmtliche Charaktere, wenn man den psychischen Eindruck zusammenstellt, sich in ihm vereinigt haben: — der anerzogenen, weil er von vornherein zum Regenten für den größten Thron des Abendlands bestimmt und von Jugend auf in der höchsten Sphäre herangewachsen, sein Leben lang darin nicht nur geblieben, sondern auch steigend fortgeschritten ist und nie einen Schritt weiter gethan hat, ohne ihn in gleichmäßiger Tradition mit den vorhergehenden zu verschmelzen.

Sogar der einzige große Fehler, den die Geschichte ihm nicht nehmen kann, war Fehler der Raçe—übertriebene Vorliebe für seine Familie, ein Fehler, der sich als falsche Nachsicht gegen seine Töchter im Haus, als falsche Schätzung seiner Söhne in der Bestimmung der Thronfolge und der Reichstheilungen gezeigt, und in beiden Fällen bitter gerächt hat.Ein Fehler, der übrigens in dieser Weise nicht im Konservatismus liegt, sondern bei Carl dem Gr. durch besondere Schwächen bedingt war. An den Nachfolgern Carls des Gr. ist deutlicher als irgendivo zu sehn, wie die Raçemittheilung eines großen Geschlechts oft plötzlich nachläßt und wie wenig die Geburt an und für sich schon eine solche begründet.

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Nach einer andern Seite hin ist, um die Bedeutung der Raçe zu erkennen, nichts lehrreicher als ein Vergleich der deutschen Schweizer mit den sonstigen Deutschen. Denn da die Schweizer den alemanischen Typus mit einem großen Theil des südlichen Deutschlands gemein haben; so zeigt sich hier die ganze Einwirkung der anerzogenen Raçe. Nach jener scheinen Schweizer und Süddeutsche eins zu sein, nach dieser sind sie durch eine organische, und, wie jetzt die Dinge stehn, unübersteigliche Kluft getrennt.

Nicht jede Verschiedenheit in Verfassung und Geschichte bringt einen solchen Unterschied hervor. Der frankfurtische oder hessische Franke z. B. ist vom baierischen Franken nicht so verschieden, wie der schweizerische Deutsche von den übrigen Deutschen. Sondern die Harmonie der anerzogenen und angeborenen Raçe, d. h. der Einklang der politischen Schicksale mit der Stammesgrundlage, bringt diese Verdichtung der Raçe hervor. Denn wie die angeborenen geschwächt wird, wenn die anerzogene in ihrer Entwicklung gehemmt ist,Eine Schwächung, die z. B. mit jedem Jahre mehr im Elfaß vor sich geht. so wird sie auch unendlich gehoben, wenn diese zur Selbstständigkeit erwächst, und in diesem Fall vielleicht noch höher gehoben, als sie es auf die Dauer verträgt.

Dieser Einklan, verbunden mit dem felsenartigen, was der Gebirgsboden gibt, erzeugt jene Dichtigkeit der Raçe, welche die Schweizer wie mit einer Rinde von Erz umhüllt und welche erst mühsam durchbrochen werden muß, ehe man auf den Kern des Individuums trifft.

Der Radikalismus hat den konservativen Grundcharakter dieses Volks—in dem die praktischen Seiten des Konservatismus ebenso großartig verkörpert sind als in den Deutschen die ideellen,—trotz alles entgegengesetzten Anscheins nicht umzuwandeln vermocht. Nirgends ist bei einer Verfassung, die jeden Vorrang des Reichthums ausshcließt, die Schätzung des Besitzes, der Einfluß des Vermögens, herkömmlicher und wichtiger als in der Schweiz; nirgends ist es weniger gleichgültig, welcher Raçe man angehört und nirgends leichter, ohne große Individualität durch Vorzug der Raçe und des Besitzes einflußreich zu sein. Und dieses alles trotz politischer Principien, die mit Leidenschaft jedem Vorrecht der Geschlechter und des Besitzes entgegenarbeiten; und in einem Grade, der dieses Gegengewicht der Verfassun höchst wünschenswerth macht.Weil die konservative Werthung des Vermögens in der Schweiz zuweilen in absolutistische übergeht. Siehe den Absolutismus. Wenn aber irgend, so ist an der Schweiz zu sehen, wie durchaus in der Natur begründet die Werthung jener Potenzen ist, und wie thöricht es ist, einerseits durch Verfassungen das Volksnaturell austreiben, andrerseits aber, diese natürlichen Einflüsse durch Gesetze fixiren zu wollen.

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(Staat und Politik.)

Im liberalen Staat herrschen die Personen, mit der Unterlage der Geschlechter; im konservativen die Geschlechter, gehoben durch die Personen. Dort regiert die Idee, mit Anknüpfung an das Vorhandene, hier die Tradition, mit fortlaufendem Einfluß der Idee.

Die Hierarchie des Staates entspringt im ersten Grund aus den Personen. Die Individuen sind erkennbarer als die Raçen. Wird nach diesen gewerthet, so verschiebt sich das Verhältniß. Der Individualität ist sich der Mensch unmittelbar, der Raçe nur mittelbar bewußt. Die letztere ordnet sich somit schwerer unter, als jene, wenn sie sich einter andern verwandt, aber auch leichter, wenn sie sich von einter andern verchieden fühlt.

Die obern Stufen werden daher untersich näher zusammen—,die untern aber von den obern weiter hinweg gerückt.So ist es in der Regierung der Geschlechter—auch der edelsten. Die Souveränetät wird beschränkt, ohne daß die politische Freiheit wesentlich gewinnt. Man sieht hier den Vorzug des Liberalismus vor dem Konservatismus. Nur in der liberalen Epoche haben die aktiven Kräfte das Übergewicht über die passiven; beim ä. Mann sind sie schon durch die letztern beschränkt. Im liberalen Staat ist also die höchste Staatsgewalt mit aktiverer Machtfülle bekleidet als im konservativen—ein Satz, der den herrschenden Begriffen widerspricht, den aber die Geschichte erweist.

Ein Staat, der auf der Individualität beruht, kann mehr der Natur überlassen; ein Staat, der auf Raçe und Eigenthum gebaut ist, muß durch die festesten Siegel des positiven Rechts geschützt sein.

Man betrachte den Unterschied im gemeinen Leben. Ein älterer Mann kann sich nicht fügen, wie sich ein junger fügt; aber er bleibt strenger in seinem Kreise, wenn er sich gefügt hat. Der junge gibt dem persönlichen Geiste die Herrschaft über sich der andere gewährt sie nur dem positiven Recht; der Geist aber kann unbeschränkter schalten als das Recht; jener fäßt alle Freiheiten in Einen Kreis, diese hält Ordnung in den verschiedensten Kreisen.

Die Koncentration wird daher kleiner im konservativen Staat, die Mannigfaltigkeit größer. Die Geschäfte gehn weniger durchgreifend, aber mit mehr Behutsamkeit. Im liberalen Staat regiert, mit Montesquieus Parallelen zu reden, mehr die "Tugend," im konservativen die "Mäßigung." In jenem wird das öffentliche, in diesem das Privatrecht mehr ausgebildet. Dort die politische Freiheit auf der Grundlate der persönlichen, hier die persönliche, mit der entsprechenden Zugabe der politischen.

Der Liberalismus endlich setzt den Staatszweck vorwiegend aktiv, in die höchste Ausbildung des Menschen als Menschen, der Konservatismus vorwiegend passiv in die umfassendste Sicherung des Rechtsbestandes.


Anmerkung: Unter dem Rechtsbestand ist freilich mehr zu verstehen als der äußere Rechtsschutz, den die Civilund Kriminaljustiz gewährt. Es ist natürlich, daß man gegenüber der Staatsallmacht unsrer Zeit, den Staatszweck oft zu sehr verengt, wie z. B. W. Humboldt gethan hat. Der Liberale haßt nichts mehr, als das absolutistische Hinschlendern der Maschine, der Konservatismus nichts mehr als das radikale Zuvielregieren.

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Die weiteren Unterschiede vom liberalen Staat (wie z. B. daß die Trennung der Stände schroffer hervortritt, daß in der Nationalvertretung mehr die Raçen als die Individuen, mehr der Besitz als der Besitzer vertreten wird u. s. w., sind hienach zu bemessen. Das männliche Grundprinzip—Gesammtleben des Staates in Haupt und Gliedern und Haß gegen die Knechtschaft, sei es der Glieder durch das Haupt oder des Hauptes durch die Glieder—bleibt; die Gestaltung desselben durch alles Einzelne hindurch ändert sich umWas in den §§. 41 - 47 vom liberalen Standpunkt aus gesagt war, ist in den konservativen überzusetzen. Die Franzosen sagen, le Roi régne et ne gouverne pas — im radikalen Sinn. Diese Wörter richtig gedeutet, können den Unterschied des Liberalismus und Konservatismus in der innern Politik bezeichnen. Der eine herrscht, der andere regiert blos, verwaltet; d. h. der eine greift auf die rechte Weise ein, der andere läßt auf die rechte Weise gehn. In England z. B. haben die Whigs, wenn sie am Ruder sind, den Instinkt des Eingreifens, die Tories den Instinkt des Gehenlassens. Die Whigs suchen mit Positivem vorzubauen, die Tories setzen den Ereignissen Indolenz und wenn es zur Spitze kömmt, die Kraft des Widerstands entgegen. Auf beide Arten kann man tresflich regieren; aber von beiden sehn wir nur selten das richtige Bild, gewöhnlich das verschrobene Extrem.

Nach außen ist die konservative Politik weniger als jede andere geneigt, ihre Staatsweise den Völkern aufzudrängen. Einsicht in die fremden Nationalitäten, Rücksicht für jedes provinciale selbst lokale Bedürfniß, Sinn der verschiedensten Verfassungen Achtung aller rechtlich überlieferten Zustände ist ihre Natur.

In diesem Sinn ist z. B. Österreich durchaus auf den Konservatismus angewiesen; d. h. darauf, seine mannigfaltigen Provinzen jede nach ihrer Eigenthümlichkeit, ihren Rechten, Herkommen und Bedürfnissen zu regieren: der reine Gegensatz der französischen Centralisation.

Das Verständniß der Deutschen für auswärtige Angelegenheiten—eine Eigenschaft, in der wir allen Nationen überlegen sind—gründet sich auf diesen konservativen Zug. Man darf sicher annehman, daß ein Deutscher, der z. B. in der Schweiz seine monarchischen Begriffe hineinträgt oder si umgekehrt zum Werkzeug einer sophistisch-radikalen Propaganda machen will, mit dem Erbe des deutschen Geistes nur kümmerlich versehen ist. Aber diese Objektivität gegen die eigne. Der ältere Mann achtet fremde Existenzen, weil er der seinigen sicher ist; je mehr man selber am Grund und Boden haftet, um so williger ist man, die Anhänglichkeit Andrer an den ihrigen zu schätzen.

Der Begriff des Vaterlands ist mit keinem so innig, so unmittelbar praktisch und in so besonderm Sinne verwoben als mit ihm. Der Liberale geht vom Allgemeinen herunter zum Einzelnen; der ältere Mann geht von seinen Kindern, seinem Anwesen herauf zur Gemeinde, von da zur Landschaft, zur Provinz, zum Stamm, bis zu den Interessen der Allgemeinheit. Beide begegnen sich bei der Nation; aber das Individuum verschmelzt sich leichter mit diesem Gesammtbegriff, die Raçe hängt mit unverwüftlicher Zähigkeit an den einzelnen Lokal- und provincialen Zügen. Der Reichthum an solchen, die Fülle und die Berechtigung des Einzellebens bis in die Gemeinde hinein, ist bezeichnend für alle konservativen Länder; so für Deutschland, Holland und für die Schweiz: und unsre ganze Geschichte im Mittelalter unter Sachsen, Franken, Hohenstaufen und selbst noch den Habsburgern zeigt einen beständigen Kampft dieses am Boden haftenden Volksgeistes gegen die allgemeinern Intentionen der großen, liberal ausgreifenden Kaiser. —

Der Grundcharakter des Konservatismus, die Herrschaft des traditionellen Rechtes, vermittelt durch Raçe und Besitz, scheint uns nach allem diesem hinlänglich erörtert zu sein.

Viertes Kapitel: Der alte Mann.

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Der alte Mann hat den größten Theil der Jahre hinter sich. Er genießt die Vergangenheit in der Erinnerung, die Zukunft—in seinen Kindern: die Gegenwart gehört ihm nicht mehr. Es bleibt ihm keine Wahl als entweder still zu stehn, inde er in dem abgeschlossenen Geleise seiner Thätigkeit verharrt, oder rückwärts zu gehn, d. h. sich zu stemmen gegen di Gegenwart.

Die Summe seiner Erfahrungen steht fest. Die Überzeugung, die er daraus gewonnen—ist unabänderlich. Dieses Resultat, erkauft mit der Mühe und Arbeit eines Lebens, verwachsen mit seinem Kopf und seinem Herzen, ein Resultat, an dem der Schweiß seines Angesichts und das Blut seiner Hände klebt—es muß das wahre sein. Im Alter kennt man keine bedingte, keine relative Ansicht. Der Vollendung nah, will man das Absolute.

Vergebens widerspricht der jüngere, vergebens der ältere Mann. Man übersieht sie—denn man ist älter als sie. Man schätzt sie gering; denn man hat mehr erfahren. Nur von Gleichen kann man beurtheilt werden und das Alter hat keinen Pair unter den andern Stufen. Man zieht sich in sich zurück und die Welt geht weiter, während man sie zu übersehen glaubt.

Diese Abgeschlossenheit, diese Neigung zum Absoluten, verbunden mit der Schwäche der Natur, entzieht dem Alter die herrschende Stellung, zu der es an sich vor allen zuerst berufen scheint. Unfähig zu elektrifiren, zu schaffen oder zu erweitern, ist der alte Mann darauf beschränkt, den schon geordneten Organismus des Staates in den gewohnten Funktionen abzuspinnen. Aber um zu regieren, muß man nicht nur erfahren haben, sondern auch tagtäglich noch erfahren. Das Alter besitzt einen Schatz von Erfahrung, aber es erfährt nicht mehr. Denn nur wer ohne Vorurtheil von der Welt berührt wird, lernt von ihr.

Es ist schon erwähnt worden, wie trotzdem (weil der Natureinstinkt sich dem Alter fügt) längere Regierungen des Absolutismus möglich und häufig sind. Radikale Regierungen steigern sich schenll zu einer Spitze von Thorheit, die den Verstand empört; in absolute dringt schleichend und unmerklich der Mißbrach ein. Die Maschine geht ihren Gang so hin; will man mit gewöhnlichen Mitteln Einhalt thun, so sitzt das Übel schon zu tief und man kommt zu spät.

Die organische Stellung des Absolutismus—diejenige, in welcher der Staat (wie die Natur es verlangt,) von der Erfahrung des Alters Gebrauch macht, ohne sich sein er Ausschließlichkeit preiszugeben—ist die berathende.

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Der alte Mann haßt die Neuerung in eben dem Grad als der Knabe sie liebt. Das Alter fesselt seine Springkraft, und überdieß empört sich sein ganzer Instinkt dagegen; denn mit jeder Neuerung wird ein Theil des Gebäudes verrückt, das er so mühsam zusammengetragen.

Die Welt verwandelt sich rings um ihn; andre Meinungen, andre Institute, andre Sitten entstehen. Was er für vortrefflich gehalten, gilt nicht mehr; was ihm unverwüftlich schien, ist eingerissen. Jeder Tag erklärt ihm gleichsam den Krieg; jeder Umschwung des Zeitalters setzt sein Streben, seine Ideen herab. Der Schmerz, der Widerwille bestürmt ihn. Die Eigenliebe—des Menschen erste Eigenschaft—reagirt.

Wenn die Söhne sich vor seinen Augen verändern, wenn er die Enkel sieht, anders erzogen und geartet, ein andres Geschlecht, wenn die Jugend unbekümmert übert seine Bedenken himweggeht, so erhebt sich sein Innerstes zum Widerstand. Wie natürlich, daß er nicht gemeint ist, die Summe seines Lebens leichthin aufzuopfern, daß er seine ganze Zähigkeit daran setzt, die neue Zeit, die er nicht mejr zu führen versteht, aufzuhalten oder zu bekämpfen.

Glaubt er sich doch auf dem höchsten Standpunkt. Und in der That ist seine Beschränktheit eine durchaus andere als die des Knaben. Der Knabe, der noch ichts erlebt hat als eben die Kindheit, ist schlechterdings unfähig, das Weitere zu begreifen; den es fehlt ihm jede Analogie. Seine Beschränktheit ist sein Eigenstes; sie gerade macht ihn zum Kind. Der alte Mann hat alle Stufen durchlaufen; er mag sie alle verstehn; er verlangt von allen Gehorsam. Aber indem er sich über sie hebt, indem er seine Phase als das Endprodukt aller ander, als die einzig wahre setzt, ohne doch weder zeugend noch verarbeitend in den Prozeß des Lebens einzugreifen, u. s. f. entschlüpft ihm das Leben vollständig in demselben Moment, da er es am höchsten End erfaßt zu haben glaubt.

Das Kind wird erzogen, belehrt, durchbrochen; seine Beschränktheit aber ise unheilbar. Die der Kinder ist eine glückliche, denn sie gehört unter die Autorität; die seinige ist unglücklich, weil sie aller Welt widerstrebt, ohne von der Welt anzunehmen. Auf der einen Seite der unvertilgbare Trieb des Alters, sein Ansehn über die Menschen geltend zu machen; auf der ander, die Unmöglichkeit sich mit ihnen in Einklang zu setzen.

Die Reaktion ist unvermeidlich. Sie liegt im innersten Wesen des Absolutismus.

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Intoleranz und Despotismus ist die natürliche Folge der geschilderten Stellung. Das Princip des Absolutismus ist das alleinfeligmachende. Jeder Zweifel wird zum Unrecht, jeder Widerstand zum Verbrechen. Das Absolute, in dem er aufgegangen ist, duldet keine Relation neben sich.

Die Beschränktheit des Absolutismus ist weniger ein Nichtverstehn als ein instinktmäßiges Nichtverstehnwollen der ganzen Natur. Dieß ist es, was der absoluten Despotie einen viel härtern, viel verletzendern Charakter verleiht als der radikalen. Wenn der Radikalismus die Völker ins Elend stürzt, so thut er es meisthin, ohne zu verstehen, was er thut; das Licht ist ihm verschlossen; er begreift nur sich. Der Absolutismus versteht sehr oft die Forderungen der Völker, die er mißhandelt; aber er will nicht. Kommt die Noth, so weiß er einzugehn auf höhere Ideen; er schickt sich in die Zeit, läßt nach, kapitulirt—zum deutlichen Beweise, daß er verstehen kann—, aber nur um bald möglichst wieder zurückzuziehn. Ja selbst übertwältigt vom Verständniß, sinkt er schnell wieder in den Despotismus zurück.

Im Don Carlos ist der letztere Vorgang des Absolutismus schön bezeichnet. Schillers Philipp versteht die Größe des Marquis und fühlt die Wahrheit seiner Ideen; aber in kurzem reagirt die alte Natur, und der Mann wird geopfert.

Die Päbste zu Huß's und Luther's Zeit verstanden sehr wohl die Nothwendigkeit der Reform. Rußland weiß sehr gut, daß seine Politik in Polen gransam, in Deutschland niedrig ist. Louis Philipp weiß, daß er den Franzosen eine andre Regierung versprochen hat als er sie giebt. Die deutschen Absolutisten wissen sehr wohl, daß der Sinn der Bundesakte ein ganz andrer ist, als der, den sie hineindeuten; und fühlen sehr wohl, was ws auf sich hat, mit den Völkern zu spielen.

Allein sie all wollen nicht. Die rhetorische Floskel, die Schiller seinem Philipp in den Mund legt "ich will es, weil ichs will" hat einen tiefen Sinn im Mund eines Absolutisten. Ein Absolutist will nicht—aus keinem andern Grund als weil er nicht will.

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Wie der Knabe auf krankhafte Weise über die Kindheit hinaus und vorwärts strebt, so sucht sich der alte Mann, indem er sich mit gewaltsamer Selbsttäuschung den Nachlaß der Natur verhelt, in die Jahre der Kraft zurückzuversetzen. Wie der Eine den Jüngling, spielt der andere den ältern Mann; oder mit andern Worten: wie der Radikale sich als Liberaler gebehrdet, so wünscht der Absolutist sich als Konservativer zu geben.

Die Reaktion ist von der Restauration gerade so geschieden als die radikale Reform von der liberalen. Wie der Knabe das Neue als solches liebt, während der Jüngling das Richtige des Neuen befestigt, ohne die Wohlthat früherer Zeiten zu mißachten; so klebt der a. M. am Alten schlechtweg und führt es mit Umstoßung des Neuen zurück, während die Restauration es belebt, wenn es der Belebung würdig ist, das Abgestorbene aber zurückweist. Der Radikalismus fährt schonungslos über altbewährte Rechte hin, wenn sie der Neuerung im Wege stehn; die Reaktion vertilgt ohne Rücksicht die Errungenschaften einer großen Gegenwart, um ihre Herrschaft zurückzuführen. Beide kennen gleich wenig die Gesetze des geistigen, die Schranken des historischen Rechts; beide treten gleich sehr Geschichte und Privatrecht mit Füßen; beide glauben durch Machtsprüche ihrer Allgewalt und durch papierene Dekrete Einrichtungen feststellen zu können, die dem Geist der Zeit, der Völker, des Bodens widersprechen: beide sind gleich destruktiv.

Der Knabe opponirt durch beständigen Widerspruch, das Alter durch unaufhörliche Klagen. "Laß dich weder vom Rathe der Jungen, noch von den Klagen der Alten bestimmen" war die Maxime, die Kaiser Carl V. seinem Sohne Philipp hinterließ. "Die Welt wird immer schlimmer, vor Zeiten war es besser" ist seit Nestor der Wahlspruch mehr oder minder jedes alten Manns; und wie der Radikalismus durch seine optimistischen Träume, so untergräbt das Alter durch seinen Pessimismus die Ruhe der Völker. Der eine steigert sich schrittweise zu einer Stufe, hinter der es kein Äußerstes mehr gibt; der andere sinkt in eine Lethargie, deren Ruhe "die Ruhe des Kirchhoss" ist.

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Die Reaktion fixirt sich even so natürlich in ihrem Rückschritt als die Revolution ihren Fortschritt zum Gesetz erhebt und jeden neueren Widerspruch zurückweist. Jede Reaktion geht nur zu einer gewissen Stufe der Vergangenheit, keines wegs wie die Restauration in die Vergangenheit als geistige Entwicklung zurück: und dieß ist eben ihr innerster Unterschied. Wenn man z. B. vom Absolutismus unsrer Tage sagt, er gehe ins Mittelalter zurück, so ist dieß (sofern man nicht unter dem Mittelalter die ganze Epoche bis zur französischen Umwälzung begreift) eine inhaltlose Phrase. Der heutige Absolutismus strebt lediglich nach der monarchischen Allgewalt und dem formalen Staatsmechanismus des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts zurück: das eigenliche Mittelalter mit seinem mannigfaltigen Organismus, seinen Ständen, seinen Genossenschaften, seinem Adel und Bürgerstand ist ihm so durchaus entgegengesetzt, daß der gerade es war, der es seiner Zeit zerstört hat; ja in Wahrheit steht es ihm viel fremder gegenüber als der Radikalismus der neuen Zeit.

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Der alte Mann hat mit dem ältern scheinbar eben so viele Feldzeichen und Loosungswörter gemein, als der Knabe mit dem jüngern. Beide, der Absolutismus wie der Konservatismus, geben sich als Damm gegen ungezügelten Fortschritt, als Gegengewicht gegen den Geist der Empörung und die Herrschaft der Massen; als Träger der Ordnung, der Ruhe, der Consolidation; als Bewahrer alter Religion, Gesetze und Sitten; als Verfechter eines väterlichen Regiments, eines göttlichen Berufs und Rechtes der Obrigkeit in unseren Tagen als Vertheidiger der Erblichkeit und der gesetzlichen Zustände.

Aber diese Gemeinschaft der Loosungsworte—eine Folge der gemeinschaftlichen Stellung in der absteigenden Linie des menschlichen Lebens—verdeckt einen inwendigen Gegensatz, den kein äußerer Prozeß der Entwicklung versöhnen kann.Kein Regent der neuern Zeit hat diesen inwendigen Gegensatz so sein zu verdecken gewußt als Louis Philippe, dem es in der That gelungen ist, als Muster von konservativer Weisheit in Europa gepriesen zu werden. Das Urtheil über diesen Mann findet man später motivirt. Einig nur in der Bekämpfung des beiderseitigen Feindes—des Radikalismus—gehn sie schroff aus einander, so wie das Ziel errungen ist: so ohnegefähr wie es unsere Zeit gezeigt hat in dem Widerstreit der Ansichten auf dem Wiener Conreß und in Cannings Opposition gegen die spätern Congresse.

Die Ruhe des Absolutismus ist eine Scheinruhe, das Feuer unter der Asche verbirgt, die des Konservatismus ist Ruhe der Sicherheit und des Behagens. Seine Ordnung ist die Fertigkeit einer Maschine, die Gleichförmigkeit eines Uhrwerks; des letzteren Ordnung ist gesunde und ungestörte Funktion der organischen Gewalten. Seine Consolidation besteht in der Centralität einer Allmacht, der alle gleichmäßig unterworfen sind; des letzteren in der Regelmäßigkeit eines Zustandes, da die verschiedensten Institute jedes in seinem Kreises bevestigt sind. Wenn der Absolutismus bewahrt, so bewahrt er, was er findet: Bildung und Unbildung, Glauben und Aberglauben, Religion und Pfaffenherrschaft; seine Einsicht ins Volksleben ist keine andere als die, das Borhandene stagniren zu lassen und es nach Belieben auszubeuten.

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Ein einzelnes Beispiel wird den Unterschied deutlicher bezeichnen.

Das göttliche Recht der Obrigkeit ist im allgemeinen Sinn ebensowohl eine konservative als eine absolute These. Auch ein Konservativer wird ohne im mindesten unfrei zu sein den biblischen Satz "seid unterthan der Obrigkeit, denn sie ist von Gott verordnet" verfechten. Erst in der Anwendung wird sich die Berschiedenheit offenbaren.

Der Absolutist, indem er den Begriff der Obrigkeit rein äußerlich faßt, leitet daher die unbedingte Vollgewalt der fürstlichen Person. Ein Konservativer begreift im Gegentheil unter der Obrigkeit diejenigen Gewalten, die er nach Recht und Gesetz in einem Lande historisch entwickelt vorfindet. In den schweizerischen Republiken z. B. ist die Gemeinde oder ihre Repräsentation, der Große Rath, nebst der vollziehenden und richterlichen Staatsbehörde, — in Englad ist der König, das Oberhaus und das Unterhaus, (das Parlament im vollen Sinn) — in konstitutionellen Staaten überhaupt ist der Regent mit den Kammern (wenn der Antheil der letztern nicht blos eventuell oktroyirt ist) — in unumschränkten Monarchien ist der Herrscher allein die rechtmäßige Obrigkeit.

Wenn der König von England die Rechte seiner Häuser antastet, so übt er nach absoluten Begriffen nur das "göttliche Recht der Könige" aus. Nach konservativen—versündigt er sich an einer rechtmäßigen, ihm zur Seite gestellten Macht; nicht weniger als das Parlament, wenn es umgekehrt seinen Rechten die Achtung verweigert.

In den Augen eines Absolutisten war die polnische Revolution eine verbrecherische Empörung gegen den legitimen Oberherrn; und der Kaiser von Rußland ist vermöge "göttlichen Rechts" zu jeder Tyrannei in Polen berechtigt. In konservativen Augen war der König von Polen durch verschiedene äußerst legitime Bestimmungen gebunden—Bestimmungen, welche die polnische Nation, wenn auch nicht zur Ausschließung des Hauses Romanow, doch zum bewaffneten Widerstand berechtigten. Denn in einem Staate, wo der Regent seine Rechte auch nur in geringem Maaße—so war es in Polen—mit andern Gewalten getheilt hat, wird der Begriff der Obrigkeit verwirrt und geschwächt in demselben Augenblicke, wo er sie ausschließlich und schrankenlos usurpirt.

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(Geistige Seite.)

Wir haben bereits von der eigenthümlichen Vollendung des Alter gesprochen. Die Nichtung und Gehalt des Geistes im Alter läßt sich nicht schärfer bezeichnen als mit dem Worte Fertigkeit, weil dies Wort sein geistiges Vermögen zugleich mit der Thatsache andeutet, daß die Grenze ihm von der Natur schon gesteckt ist.

Die Fertigkeit verhält sich zur Weisheit wie das Talent zum Genie. Wie das Talent nur elastische Aneignung ist, das Genie aber scharfe Durchdringung; so ist die Fertigkeit nur ein kunstreiches Handthieren mit den Dingen, ohne die erschöpfende Uebersicht, womit die Weisheit sie umfaßt. In der That ist der menschliche Geist, nachdem er in der Kindheit empfangen, nachdem er sodann im Mannesalter Blüthe getrieben und Frucht getragen hat, im Alter naturgemäß darauf beschränkt, der Summe seines Wissens äußere Vollendung und abschließende Gestalt zu geben. Die Form allein ist es, worin er sich maaßgebend und künsterlisch noch bethätigen kann; der Inbegriff dessen, was ihm eigen bleibt, kann nur Kunst der Form, d. h. nur Fertigkeit sein.

Wer hat nicht diesen Eindruck im Umgang mit alten Männer schon gefühlt? Schon der Körper, schon Gestalt, Gang, Geberde, Rede sind gemessen, voll Anstand und Ehrfurcht erregend; im Einklang damit ist die Klugheit und Ruhe des Benehmens: es liegt eine Würde der Manieren, eine Repräsentation darin, die unwillkürlich auf Jedermann wirkt.

In derselben Weise wie er sich trägt, behandelt der alte Mann alle Dinge. Ueberall verfährt er mit Kunst, Ueberlegung, Berechnung, keine Begeisterung stört ihn: was er anfaßt, kriegt Art unter seiner geschickten Hand. Nichts, sollte man glauben, kann ihm mißlingen, wenn man auf die Geschlossenheit seiner Mittel, die bedachtsame Wahl seiner Instrumente, die Fertigkeit seiner Machinationen sieht.

Diese Fertigkeit ist es, welche den Absolutismus in seinen höhern Erscheinungen durchweg charakterisirt. Mit der Sicherheit der Routine bemeistert er sich jedes Gegenstands; so leicht der Radikalismus alles ohne Unterschied zu entblößen versteht, so geschickt weiß sie Allem ein hübsches Gewand, eine neue Kleidung zu geben: sie gewinnt dem Stoffe sein Aussehn ab und mit einem Mal scheint er vollkommen bewältigt. Der Knabe glaubte mit schnellem Blick und oberflächlichem Gefühl sich in den Stoff zu vertiefen: sie packt ihn bei den Extremitäten und handthiert mit ihm, bis er ihr gerecht wird.

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Niemals ist diese Kunst der Form, und nie der Absolutismus überhaupt zu einer vollendetern Darstellung gediehen, als im Orden der Jesuiten. Diese Gesellschaft hat Geistliches und Weltliches, Religion und Politik, Wissenschaft und Kunst, Krieg und Missionen, Handel und Betrieb, umfaßt; Allen gewann Art und Gestalt unter ihr: Theologie, Geschichte, Philologie, Poesie, Pädagogik, Jurisprudenz, die ganze Reihe der exakten Wissenschaften—nichts blieb ihr fremd; mit unglaublichen Geschick wußte sie alle Disciplinen neu zu kleiden; überall ihre Methode anzubringen; ihre Repräsentation, ihre Gewandtheit, ihre Geschlossenheit, die berechnete Wahl ihrer Mittel, die Kunst ihrer Machinationen ist einzig in der Geschichte. Und doch liegt hinter all diesem Glanze eine Leerheit des Geistes, ein Mechanismus der Wissenschaft, eine Nichtigkeit des Inhalt verborgen, die am Ende nur ein ekles Gefühl zurückläßt.

So einzig als die Jesuiten unter den Orden, sind die Franzosen unter den Nationen durch ihre Fertigkeit. Dieses Volk ist an äußerem Geschick, an Feinheit der Manieren und der Repräsentation,"Das franz. Volk, sagt Herder, liebte von jeher zu repräsentiren. Repräsentation war der Hauptgesichtspunkt des franz. Theaters. Es ist zu erweisen, daß alles Gute und Mangelhafte desselben offenbar aus Repräsentation erwachsen sei, als einem der Nation unbeweglichen Charakter. Fast auf alle Werke des Geistes, selbst der Wissenschaft erstreckt sich diese Gabe: auf ihre gerichtlichen und Kanzelreden, auf ihre Akademien und Elogien, auf Staatsverhandlungen und Staatsgrundsätze; in ihnen erscheint die Gerechtigkeit, die Andacht, die Gelehrsamkeit, das Leben, die Politik, die Wissenschaft repräsentirend. Es wird der Nation schwer, für sich allein zu sein, sie ist gern im Auge Anderer, am liebsten im Aug des Universums, sprechend, schreibend, agirend. Die größte Repräsentantin aber ist die franz. Sprache." an formalem Geist überhaupt allen Europäern überlegen; und hat eben deßhalb im Zietalter der Manieren, in der sogenannten Zopfzeit, einen Einfluß auf Europa geübt, dessen alles durchdringende Weise in Wirklichkeit mehr von der Weltherrschaft an sich hatte, als die spätere Epoche unter Napoleon, in der nur äußere Gefahr aber keine Unterjochung des Geistes mehr vorhanden war. Kraft dieses Charakters haben die Franzosen in der ganzen absolutistischen Periode von Richelieus Zeit an das Uebergewicht behauptet; kraft desselben haben sie die Revolution gemacht, denn das nämliche Volk, das den alten Staat gebaut hatte, mußte berufen sein, ihn zuerst wieder einzureißen.


Anmerkung: Wir sehen jetzt nur die radikale Seite der Franzosen, aber dieß ist die Wirkung des Zeitgeistes, sowohl des allgemeinen als ihrer Nationalentwicklung, der die eine Seite in helle Beleuchtung setzt, während die andere im Dunkel liegt. Die Franzosen mögen ihrer Natur nach zwischen absoluten und radikalen Elementen getheilt sein; betrachtet man aber ihr persönliches Wesen und übersieht man ihre Geschichte im Ganzen, so findet sich das absolute Element im Übergewicht. Diese Nation wird daher in allen extrematischen Zeiten von vorwiegender Bedeutung sein; doch ist, trotz des jetzigen radikalen Zeitgeistes ihr Einfluß im Fallen, während er zur Zeit des Absolutismus unaufhörlich gestiegen war.

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Die geistige Konstitution des alten Mannes ist trotz des Gegensatzes von Aktivität und Passivtät, dem Geiste der Kindheit im innersten verwandt. Aber gerade deise Verwandtschaft, verbunden mit der polarischen Verschiedenheit der Instrumente, womit beide zu Wekre gehn, bringt einen unversöhnlichen Zwiespalt hervor.

Der Knabe geht mit der Anschauung und der Phantasie, der Alte mit Reflexion und Combination an die Welt. Jener betrachtet sie mit intuitiver Lebendigkeit und ergeht sich in Dichtungen der Spekulation; dieser zersetzt sie mit kalter Vernunft und berechnet sie mit analytischen Formeln. Der eine wimmelt von Einfällen und Idealen, der andere von Aperçüs und von Regeln: und zuletzt gelangt der Alte mit seinen Wahrnehmungen ohngefähr gerade dahin, wohin das King mit seinen Vorstellungen gelangt war: zur Abstraktion auf der einen, zur sinnlichen Auffassung auf der ander Seite.

Denn so wesenlos alle Vorstellung ist ohne die sichtende Kraft des Verstandes, so hohl bleibt alle Wahrnehmung ohne den bestimmenden Einfluß der Kritik. Das Auge des Knaben verkehrt die Welt, indem er die Erscheinungen allzumal und mit eins in sich spiegelt; das Gehör des Alten zersetzt sie, indem es die Dinge nur nacheinander in arithmetischer Folge, d. h. immer einseitig in sich nimmt. Freilich ist im geistigen Auge wie im geistigen Ohre der Keim desd Wahren schon da; das Auge sieht schon verschiedene Bilder auf seiner Tafel, und das Ohr hört schon eine Verbindung in der Reihe der einzelnen Momente; aber die Synthese des Knaben kann niemals zur These und die Analyse des Alten niemals zur Lösung werden, weil beiden die höhere Intelligenz begricht.


Anmerkung: Wir nennen die Reflexion das geistige Ohr, denn wie das Auge Organ der Anschauung, ist das Ohr Organ der innern Vernehmungskraft—, oder, den eigentlichen Ausdruck zu brauchen, der Vernunft. Dieses Wort ist jetzt unverständlich, weil es im allgemeinen Sinn fürs gesammte Denkvermögen gebraucht wird, sollte aber auf seine besondere Bedeutung zurückgeführt werden. Kalte Vernunft war der Charakter des absolutistischen 18. Jahrhunderts und Analyse die Arbeit seines Geistes.

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Die Erfahrung weit entfernt, den alten Mann vor diesen Klippen zu bewahren, kommt vielmehr der Einseitigkeit zu Hülfe. Die Erfahrung kann nur genutzt werden, wenn man das Zufällige der Erlebnisse vom Bleibenden in ihnen zu sondern weiß; wenn man in der Politik insbesondere bei Veränderung des Zietgeistes (und jeder ä. Mann erlebt eine solche), das Unveränderliche, was allen Zeitgeistern gemein ist, vom Entwicklungscharakter zu scheiden vermag; wenn man Lebendigkeit und Spürkraft genug hat, um die Regeln, die man aus der Erfahrung gezogen, jedem einzelnen Falle anzupassen. Geschieht dieß nicht, so ists gerade die Erfahrung selbst, die ins Verderben stürzt, weil sie den Menschen verleitet, auf oberflächliche Analogien zu bauen, die sich in der Wirklichkeit gegen ihn kehren.

So ists beim alten Mann. Die abgezogenen Regeln, worauf er sich stützt, ohne sie geistig zu handhaben, geben ihm jene unfehlbare Zuversicht, jene seltsame Selbstverblendung, wodurch der Absolutismus in das Verderben hineinrennt, ohne den Abgrund eher zu gewahren, als bis der Boden schon unter seinen Füßen wankt. Statt so vieler Beispeile, von absoluten Regierungen geliefert, will ich nur an eins der jüngsten, an Carl X. und Polignac, erinnern.

Auf solche Weise versinkt das Alter in einen geistlosen Empirismus, der alle höhern Gesichtspunkte verkennt, die ganze Welt mit einem System von Aperçus bemißt und mit Verläugnung der Wahrheit und des Lebens, am Ende zu einem Materialismus ausartet, welcher das Größte und Heiligste in den Staub zieht.

Freilich behält der alte Mann von seiner Erfahrung immer unschätzbare Vortheile. Eine gewisse praktische Kenntniß des Menschen, eine geschickte Handhabung der Geschäfte bleibt ihm. Aber diese Vortheile erstrecken sich nur auf die Art, nicht auf den Gehalt seines Thuns: Menschen und Dinge werden durch ihn nicht erhoben, sondern erniedrigt, weil er mit ihnen manövrirt, statt auf ihre Wesenheit einzugehn.

Deutlicher ausgedrückt: die Hohlheit des Zweckes, vereinigt mit der Kunst im Gebrauche der Mittel, ist ein Kennzeichen alles Absolutismus.

Man erinnere sich hier an die Jesuiten. Was haben sie mit der ungeheuren Handhabung ihrer Mittel, mit ihrem ganzen Geschick und ihrer ganzen Erfahrung erreicht? Ihre Methode ist vergessen, ohne in irgend einer Disciplin eine tiefere Spur hinterlassen zu haben; ihre Casnistik, ihr theologisches System ist begraben, ihre Missionen, so bewunderungswürdig in ihrer Art, sind entwurzelt; ihre politische Thätigkeit von den Völkern verdammt; ihre kirchliche Thätigkeit eben so unheilvoll nach innen als glänzend nach außen für eine Kirche, die sich umsonst bemüht, ihn nochmals zu beleben.

Die Jesuiten, diese berühmten Welt- und Menschenkenner, haben trotzdem die Natur des Menschen und die tiefern Bedürfnisse der Menschheit heftiger beleidigt als die beschränktesten Köpfe. Dieß ist das Schicksal absolutistischer Fertigkeit.

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Wo die Kombination in so vorherrschender Weise entwickelt ist, wie beim a. Mann, tritt ganz natürlich das Princip der Zahl hervor. Die Mathematik überhaupt und in ihrem Gefolge die ganze Reihe der exakten Wissenschaften sind das Feld, worin der Geist der Alten die höchste Befriedigung findet.

Wenn das Talent des Knaben sich leicht an die Mathematik schließt, weil die abstrakte Allgemeinheit ihrer Anschauungen seinem Geiste entspricht und seine Funktionen schärft: so flüchtet sich der Alte zu ihr, weil sie allein ihm jene absolute, freilich nur sinnlich reale Gewißheit giebt, wobei die Seele, zu welk für höhere geistige Fragen, sich ausruht.

Seltsam genug aber, daß gerade diese empirische Gewißheit zu Untiefen verlockt, wovon die ideelle Betrachtung befreit bleibt. Da die Zahl selbst nur der Reflex eines geistigen Gesetzes ist, welches in höheren Regionen klarer ausgedrückt liegt, während es sich in ihr zum Dunkel verhültt: so führt sie den Menschen, welcher die geistige Wahrheit statt im Lichte, im Dunkel erstrebt, in die ganze Reihe jener geheimen Forschungen hinein, die für die Wissenschaft sind, was der Aberglaube für die Religion. In ihrem Gefolge kommt die Kabbala, die Alchymie, die Magie, die Nekromantie und wie sonst die Künste heißen, welche das Volk als schwarz bezeichnet, weil das dämonische Element mit ihnen ins heitere Leben hineingreift. Künste, die zu allen Zeiten von finstern Absolutisten getrieben worden sind. Vergebens hat man versucht, sie als bloße Ausgeburt des Betruges zu charakterisiren: sie sind das Produkt der Nachtseite der menschlichen Seele und können nur als solches, d. h. nur als natürliche Lüge, nicht durch die alberne Vorstellung einer gemachten Lüge, verstanden und beseitigt werden.

So finden wir abermals das Kind und den Greis auf dem gleichen Weg. Die Irrgänge der Phantasie und die Windungen der Kombination stoßen zusammen. Dämonisch sind sie beide, (denn das Kind ist kaum aus dem Dunkel geboren und den Alten erwartet es): und in beiden ist das äußerste Spiel der Extreme. So wenig die nüchterne Klarheit arithmetischer Gesetze vereinbar scheint mit den räthselhaften Spielen der Kabbala, während doch beides hervorgeht aus dem nämlichen Prinzip der Zahl—, so unglaublich erscheint die reflektirende Vernunft, (jener dürre RationalismusDieses Wort hat wie das Wort Vernunft zwei Bedeutungen, eine spezielle und eine allgemeine; und von der speziellen—von der berechnenden Reflexion, die ohne alle Kraft der Erkenntniß (d. i. ohne Verstand und Sprache) an geistige Fragen gehen zu können glaubt—ist hier die Rede. In der allgemeinen Bedeutung heißt Rationalismus die Ansicht, welche die menschliche Vernunft für berufen hält, frei und selbständig, von keiner Autorität gebunden, zur Lösung der philosophischen Räthsel durchzudringen—in welchem Sinne z. B. Lessing ein Rationalist war. Gegenwärtig wird das Wort fast nur im ersten Sinne gebraucht und mit Recht, aber die religiösen Zeloten vermischen beide Bedeutungen, um die liberalen Rationalisten mit den absolutistischen in gleiche Verdammung zu werfen., dem Jegliches zu hoch liegt, was nicht platt und plan gleich 2 mal 2 = 4 erwiesen wird), gepaart mit der nebelhaften Mystik theurgischer und magischer Künste: und doch ist im Absolutismus beides vereinigt.

Ja noch mehr: diese Extreme befeinden sich, wenn sie in verschiedenen Personen verkörpert sind, mit wüthender Erbitterung. Der radikale Freigeist, vor dem die Welt las leere Tafel liegt, steht verächtlich auf den radikalen Schwärmer herab, der seine religiöse Ueberzeugung aufzudrängen sucht, und doch sind sie Eines Geistes Geschöpf—nur der eine mehre Bube, der andere mehr Kind.

Der absolute Rationalist, der an der Hand der "Vernunft und der Tugend" den Mentor des lieben Gottes macht, zuckt mitleidig die Achseln über die unbegrenzte Beschränktheit des absoluten Orthodoxisten, der jeden Wortlaut als Inspiration verehrt—und doch thut der letztere eben so gut daran, mit mathematischer Gewißheit seiner Autorität zu folgen, als der erstere daran thut, seine kahle Vernunft zur mathematischen Gewißheit zu vergöttern: denn die letztere Bornirtheit ist nicht geringer als die erste und anspruchvoller.

Oft aber finden sich die Extreme in Einer Person vereinigt. Im Kaiser Julian war die Freigeisterei und die Frömmigkeit des Radikalismus mit gleicher Vollkommenheit entwickelt; und in einigen Orden des vorigen Jahrhunderts, wie in den Illuminaten und Rosenkreuzern, war die äußerste Skepsis mit dem lächerlichsten Aberglauben vermischt. Die ganze absolutistische Epoche vom dreißigjährigen Krieg bis zur Revolution ist durch diese Mischung bezeichnet und die geheimen Künste haben von Rudolf II. ihre Herrschaft geübt bis auf Cagliostro.

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Eben so formell verfährt das Alter im Recht und in der Geschichte. War der Knabe formal, weil er noch unfähig ist, durch die Form hindurch zu sehn, so löst umgekehrt der a. M. das Wesen in die Form auf, um es sich zurecht zu schneiden.

Das Recht sinkt zum äußern Vertrag herab, das heilige dem menschlichen Herzen eingegrabene Rechtsbedürfniß verwandelt sich in nackte Convention. Aus der Loyalität wird beschränkter Legismus. Des innern Rechts zu geschweigen, wird selbst das äußere so äußerlich als möglich behandelt; und je enger die Idee des Rechtes zusammenschrumpft, desto hartnäckiger hält das Alter an den einzelnen Bestimmungen fest. Dem Buchstaben der Konvention werden die heiligsten Interessen geopfert und die Rechtsanwendung ist unter dem Schilde des summum jus eine fortwährende Ausübung der summa injuria.

Vom Standpunkte dieses Legismus aus, war die Verurtheilung Christi kein Justizmord, sondern ein Akt der Gerechtigkeit; und die Pharisäer hielten sich nur in den Schranken des Gesetzes, indem sie einen Menschen zum Tode überlieferten, der gegen die alten Satzungen anstieß.

Da die Sprache zu geistig ist, um allen materiellen Zufällen genug zu thun, so läßt sich kein Gesetz denken, das nicht durch formale Auslegung gegen den innern Sinn zu deuten wäre. Auf diese Art hat der altrömische Absolutismus gegen die Majestätsverbrechen, hat die neurömische Inquisition gegen die Ketzer gewüthet; und ähnlich ist man noch in unserm Jahrhundert in politischen Untersuchungen zu Werke gegangen.

Auch in der Gesetzgebung legt der Absolutismus diesen mechanischen arithmetischen Maaßstab an. So in der juridischen, sucht er durch Herzählung der möglichen Fälle das Rechtsgebiet mechanisch zu erschöpfen: während der Radikalismus allgemeine abstrakte Prinzipien hinstellt. Das erstere wird an der preußischen Gesetzgebung unter Friedrich dem Großen, das zweite am Code Napoleon getadelt; und in der That konute der Einfluß des jeweiligen Zeitgeistes nicht anders auf beide Gesetzgebungen wirken.

Die Geschichte wird unter dem freigeistigen Absolutisten eine Sammlung von Maximen, Aperçus, Bemerkungen und Analogieen, so etwa, wie es unter den französisch-gebildeten Weltmännern des vorigen Jahrhunderts üblich war; dem Absolutisten einer positiven Meinung ist sie die Schatzkammer seiner gefaßten Ansicht, in der Art wie sie von legitimistischen Blättern oder einst von den alten Orthodoxisten (als noch die vier Monarchien Daniels regierten) behandelt worden ist.

Der Absolutist kennt, (wie im Grund auch der Radikale), nur zwei Betrachtungsweisen der Vergangenheit. Entweder ist ihm seine Zeit über alle frühern ohne Vergleich erhaben—so dachte sich der Absolutismus zur Zeit Ludwigs XIV., so schrieb Voltaire seine Geschichte—oder die Welt ist schlimmer und wird es tagtäglich, als sie jemals war; so hat es nach den politischen Legisten niemals noch eine niederträchtigere Zeit gegeben als die unsrige ist.

Die "historische Basism" die "tiefen Ideen der Vergangenheit," die "organische Gliederung des Staates," "das gute alte Recht" — alle diese konservativen Worte führt der Absolutismus, wenn es radikale oder liberale Forderungen gilt, so oft im Munde als sein Doppelgänger die Phrasen von Freiheit und Gleichheit: und bricht sie mit der nämlichen Leichtigkeit. Besspiele—sind überflüssig.

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(Charakter.)

Das Gemüth des Menschen empfindet so schwer als der Geist den Einfluß der Jahre. Anstrengungen und Sorgen haben es geschwächt; die Bitterkeit des Lebens rächt sich. Die Sehnen der Seele erschlaffen gleichzeitig mit denen des Körpers: das Herz wird welk, und zieht sich zusammen; die Hand, einst so freigebig, verschließt sich, und die Seele zieht sich in ihr Ich wie unter eine Hülle zurück, mit der der Mensch dem Ende entgegen geht. Es ist der kalte Griff der Selbstsucht, der über gealterte Gemüther hinfährt.

Das Alter ist von nichts weiter entfernt als von dem Gleichmaaß der reiferen Jahre. Seine Ruhe ist der Quietismus der Ermattung; die Abstumpfung einer Seele, in der die großen Leidenschaften ausgetobt haben. Die kleineren bleiben zurück. Der alte Mann ist reizbar im äußersten Grad, seine Stimmungen sind launisch, veränderlich, ungeordnet, und sein Zustand wechselt zwischen Heftigkeit und Abspannung.Man würde daher ganz Unrecht thun, sich absolutistische Constitutionen nur als phlegmatisch vorzustellen. Die Ruhe des ältern Mannes ist nur selten, die des alten in jedem Augenblick zu durchbrechen. Reizbarkeit macht beweglich. Wenn wir also den Franzosen ein absolutistisches Grundelement zuschreiben, so ist ihre Lebhaftigkeit damit keineswegs in Widerspruch. Im 17. und 18. Jahrhundert hat Frankreich die bewegliche, Spanien die lethargische Seite des Absolutismus dargestellt. Die höhern Kräfte der Sinnlichkeit sind erloschen, aber die niedrigern Regungen treiben in ihm wie in dem Knaben ihr Spiel. Zu Zorn und Haß, Rachsucht und Wuth wird der Mensch niemals zu alt. Selbst die sinnlichen Begierden im engeren Sinn des Wortes wirken niemals unnatürlicher und zerstörender im Menschen, als in der zweiten Hälfte der Kindheit und in der ersten des Alters.

In dieser passiven Sinnlichkeit vereinigen sich die Extreme, die der Charakter des Alters hervoertreibt. Sie ist es, welche die Seele bald zur Hingebung an aller Eindrücke zu einer Anarchie verführt, in der der Organismus sich auseinander löst, bald zu jener gedankenlosen Trägheit, jenem stumpfen Gehenlassen, wodurch der Philister—die niedrige Verkörperung des Absolutismus—bezeichnet ist. Sie ist es, welche, einmal ins Staatsleben eingedrungen, den Staat entweder, (wie Frankreich unter der Regentschaft—und Ludwig dem XV.) einer zersetzenden Dissolution alelr Fugen, oder einer lethargischen Verdumpfung, einem bloßen Leben des Bauches überliefert, wie Spanien unter den Philippen oder das deutsche Reich seit dem westphälischen Frieden.

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Gleich charakteristisch ist das Extremitätsleben, das im Körper, im Ausdruck und in der Gemüthsart des alten Mannes herrscht. Im grellsten Gegensatz zum Kind, desse Angesicht noch ein schwimmendes Bild ist, aus dem nur das Auge hervorblitzt, sind die Züge des Alten ausgeprägt bis in die kleinsten Linien, die Contouren scharf und eckig, Alles zersetzt und nicht selten gezerrt und durchwühlt. Schon die Fertigkeit des Alten erinnert unwillkürlich an die Extremitäten selbst. Die Vorherrschaft dieses Organs gibt dem Absolutismus die artistische Vollendung, die er in sein Werk zu legen weiß; sie gibt ihm aber auch jenen mechanischen Charakter, der uns im gewöhnlichen Leben, beim Philister, als Handwerksgeist entgegentritt. Der Philister, mag er nun Taglöhner oder Herrscher sein, betreibt sein Berufsgeschäft als Handwerk, und seine Arbeiten tragen das moralische Gepräge dieser Gesinnung. es sind dieß, auf allen Feldern, die niederen Seeln, welche nichts achten als den sichtlichen Eintrag der Händearbeit: Menschen, die um des "Brodstudiums" willen den Geist mit Elend überhäufen und von denen schon mehr als einmal die schönsten Blüthen der Geschichte zerknickt worden sind.Dieß ist so wahr, daß in alten Geschlechtern, die durch lange Dauer den Raçecharakter des Absolutismus erhalten, sich sogar ein Geist äußerer Handfertigkeit erzeugt, der sich in technischen Arbeiten vergnügt.

Es war eine Zeit in Deutschland, wo ein Reichsfürst vom reinen Wasser die Regierung seines Landes oder Ländchens als ein Handwerk betrachtete, das ihm der Vater hinterlassen, wie der Schuster dem Sohn seine Werkstatt hinterläßt.Kein deutsches Land hat sich mehr vor diesem absoluten Handwerksgeist zu hüten als Würtemberg. Dort liegt er im Provincialcharakter. Nirgend ist das Verkümmern edler Naturen im Brodstudium häufiger. Würtemberg hat viel bedeutende Menschen erzeugt, aber es sind wenige, die es nicht von sich getrieben. Die Menschen waren Maschinen und der Besitzer auf dem Throne konnte mit ihnen schalten wie der Schuster mit seinen Instrumenten.

Der Charakter des Alten ist wie das Organ selber—ausgreifend, gewaltsam, zerdrückend und zerstörerisch, und hinwiederum voll Biegsamkeit, voll Windungen und voll Beweglichkeit: eine Mischung, die wie die geistige an den Knaben zurückerinnert.

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Ist das Alter in der richtigen Stellung, so entfaltet es auch in seiner moralischen Handlungsweise jene wahrhafte Würde, welche die Achtung der Jugend erweckt. Der Knabe muß, um seiner mächtig zu sein, unter der Erziehung stehn; das Alter im Gegentheil will Zöglinge, will Gehorchende um sich sehen, um in richtiger Verfassung zu bleiben. Ist deiß, so sind seine Rathschläge wohlmeinend, seine Zuneigung herzlich, seine Wohlthaten reichlich. Aber das Verhältniß bricht, so wie der Jüngling den Rath des Alten übersieht oder ihm entgegenstrebt. Widerspruch und, daß man seine eignen Wege wandelt—das ist es, was den alten Mann verwundet. Er kann mild, liebreich, sorglich gegen seine Mündel sein; aber er will keine Freien um sich, und wenn die Freiheit sich Bahn bricht, so macht er aus Kindern—Knechte.

An dieser Klippe scheitert die Herrschaft des Absolutismus. Eine absolute Regierung kann allerdings wohlmeinend und väterlich sein; sie kann die Lasten der Unterthanen erleichtern, die materiellen Interessen befördern, dem Unglück zu Hülfe kommen—aber die Luft der Freiheit, das höchste Gut des Lebens, athmet man nie und nimmer unter ihr.

Der Absolutismus in Deutschland strebt im Allgemeinen nach dieser Art. Nichts aber—selbst die höchste Förderung der materiellen Interessen nicht—kann einem großen Volke die Freiheit ersetzen; und kein Genuß entschädigt wahre Fürsten dafür, nicht zu herrschen, wie einst Carl V. gesagt hat, über Männer, sonder über Kinder.

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Die Schwäche des Alters offenbart sich sehr merkwürdig darin, daß seine Tugend, wie die des Knaben, einer Stütze von außen bedarf, während seine Fehler aus der unmittelbaren Natürlichkeit hervorgehn.

Beim Knaben ist diese Stütze das Gesetz, das ihm die Erziehung vorschreibt. Beim Alten ist es das Hergebrachte, die Konvention, die Maxime: es ist die reflectirte Tugend, die Moral der "Grundsätze."

Hier zeigt sich, wenn irgendwo der tiefe Unterschied der männlichen und der exremen Principien.

Die Tugend des Manns fließt frisch und frei aus dem Innersten heraus. Der Jüngling ist nicht großmüthig und hochherzig, der ä. Mann nicht standhaft und treu, weil dieß Tugenden sind: sondern er ist es, weil die Natur ihn drängt es zu sein. Wenn der Mann sich vom Laster enthält, so thut er es nicht, weil die Laster die Convention verletzen, weil er die Meinung fürchtet oder weil die Enthaltung ihm Beifall bringt: sondern weil das innere Gesetz, weil die Stimme des Gewissens, das Gefühl der Übereinstimmung oder Abweichung vom Götllichen in uns, ihn davor schützt. Und selbst, wenn er in Laster verfältt, steht der Mann nicht der Stimme der Welt, sondern nur dem eignen Gericht im Herzen.

Freilich also nach Grundsätzen, aber nach den lebendigen Grundsätzen der Natur, handelt der Mensch im Mannesalter. Das Kind sagt sich: ich würde das thun, wenn es nicht untersagt, das nicht thun, wenn es nicht befohlen wäre. Der Alte thut das Eine, weil die Maximen der hergebrachten Moral es ihm heißen, unterläßt das Andere, weil sie es verbieten. Der Knabe hofft in den Himmel zu kommen, wenn er tugendhaft ist und der Orthodoxist meidet die Laster, weil die Hölle ihnen folgt. Das Verhalten des Mannes kann niemals durch Lohn oder Strafe bestimmt werden.

Was folgt daraus? Daß der Glaube an eine künstige Gerechtigkeit knabenhaft ist? Daß der Knabe sich befreien und der Alte sich gehen lassen sollte? Daß dem Manne gestattet wird zu schalten nach Willkur?

Nicht doch, sondern dieses: daß die sittliche Ordnung, welche Gott, wie in alles, so voraus in den menschlichen Organismus gelegt hat und welche den letzteren über das Leben hinausbegleitet, so wahr er selbst den Tod überlebt, — daß diese Ordnung nur in den vollkommnern Zeiten des Lebens zum freien innern Bewußtsein des Menschen, zur Einheit mit ihm selbst gelangt, während sie ihm in Zeiten der Schwäche als ein außer ihm liegendes dargeboten werden muß: daß in der Kindheit das Gesetz, im Alter die reflektirte Moral nöthig ist—denn beides soll nur der Spiegel jener Ordnung sein—verderblich aber beides nur dann, wenn statt dieser Ordnung eine falsche sich in ihnen abspiegelt; wenn dem Knaben das Gesetz des Knaben, dem Alten die Konvention des Alters gereicht wird.

Dann entsteht die Zügellosigkeit radikaler, die Heuchelei und Verworfenheit absoluter Moral.

Will man einen Begriff von der Konventionsmoral des Absolutismus haben, so muß man Kotzebues Lustspiele lesen. Diese Moral war es, die in den vornehmen Ständen des vorigen Jahrhunderts geherrscht hat. Hier sind keine Maximen des Rechtes und der Sitte mehr, es giebt nur Rücksichten der Gesellschaft. Wenn man tugendhaft ist, so ist man es, weil die Tugend zum guten Ton gehört, aus demselben Grunde, warum man ein andermal liederlich ist.

Selbst der beschränkte Philister, der so ängstlich auf Ruf, Anstand und solide Sitte hält, ist von den höhern Kreisen im Grunde nicht verschieden. Bei ihm, wie dor, läßt sich Allnes thun, wenn man es mit guter Art, ohne Verletzung des Rufes, das heißt in den meisten Fällen, wenn man es heimlich thut. "Thu was du willst aber ohne Scandal" ist in zwei Worten die Philistermoral—die Moral der Form und des Scheines.

Hier offenbart sich die ganze Verworfenheit absoluter und radikaler Massen. Der Absolutist, der eben noch das heimliche Laster begünstigt, bekreuzt sich vor dem offnen und der radikale Bube, der sich im Scandale wälzt, ergötzt sich gegen Andre den Sittenrichter zu spielen.

Die Extravaganzen der Fürsten, die Ausschweifungen der Höfe, die Sitten der Gegenpartei werden vom Radikalismus mit einer moralischen Strenge gerügt, der kein Splitter entgeht. Es gibt keine Worte, um den moralischen Abscheu zu schildern, keine Unsittlichkeit, die nicht begangen wird. Werden aber strenge Gesetze erlassen, wird die Scheidung erschwert, wird die Polizei in Sachen äußerer Sittlichkeit geschärft, so sind es die nämlichen Heiligen, denen die Sprache mangelt, um die Bornirtheit der Regierung, ihre mittelalterlichen Grundsätze, ihre albernen Vorurtheile zu schildern.

Der Absolutismus geht eben so bequem zu Werk. Von ihm wird man verdammt, wenn man arm und ohne Einfluß, unbedingt privilegirt, wenn man reich oder am Ruder ist. Ist man vollends souverän, so ist man durch Gottes Gnaden aller Moral enthoben. Daß die untern Klassen um so strenger im Zügel gehalten werden müssen, als die oberen sich jedes Zügels entschlagen, ist eine Staatsmaxime, die sich ihm von selbst als löblich und nützlich ergibt.

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Erwägt man das Geschilderte, so folgt von selbst, daß in die Bestrebungen des Alters, um die moralische Vollkommenheit zu erreichen, ein künstliches Element, ein gemachtes Wesen sich eindrängen muß. Da das Edle nicht unwillkürlich aus der Natur hervorströmt, so ruft das Unvermögen eine gewaltsame Anstrengung hervor, und es gibt sich in anderer Weise wieder die "Kraft der Schwäche" kund.

Dieß zeigt sich beim Knaben als abstrakte Überspannung; beim Alten als mechanische Strenge in moralischen Anforderungen, welche die menschliche Natur abtödten oder abstoßen, weil sie ihr zuwider sind.

Es ist bekannt, wie oft die christliche Kirche alter und die Konfessionen neuerer Zeit in diesen doppelten Abweg—der schwärmerischen Ascetik und des inquisitorischen Fanatismus—gerathen sind; und wie tief in beiden Fällen das Naturleben untergraben wird.

Was den Staat betrifft, so bildet sich auf diese Art das abstrakte Tugendideal im radikalen, die Forderung des unbedingten Gehorsams im absoluten Staatswesen.

Die Tugend des Liberalismus ist freie Entfaltung der individualen Vollkommenheit: der Gehorsam des Konservatismus ist freie Erfüllung der Pflicht.

Ist der Mensch zu schwach, um die individuale Vollkommenheit aus innerm Triebe zu erzeugen, so steigert er sich durch Hingabe an ein äußerlich wirkendes Idol. Ist er zu schwach, um die Quelle der Pflicht in sich selbst zu finden, so stärkt er sich, indem er mit Vernichtung eigner Wahl, sich einem fremden Willen leidend untergibt.

Die höchste moralische Kraft des Radikalismus ist schwärmerische Vorfolgung jenes Idols; die höchste des Absolutismus unbedingtes Selbstvergessen im Gehorsam.

Dorthin gehören die Brutusse und das ganze Heldenthum ihrer Art—die forçirte Tugend der französischen revolutionärs (und in ihrem Gefolg die Phraseologie, mit der man einfache Männer, wie z. B. Tell, Winkelried in abstrakte Tugendhelden umschuf, welche so viel Unheil in seichten Gemüthern gestiftet hat:) hieher gehört die ritterliche "Loyalität der alten Monarchie," (mit der man Gut und Blut einer Launge, einem Lächeln des Monarchen opferte) und die bekannte Unterwerfung im Jesuitenorden.Es geht aus diesen Beispielen selbst hervor, daß auch die Tugend der Extreme in ihrer Art sehr Großes leisten kann, denn sowohl die Jesuiten als die Jakobiner haben durch ihre moralische Kraft halb Europa besiegt: aber trotzdem bleibt Kraft eine falsche Kraft.

Jene Tugend war ws, die Staps und Sand zu ihren Attentaten begeisterte. Dieser Gehorsam ist es, mit dem der russische Soldat sich auf Befehl seines Herrn ohne Widerrede aufknüpft. Zum letztern wird gleich viel Kraft erfordert und beides ist gleich unfrei. Die radikale Tugend schadet mehr andern, die absolute erniedrigt sich selbst.

Der Radikalismus brigt dem Bürger, statt gesunde Natürlichkeit, eine krankhafte moralische Sucht bei; der Absolutismus verlangt von ihm eine Verzichtung seiner selbst, ein blindes, urtheilloses Vertrauen auf die Regierung, einen Köhlerglauben an die Unfehlbarkeit des fürstlichen und Beamtenregiments.Oder ist es so selten, daß von gewissen Seiten jeder Tadel der Verwaltung, jede Enthüllung von Irrthümern als Angriff aufs monarchische Prinzip bezeichnet wird? Es versteht sich von selbst, daß der Absolutismus zwischen einer männlichen Kritik und einer bübischen keinen Unterschied zu machen weiß, oder vielmehr keinen machen will. Aber so wenig der erstere mit seiner Abstraktion lebendige Helden erziehen wird: so wenig wird es dem Absolutismus gelingen, einen forçirten Gehorsam, eine russische Tugend zu erschaffen. Im letzten Grund ermannt sich die menschliche Natur, und das Erzwungene wird ausgestoßen.


Anmerkung: Man sieht hieraus, warum in allen sinkenden Epochen entweder vollendete moralische Dissolution oder eine gemachte, den Charakter künstlicher Anstrengung tragende Moral herrscht. So liefen neben einander in der römischen Kaiserzeit der Epicuräismus und der Stoicismus, und die Stoiker widersetzten sich der wahren Moral, welche das Christenthum brachte, eben so sehf als die Epicuräer. — Man sieht ferner, wie unbegründet die seit Montesquieu verbreitete Ansicht ist, wonach die Tugend das besondere Prinzip der Republik, wie man es jetzt auslegt, der Demokratie wäre. Die Tugen als individuelle Tüchtigkeit (welche letztere in Monachien und Republiken gleich möglich ist) ist von der Tugend als abstraktem Idol so verschieden, als der Gehorsam des unfreien Absolutisten von dem des freien Manns. Montesq. hätte dem Prinzip der Ehre (das er von der Monarchie seiner Zeit abnahm) das Prinzip des Ruhmes entgegenstellen sollen; denn der Ruhm ist der Preis der abstrakten Tugend, wie die Beehrung das letzte Ziel des Dienstes, und die Frucht des Gehorsams in absoluten Staaten ist.

§ 200

Wenn die Schwäche der Natur durch die Schranken der Grundsätze hindurchbricht, so entwickeln sich die Laster des Alters—Mißtrauen, Falschheit und Menschenhaß in finstern, die gemeinen Begierden in niedrigen Gemüthern—zu der unnatürlichen Tyrannei, von der die Regentengeschichte so viele Beispiele liefern. Philipp II. war das sprechendste Beispiel des schlimmen Alters: das scheußlichste Tiberius, der wie kein Anderer weibische Schwäche und teuflische Stärke, innere Tücke und äußere Verworfenheit in sich vereinigt hat. Man pflegt die Tyrannen unter den römischen Imperatoren alle als Absolutisten zu betrachten; aber Caligula, Nero, Commodus waren entartete Buben: die ächte Kunst der Tyrannei ist nur in den Alten zu finden. Obwohl die Natur solche Menschen nur selten schafft, so ist doch auch unser Jahrhundert von Despoten nicht verschont geblieben, deren machner auf dem allmächtigen Stuhl eines römischen Cäsars sich furchtbarer geführt haben würde als in einem kleinen Land und bei unseren Zuständen.

Es ist indeß weniger die grobe Tyrannei, die noch gefährlich wirkt, als jene feinere, die Europa seit dem 16. Jahrhundert unter dem Namen des Machiavellismus kennt.

Was jetzt so genannt wird, ist nichts anderes als der Rationalismus der politischen Moral: — die herrschaft der bloßen Berechnung auf sittlichen Gebiet, die Arithmetik des Gemüthes, welcher "Menschen bloß Zahlen sind." Indem die Moral des Alters nur auf das Nützliche und Zweckmäßige, auf den handgreiflichen Gewinn ausgeht, sinkt sie, wie der Geist, zum Materialismus herunter; für diese Denkweise ist keine Machination zu schlecht: der Zweck, heißt es, heiligt die Mittel. Ein Grundsatz, der aber in Wahrheit nicht einmal charakteristisch ist und mit dem man sich nur deßhalb trägt, um einerseits die Schlechtigkeit der Mittel zu beschönigen, andrerseits sich die Verwerflichkeit des Zweckes zu verbergen. Um gerecht zu sein, so muß man zugestehn, daß dieser Grundsatz von Absolutisten und Radikalen mit gleicher Stärke geübt wird. Die Jesuiten haben ihn offen ausgesprochen (wie sie denn überhaupt in der Darlegung ihrer moralischen Maximen, in ihrem ganzen Utilitäts- und Probabilitätssystem eine Naivetät geoffenbart haben, aus welcher die fürs Parteileben tief bedeutende, aber oft verkannte und nur von Shakespeare mit merkwürdiger Klarheit gezeichnete Erfahrung hervorgeht, daß nicht nur Gutmüthigkeit oder Leichtsinn, sondern auch starke Schlechtigkeit naiv sein kann.) Die Radikalen bekämpfen ihn mit einer With, deren alberne Eintönigkeit am besten beweist wie nah ihnen der Grundsatz liegt. Auf ihm beruht schlechthin jede Revolution; und die französische war nichts anderes als eine fortwährende Opferung menschlicher Rechte, Eigenthums und Lebens an den Staatszweck des Radikalismus.

Nicht diese Maxime an sich, sondern die Art wie sie ausgeübt wird, unterscheidet die Parteien.

Der Absolutismus geht kalt und schleichend, der Radikalismus gewaltsam und übermüthig zu Wege. Der Eine ist in der Intrigue, der andere in der Frechheit Meister; dort muß man fürchten unterhöhlt, hier überworfen: dort heuchlerisch ins Netz gezogen, hier durch die Massenhaftigkeit der Verläumdung erstickt zu werden. Im schlimmsten Fall hat man dort das Gift hier den Todschlag, dort eine lettre de cachet, hier die Guillotine zu gewärtigen. Die Wahl ist Geschmackssache. Viele Menschen werden radikalen Despotismus dem absoluten vorziehen—aus einem begründeten Gefühlt. Es scheint leichter, durch bübische Wuth als durch abgefeimte Hinterlist zu fallen.

Wenn man Napoleons Charakterverfahren mit Cromwells vergleicht, so springt der Contrast hervor. Wer wollte nicht lieber Bonapartes Insolenz, seine Gewaltsamkeit ertragen als Cromwells Tücke, seinen Haß und die schwarze Heuchelei seines Argwohns?Ein Beispiel, das gleichwohl noch nicht zu Gunsten des Radikalismus entscheidet, denn Napoleon war überhaupt ein höheres Individuum als Cromwell.

Der heutige Machiavellismus geht im gefälligsten Gewande, sanft, angenehm, gewinnend einher. Er entwickelt die ganze Kunst der Erscheinung und birgt hinter väterlicher Milde die Machination. Er ist kriechend und hochmüthig, religiös und gleichgültig nach den Umständen; er drückt dem Proletarier die Hand und umgibt sich mit der Strenge der Majestät, je nach der Zeit. Grausam, wenn Grausamkeit, gütig, wenn Güte zum Ziel führt, kennt er nichts, als seinen Zweck, und die arithmetische Wägung der Mittel; sein Herz hat weder am Bösen noch am Guten Lust, er ist kühl und indifferent wie das Wasser, blutlos wie die Amphibien. Derlei Menschen haben meist nur Eine Leidenschaft, sei es das Geld oder ein anderes Interesse; sie sind gute Hausväter, annehmliche Bürger, besitzen hübsche Privateigenschaften und weinen gern eine Thräne des Mitleids. Sind sie durch Revolution emporgekommen, so stellen sie gleichsam nur die beste Republik dar.

Solch ein Mann war Augustus, ein Mann mit großen geistigen Mitteln und der sich sagen konnte, seine Rolle guy gespielt zu haben.

Seine Nachfolger im 19. Jahrhundert haben ihn nicht erreicht.

Was den Machiavellismus für die Völker am bittersten macht, ist dieß, daß seine Versprechungen verführerisch, seine Handlungen betrüglich sind; daß er niemals geben, nur nach geben kann, daß die Zugeständnisse selbst ihn nicht länger binden als die Umstände, die sie erzeugt; und daß bei solcher Unsicherheit der heiligsten Worte der feste Boden des Rechtes unter ihm zum trüglichen Elemente wird.

§ 201

In den Privatverhältnissen ist es vornehmlich die Schwäche des Alters, welche das Hauswesen stempelt.

Engherzige Verwaltung, kleinliche Sparsamkeit an Bedürftigen, Verschwendung am unrechten Platz, Wechsel von Strenge und Nachgiebigkeit in der Erziehung, launische Neigung und Abneigung, Herrschaft der Günstlinge—wer kennt es nicht?

Da das Weib in der Kindheit und im Alter etnwicklungsmäßig dem Manne überlegen ist, so ist die Einmischung der Weiber im radikalen un absoluten Haus- und Gemeinwesen fast unausbleiblich. Ist der Zeitgeist entsprechend, so wird sie zum stehenden Uebergewicht. Der Jüngling widmet dem Weibe eine freie Hingebung; der Mann steht organisch über ihm; der Knabe sieht mit Scheu zum entwickeltern Mädschen hinauf; und der Alte überläßt an Weiber die Zügel. Die Maitressenregierung im 18. Jahrhundert ist bekannt. Weniger bekannt ist es, daß jene starken republikanischen Seelen, die man als Männerideale hinstellt, in andrer Art dem nämlichen Einfluß unterliegen. Nichts ist wahrer als Portias Verhältniß zu Brutus, wie Shakespeare es geschildert hat.Wie überhaupt in Shakespeares "Cäsar" das innere Wesen des edleren Radikalismus und sein Verhältniß zum Liberalismus aufs Feinste geschildert ist. Eben so psychisch wahr, wenn auch historisch unwahr ist im "Coriolan" das Verhältniß der geistigen Artistokratie zur radikalen und absoluten Masse gezeichnet. Es ist merkwürdig, daß die Spartaner, deren Heldenthum etwas übertriebenes hatte, unter allen Griechen zumeist von den Weibern beherrscht wurden. Die Rolle der Pöbelweiber bei den Blutscenen und auf den Gallerien während der französischen Revolution, die der Weiber von Stand während des Direktoriums liegt uns noch nah. Allein der Einfluß der Weiber auf den Radikalismus ist edlerer und idealerer Art, wenn er auch den Radikalismus steigert, während die aufgelöste und faule Sklaverei des Alters Widerwillen erregt.

Die Wirthschaft des Alters setzt, wenn sie nicht im Stillstand verkommt, das Mittel über den Zweck, den Erwerb über das Leben hinaus, und es ensteht das engherzige Merkantilinteresse, worin das europäische Staatsleben so lange versunken war. Der Knabe fällt der Materie als solcher anheim, das Alter zieht den Geist in die Materie hinab und macht die höchsten Interessen zu Gehülfen der niedern; so wie man z. B. im 18. Jahrhundert das Wachsthum der Bevölkerung behandelt hat.

§ 202

(Religion und Weltansicht.)

Das Alter kennt in Dingen des Glaubens nur mechanischen Gerhorsam oder völlige Auflösung. Der Orthodoxismus ist bekannt, und es darf, um seinen Unterschied von der symbolischen Orthodoxie zu bezeichnen, nur an den Kampf der Spenerschen Richtung gegen die alten Orthodoxisten, oder der jansenistischen Rechtgläubigkeit gegen die jesuitische erinnert werden. Weniger bekannt ist die zweite Seite.

Wer das Leben hinter sich hat, spekulirt naturgemäß eben so einseitig, als wer es noch nicht kennt. Das Absolute ist nur in Gott—in der Welt, in uns sind die Relationen. Die kindliche Spekulation zerstört die Wahrheit, indem sie die Relationen im Absoluten aufgehen läßt: die des a. Manns, indem sie den Charakter des Absoluten in die Relationen hineinträgt.

Denn wie das Kind sich in Fragen erschöpft, aus denen kein Ausweg ist, so strebt der Alte, unbegnügt mit der geistigen (und eben weil geistigen, relativen) Lösung der mittleren Jahre, nach einer arithmetisch gewissen, handgreiflich unbedingten Gewißheit. Findet er diese nicht als Orthodoxist in der Ueberzeugung, daß jeder Buchstabe der Bibel im wörtlichen Sinne inspirirt oder jeder Äußerung der Kirche im wörtlichen Sinn eine göttliche sei, so bleibt ihm nichts übrig, als die Verlässigkeit der Sinnenwelt, als die Beweisführung eines Rationalismus, der wie gesagt, nichts gelten läßt, als 2 mal 2 = 4: und, somit weiter nichts, als was auf diese Weise bewiesen werden kann. Das Ende dieser Ansicht ist die Auflösung ins Atom.

Mit andern Worten: wie der Pantheismus der höchste Ausdruck der radikalen, so ist der Atheismus die letzte Spitze der absoluten Philosophie.Über den Pantheismus siehe §. 74 das erste Kennzeichen der radikalen Spekulation. Der nämliche Gegensatz ist innerhalb der Religion der Gegensatz des (radikalen) Pietismus gegen den Orthodoxismus. Wir brauchen das Wort Atheist, obwohl man den Atheismus im wörtlichen Sinn für unmöglich erklären kann. Man hat den Pantheismus Akosmismus genannt, und der Ausdruck ist richtig, obwohl Niemand ist, der sich des Bewußtseins der Welt entschlagen kann. Das 18. Jahrhundert war Gott—los. Man erinnere sich an die philosophische Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Voltaire, La Mettrie, Shaftesbury u. s. f. waren nichts weniger als radikal—sie waren (im Denken und im Leben) durchdachte, konsequente Absolutisten.

Der englische Deismus der damaligen Zeit war vom französischen Atheismus nicht im Prinzip, sondern nur durch die nationale Färbung getrennt: es ist die gleiche materialistische Ansicht, bei der der englische Charakter den positiven Rest eines höchsten Wesens zurückließ, während der französische ihn fallen ließ. Noch weniger, als der englische, vermochte sich der deutsche Deismus von der Idee Gottes zu trennen. Aber da dieser Gott nichts ist, als ein leerer Begriff, als ein abgezogenes être supreme, so ist dieser Rationalismus, (den man den r. vulgaris getauft hat) kraftlos gegenüber der konsequenteren Ansicht, und deßhalb geschieht es, daß wir nicht ihn, sondern den Atheismus als Spitze bezeichnen.


Anmerkung: Es muß hier bemerkt werden, daß das, was man in Deutschland religiösen Rationalismus nennt, sehr oft eine Verbindung von ehrenhaftem und freisinnigem Charakter mit formellem Geiste ist. In diesem Fall ensteht ein Deismus, der moralisch auf positiven Grundlagen fußt, die er geistig zu verfolgen unvermögend ist: eine im Leben des deutschen Protestantismus häufige und sehr wichtige Erscheinung. Paulus z. B., das Haupt des alten protestantischen Rationalismus, gehört hieher.

§ 203

Um sich den Unterschied absoluter und radikaler Aufklärung zu vergegenwärtigen, stelle man Voltaire und Rousseau, — oder Helvetius und St. Simon gegenüber.

Nicht nur im Wesen, auch in der Form sind beide auf sehr kenntliche Weise geschieden. Der Radikalismus verfliegt sich in transcendentale Spekulation, der Absolutismus raisonnirt mit nüchterner empirischer Reflexion. Ein alter Mann spricht gemessen vernünftig und klar, mit vollem Bewußtsein dessen was er sagt: man braucht ihn nur zu hören um zu wissen was er will.Man denke an die bekannte Klarheit der französischen Schreibart. Ein Kind spricht unklar, dunkel, bewußtlos; es ergeht sich in Phrasen, die es nicht versteht, seine Sprache schwärmt in den Nebeln und jagt in den Wolken: ja sehr oft bilden sich Kinder ein Idiom von abenteuerlichen Wörtern, das ihnen zur Idiosynkrasie wird. Der alte Patriarch von Ferney würde also von Herzen lachen, wenn er das Kauderwelsch der Hegelianer lesen könnte, und gewiß würde Nichts seinen Schatten so sehr ergötzen, als wenn man ihm ein paar tieffinnige Aufsätze der deutschen Jahrbücher oder eine Abhandlung über das "aufgezeigte Hier" und das "allgemeine Diese" in die Unterwelt schicken könnte.

Trotzdem liegt nicht mehr Ahnung der Wahrheit in dem durchsichtigen Raisonnement der Alten , als in dem mysteriösen Unsinn der Jungen. Jenes ist ein Kunstwerk in seiner Art, es begreift sich schnell und leicht, erschöpft sich aber eben so schnell, man bewundert die Fertigkeit und fühlt sich leer. In dem Unsinn der Kinster ist wie in dem der Narren eine Saame von Ideen verborgen, den freilich das Kind selbst nicht versteht, der aber vom Manne gewürdigt werden muß.

Wenn aber die Kinder aus der Transcendenz zur Klarheit des Lebens, aus ihrem Idiom nach prosaischer Deutlichkeit streben, so bleibt ihnen keine Wahl, als bei den Alten zu holen, was in ihnen selbst nicht liegt. Wenn die radikale Philosophie die Spekulation abschüttelt, so entartet sie zu einer bübischen Opposition, welche alles zwischen Himmel und Erde wegwirft, ausgenommen sich selbst. Dieser Nihilismus wäre unfähig sich zu behaupten, ginge er nicht auf einen höheren zurück. Die Vermischung der Extreme ist unfehlbar, wenn das Extrem seine Spitze erreicht. So sehn wir, während Hegel selbst noch gegen die alte Aufklärung gekämpft hat, seine Schüler in ihren Armen.

Obgleich also die Ansicht des 18. Jahrhunderts in sich erstorben, und so sehr sie von allen Seiten bekämpft ist, so wird sie doch lange noch wieder aufleben von Zeit zu Zeit: nicht an sich, aber als Fundgrube der jungen Schulen, behält sie eine unendliche Wichtigkeit auch für die Gegenwart.


Anmerkung: Man vergleiche z. B., wie Strauß, so oft er positive, dogmatische Ansichten geben soll, sie mit transcendentalen Wolken umhüllt, während er, genöthigt populär zu sprechen, von der platten Aufklärung ununterscheidbar ist; und man verfolge den Gang der Hallischen Jahrbücher bis zur letzten Enthüllung Br. Bauers. Nichts ist komischer, als zu sehen, wie diese radikalen Feuersterne aus ihrem Nebelschweis hervorgehend, sofort ins seichte Wasser des Voltairianismus untertauchen, um da eines schmählichen aber klaren Todes zu sterben.

§ 204

(Staat und Politik.)

Es ist leicht zu sehn, wie dieser Materialismus sich auf die Werthung der Menschen und die praktischen Ansichten erstreckt. Der Absolutismus faßt nicht die Natur, nicht die organischen Eigenschaften, er faßt nur die mechanischen Appertinenzen ins Aug. Materielle Vorzüge, Glücksgüter, wenn es hoch kommt, äußere Formen, reichen ihm hin, um den Menschen zu adeln. Wie der Radikalismus die liberale, so verdreht er die konservative Ansicht auf eine Art, die sie vernichtet.

Ob die Raçe edel oder schlect, geistvoll oder niedrig, ob man ihrer theilhaftig ist oder nicht, berührt ihn nicht; es ist die blinde Thatsache einer vornehmen Geburt, einer hohen Stellung, welche für ihn das Motiv der Achtung, das Gesetz der Unterwerfung bildet. Statt des geistigen Einklangs verlangt er gewisse der Stellung entsprechende Manieren—ein gewandtes Aeußere, guten Ton; das savoir vivre, der Esprit der Konversation befriedigt ihn.So nahe sich also die innere Weltansicht der beiden Extreme berührt, so schroff trennt sich die äußere. Man vergleiche Voltaires Servilismus mit Rousseaus Republikanismus. Statt der geistigen und moralischen Hülfsmittel, welche der Besitz, wenn er in richtigen Händen ist, dem Besitzer verleiht, zollt er der Materie des Besitzes, zollt er—dem Geld seine Achtung.

Der Gott seiner Welt ist der Zufall. Weil jener zufällig reich ist, wird er geehrt, weil der andere zufällig arm ist, verachtet. Selbst die Souverainetät ist nur das höchste Glücksgut. Es ist kein göttliches Gesetz in dieser Ordnung; das Faktische und das Vernünftige ist in ihr eins; das Faktische wird nicht wenn es vernünftig, nicht einmal weil es vernünftig ist, sondern als solches geehrt.

Wenn der Orthodoxist den Ursprung der Souveränität auf den göttlichen Willen begründet, so geschieht es mechanisch—auf die Willkür eines spielenden Wesens, das bald dem bald jenem ein Recht verleiht, vor dem die Vernunft ohne zu fragen sich beugen muß: von der Ordnung der Natur weiß er Nichts.

Wenn der raisonnirende Absolutist sich die Entstehung des Staates erklären will, so bleibt ihm seinem Wesen nach nichts übrig, als zu einem formellen Vertrag, zu einem künstlichen Contrakt seine Zuflucht zu nehmen.

Diese berühmte Theorie, welche nichts ist als die dem Alter in allen Stücken eigene Verdrehung des natürlichen Rechts zur willkürlichen Konvention, verdankt der absolutistischen Epoche des 17. und 18. Jahrhunderts ihren Ursprung. Die Radikalen haben sich mit ihr verschwistert, weil sie dem Verständniß ihres Geistes entspricht; zugleich aber von sich aus den Inhalt des Vertrages, das System der Gleichheit, hinzugefüft. Aus der Vereinigung dieser Elemente besteht das gegenwärtige, im größten Theil von Europa praktisch oder ideell adoptirte Staatsrecht.Bekanntlich war es der absolutistische Hobbes, der zeurst die Theorie des Staatsvertrags näher ausgeführt hat. Diese Idee war dem Geiste einer absoluten Zeit so natürlich, daß selbst Männer, wie Spinoza und Grotius, sich ihrer nicht entschlagen konnten. An Rousseaus Buch ist also nichts weniger neu als der contrat social; aber die Radikalen haben sich gewöhnt, diese ihre Erbschaft aus der vorigen Epoche als ihre Erfindung zu betrachten.

Wenn die Konvention es ist, aus der die Gesellschaft entsteht, so kann es keine Gewalten geben, die Gewalten durch sich sind, es kann nur Gewalten durch Übertragung geben. Das Princip aller Gewalten läuft nach absolutistischer Weise von Einem Punkte aus und geht an Einen Punkt zurück.

Diese Idee der Uebertragung ist ein specifischer Zug in der Anschauung der Extreme. Nach männlichen Begriffen hat die Obrigkeit ihr Recht in sich und die Unterthanen haben es in sich—denn beide tragen in der Natur den Organismus, kraft dessen die einen gehorchen, die andern regieren. Aber dieß kann nur der Freie fassen; der Unfreie ist durch sein ganzes Bewußtsein gedrängt, die Quelle seines Zustandes, den Titel seiner Berechtigung, außer sich hinaus zu setzen, denn darin eben, daß man den Mittelpunkt außer sich hat, besteht die Unfreiheit. Kraft seines Rechts unterwirft sich der Freie dem höhern und kraft desselbigen gebietet er über ein niedrigeres Recht; der Unfreie unterwirft sich dem Andern, weil er, (wie die Theorie sagt,) sein Recht an ihn veräußert—, und befiehlt dem Andern, weil dieser sein Recht oder, (nach orthodoxen Begriffen) weil Gott den Befehl ihm abgetreten hat. Daß natürliche Rechte nicht veräußert werden können, kam bei diesem Staatsrecht niemals in Frage; denn die Extreme betrachten die Natur des Menschen als so veräußerlich als seine Appertinenzen (die Bildung oder der äußere Besitz) es sind.

§ 205

(Staat und Politik.)

Alles Leben ist somit im absoluten Staat von vornherein Einer Person immanent. Es gibt nur Eine Kraft—die andern Kräfte fungiren, soweit sie sich eines Theils ihrer Allmacht zu ihren Gunsten entäußert hat. Es gibt keine Berechtigung in der absoluten Monarchie, außer der die vom Herrscher kommt; er allein ist von Gottes, alle andern sind was sie sind nur durch seine Gnade.Gerade so, als ob weil die Sprache das höchste Glied des Organismus ist, die übrigen Glieder nicht vom Schöpfer, sondern von der Sprache ihr Existenzrecht hätten. Es ist eine Allmacht, die durch Nichts beschränkt wird als durch ihre eignen Gesetze. Ludwig des XIV. Ausspruch "l'état c'est moi" ist der erschöpfende Ausdruck.

Die vollendetste Durchführung dieses Systems ist die Verfassung des Jesuitenordens und die der römischen Kirche, nach jesuitischer Auffassung. Jene unterwirft Leib und Seele, Handlungen und Gedanken der Allmacht des Generals, in dessen Hand die Glieder bewußtlose Maschinen sind. Nach dieser ruht die gesammte Kirche im päbstlichen Stuhl. Die Bischöfe sind nichts als Legaten, denen statt der zeitwährenden eine dauernde Legation übertragen wird. Der Pabst ist, wie Lainez in Trient sagte, "einziger unumschränkter Monarch, seine Gewalthaberschaft ist untheilbar und nur nach Erforderniß der Umstände wird ein Theil derselben auch andern mitgetheilt; er allein ist im eigentlichen Besitze der Gerichtsbarkeit und Andere können sie nicht anders als mittheilungsweise besitzen." Der Pabst selbst aber hat seine Gewalt von Christus—, der unumschränkte Monarch hat sie von Gott überkommen.

Es ist ein System der Uebertragung, das vom Himmel auf die Erde herabreicht, mit einfacher, arithmetischer Konsequenz. Aber diese Einfachheit ist die Einfachheit des Todes, die Logik der Abspannung, welche, eingedrungen in die Organe des a. Manns, ihn nichts mehr fühlen läßt, als daß er eine Seele, ein Bewußtsein hat—ohne Unterscheidung ihrer mannigfaltigen Funktionen.Hobbes vergleicht in der That den Herrscher mit der Seele, die Unterthanen mit dem Körper. Das Alter ist der organischen Verhältnisse nicht unkundig wie der Knabe, aber es verdreht sie. Der Körper ist rechtlos gegen die Seele, und das war es, was Hobbes erreichen wollte.

§ 206

Aber diese Person, in der als letztem Princip alles Recht sich koncentrirt, kann nicht nur eine wirkliche, sie kann auch eine begriffliche sein. Also lehrte Sidney neben Hobbes; und es ist nicht befremdend, daß ein Jesuite es war, der die Theorie der Volkssouverainetät entwickelt hat. Um den Staat der Kirche gegenüber zu erniedrigen war nichts nöthig, als die absolute Gewalt von der Person des Regenten auf die des Volks zu übertragen. Im Uebrigen bleibt alles gleich. Das VolkAber, wohlbemerkt, nicht das Volk als wirklicher Körper, sondern als begriffliche Person. Denn es hat noch niemals, selbst in den kleinsten Ländern, zu geschweigen der großen, eine Landsgemeinde gegeben, die alle Glieder des wirklichen Volkskörpers umfaßt hätte, noch keine Communität, in der nicht Abhängige gewesen wären. Im Staatsvertrag erscheint das Volk lediglich als begriffliche Person, als juridische Fiktion. Es ist eine Thorheit, wenn man sich um die Uebertragung zu beweisen auf Wahlreiche beruft. Wenn das Volk einen Herrscher wählt, so macht es ihn dadurch allerdings zum Herrscher; aber es trägt mit diesem Akt nicht sein Recht auf den Herrscher über, sondern es spricht demjenigen, der nach seiner Meinung die höchste Berechtigung zum Herrscher in sich trägt, förmlich diese Berechtigung zu. ist die Quelle der Gewalt, wie dort der Regent; alle Macht ist zeitweise oder dauernd von ihm delegirt und kann nach Belieben zurückgezogen werden.

Wie aber die Vollgewalt des absoluten Monarchen, weil sie der Natur widerspricht, sich thatsächlich in eine Beamten- Wessirs-, oder Günstlingsregierung verwandelt, so wird die Volkssouverainetät in der Wirklichkeit zu einer Illusion, die mit Oligarchie oder Anarchie sich endigt.

Das Alter hat neben dem Despotismus seinen demokratischen Zug, wie die Kindheit neben dem letztern ihren Despotismus hat.

Aber die Gleichheit des alten Manns ist sehr verschieden von der des Kinds. Das Alter unterwirft sich nicht dem Menschen, sondern den Formen; von Natur stellt es sich Jedem gleich. Wenn es sich also des Gehorsams entledigt, so ist sein Zweck, sich in sich zurückzuziehn und mit Verwerfung aller Bande auf sich zu stehn. In der Gleichheit der Knaben liegt der Trieb der Association, in der seinigen der Trieb der Isolirung. So war das Ziel der Illuminaten (eines Ordens, der als die Rückseite des Absolutismus den Jesuiten entgegensteht,) eine Gleichheit der Individuen, bei der alle allgemeinen Verbände sinken und jeder Hausvater zum Souverain werden sollte.

Europa hat nicht nur eine große radikale, es hat auch eine absolutistische Umwälzung gehabt—die englische.

Diese Revolution, worin der fanatische Glaube sich eben so verkörpert hat als in der französischen die fanatische Abstraktion, ist charakterisirt durch einen schrittweisen Uebergang der absoluten Gewalt von der höchsten Spitze zur untersten Tiefe; zunächst in der Kirche, gleichlaufend im Staat. Man kam von der Vollgewalt des Pabstes (beziehungsweise des Königs als Erben der kirchlichen Souverainetät) zu der des Episkopats, vom Episkapat zur Synode, von der Synode zur Gemeinde, von der Gemeinde zum Einzelnen, dem sich nun der heilige Geist ebenso absolut übertrug wie früher der Kirche überhaupt. Der Absolutismus des Glaubens löste sich in Atome auf. Der Gipfelpunkt der französischen Revolution war die koncentrirte Herrschaft eines oligarchischen Ausschusses; der Gipfelpunkt der englischen war die Zersplitterung der Levellers, unter der jeder menschliche Verband sein Ende erreicht haben würde.

Es war damals die Epoche der höchsten Verwirrung in Deutschland, der Fronde in Frankreich, der Empörungen in Katalonien und Neapal, eine Zeit voll anarchischer Tendenzen, und doch weiman weiß, eine durchaus absolutistische Zeit.

In radikalen Empörungen ist es jederzeit ein geistiger Kern, der den Instinkt der Bewegung bildet: selbst wenn die niedrigste Klasse sie macht, es wird immer eine bestimmte Forderung, ein Drang nach höherem Rechte da sein. In absoluten macht der Pöbel, (die arbeitende, gedungene Bevölkerung) als Pöbel, durch Druck oder Gierde veranlaßt, die Empörung des Bauches gegen die Glieder, des äußern Leibes gegen die höheren Organe. Wenn der radikale Proletarier sich erhebt, will er den übrigen Ständen gleichgestellt sein, wenn der Lazzaroni aufsteht, so bleibter was er ist, um als Lazzaroni sich an den andern zu rächen. Eine solche Ochlokratie, aus Sclaven, Miethlingen, Matrosen bestehend, hat Athen in der Periode seines Verfalls beherrscht. Auf sie haben die römischen Triumvirn ihre Herrschaft begründet; sie hat die Emeuten im oströmischen Reiche gemacht. In Roms Anfangszeit lag ein höherer Keim allen Aufständen zu Grund, in der sinkenden wollte man Brod und Schauspiele—aber die Weigerung wäre im letzten Fall so gefährlich gewesen wie im ersten. Eine solche Revolution hat England von seinen Proletariern zu fürchten: den Kampf absoluter Anarchie gegen die absoluten Monopole einer altgewordenen Aristokratie; ein Kampft aber, der im furchtbarsten Maaße beide Gefahren vereinigen würde, weil die radikale Tendenz des Zeitgeistes sich belebend und stärkend auf die ochlokratische wirft.

§ 207

Eben deßhalb, weil das Alter den Zug der Auflösung in sich trägt, kann es nur durch die strengste Wahrung der Formen zusammengehalten werden.

Dieß ist das Wesen der legitimistischen Monarchie, deren großartigste Blüthe Frankreich von Ludwig XIII. bis Ludwig XV. darstellt. Hier ist alles Form, von der Verfassung bis zu den Sitten, von der Literatur bis zum Ceremoniell; selbst die Religion war zu einem regelrechten, königlich französischen Katholizismus zugeschnitten.

Der Nerv dieser Selbstherrschaft, die ohne die Kraft des Individuums, nur auf dem konventionellen Rechte beruht und die trotzden, um die Unumschränktheit zu wahren, weder das Gegengewicht einer nationalen Vertretung noch den Einfluß eines großartigen Adels dulden kann, ist einzig die Bureaukratie: und die Stütze ihrer Macht kann, da sie in der Natur keine hat, nur die mechanische Stütze des stehenden Heeres sein.

Nächst Frankreich hat Preußen in seinen Beamten und seiner Armee, in der streng geordneten Mechanik seines Staatswesens, in der Ausbildung der Formen den vergangenen Zeitgeist am bedeutendsten ausgedrückt. Aber im frühern Preußen haben männliche Regenten die absolutistische Unterlage zu höhern Zwecken benutzt, während die französischen Könige nur den Absolutismus selbst durch die Feinheit der Repräsentation in sich koncentrirten.

Das Bezeichnende dieses Staatswesens ist: daß statt des Stoffes der Bedienung die Bedienung selbst sich zum Zweck setzt. Man administrirt nicht um dessen willen und auf das hin was verwaltet werden soll; sondern man administrirt um zu administriren; statt die Beamten auf die Stellen zu setzen, schafft man die Stellen für die Beamten; und statt des Gesetzes, machen die Instrumente, durch die das Gesetz gehandhabt wird, sich selbst zum Gesetz. Statt der öffentlichen Wohlfahrt, welche durch die Finanzen erreicht werde soll, setzt man die Finanzen selbst, statt der öffentlichen Sicherheit, wozu die Armee nothwendig ist, die Armee selbst zum Zweck; die künstliche Steigerung der Einnahmen, die künstliche Vergrößerung des Militärs ist das Ziel, wonach man strebt, mag es für oder gegen das innere Bedürfniß des Staates gehn. Statt der natürlichen Stärke jagt man dem mechanischen Länderbesitz, statt des natürlichen Menschenglückts der künstlichen Vermehrung der Menschen nach.

Statt des Verdienstes sind die Geburt und das Geld, statt des Geistes Routine und Manieren (wie im radikalen Staat knabenhaftes Wissen) das Bedingniß der Anstellung. Mit Einem Wort, die Form wird zum Wesen, das Wesen zur Form. Bestechung und persönliche Rücksicht regiert; die Justiz wird zur Dienerin, die geistigen Interessen sinken zum Hebel der Konversation, die Wissenschaft zur Nährerin einer ausgesuchten, aber ungesunden Bildung—Man erinnere sich an die Cirkel und die Memoiren des 18. Jahrhunderts., die Religion sinkt zum Werkzeug der Repräsentation, oft zum Gebiß für die Unterthanen herab.

Ein Staat, der auf den Formen besteht, sieht einheitlich und vollendet aus; die mechanische Fügung seiner Glieder scheint dem Auge des Unkundigen wie organischer Zusammenhang. Aber ein einziger starker Stoß, gegen ein Stück des Räderwerkes geführt, wirft die ganze Maschine zusammen. Hieraus erkläre man sich den unglaublich schnellen Sturz des alten Frankreichs und des alten Preußens. Wo nur Form ist, hat man alles vernichtet, wenn man die Form vernichtet.

§ 208

Dieser Charakter des Staates bringt die Nothwendigkeit mit sich, Alles was sich der Form nicht biegt, in die Form zu beugen. Der reaktionäre Absolutismus kann keine freien Municipalitäten, keinen wahren Adel, keine starken Provincialitäten bulden—sein Endziel ist Biegung Aller unter die nämliche Allmacht—er ist der Wegebrecher des Radikalismus. Er war es, der lang vor der Revolution alles Hervorragende gebrochen, alle großen Institute geschwächt hatte: die Revolution durfte nur ärndten, wo er gesäet hatte.

Der gewöhnliche Absolutismus läßt Alles in seinem Geleis, aber alles stille stehn, verkommen, versumpfen. Sein Wahlspruch ist: laissez faire, laissez passer, und ohne sich zu rühren, bringt er Land und Leute in Verfall.

Die äußere Politik des Absolutismus kennt nur Kombinationen, keine Ideen. Ohne Rücksicht auf eingeborene Tendenzen der Völker, auf nationale Rundung der Staaten würfelt sie die Provinzen zusammen, wie Krieg oder Heirath sie gibt.Daher die Menge von mechanischen, antinationalen Staaten vom 16. Jahrhundert an. Das höchste Bild dieser Unnatur war die spanisch-habsburgische Monarchie. Die östreichische hat sich erhalten, weil eine natürliche Völkervermittlung in ihr liegt. Statt des natürlichen Gleichgewichts sucht sie eine künstliche Balance, die mit jedem Hauche verrückt wird, statt der Verträge Verkommnisse des Augenblicks, die ohne innere Wahrheit jedem Anstoß unterliegen; statt der großen Diplomatie eine Diplomatie der Intrigue, mit glänzender Repräsentation, aber ohne staatsmännischen Gehalt. Die äußere Politik ist, wie die Weltansicht des a. Mannes, entweder beschränkt orthodox (legitim), indem sie am Buchstaben des formellen Rechtes festhält, wenn längst die Zeit darüber hingeschritten ist, und gegen Dinge protestirt, die keine Macht der Welt mehr ändern kann; oder materialistisch, indem sie einfach an den status quo, und wenn dieser zerstört wird, ans fait accompli sich anklammert. Statt vorzusorgen, oder auch nur vorzusehn, akkomodirt man sich hinterher bestmöglich an die Folgen, und nennt dieß wenn es gelingt, seine "Lösung der Frage." —

Es ist schwer, in einem knabenhaften oder bübischen Zeitalter zu leben, aber vielleicht schwerer noch, den Kampft gegen das Alter führen zu müssen. Gegen jene erhebt sich von selber der Mann, dieses birgt unter der Hülle des Mannes den innern Verfall. Hinwiederum ist noch niemals die Herrschaft der Form durchgedrungen in einer Zeit von jugendlicher Frische, und darin liegt unsere Bürgschaft.

§ 209

Schlußübersicht.

Das gegenseitige Verhältniß der Parteien: Liberalismus und Konservatismus.

Blicken wir jetzt zurück, so klären sich die verschiedenen Stellungen auf.

Auf der Basis der Achtung stehen der junge und der ältere Mann sich gegenüber. In ihrem Kampf—einem Kampft, in dem die Streiter von Zeit zu Zeit stille stehn, um sich, jeder in seinem Bereich, gegen die falsche Art der Genossen zu kehren—liegt der Ersatz für den Staat. Einig im letzten Ziel und verschieden in den Wegen, gleich im Was, entgegengesetzt im Wie, werden sie sich stets auf edle und loyale Weise, aber sie werden sich bekämpfen: und falle die Entscheiddung auf die eine oder andere Seite, in jedem Fall haben beide gewonnen.

Ein solches Verhältniß ist vollkommen noch niemals da gewesen. Nur in einzelnen Momenten, in entscheidenden Krisen des Staatslebens blitzt es hervor. So, als in England Pitt und Fox sich nach den heftigsten Angriffen diejenige Anerkennung aussprachen, die für gewöhnlich der Parteigebrauch verbietet: so im Mittelalter, als Friedrich I. und Alexander III. sich in Venedig die Hände reichten, und ein großer Augenblick der Versöhnung in den erbitterten Weltkampf trat. Es zur klaren Erkenntniß zu erheben, ist die Aufgabe der Gegenwart. Die Zukunft soll keinen Kampf mehr sehen zwischen Mann und Mann, in dem nicht neben dem Trieb des Gegensatzes das Bewußtsein der innersten Verwandtschaft wirkt.

§ 210

(Liberalismus und Absolutismus: Konservatismus und Radikalismus.)

Zwischen dem ersten sowohl als dem zweiten dieser Paare fehlt jeder Berührungspunkt. Eben so verschieden in allem was sie thun als entgegengesetzt in allem wie sie es thun, sind sie unter allen Umständen natürliche Feinde. Es ist ein Gegensatz, der jede Möglichkeit gemeinsamen Handelns aufhebt. Der Knabe müßte sich aufgeben, um mit dem ä. Mann, der Jüngling, um mit dem Alter Schritt zu gehn: es sind zwei Welten die sich ausschließen, und in einem beständigen Krieg, aber eben deßhalb auch in einem anerkannten Kriegsrecht stehen.

Eine Feindschaft dieser Art besteht zwischen dem konservativen deutschen Volksgeist und dem radikalisirten Frankreich. Sie wird bleiben, so lange der Radikalismus in Frankreich bleibt, und keine Journalistik wird sie verwischen. Aber sie dient, recht geleitet, nur zum Heile von Europa, sie ist, wenn sie sich selbst versteht, eine Feindschaft der Nothwendigkeit—ohne weiteren Haß.

Denn mit Gegensätzen, die sich durchaus fremd sind, ist eine gewisse Anerkennung von selbst bedingt. Der Jüngling sucht den Umgang des Alters, dessen völlige Verschiedenheit ihm belehrend ist, der Knabe verwundert sich über den ä. Mann, dessen Wesen ihm unbegreiflich bleibt, und umgekehrt: mitten im Kampf erstaunt man über das, wovon man keine Spur in sich selber trägt.


Anmerkung: Indessen sind diese beiden Stellungen nicht durchaus gleich. So tief der ä. Mann den Knaben unter sich spürt, fühlt er doch auf empfindliche Weise den formellen Vorzug, den diesem die Aktivität verleiht—ein Geständniß, das mit dem sonstigen Übergewicht aufs seltsamste kontrastirt. Daher bald die Gleichgültigkeit, mit der er auf ihn herabsieht, bald das Unbehagen, das ein gehaltenes Wesen vor dem ungehaltenen empfindet; bald das Bewußtsein der Überlegenheit, bald die Bewunderung seiner äußern Vorzüge und seiner Beweglichkeit—(eine Bewunderung, die der Knabe, in seiner beschränkten Art, nur als Huldigung auffassen kann.) Dieser Wechsel bezeichnet das Benehmen des deutschen Volksgeistes gegen den französischen Radikalismus. Der ä. Mann vergibt seiner Würde, indem er den Knaben anerkennt, und doch ist es die Natur selbst, die ihn dazu zwingt. Nicht so der Jüngling gegenüber dem alten Mann. Ihn entwürdigt es nicht, es ziemt ihm sofar, das Alter, in dem was es Bedeutendes hat, zu ehren. Aber da er sowohl im Gehalt als in der Lebendigkeit über ihm steht, so liegt darin nicht die mindeste Concession. Bei aller Energie zeigt er deßhalb eine Höflichkeit, die das Alter zu seinem Schmerz noch anerkennen muß, wenn es geschlagen wird. Je weniger man den Gegner fürchtet, desto leichter hat man höflich sein. (Man vergleiche z. B. Friedrich des Gr. Verfahren gegen die vertriebenen Jesuiten.) Umgekehrt beleidigt der Konservatismus seinen Gegner durch Verachtung, ohne sich doch jeder Consession entschlagen zu können. Der ä. Mann muß überhaupt die Priorität der Jugend in der Art des Geistes eingestehn: der Liberalismus ist allen Stufen schlechthin—dem Radikalismus im Stoff, dem Konservatismus in der Aktion, dem Absolutismus in beidem—überlegen, und dieß ist es, was ihn unter den Parteien zum Herrscher macht.

§ 211

(Radikalismus und Liberalismus: Absolutismus und Konservatismus.)

Ganz ander steht der Jüngling mit dem Knaben, der ältere Mann mit dem alten Mann. Hier kann der Haß sich erzeugen, den ein innerer Gegensatz bei äußerer Ähnlichkeit hervorruft. Hier ist Verwandschaft in der Aktion, Zwiespalt in den Tendenzen. Während ich den bekämpfe, der in einer fremden Sphäre mir feindlich gegenüber steht, gehört mein Widerwille dem, der, scheinbar in der nämlichen, meine innern Tendenzen verdreht; der, bildlich zu reden, ein ähnliches Handwerk mit mir treibt, während er mir unablässig dieses Handwerk verdirbt.

Dieß ist die schwere Last, die zu allen Zeiten auf denjenigen Parteiführern lag, welche, in der Nothwendigkeit mit dem Extrem unter Einer Fahne zu gehn, den Zwiespalt verbergen mußten. Hieraus ist das berühmte Sprichwort entstanden: "Herr! bewahre mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden will ich mich selbst bewahren," ein Wort, dessen Wahrheit noch jeder Staatsmann erfahren hat. Ein englischer Konservativer z. B. wird vom Hochtory mehr gehaßt, als ihre beiderseitigen Feinde in der Opposition, und er selbst muß in der That gegen de Absolutisten, der ihn heimlich untergräbt, eine unendlich größere Bitterkeit empfinden, als gegen seinen offenen Gegnet. Wie vielen Liberalen ist nicht von Radikalen, wie vielen Konservativen von Absolutisten das Herz gebrochen worden! Canning ist au seinen Freunden, den Tories gestorben; Luther wäre erlegen unter der Thorheit seiner radikalen Genossen, hätte nicht sein großer Sinn und sein Trotz ihn gerettet; und O'Connell hat unaufhörlich zu thun, um die Auswüchse der Bewegung im Zaum zu halten. Nichts ist natürlicher als dieses Verhältniß. Der Jüngling muß schärfer als jeder andre die Fehler sehn, die er noch eben gebüßt und überwunden hat, und der Knabe kann Keinen mehr hassen als den, von dem er sich in jedem Momente durchschaut fühlt. Der ä. Mann sieht ungern auf das Alter hin, das ihm hevorsteht und dessen Tugenden er in sich fühlt ohne seine Schwächen; je weiser im wirklichen Sinne, desto mehr verachtet er die Routine der Kunst; und je mehr er seine Kraft aufbietet um es von Härten zurürckzuhalten, desto mehr wird er vom Alter selbst gehaßt.Vergleiche die Anmerkung zum §. 167.

Will man auch hier Nationalbeispiele, so stellt Englands Verhältniß zu Frankreich, (wenn freilich nur relativ), die Antipathie eines liberalen Volksgeistes gegen radikale, Deutschlands zu Rußland den Haß eines konservativen gegen absolute Tendenzen vor. Hier ist wirklicher, innerster Haß. Vergebens sagt man dem Deutschen, daß Rußland in dem großen Krieg wider den französischen Radikalismus ihm beigestanden, vergebens sieht er, wie deutsche Fürsten es mit aller der Ehrfurcht behandeln, die, wie es scheint, das Alter in Anspruch nimmt, vergebens bearbeitet man ihn durch Schriften und Reisen—er haßt Rußland und wird es hassen, so lang es sich nicht unter die Zuchtruthe des Konservatismus beugt.

An den Franzosen, an den Romanen überhaupt ist es nicht das radikale, sondern das absolutistische Element, was seinen Grimm erregt. Die welsche Perfidie, die welschen Ränke sind es, die wir hassen und gehaßt haben, so lang unsere Geschichte besteht.

§ 212

(Radikalismus und Absolutismus.)

Ganz eigenthümlich und keiner andern vergleichbar, ist die Beziehung zwischen dem Kind und dem alten Mann. Im Innersten verwandt und doch zu fern stehend, um sich dieser Verwandtschaft bewußt zu werden, verfolgen sie sich mit blutiger Erbitterung, aber nicht, ohne sich unwillkürlich fortwährend zu berühren.

War schon in dem Verhalten des ä. Manns zum Knaben eine Art von Mißton, so steigert er sich beim Alter zum reinen Widerspruch. Bald das Bewußtsein der unendlichen Prärogative, die die Erfahrung verleiht, bald das instinktmäßige Gefühlt der innern Gewachsenheit und äußern Ueberlegenheit des Knaben: so schwankt der Absolutismus zwischen einer Verachtung, die er sich erkünstelt und einer Anerkennung, die er sich verläugnet, zwischen Haß und Furcht, zwischen despotischen Maaßregeln und geistigen Concessionen.

Das Bezeichnende im Krieg der Extreme ist dieß, daß jederzeit beide Recht haben, und beide Unrecht, d. h. Recht gegenüber dem Andern, Unrecht jedes in sich. Als die französische Revolution den Despotismus der absoluten Zeiten umstürzte, hatte sie Recht gegen ihn, denn die Menschheit bedurfte der Rache; Unrecht in sich, denn sie pflanzte nur neuen Despotismus an die Stelle des alten. Wenn die absolute Partei in Deutschland über die zerstörende Tendenz der Radikalen, ųber die Hambachiaden in früherer, über die Bubenhaftigkeit der Literatur in jetztiger Zeit klagt, so hat sie Recht dem Radikalismus gegenüber, aber Unrecht in sich, denn ohne sie wären die Hambachiaden lächerlich und der Unfug der Presse wirkungsloser gewesen.

Das eine Extrem ruft beständig das andere hervor. Der Radikalismus in Deutschland erzeugt falsche Bundesbeschlüsse, diese wiederum ihn, und so fort. Um den schweizerischen zu heben, gibt es kein sichereres Mittel als die Jesuiten einzuführen: und um den deutschen zu verstärken, ist nichts geeigneter, als wenn man ihn mit mechanisch polizeilichen Maaßregeln bekämpft.

Der Radikalismus versteht zeitenweise den Absolutismus trefflich auszubeuten; er lernt von ihm und wird an ihm groß, wie im vorigen Jahrhundert. Der Absolutismus seinerseits schickt sich in ihn, wenn die Zeit es fordert, wie jetzt die französischen Legitimisten. Ein wirkliches, aufrichtiges Bündniß kann niemals entstehn, wohl aber eine Art Coquetterie, ein Wechsel von Anziehung und Abstoßung, im dringenden Fall eine Vereinigung gegen dritte—wie zwischen Rußland und Frankreich.

Nichts ist bei alle dem seltsamer, als die Hochachtung, welche beide Parteien, wenn auch unwissentlich, sich zollen.

In Deutschland tritt dieß auf sehr schlagende Weise hervor. Ein deutscher Bureaukrat von absoluter Gesinnung haßt nichts mehr als die radikalen Mitglieder der Kammern, und läßt keine Gelegenheit vorüber, diesen Haß thatsächlich zu zeigen. Man sollte glauben, eine solche Wuth könne nur aus dem Bewußtsein entspringen, gegen Dummheit und Schlectigkeit anzukämpfen. Nichts weniger als dieß! Unser Mann hat vor den radikalen Autoritäten einen unermeßlichen Respekt (wenn er ihn auch nicht gesteht); er hält sie für die Lichter der Zeit, — im letzten Grund für die, denen das Jahrhundert pflichtig ist: er verwechselt die falsche Freiheit mit der wahren und bekämpft in der erstern die letztere selbst. Die meisten absolutistischen Staatsmänner unserer Zeit halten im Grund ihre Sache für verloren. Sie brauchen, um sich zu behaupten, alle materiellen Mittel, die ihnen zu Gebot stehn, aber geistig geben sie sich auf. Im Bewußtsein, daß der Radikalismus ein Recht gegen sie selber hat, — ein Geständniß, zu dem ihr Gewissen sie nöthigt — glauben sie ihn am Ende überhaupt im Recht. Trotz alles Eifers, fehlt alle geistige Energie, aller moralische Muth; man ist, ohne es zu wissen, der Sklave der nämlichen Principien, die man zu verachten scheint. Die deutschen Staatszeitungen sind das Bild dieses Zustands.Ganz abgesehen davon, daß eine Menge von Staatsbeamten, Diplomaten &c., die gegen den Radikalismus sechten, in sich selber die materialistische Ansicht des vorigen Jahrhunderts tragen. — Zu dem Obigen gehört auch, was früher über das Verhalten der Theologen gegen Strauß und den Hegelianismus gesagt ist. Statt diese Leute von vorn herein zu durchschauen, bezeugte man einen unendlichen Respekt vor ihrem—Geist! Es war nicht anders möglich, nachdem die Theologie sich selbst in den knechtischsten Dienst der philosophischen Phrasen begeben hatte, die sie bekämpfen sollte.

Der Radikalismus seinerseits verfährt nicht anders. Wenn er jetzt nicht dieselbe Furcht vor seinem Gegner hat, wie dieser vor ihm, so geschieht es nur, weil der Zeitgeist sein Bewußtsein verstärkt. Aber er hält—und er hat dieß theilweise offen ausgesprochen—, wenn man einmal Dogmen und Symbole will, den Jesuitismus für die beste Religion; er will, wo nicht die Republik oder die modernste Konstitution, lieber die absolute Monarchie als die gemäßigte. Er bekämpft also im Jesuitismus die Religion und in den monarchischen Mißbräuchen die Monarchie—er verunftaltet die reine Thatsache durch die Unreinheit seiner Absicht.

Verfolgt man das Schauspiel, das der Radikalismus und der Absolutismus durch ihre wechselnden Operationen in Deutschland geben, so drängt sich unwillkürlich das Bild eines Kindes auf, das mit dem Großvater im Lehnstuhl spielt. Führt das Kind einen Wunsch im Schilde, so schmeichelt es dem Alten und liebkost ihm. Der Alte gewährt es; das Kind wird um so muthwilliger, es zerrt und feilscht, bis der Alte mit einem Schlag ein Ende macht. Nun schmollen beide; aber dem Alten drückt der Groll aufs Herz, er zieht das Kind an sich und gibt ihm ein Spielzeug, das Kind begnügt sich ein Weilchen, und hat es genug, so fängt das alte Spiel wieder an: je länder es dauert, um so frecher wird das Kind, um so härter der Alte. Mit Einem Wort: der ganze Kampf der Extreme ist seiner Natur nach ein unendlicher, und kann nur durch Intervention der männlichen Prinzipien entschieden werden.

§ 212

(Die richtige Stellung der Parteien.)

Man sieht, daß ein vollkommener Zustand nur dann vorhanden ist, wenn die extremen Parteien nur mittelbar, als Trabanten, im Zuge stehn; während der organische Kampf zwischen den männlichen selbst vollzogen wird. In diesen liegen die bestimmenden Ideen der Menschheit; aus ihrer Reibung quillt der Segen hervor. Ein beständiger Krieg der Mittelstufen gegen die Extreme würde die Menschheit zerfleischen und liegt außerhalb der Natur. Denn die Aufgabe der Höhern ist nicht zu vertilgen, sondern zu erziehen und zu beherrschen, was niedriger liegt; und die Bestimmung der Extreme ist nicht, eine Macht für sich zu sein, sondern jedes an seinem Ort zu sekundiren.

In der That sehn wir in den schönsten Zeiten Griechenlands, Roms und des Mittelalters je zwei große Heerlager sich entgegenstehn. Auf der einen der Liberalismus, in seiner Zucht das radikale —, auf der andern der Konservatismus und unter ihm das absolute Extrem — dieß ist der ewig herrschende und ewig fruchtbringende Gegensatz der Geschichte. Aber früher, in Zeiten eines nur instinktmäßigen politischen Lebens, fiel die Gefolgschaft mit der herrschenden Partei in Eins zusammen, so daß Name und Besonderheit in der Hauptidee unterging: jetzt ist die Menschheit ihrer selbst und damit auch der Vierheit der Principien bewußt geworden.In England z. B. stehen auch zwei Lager sich gegenüber, aber innerhalb derselben ist die Scheidung der Hochtories von den Tories, der Whigs von den Radikalen lang schon ausgesprochen und wird es von Tag zu Tage mehr. Man sieht an der Stellung der Parteien, wie sehr England an Klarheit und Erfahrung des politischen Lebens dem Continent überlegen ist.

§ 213

Allein nicht immer ist diese harmonische Stellung möglich. Die Lage der Parteien verrückt sich nach den Phasen der Zeitentwicklung. So tief die Extreme unter den männlichen Parteien stehn, so wird doch auch das Extrem, wenn es den Zeitgeist für sich hat, auf eine Zeitlang zur herrschenden Partei. Es gewinnt in dem nämlichen Augenblick eine organische Kraft, wer sie keine andere Richtung hat, und kann nur durch die vereinte Anstrengung der übrigen besiegt werden. Dann gilt es den Anschluß des Mannes an den Mann.

Dann verwandelt sich der Gegensatz der zwei großen, je zweifach in sich geschiedenen Lager in einen Kampft dreier vereinigter Heere gegen Eines. So, als ganz Europa sich gegen den universellen Absolutismus Ludwigs XIV. erhob; so als es sich mit seinen absoluten, liberalen und konservativen Bestandtheilen dem Erben des universellen Radikalismus, Napoleon, entegegenwarf. Es liegt aber in der Natur der Sache, daß solche Allianzen sich lösen, wenn der Zweck erreicht ist. Werden sie nicht rechtzeitig gelöst oder nicht von vornherein richtig geschlossen (d. h. im letztern Fall z. B. so, daß der Absolutismus nur in untergeordneter Stellung den Mittelparteien beitritt), so entstehen unorganische Verhältnisse der Art, wie jetzt zwischen Deutschland und Rußland.

Auch im Mittelalter kommen solche Tripelallianzen vor. Die liberalen Hohenstaufen hatten gegen sich den persönlichen Absolutismus einzelner Päbste, den demokratischen Radikalismus der italienischen Städte und den Konservatismus des deutschen Ständekörpers: und der letztere kam den Ideen, für die sie gefochten, erst dann zu Hülfe, nachdem sie selbst unterlegen waren. —

Da ein Extrem das andere und eine Mittelpartei die anderer bedingt, kurz gesagt, da jede Partei ihren natürlichen Widerpart, (der Radikalismus den Absolutismus, der Liberalismus den Konservatismus) hervorlockt: so kommt im jeweiligen Zeitgeist mit dem herrschenden Princip zugleich sein Gegengewicht zur Herrschaft.

In blühenden Zeiten entspringt hieraus ein entschiedenes Uebergewicht der männlichen Principien. In extrematischen erzeugt sich jene Nothwendigkeit einer Vermittlung der Extreme, jenes Bedürfniß eines durchgreifenden und doch versöhnenden Princips, wovon unsere Zeit so voll ist. —

Die vier Elemente des politischen Lebens sind zu vergleichen den Elementen der Natur. Wie der rastlos lebendige Odem der Luft sich an der ruhenden Veste der Erde bricht, wie beide in ewiger Reibung sich bekämpfen und doch immer fruchtbringend sich annähern und umfangen: so steht der Liberalismus dem Konservatismus entgegen. Wie dagegen Feuer und Wasser sich ausschließen, wie im Feuer die höchste Zerstörung mit dem unscheinbarsten Keime, in Wasser die lockendste Ruhe mit der verderbendsten Gewalt sich paart, wie beide sich nicht bekämpfen, ohne sich zu vertilgen: so der Radikalismus und der Absolutismus: gebunden beide an die männlichen Elemente, wie das Feuer an die Luft, das Wasser an die Erde gebunden ist.

Luft und Erde sind die Grundbedingungen des physischen Daseins, deren es in jeder Sekunde bedarf; Feuer und Wasser die unentbehrlichen Accessorien der Erhaltung. So die Parteien im Staatsleben. Wenn das radikale Prinzip, gleich dem Feuer, überwacht, das absolute gleich dem Wasser in &c., in unübersteiglichen Schranken gehalten wird, so können dem Staat auch die Extreme nur zum Heil gereichen.

§ 214

(Das Verhältniß der Partei zu den Personen.)

Die Frage nach dem Ursprung der äußern Partei war der Anfangspunkt, von dem wir ausgingen. Sie hat uns zur Erkenntniß von vier innern Richtungen geführt, denen Jedermann pflichtig ist, die das Leben der Menschheit nach allen Seiten umfassen und wovon die Parteien im gewöhnlichen Sinn nur Abdrücke, je nach dem Charakter der Staaten bald dunkle bald kenntliche Abdrücke sind. Nach dieser Lösung kann die äußere Partei nur insofern noch Gegenstand der Betrachtung sein, als es die Frage gilt, wie weit sie mit der innern zusammenfällt, d. h. wie weit die einzelnen Anhänger der Partei auch wirklich der seelischen Richtung angehören.

Sieht man nämlich auf die persönlichen Bestandtheile, aus denen die Parteien bestehn, so ist es, als habe zu keiner Zeit weder der Liberalismus noch der Konservatismus geherrscht: als seien es gerade die Mittelparteien gewesen, die von den Extremen überflügelt und aufgesogen wurden, statt sie ihrerseits zu beherrschen. In den Parteien des Alterthums, wie des Mittelalters springs überall nur die Auswüchse hervor, in ganzen Länderstrecken, ganzen Abschnitten entartet der Kampft zu einem thierischen Krieg; es ist nur ein dunkler Gedanke, der sich durch die Leidenschaften der Masse hindurchzieht.

Der Grund ist dieser. Die extrematischen Parteien bestehen in der Wirklichkeit aus extrematischen Personen. Die männlichen können nur der Minderzahl nach aus männlichen Individuen bestehn. Die Menge der Partei wird von denen gebildet, die aus dem Trieb einer tüchtigen Nationalität, aus Instinkt, Tradition oder Verhältnissen sich an höhere Principien anschließen; die Individualität und mit ihr das Bewußtsein ist in den Einzelnen.

Die Männer einer solchen Partei haben daher nicht nur gegen die Masse zu kämpfen, sofern sie gegen andere Parteien zu kämpfen haben, sondern sie müssen auch innerhalb ihrer eignen Partei fortwährend die Gewalt des Princips den extrematischen Neigungen der Personen entegegensetzen. So wie diese Herrschaft nachläßt, sinkt auch die männliche Partei (indem die Mehrzahl der unmännlichen Individuen den männlichen Instinkt überwältigt) zur Faktion herab: und dieß ist der Grund, warum als Faktionen alle Faktionen der Welt in ihrer Taktik sich gleich sind; denn diese Taktik kann von diesem Augenblick an keine andere sein als die, welche in der Natur der Menge liegt.Also die, welche bei Anlaß des Radikalismus §. 81 und 82 geschildert worden ist.

Es kommt aber, wenn man die Individuen würdigen will, nicht nur die Verschiedenheit der Parteien unter sich selbst, sondern auch das höhere oder mindere Maaß, in dem das Individuum sie ausdrückt, in Betracht.

Jede Vollkommenheit, zu der sich die Natur erhebt, wenn auch in untergeordneten Sphären, hat die Berechtigung eines nothwendigen, tausend andere seiner Gattung repräsentirenden Organismus. Ein vollkommenes Kind, ein vollkommener Greis sind in ihrer Art mehr als ein halber MannNur daß man sich unter der Vollkommenheit nicht die entartetsten, sondern die reinsten Erscheinungen denke.: und in diesem Sinn ist es größer, der herrschende Führer eines falschen, als das geringe Mitglied eines richtigen Strebens zu sein. Zwar bleibt im letzteren ein Etwas, was auch der größte Radikale niemals errecihen kann:So wie das größte Weib niemals den niedrigsten Mann erreichen kann. aber die vollständige Darstellung einer niedrigern Stufe siegt eben durch die Gewalt des Organismus über den unvollkommenen Ausdruck einer höhern—und dieß ist die Macht, welche der Zeitgeist giebt.

Man würde daher sehr irren, wenn man glaubte, daß die Bezeichnungen radikal und absolut an und für sich schon einen niedrigen Organismus ausdrücken; innerhalb dieser Stufen geht eine unendliche abgestufte Linie vom untersten bis zum höchsten Geschöpf. Nicht in der Idee an sich, sondern in den Parteien, wie sie in der wirklichen Welt gewöhnlich vor uns sind, liegt die Nebenbedeutung des Verwerflichen, die sich damit verknünpft. Denn diese wirkliche Welt enthält für gemeinhin nur theilweise, gemischte, mangelhafte Organismen. Selten sind vielseitige Ausdrücke, noch seltener vollständige Menschen von ganz besetzter, ausgefüllter Konstitution. Inkarnationen, in denen eine Tendenz zu Fleisch geworden ist, sind, welcher Stufe sie angemögen, Menschen der Jahrtausende, der Weltgeschichte.

Haben wir aber mit wenigen Ausnahmen nur relative Verkörperungen vor uns, so tritt der Vorrang der männlichen Stufen über die Extreme mit voller Macht zu Tag. Ein unvollkommener Liberaler, ein theilweiser Konservativer hat dadurch schon eine Größe in sich: ein Radikaler, ein Absolutist der nämlichen Art fällt allen Fehlern seiner Stufe anheim und zeigt nur sie, ohne sie durch das Gegengewicht einer großen Qualität zu ersetzen.

§ 215

(Einwirkung des Volks- und Zeitgeistes.)

Um die Partei zu erkennen, der der Mensch persönlich angehört, muß beständig die Volksraçe, die Stellung, der Zeitgeist, die Entwicklung berücksichtigt werden.

So z. B. haben wir Europäer lange Zeit hindurch die großen Erscheinungen des östlichen Aliens blos und allein vom Standpunkt der Raçe betrachtet. Menschen, die zu den größten aller Zeiten gehören, wie z. B. Attila und Dschingis-Chan, hat man uns, wo nicht als unnatürliche Wüthriche, doch stets als absolutistische Despoten geschildert. Statt den Menschen zu sehn, hat man nur den Mongolen oder Hunnen gesehn; nicht was sie unter ihrem Volke waren, sondern wie sie mit ihrem Volke uns gegenüber traten, hat man ins Auge gefaßt. Ein Barbar aber bleibt stets ein Barbar; und doppelt, wenn er als Held seiner Nation hervortritt. Wie sehr erstaunt man, in diesen Ungeheuern, wenn man sich die Mühe nimmt, sich in ihre Lage zu versetzen, Geister von Hoheit und schöpfterischer Kraft, und wenn auch sehr harte, doch gerechte, von Niedrigkeit entfernte Charaktere zu finden. Es klingt für europäisch Ohren äußerst sonderbar, sich diese Ungeheuer als liberale Herrscher zu denken—aber die Geschichte, welche zwischen der Tyrannei des Zeit- und Volksgeistes und zwischen der des Individuums zu unterscheiden weiß, wird ihnen diese Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Eben so oft verwechselt man das Individuum mit seinem Amte. Gewohnt z. B., das Pabstthum als absolutistisch zu betrachten, warf man die Individuen mit der Stellung in Eins zusammen, und die großartigsten Liberalen, wie Gregor VII. und Innocenz III. galten als absolute Despoten: eine Barbarei, die durch Müller ihr Ende erreicht hat. Ein radikaler Parteiführer, um ein anderes Beispiel zu nehmen, der sich in ein monarchisches Ministerium begibt, wird seinen Parteigenossen sofort wie verändert erscheinen, man zeiht ihn des Abfalls, und er ist abgefallen in der That, aber nicht, weil er sich dem unvermeidlichen, konservativen Instinkt seiner Stellung hingab, sondern indem er eine Stellung annahm, die von vornherein mit dem radikalen Prinzip kontrastirt.

Eine radikale Regierung durchbricht entweder den Geist des Amtes, indem sie alle Zügel zerreißt, oder aber—sie wird vollkommen stabil, um sich zu behaupten. Das heutige Bern z. B. wird im Innern stabil regiert. Die Tradition des alten Regiments ist in Volk und Regenten noch unbewußt lebendig, und hienach wird regiert. Die Individuen an sich sind so radikal, wie anderwärts, aber sie zeigen es nur—nach außen.

§ 216

Ein anderer Punkt ist die Einwirkung des Zeitgeists, der durch seine Wendungen andere Lichter und andere Schatten auf die Personen wirft, während die Personen selbst sich gleich bleiben. Burke war unter den Reihen der liberalen Opposition, als die französische Revolution den Radikalismus zur Herrschaft erhob. In diesem Augenblick handelte Burke, wie jeder Liberale handeln konnte: er trat mit aller Kraft seines Talents gegen die Revolution auf. Die Beschränktheit hat seither nicht ermangelt, Burke des Abfalls von seinen Prinzipien zu beschuldigen; nicht nur diejenige Beschränktheit, die jeden, der nicht ihrer Meinung ist, verdammt, sondern auch die, welche in der Revolution nichts anderes sehen will, als wenn auch Auswüchse, doch nur Auswüchse des Liberalismus. Und doch war es nur derselbe Burke, der als Liberaler in England den halb absolutistischen Konservatismus der Tories, in Frankreich den Radikalismus bekämpfte.

Gerade so, nur umgekehrt, ist Cannign behandelt worden. Canning hatte als unumwundener Tory die revolutionären Prinzipien und die demagogischen Bewegungen in England bekämpft. Je mehr aber die Restauration der europäische Mächte zur Reaktion sich wandelte, je mehr die Freiheit auf dem Continent verschwand, desto mehr war es wiederum Canning, der sie mit steigender Ergriffenheit umfaßte. Es was derselbe konservative Canning, der mit Hülfe des Absolutismus (— diese Hülfe kann ein englischer Tory nicht zurückweisen —) der Empörung entgegentrat, und derselbe, der am Ende seines Lebens, als rings um ihn die Knechtschaft mächtig geworden, die Revolution aus ihren verschlossenen Höhlen als Gegengift zu locken drohte. Dafür haben ihn die Absolutisten verfolgt, und die Radikalen ermangeln nicht, mit der gleichen Albernheit, womit sie Burke als Verräther, ihn als Proselyten ihrer Sache zu bezeichnen.

In radikalen Zeiten nimmt der Mann für die überlieferten Güter der Menschheit gegen die Negation, in absoluten nimmt er für die Freiheit gegen die Beschränkung Partei; der Menge scheint er verändert; er übt nur die gleiche Pflicht.Hier liegt der große Sinn der §. 10 citirten Stelle von Gentz. Die Radikalen glauben stets, man kämpfe für sie, wenn man für die Geistesfreiheit, die Absolutisten —, wenn man für die Orthodoxie Partei nimmt. Daher ihre falsche Beurtheilung historischer Personen. Wie würden sie erstaunen, wenn Luther oder Lessing wieder aufstünden, sie durchaus gegen sich zu sehn.

§ 217

(Einfluß der Entwicklung.)

Eben so wichtig im praktischen Leben ist der Wechsel der Prinzipien im Entwicklungsgang des Einzelnen.

Alle Naturen, tüchtige wie untüchtige, spiegeln in ihrem Leben die vier Parteien ab. Das Individuum selbst bleibt sich gleich; durch keine Erziehung, kein Schicksal wird das eingeborene Ich verwandelt; ein und dasselbe, aber mit wechselnden Farben, geht es durch die Schlaglichter der Jahre hindurch.

In großen Naturen zeigt sich die Entwicklung mit der sichtlichsten Schärfe; so scharf, daß der objektive Betrachter ihres Lebens oder ihrer Werke die wechselnden Rinden vom individuellen Kerne losschälen und den Kern in seiner Reinheit erfassen kann.

In unorganischen, gemischten oder kleinen tritt sie nicht minder kenntlich, aber auf andere Art heraus. Wo der Kern selbst ohne Einheit und Geschlossenheit ist, drückt die Entwicklung durch die Lücken des Kernes hindurch, füllt sie aus, und macht das Individuum, an dem sie keinen Widerstand findet, zu ihrem Spielball.

Dieß sind die Talente, die einmal in der liberalen Blüthezeit des Lebens, gekräftigt durch die schöpferische Kraft der Entwicklungsphase, emporgetrieben, und dann ausgeschöpft in ihr Nichts zurückfallen: Menschen, deren einstige Bedeutung der spätere Zeitgenosse, wenn er sie sieht, unbegreiflich findet. Gesellt sich überdieß zur jugendlichen Entwicklung der Drang einer großen Zeit, so werden solche Naturen auf einige Zeit über sich selbst gehoben; und ihr späteres Leben verstreicht in ohnmächtiger Erinnerung an den verblichenen Ruhm.Man kann dieses Gefühl nicht lebhafter inne werden, als wenn man so manchen Überlebenden der alten deutschen Burschenschaft sicht.

Wenn indeß die Entwicklung oft über den wahren Gehatl des Individuums täuscht, so ruft sie noch öfter ein ungerechtes Urtheil hervor. Man spricht von Gesinnungslosigkeit, von Abfall, von Wechsel der Tendenzen, wo nichts vorhanden ist als die Wirkung der Entwicklung.

So z. B. soll der ultramontane Görres in München unvereinbar sein mit dem Herausgeber des rheinischen Merkurs. Görres hat einst seine radikale Phase durchlaufen, wie er jetzt seine absolutistische durchläuft, und wer ihn verfolgt, wird schwerlich denselben in ihm verkennen. Es ist eine ganz andere Frage, ob seine Natur überhaupt eine einheitliche ist, ob die Entwicklung organisch an ihr abgelaufen oder sich unorganisch in sie eingedrückt hat. War dieß aber, so war es bei jeder Phase im gleichen Grad, und man hat die Natur, nicht das Faktum anzuklagen.

Wie scheidend solche Mißurtheile im politischen Leben wirken, liegt auf der Hand. Stein z. B., — derselbe, dem Preußen die einzige Epoche verdankt, in der es den Sinn der neuern Zeit ohne ihre Gebrechen zu erfassen schien — wird jetzt verurtheil, weil die Strenge, womit er im Alter gegen den "modernen Liberalismus" im Staate und in der Kirche sich ausgesprochen, seinen frühern demokratischen Institutionen zu widersprechen schien. Allein seine Tendenz ist immer die nämliche geblieben, und wenn er z. B. in der Julirevolution mehr den Radikalismus, als den Absolutismus der Bourbonen sah, so war dieß im Alter ganz natürlich.

Wie ihm, ist es dem ganzen Geschlechte ergangen, das in der Epoche der deutschen Restauration gewirkt hat. Die Männer der Freiheitskriege sind in unsern Augen gealtert; und die junge Generation, statt in ihnen die Individuen zu achten, stößt sich an der Entwicklung, welche der Natur der Dinge nach in ihnen die stärkste Reaktion gegen das moderne Wesen erzeugen muß. Auf diese Weise gewinnt der Radikalismus Raum, die ehrenwerthesten Naturen über Bord zu werfen (wie er z. B. mit Arndt gethan) und es fehlt nicht viel, so war unsere Restaurationsepoche nur das Kunstwerk einer abgefeimten Reaktion. —

Wenn Leo z. B. in seiner jetztigen Auffassung der Geschichte ein völlig andrer ist als in seiner Geschichte der Juden; so ist dieß zunächst die Frucht der Entwicklung, und man mag das letztere Werk als Produkt seiner radikalen Phase sich erklären. Wo aber die Entwicklung so einschneidende, so springende Wandlungen hervorbringt, da muß es in der Natur selbst an Ebenmaaß fehlen. Die Entwicklung wird gevestigte Naturen niemals so weit übermannen, daß sie genöthigt sind, frühere Dinge als ihrer Wesenheit kontrastirend zu widerrufen. Der Mann muß in den Irrthümern der Entwicklung den schon damals sichtbaren Grundkern seines Strebens zeigen, — er muß die Entwicklung loslösen können, statt sie zu verläugnen. Es ist nicht ganz harmonisch mit der Nature bestellt, wenn man auf ein Jugendprodukt so herabsehen muß, wie Gentz auf sein Memorial an den König von Preußen herabsah.

Auch hierin zeigt sich Lessings Natur in ihrer seltenen Reinheit. Von Anfang bis zu Ende, obwohl er den Radikalismus sehr sichtbar durchgemacht hat, derselbe männliche Lessing.

Wenn das Alter auf Schwächen in der Natur stößt so amalgamirt es sich mit ihnen und die Fehlet des Menschen, früher gehalten durch Kraft des männlichen Alter, treten offen hervor. Große Naturen haben diese Einwirkung gebüßt; man reagirt gegen die Entwicklung, aber oft zu spät, und der Glanz eines edeln Lebens wird zuletzt noch getrübt. Nichts itPRP:P[ֹQq5Ė$ |!}Bp~p -0B{Br~r"-2B{bJ:P9gqW<ga}AwrV^Rsofju"U2s=B_[ÚB'ČtĻTRT:T[ֹQdAZtr٬!;4 Da^Gtt Dռ$B ān~Edq5Ė$$|!}djThIeq$$JA|$sD-Bv~v&-6B{fJ:P9gqW<*ga}AwvV^Rsofju&U6s=F_[ÚB'ȌtȻXRX:X[ֹQhAZxr٬!;8 Ha^Gxt Hռ(B ȁn~Ehq5Ė$(|!}hjXhIeq((JA|(sH-Bz~z-:B{jJ:P9gqW<ga}AwzV^Rsofju*U:s=J_[ÚB'̌t̻\R\:[ֹ QlAZ|r٬!;< La^G|t Lռ,B ́n~Elq5Ė$,|!}lj\hIeq,,JA|,sL-B~~~.->B{nJ:P9gqW<*ga}Aw~V^Rsofju.U>s=N_[ÚB'lle Harmonie des Daseins, und daher zum Theil jene Unbefriedigung und Zerrissenheit, die man an radikalen Charakteren so gewohnt ist.Nebenbei gesagt, liegt hier der Grund des hohen Alters des Menschen in der Kindheit des Menschengeschlechts. Um sich ihrer Eigenthümlichkeit bewußt zu werden, mußten sie die zweite Kindheit erleben.

Im Alter bewährt sich der Mann. Den Tag, sagt das Sprüchwort, sollst du nicht vor dem Abend loben. Die Entwicklung ist der Probirstein der Naturen.

§ 218

(Die Partei und die Führer; der Volksgeist und die Regierung.)

Die letzte Erscheinung, worauf die Praxis des politischen Lebens führt, ist der Contrast zwischen den Parteiführern und der Partei selbst.

Wer die Persönlichkeiten im Parteileben aufmerksam beachtet, wird finden, daß die Führer der Partei in ihrem persönlichen Standpunkt den allgemeinen Charakter derselben durchaus nicht immer theilen. Wenn der Radikalismus den Liberalismus überfluthet, wird kein Liberaler Anstand nehmen, sich mit einer konservativen Partei, selbst wenn sie von absoluten Bestandtheilen nicht völlig frei ist, entschieden zu verbrüdern. Eben so handelt ein Konservativer, wenn der Absolutismus die Schranken durchbricht. Aber auch ohne dieß, und selbst in männlichen Zeiten, ist ein organischer Gegensatz der Führer zur Partei sehr häufig und sehr angemessen. Eine liberale Partei gewinnt, wenn die Erfahrung eines konservativen Führers ihre Lebendigkeit, eine konservative, wenn die Kraft eines Liberalen ihre Ruhe ermäßigt. Radikale Revolutionen sind das beste Feld für alte Intriguanten, (Knaben werden am leichtesten von Alten kommandirt—) und in absolutistischen ist radikales Feuer am Platz.

Der äußerste Punkt der französischen Revolution war die Diktatur eines Absolutisten; — in Robespierre konnten die Jakobiner sich koncentriren. Für die Leitung der Tories im Weltkampf gegen die Revolution war Niemand geeigneter, als ein energischer, rücksichtsloser Liberaler, der jüngere Pitt. In der niederländischen Revolution führte Wilhelm der Schweigende, einer der größten konservativen Diplomaten, die radikal-liberale Partei; und Radikale stehn an der Spitze des jüngsten französisch-absolutistischen Aufstandes in Spanien.So stand in Zürich ein materialistischer Staatsmann an der Spitze der Radikalen; ein Rationalist beherrschte ihre Presse; und ein Liberaler leitet die konservative Partei.

Die Parteien aber sind hier nur ein schwächeres Abbild der Staaten.

Jede Regierung tritt, sofern sie als Regierung den Unterthanen gegenübersteht, mit dem Volksgeist in einen organischen Gegesatz.

Man betrachte die großen Staaten Europas. Die Engländer sind liberal. Die Regierung von England kann nicht anders als gemessen, zurückhaltend, bewahrend sein. Ein energisch liberaler Mann wäre nirgends unglücklicher als auf dem Thron von England. Der Engländer verlangt von seiner Regierung die sorgsamste Pflege der herkömmlichen Rechte; er selbst will schaffen, er will seine Geschichte machen, sie soll ermässigen, verordnen, verarbeiten.Auch des alte Rom ist hier Beispiel. Die Römber verlangten Konservatismus von ihren Regenten und wurden in ihrer besten Zeit konservativ regiert.

Der Franzose, absolutistisch im Grundcharakter, will radikal durchgreifend regiert sein. Wenn er regiert wird, wie Napoleon ihn regiert hat, so ist er befriedigt. Mag seine Regierung gewaltsam und despotisch sein, wenn er nur oben radikale Principien sieht.

Der Russe, knabenhaft seinem Wesen nach, muß absolutistisch beherrscht sein. In den untern Regionen vollendete Unmündigkeit, in den obern die Raffinirtheit des Alters, ist der Charakter von Rußland.

Der deutsche Volksgeist ist ruhig in sich: Aktivität begehrt er von seiner Regierung. Regierungen, die Nichts thun, sind nirgends übler angebracht, als bei einem Volke, das beständig Großes von seinen Herrschern erwartet, von sich aus aber niemals die Prärogative ergreift. Das Ideal des deutschen Zustandes ist der thätigste Liberalismus, regierend auf der Grundlage eines verarbeitenden Volksgeistes; sind die unternehmendsten Regenten, gestützt auf die Treue des konservativen Naturells. Alle großen deutschen Kaiser, bis auf Rudolf von Habsburg, waren liberal, und nicht nur die Personen, selbst die Geschlechter waren es. Wenn dieser Liberalismus fortwährend mit dem Konservatismus der Stände zusammenstieß, so war das in der Art wie es damals geschah, durch den Charakter des Mittelalters bedingt; in richtiger Weise, kann der Zusammenstoß nur nützlich und heilsam sein.Indem wir diese Vergleichung geben, ist es nicht unsre Meinung, diese vier Völker unter vier Klassen zu ordnen und damit kurz bestimmen zu wollen. Vǫlkernaturen sind so unvollkommen, so gemischt und so schwer erkennbar als die der Einzelnen. Allein die Spitzen der verschiedenen Instinkte, und die gegenwärtige Sachlage (sowohl faktisch als in ihrer heutigen psychischen Möglichkeit) ist damit ausgedrückt. Was die Franzosen betrifft, so sind sie zwar nur extrematisch, aber ihr extrematisches Naturell ist von der Hand der Natur vollständiger ausgeführt als unser männliches. Radikal hat sich die französische Regierung von jeher zu den Völkern gestellt, als Beschützer der deutschen, der ungarischen, der schottischen &c. "Freiheit."

In den Regierungen aber liegen die Principien, liegt der große politische Verkehr. Frankreich wird Europa gegenüber radikal sein, mag es von Napoleon oder von Louis Philippe, Rußland absolutistisch, mag es von Alexander oder Nikolaus regiert werden. Es ist der Regierungsinstinkt. England verfährt dem Auslande gegenüber konservativ, (indem es praktisch-geschichtlich jede Eigenthümlichkeit anerkennt) und Deutschlands Beruf ist es, liberal zu verfahren.

Wenn der Zeitgeist radikal ist, so tritt in erster Linie der Absolutismus als Gegner hervor. Von vornherein, aber in zweiter stellt sich der Konservatismus entgegen; in dritter vermittelt und entscheidet der Liberalismus.

Dieß ist äußerlich gegenüber der Verkörperung des Radikalismus im französischen Kaiserreich schon einmal geschehn. Rußland hat es in erster Linie gestürzt; England hat als natürlicher Feind den langwierigen Kampf gekämpft; und Deutschland hat entschieden.

Zum zweiten Mal muß es innerlich geschehn. Die Welt ist zwischen dem demokratischen Prinzip unter Frankreichs, dem legitimistischen unter Rußlands Vortritt getheilt. England setzt dem einen nur seine Erfahrung und seine Geschichte, dem andern nur seine Verachtung entgegen; Deutschland wird schöpferisch prinzipiell entscheiden.

Fünftes Kapitel.

Die Verkörperung der vier Stufen im Staat und in der Geschichte.

§ 219

Die vier Grundrichtungen der Menschheit prägen sich in der Bildung der Staaten aus, als vier allgemeine Charaktere der Staatsverfassung.

§ 220

Der Radikalismus (als Herrschaft der Abstraktion) erzeugt den Idolstaat:

der Liberalismus den Individualstaat;

der Konservatismus den Raçestaat;

der Absolutismus den Formenstaat.


Anmerkung: Die Individualität ist lebendige Idee, die Raçe lebendige Tradition. Das Idol ist die knabenhafte Voransicht der Idee, die Form ist die greifenhafte Verdrehung des traditionellen Rechts.

§ 221

Der Charakter eines jeden dieser Staaten tritt sichtbar hervor in seinem Oberhaupt; d. h. in dem Gesichtpunkt, auf dem die Gewalt des Oberhauptes beruht.


Anmerkung: Gleichviel, ob dasselbe aus einer oder aus vielen Personen besteht. Die vier Typen, welche hier aufgestellt sind, bezeichnen den Lebensgeist der Staaten, nicht die äußere Verfassung, von der jeder Typus in sich selbst wieder die verschiedensten Formen hat.

§ 222

Der Radikalismus verehrt in seinem Herrscher das Idol: d. h. in der konstitutionellen Monarchie, die abstrakte Heiligkeit, welche der Herrscher durch die Verfassung erhält, deren leidendes Organ er ist, eine Heiligkeit, welche lediglich auf der Würde und dem Amt, nicht auf dem Individuum beruht (das im Gegentheil je unbedeutender desto geeigneter ist;) in der Republik, den abstrakten Begriff des souveränen Volks, als dessen Ausfluß jede Gewalt im Staate gedacht wird.


Anmerkung: Das Wesen der modernen Monarchie kann nicht an den konstitutionellen Staaten Deutschlands (welche Nichts sind als ein Verkommniß der alten Monarchie mit den neuen Ideen) sondern nur an der konsequenten Ausbildung während der französischen Revolution erkannt werden. Die Konstitution, welche die Nationalversammlung entwarf, machte die Person des Königs zum mechanischen Gefäß der Abstraktion. Alle radikalen Staatstheorien gehen darauf hinaus, und nicht das Prinzip der modernen Konstitutionen, sondern die Nothwendigkeit, die Konsequnez des Prinzips zu mildern und der Widerstand, welchen die Natur der Dinge gegen die Unnatur erhebt, sind Ursache, daß der Idolstaat sich anderwärts nicht verwirklicht hat. Sieyes Großwähler und Hegels "Punkt auf dem I" sind eins, und die gesammte radikale Opposition der deutschen Kammern wird von dieser Theorie, als dem erhabendsten Ideal des Staates, beherrscht. Es ist eine allgemeine Vorstellung unsrer Zeit, die höchste Staatskunst sei, eine Monarchie zu schaffen, in welcher es im Wesentlichen gleichgilt, ob die Persönlichkeit des Regenten eine gute oder eine schlechte ist. Wenn es aber die höchste Aufgabe ist, die Person des Monarchen außerpersönlich zu machen, zu was überhaupt eine Monarchie? Als Sieyes dem ersten Konsul die Großwählerschaft anbot, antwortete Napoleon, er habe nicht Lust, sich als Schwein im Stalle auf Kosten der Nation füttern zu lassen; und in der That wird kein bedeutender Mensch geneigt sein, als abstrakte Maschine die Gesetze zu registriren.

Was den republikanischen Idolstaat betrifft, so unterscheide man zwischen Volk und Nation. Die Nation als lebendiges Gesammtindividuum, innerhalb dessen erst Haupt und Glieder, Herrscher und Unterthanen sind, ist freilich der Urheber von allem was geschieft un der absolute Souverän, (so wie mein Ich absolute über allem steht, was meine Funktionen thun;) aber nicht das Volk als ein Götze, der nur ein Haupt ist ohne Glieder, d. h. dessen einzelne Theilhaber von vorm herein sämmtlich als herrschen gesetzt werden, ohne daß Bestandtheile unter ihnen sind, worüber geherrscht wird—als ob Herrschaft denkbar wäre ohne Unterthanen.

Monarchisch oder republikanisch, ist der moderne Staat dadurch charakterisirt, daß in ihm nicht das lebendige Gesetz regiert, sondern das doktrinäre nicht der Mensch über die Verfassung herrscht, sondern die Verfassung über den Menschen. Diese selbst aber ist nicht der Gesammtausdruck des nationalen Zustandes, das Gesammtprodukt der nationalen Geschichte, sondern ein geschriebenes Gesetz, eine Charte, mit einem Wort, ein Idol. Statt daß die Verfassung sich nach der Nation, soll die Nation sich nach der Verfassun richten; man zeichnet ihr als höchste Aufgabe vor, im Geist der Charte zu leben, sich die Charte zu eigen zu machen, ihr stets getreu zu sein u. s. f. Frankreich mit der Charte im Wappen ist ein sprechendes Bild. Einige Menschen entwerfen, aus der Anschauung ihrer Zeit heraus und unter dem Einfluß der Bewegungen des Augenblicks, eine Konstitution, und dieses Papier wird zum Herren gesetzt über die künstigen Geschlechter. Wie die Menschen in der Kindheit der Geschichte (siehe die folgenden §§.) errichtet man mit eignen Händen ein Idol und fällt darvor als vor einem Gotte nieder. Ist der eine Götze zerstört, so macht man sich einen ander; man denke an die spanischen und portugiesischen Konstitutionen. So ist das Wesen des Kinds.

§ 223

im Individualstaat ist es die Persönlichkeit—Größe des Geistes und Charakters, innere und äußere Vorzüge—, welcher man Verehrung zollt. Der Römer in seinen Magistraten, das Mittelalter in seinem Kaiser, der Engländer in seinem Parlament, alle erhen an ihrem Oberhaupt die Überlegenheit der Individualität.


Anmerkung: Alle fingirten Berechtigungen sinken vor dieser ewig menschlichen, urkräftigen Quelle der Legitimität zusammen, wie das Künstliche zusammensinkt vor der Allgewalt der Natur. Alle Völker, ohne Ausnahme, haben das Bedürniß, von starken Individualitäten stark regiert zu sein und alle Zeiten, alle Stände gehorchen ihr. So sehr ist der Individualität im Menschen begründet, daß selbst der Formen- und der Idolstaat zu ihm hinstreben, indem neben die begriffliche Regierung die faktische Herrschaft wenigstens relativ hervorragender Personen tritt. Der größte Theil von Europa ist seit langer Zeit an die Ministerregierung gewöhnt, und man ist dahin gekommen, diesen Zustand als den natürlichen zu betrachten. Allein die wahre, die natürliche Monarchie ist die Selbstherrschaft des Monarchen. Die Fųrsten des Mittelalter haben selber geherrscht, weil sie Individuen waren; die Ministerregierung ist nichts als die nothwendige Aushülfe füre den Mangel an Individualität.

§ 224

Im Raçestaat liegt die Berechtigung im Geschlecht. Trägt auch das Oberhaupt die Quelle seiner Macht nicht bloß in seiner Person, so ist es doch keine durch Fiktion oder von außen herein ihm zugelegte, sondern eine wirklich menschliche Macht. Der Regent herrscht, weil er psychischer und materieller Erbe des Geschlechtes ist, das diese Macht durch natürliche Ueberlegenheit sich erworben hat. Diese Macht steigt und sinkt also mit der Größe der Geschlechter. —

Die deutsche Geschichte ist das größte Gemälde dieses Vorgangs. Die meisten Freistädte und Fürstenthümer des deutschen Reiches waren Raçestaaten; und auch heute noch ehrt der Deutsche in seinen Regenten ererbte Stammestugend und ererbte Stammesmacht.


Anmerkung: Der Raçestaat ist under den vier Typen der jenige, dessen äußere Erscheinung die mannichfachsten Wandlungen erleidet. Er geht von der streng monarchischen bis zue demokratischen Form; man vergleiche die Präponderanz der Geschlechter in Schweden mit der in den Urkantonen der Schweiz.Wir haben die Demokratie a. a. O. als radikal bezeichnet; man sieht hier, daß wir nur die moderne, idolische Gleichheitsverfassung, welche jetzt ausschließlich Demokratie genannt wird, damit bezeichnen wollen. Die schweizerischen Radikalen gestehen in der That den Urkantonen der Schweiz das Attribut einer wahren Demokratie nicht mehr zu; und bei dem allgemein radikal Sinn, welcher auch von deutschen Schriftstellern diesem Wort untergelegt wird, mußten wir uns dem radikalen Sprachgebrauch bequemen. In der knabenhaften Demokratie strebt Alles nach demselben Rechte; in der männlichen können die verschiedensten Rechte sein, Keiner begehrt nach dem Recht des Ander, aber jeder setzt seine Sphäre mit demokratischem Bewußtsein der des Andern an moralischer Geltung gleich. Diese letztere Art von Demokratie ist vielleicht nirgends so merkwürdig ausgebildet, als in einem großen Theil von Graubündten, wo neben der einflußreichsten Stellung des Adels die vollkommenste Selbständigkeit der Bauern herrscht. Kein Typus aber ist gegenwärtig schwerer zu beurtheilen, weil in allen Raçestaaten, die vor der fr. Rev. noch bestanden, wie in den deutschen, schweizerischen und Venedig schon die absolutistische Entartung der letzten Jahrhunderte, nicht ihre wahre Gestalt mehr vor uns lag. Nichts ist aber gefährlicher, als in solchen Ländern, statt die Mißbräuche richtig abzuschneiden, den Raçecharakter vertilgen zu wollen. Die Natur bricht sich dann dennoch Bahn, aber weil sie unterdrückt ist, auf falsche Weise. So ist z. B. in Bern an die Stelle des alten Patriciats die Geschlechterherrschaft der Landmagnaten getreten, ein Zustand, der praktisch viel drückender ist als der frühere und statt der vorigen äußern Größe die nackteste Kleinheit zeigt. Das Schicksal von Bern ist die größte historische Warnung für Deutschland. Was dort im Kleinen geschehen ist, würde hier, wenn es dem Radikalismus jemals gelänge, die deutschen Throne zu entwurzeln, im Großen vor sich gehn. An die Stelle der großen Geschlechter würden rohe Emporkömmlinge treten; wo jetzt die Habsburger, die Wittelsbacher, die Hohenzollern regieren, würden Schnell's sich aus die Stühle setzen. Nur wer die neuere Geschichte der Schweiz kennt, kann den Inbegriff der Schmach fassen, die damit über unser Vaterland käme. Es wäre uns besser unterzugehn, als auf diese Weise zu enden. Kein Staat hat so schwer sich gegen radikale Zeitphasen zu behaupten, als der Raçestaat. Man betrachte die Geschichte seit 1789: Venedig, Genua, PolenAuch Polen war ein Raçestaat, wenn auch ein sehf roher und ununvollkommner. sind nicht mehr, Deutschland und die Schweiz waren am Rande des Untergangs und von allen schweizerischen Republiken ist keine in so eigentlichem Sinne untergegangen als Bern, weil es der ausgeprägteste Raçestaat war. Von diesem Punkt aus sind die Gefahren zu würdigen, welche Deutschland bedrohen.

§ 225

Im Formenstaat wird nur die Geburt des Oberhaupts geehrt. Sie ist die einzige Quelle seiner Macht und seines Rechts.


Anmkerung: Die geschlechtliche Vererbung, welche der Raçestaat und die Geburtsfolge, welche der Formenstaat bedingt, sind nicht zu verwechseln. Jene ist lebendig frei, (denn das Wie im einzelnen Fall und die Möglichkeit, durch geistige Anordnung den Uebeln der Raçe vorzubeugen, bleibt dem Staat vorbehalten); diese ist mechanisch geschlossen und nöthigt den Staat, in Fällen der Gesahr, die ganze Existenz der Form zu opfern, während eine natürliche Modifikation genügend wäre, ihn in kräftigem Zustand zu bewahren.

Die vier Arten der Souveränetät sind hiemit charakterisirt. Aber man würde sehr irren, wenn man glaubte, die Geburt und das Idol seien als falsch an sich aus dem Staate auszuscheiden. Der Radikalismus und der Absolutismus fehlen nicht darin, daß sie das Amt und die Geburt, sondern darin, daß sie nur diese Potenzen mit Ausschließung der Andern, würdigen. Die Bildung z. B. ist unentbehrlich für den Mann, obgleich der Radikalismus—, die Kunst der Formen nothwendig, obgleich der Absolutismus sie überschätzt; ein vollendeter Mann hat Bildung und hat Formen neben der Individualität. Gerade so muß das Staatsoberhaupt im organischen Staate Form und Idol, Raçe und Individualität in sich vereinigen, aber jedes im richtigen Verhältniß. Wenn als äußere Berechtigung die Form an das Idol sich knüpft und über beiden als innere die von der Raçe getragene Individualität sich erhebt, so ist der Herrscher vollendet.

Betrachten wir z. B. die Souveränetät in England, d. h. das englische Parlament, so liegt in der Krone die Form und das Idol, im Oberhaus die Raçe, im Unterhaus die Individualität. Das Große dieser Verfassun ist, daß das Gewicht in erster Linie in der Individualität, in zweiter in der Raçe, in dritter im Idol und der Form liegt; das Falsche daran ist, daß die Stellung mit dem Gewicht nicht harmonirt; d. h. daß das Unterhaus faktisch den ersten Rang einnimmt, während es gesetzlich den dritten—, die Krone gesetzlich den ersten, während sie faktisch den dritten bekleidet; daß, mit Einem Wort die Individualität blos im Unterhaus liegt, statt in der Krone zu liegen. Dieser Umstand hat zu den größten Mißverständnissen Anlaß gegeben. Man sah in der bloß sekundären Bedeutung, welche die Krone in England hat, das Ideal der Monarchie; und da England ein liberaler Staat ist, glaubte man nur auf England verweise zu dürfen, um die radikale Doktin daran zu erhärten. Allein man vergaß dabei, daß England keine reine Monarchie, sondern ein Parlamentsstaat ist; daß innerhalb des Liberalismus die verschiedensten Formen möglich sind, und daß man von England eben so wenig auf die reine Monarchie schließen kann, als von Venedig z. B. auf die reine Republik.

In Folge des letztvergangenen und durch den Hinzutritt des jetzt Herrschenden Zeitgeistes ist die Monarchie gegenwärtig in ganz Europa zunächst auf die Form und das Idol gebaut. Lebendige Achtung vor dem Geschlecht tritt in einigen Theilen hinzu, in seltenern Fällen die der Individualität. Die Fundamente sind also da: und im Laufe der Zeit wird die Maschine sich fortschreitend zum freieren Organismus gestalten. Jeder dieser Bestandtheile, auch der geringste, macht sich bemerklich, wenn er fehlt. Napoleon hatte Individualität und war gestützt aufs Idol, aber er vermißte trotzdem bitter die anderen Stücke: "ich wollte, sagte er auf St. Helena, ich wäre mein Enkel gewesen." — Wir brauchen kaum anzudeuten, wie sehr auch hier die Gegensätze sich bedingen. Es hat noch keine Individualherrschaft gegeben, die nicht an die Raçe angeknüpft hätte, und wie leicht Form und Idol sich verschmelzen, zeigt eben unsere Zeit. Die Erbmonarchie wurzelt somit (Monarchie vorausgesetzt) allerdings in der Natur, sie ist nach zwei Seiten unmittelbar, nach zwei mittelbar in ihr begründet, und hat sich eben kraft dieser Natur erhalten, obgleich fast das ganze gebildete Europa sie prinzipiell als unerklärbar dahingestellt oder verworfen hat.

§ 226

Nach diesen Merkzeichen tritt der innere Charakter eines jeden dieser Staaten von selbst hervor.

Im Idolstaat bildet eine Lehre, eine Doktrin, sei sie ideell oder moralisch, das Fundament, — ihre Durchführung das Endziel des Staates. Als abstraktes Gesetz herrscht sie über die Menschen, deren Aufgabe darin besteht, sich nach ihr zu bilden.

Die französische Monarchie von 1789 - 1793, die französische Republik von da bis zum Consulat war auf ein solches Ideal—das Ideal der allgemeinen Gleichheit und Freiheit gebaut. Dieses Ideal war nicht im Willen der Menschen, sondern regierte als ein über den Menschen Erhabenes, dem er sich beugen mußte.

Im Individualstaat ist die eins mit der Nation, das Gesetz eins mit dem Besten der Nation. So hatte Rom in sich die Idee der Weltherrschaft; so war das deutsche Mittelalter, so ist Englad von einer Weltidee erfüllt; so wird in der höchsten liberalen Epoche das Ideal der reinen Menschheit herrschen. Aber diese Ideen sind in der Nation, in der Menschheit selbst; sie werden nicht künstlich gesucht, sondern fließen aus ihrem Innersten hervor.

Im Raçestaat gilt es die Erhaltung des ererbten Rechts und den Widerstand gegen jede Verletzung desselben: das große Princip, aus dem die Eidsgenossenschaften hervorgegangen sind, welches die Seele der entstehenden Schweiz war und die Seele der heutigen sein sollte.

Im Formenstaat ist das Recht nicht lebendig im Menschen, sondern über ihn herrscht die Form des Rechts; statt eins zu sein mit den Verhältnissen, ist er der Sklabe der Verhältnisse, die für ihn undurchbrechlich sind. — Österreich ist in der Lage dieser Gefahr eigenthümlich ausgesetzt zu sein. Seinem innersten Wesen nach nichts weniger als centralistischer Formenstaat, sondern ein Staat der mannigfaltigsten Rechte, kann Österreich nur im Einklang mit den Verhältnissen regiert werden; wer gegen sie regiert, wird scheitern, wie Joseph mit seinen radikalen sowohl, als seinen liberalen Intentionen gescheitert ist. Allein dieser Einklang steigert sich sehr oft zu einer absoluten Herrschaft der Verhältnisse; der Staatswille ist genöthigt, sich unter sie zu beugen und der bedeutendste Staatsmann, statt seine Maßregeln mit und nach ihnen zu nehmen, ist gezwungen, sie den Verhältnissen gerade zu opfern, die Dinge gehen zu lassen, wie sie sind und sich der Nothwendigkeit zu fügen. Preußen hat wesentlich betrachtet, viel mehr Neigung zum Formenstaat als Östreich, aber es hat nicht die zähen Widerstandselemente, welche in Östreich sind. Es ist daher in Preußen für jeden Regenten unendlich schwer, gegen die Form und gegen den bureaukratischen Geist sich durchzusetzen und nur eine große Individualität vermag es; ist aber der Durchgriff einmal geschehn, so wird der Regen durch nichts mehr gehemmt, eben weil jene Zähigkeit fehlt.


Anmerkung: bemesse nach dem Obigen den Abstand zwischen einem Volke, das seine Verfassung und seine Freiheit als ererbte liebt und Denjenigen, welche die Freiheit idolisch verehren. Der schweizerische Bauer z. B., oder der Tyroler macht nicht viel Wesens von seiner Freiheit, noch stellt er seine Verfassung über andere Zustände hinaus, im Gegentheil, der Alpenbewohner staunt monarchische Zustände als etwas über ihm stehendes an. Taste man aber dieses sein Stammgut an, so setzt derselbe Mensch sein Leben dafür ein. Wie erbärmlich dagegen die abstrakte Freiheitsliebe, wenn sie nicht, wie in der französischen Revolution zum dämonischen Fanatismus gesteigert ist, zusammensinkt in der Stunde der Noth, das hat Europa erfahren. Die Idolatristen waren es, die in der Schweiz und theilweise auch in Deutschland am Rhein ihr Vaterland den Franzosen überliefert haben. Wenn die nationale Freiheit auf den Schreiern der Freiheit beruhen würde, so wäre sie mit einer Handvoll Soldaten gestürzt.

§ 227

Die Entwicklung dieser vier Stufen ist die Entwicklung der Weltgeschichte.

§ 228

Die Kindheit der Geschichte war der Dienst der Abstraktion.

Das Mannesalter der Geschichte war und wird sein die individuelle Freiheit.

Wenn die Menschheit das Höchste was in ihr liegt—den reinen Individualstaat—aus sich erzeugt hat, so ist ihr organischer Beruf:

im zweiten Mannesalter, dieses Höchste durch die Herrschaft des traditionellen Rechts zu bewahren und zu konsolidiren;

im Alter, es abzuschließen durch die vollendetste Darstellung der Form; endlich in der zweiten Kindheit, zu Gott zurückzugehn, von dem sie ausgegangen ist.


Anmerkung: "Die Menschheit ist der Mensch, dessen Geschichte die Geschichte der Menschheit ist." Diesen Satz erkennt man an, weil er unbestreitbar ist, aber nicht die einfache Folge des Satzes, die Folge, daß die Menschheit abwärts gehn und sterben wird, wie der Einzelne stirbt. Statt die Vervollkommnung in der organischen Entwicklung zu suchen, sucht man sie, radikal, in der Idee eines ewig gleichen Fortschritts. So wahr aber der Einzelne sich fortwährend vervollkommnen kann trotz der Abnahme der Entwicklung, so wahr kann es auch die Menschheit. Nur die Extreme als Stufen für sich, nicht die Entwicklung ist mangelhaft, denn in der Entwicklung bleibt das Errungene durch alle Stufen hindurch. Die Menschheit verliert niemals ihren Grundcharakter, sie wird nicht absolutistisch in der Natur, sie wird nur den Liberalismus (ihr eigenstes Wesen) auf absolutistische Weise festhalten im Alter. Fordern, daß die Menschheit nicht sterben solle, heißt glauben, daß der Einzelne ewig jung bleiben müsse, wenn er den Zweck des Lebens erüllen soll. So wenig der Einzelne untergeht, weil er stirbt, so wenig die Menschheit. Ohne diese Einsicht in die Entwicklung, ist weder ein Haltpunkt in der Geschichte, noch ein Verständniß der Religionen möblich, von welchen insgesammt der Glaube des letzten Tages unzertrennlich ist. Die Idee des jüngsten Gerichts ist der Menschheit so nothwendig immanent, als dem Einzelnen die Gewißheit der Stunde des Todes.

§ 229

In allen Staaten der alten Welt bis auf die Zeit, da sich Griechenland zur Blüthe erhob, war Freiheit und Leben der Individuen unterworfen der Abstraktion.

Der indische Bramanenstaat, der Priesterstaat von Meroe und Ägypten, die altasiatischen und persischen Despotien, die jüdische Theokratie waren Idolstaaten; sei es nun, daß mehr das spekulative Wissen, wie in Indien und Ägypten, sei es, daß mehr das moralische Gesetz, wie in Judäa und Persien, regierte.

In Griechenland ist der Uebergang der Menschheit von der Abstraktion zur Freiheit. Der Lykurgische Staat war noch ein Idolstaat, in dem das Individuum und die Privatverhältnisse aufgingen in dem moralischen Ideal des Vaterlands; im Solonischen Staat trat die persönliche Freiheit an den Tag.Wenn wir hier Sparta erwähnen, so ist zweierlei zu scheiden. Der Lykurgische Staat vom Gesichtspunkt der weltgeschichtlichen Entwicklung betrachtet, ist ein Idolstaat: Sparta aber als Provincialismus gegenüber den andern griechischen Stämmen, als dorisches Land, war ein konservative—, ein Raçestaat.

§ 230

Der Orientale in seinen Despoten, der Indier und Ägypter in seinen Königen und Priestern, selbst der Spartaner noch in seinen Obern, verehrte nicht die Individualität, sondern das an die Würde geknüpfte Idol.

Idolokratie im Staat, Idololatrie in der Religion, ist heute noch (und wird es ewig sein) der vorwiegende Charakter des Orients: gleichwie Individualität das Lebensprinzip von Europa ist.


Anmerkung: So wird einst, in der ältern Manneszeit der Geschichte, Raçeleben der Charakter von Amerika, Formenherrschaft der Charakter von Afrika sein und schon sind in Amerika di eSpuren des erstern sichtbar. — Hier beachte man den Unterschied der idolischasiatischen und der legitimistischen Monarchie. Es ist ein Grundfehler der herrschenden historischen Anschauung, die Despotien des Orients und die abstrakte Allgewalt, womit die dortigen Monarchen über Leben und Eigenthum der Unterthanen verfügen, als absolutistisch aufzufassen. Diese Allgewalt ist nichts als die Abstraktion des Radikalismus in Einer Person koncentrirt. Schon der äußere Vorgang hätte den Unterschied zeigen können. Wo das Idol die Quelle der Berechtigung ist, wird naturgemäß jeder Usurpator legitim, der in die Würde und damit in den Besitz des Idoles eintritt. — Daher der häufige Dynastieenwechsel und die vielen Revolution des Orients, bei denen gleichwohl der Charakter des Thrones stets der nämliche bleibt. Ganz anders in der legitimistischen Monarchie, wo das geschlossene Gesetz der Geburtsreihe jede Usurpation unmöglich macht. Man vergleiche innerhalb Europas die alte französische Monarchie und die russische Despotie. Der Russe verehrt seinen Kaiser als Idol. Wer Kaiser ist, hat diese Verehrung und der russische Thron ist eben daher unter allen Thronen Europas den meisten Umwälzungen ausgesetzt. Ein russischer Thronwechsel ohne Erhschütterung ist fast unerhört. Das Gegenbild dieser radikalen Despotie war die altranzösische, in der die Thronfolge mit absoluter Sicherheit vor sich ging.

§ 231

Aber der Inhalt dieses Idols ist ein anderer in unsrer Zeit, ein andrer in der Kindheit der Geschichte.

Der Radikalismus unsrer (d. h. einer im Großen männlichen Zeit) ist vom Radikalismus der ersten Weltepoche so verschieden, als ein Knabe, der zum Mann erwachsen noch Knage bleibt und alle Fehler des Knaben mit der Stärke und der Freiheit der männlichen Entwicklung paart, verschieden ist von dem Kind in der Kindeszeit.

In der Kindheit des Menschengeschlechts war er in der organischen Lage, es war die vollkommene, natürliche Kindheit—die Kindheit, die unter der Erziehung stand.Man wird hieraus begreisen, wie wir Rußland in seinem Volksgehalte radikal nennen konnten. Es ist nicht der geschraubte Radikalismus eines schon durchgemachten, sondern der noch unmittelbare eines noch unmündigen und von Natur knabenhaftgelehrigen Volks, das im Stande der Erziehung (freilich welcher Erziehung!) steht.

Der Inhalt des heutigen, radikalen Idols ist der Mensch und die Bestimmung des Menschen auf radikale Weise angeschaut, d. h. ein liberaler Stoff zum Radikalismus verdreht;

Der Gegenstand des wahrhaft kindlichen Idols konnte kein andrer, als das Bild des Erziehers selbst, als das Bild Gottes sein—soweit die Kindheit es fassen konnte.

In Indien und Palästina, in Ägypten und Persien herrschte die Idee Gottes, bald als abstrakte Einheit, bald als Vielgötterei, bald auf beiderlei Weise vereinigtSiehe §. 88 von Anfang. — über den Menschen. Die Welt ging noch auf in Gott, oder (wo die Kindheit sich losreißen wollte) Gott auf in der Welt: PantheismusGleichviel hier, ob Pantheismus wie in Indien, oder PanTheismus wie in Palästina, das wir hier nur als Glied in der Reihe, nicht vom Gesichtspunkt der außerordentlichen Mission erwähnen, die sich daran geknüpft hat. war die Religion der alten Welt, und alles Gesetz auch ihres Staates war göttliches Gesetz.


Anmerkung: Man frägt, wie sich die Stabilität des Orients mit dem radikalen Charakter reime, der ihm hier beigemessen wird. Der Orient ist ein altgewordenes Kind—und ein solches Kind scheint älter als der älteste Mann. Nicht nur, daß der Geist der Geschichte über die Kindheit hinweggeschritten ist, während die Kindheit selbst auf ihrer Stufe stehen blieb—(man vergleiche die Stabilität der alten Radikalen von 1789), sondern der Orient liegt auch in seiner absolutistischen Entwicklung vor uns: und daher geschieht es, daß wir so oft nur diese statt seines wahren Wesens sehn. Aber nicht nur die Menschheit, jede Völkergeschichte fängt auf solche Weise an. Aller Anfang ist idolisch: man denke an die ersten Priesterkönige Griechenlands und Roms, an die Seherherrschaft bei Galliern und Germanen &c. &c. Wie die Poesie und die Abstraktion in der Kindheit sich berühren, ist schon bei der Schilderung des Knaben gezeigt; und wenn wir den Charakter der alten Welt abstrakt nennen, so kann sich nur derjenige verwunden, der die Abstraktion mit der männlichen Denkkraft verwechselt.

Der specifische Unterschied der alten und der neuen Welt in Verfassun und Gesetzgebung fällt hiernach in die Augen. Der Kindheit wird das Gesetz als ihrem Ideal. Die alten Gesetzgeber, von Manu bis Lykurgus, selbst noch Solon, Zaleukus, Pythagoras konnten thun, was die modernen vergeblich nachahmen: sie konnten als Erzieher der Völker, den Völkern vollendete Konstitutionen auflegen, wodurch mit Einem Schalg Gestaltung und Lebenszweck der Nation bestimmt war. Aber was dem bildsamen Kinde gerecht ist, ist es nicht mehr dem selbständigen Mann. Im Alterthum gaben Männer den Kindern Gesetze; die heutigen Radikalen wollen ihr kindisches Gesetz auflegen den Männern. Die Zeit der abstrakten Gesetzgebung ist vorbei.

§ 232

Da begann in Griechenland der Mensch zu leben als Mensch.

Seitdem hat die antike Zeit ihren Vorstehern, die barbarische Gefolgschaft ihren Anführern, das Mittelalter und die neuere Zeit ihren Monarchen sich menschlich frei gebeugt. Aus einer Stufenreihe von Idolen, in die das Individuum gebannt war, verwandelte sich der Staat in die Ueber- und Unterordnung der Individuen selbst.

Aus dem Gefäß der Abstraktion wurde der Mensch zur lebendigen Persönlichkeit. Kein Idol mehr—die persönliche Freiheit und der Kampf um die persönliche Freiheit, die lebendigen Ideen der Einzelnen und die lebendigen Ideen der Völker wurden der Inhalt der Geschichte. Immer tiefer in der geistigen, immer weiter in der räumlichen Ausdehnung wurde die Menschheit umfaßt.

§ 233

Aber mit Griechenland und Rom war die Menschheit nur politisch frei geworden. Indem sie anfing, sich selber zu erfassen und frei um die Welt zu wissen, schien Gott von ihr zu weichen.

Da brachte Christus die religiöse Freiheit, indem er, statt der instrumentalen Offenbarung Gottes die persönlich-individuelle,Alle frühern Religionsstifter, Moses nicht ausgenommen, waren Instrumente der Offenbarung (und wollten nichts anderes sein); Christus offenbarte selbst. statt des abstrakten Gesetzes das lebendige Gesetz, statt des mechanischen Opferkultus das lebendige Opfer, statt der Vermischung Gottes mit der Welt das organische Verhältniß beider und ihre Versöhnung in ihm selber gab.

Stark auf der Grundlage des Christenthums, das ihm die richtige Stellung zu Gott verbürgt, konnte der Mensch, nachdem er es in sich aufgenommen, zu immer höherem Wissen der Welt und seiner selbst, zu immer weiterer Geltung der Menschheit, zu immer vollendeter Durchführung der Individualität im Staate streben.

In dieser Arbeit ist die Menschheit annoch begriffen.


Anmerkung: Der schroffe Übergang, den wir aus der Anschauung der heutigen Parteien zur Geschichte gemacht haben, macht einige Andeutungen unabweislich nöthig. "Wenn die Gleichheit," sagt man uns, "ein Grundzug des Radikalismus ist, wie reimt sich die starre Ungleichheit, welche die alte Welt in so vielen Stücken zeigt, mit der Gleichheit der mondernen?" — Wir könnten an die Gleichheit Aller vor dem Despoten im monarchischen Orient, an die patriarchalische Demokratie in Palästina, an die politische in Phönicien und Griechenland, an die kommunistische in Sparta erinnern; aber dieß allein genügt noch nicht. — Das liberale Bewußtsein der Menschheit enthält zwei Fundamentalsätze, deren einer auf der Grundlage des andern sich emporhebt. "Allen Menschen," heißt der erste Satz, "als Menschen, sind gleich" "alle Individuen," ist der zweite Satz, "als solche sind ungleich." Der Radikalismus dagegen sagt, im geraden Widerspruch gegen den zweiten Satz: "alle Individuen sind gleich vor der Abstraktion" — und diese Ansicht ist es, die als den Grundkern der Richtung, der heutige Radikalismus mit dem ältesten indischen gemein hat: (denn in den Kasten ist keine Ungleichheit der Individualität, sondern nur ein Schema der Abstraktion gesetzt, welche sich in vier oder mehrere Elemente expandirt.) Was aber den Unterschied des jetzigen und des alten Radikalismus macht, ist die Anschauung des Menschen als Mensch. Die alte Welt nämlich, in ihrer kindlichen Beschränkung, setzte in eben dem Maaß, als sie die Individuen gleichmäßig der Abstraktion unterwarf, die Ungleichheit des Menschengeschlechts fest; jedes Volk hielt sich für auserwählt und die Sonderung war Prinzip des Lebens. Der vollkommene Radikalismus stellte mit Einem Wort, wie der Liberalismus zwei Sätze auf, die das vollendete Widerspiel der obigen zwei Sätze sind: "Die Menschen, sagte er, als solche, sind ungleich, die Individuen sind gleich." Der heutige Radikalismus dagegen, ist durch den Einfluß des liberalen Bewußtseins dahin gelangt, den ursprünglich beschränkten Satz von der Gleichheit der Individuen vor der Abstraktion zur absoluten Gleichheit aller Menschen auszudehnen.

Wenn man überhaupt die Geschiche von der Oberfläche besieht, so scheint es, als sei der Gang der Menschheit gerade der umgekehrte: als sie die Welt vom Absolutismus zum Konservatismus, und neuerdings vom Konservatismus zum Liberalismus fortgeschritten. Dieser Anschein entspringt in der That aus einem psychischen Gesetz, das bereits besprochen ist; aus dem Einfluß des Gegengewichts, das mit dem Zeitgeit zugleich zur Herrschaft kommt. (s. §. 213, p. 309 unten.) Die Kindheit bedurfte einer absolutistischen, die Jugend der Menschheit einer konservativen Regierung. So stand neben dem Idol im Orient der Druck der Geburt, neben der Individualität in der antiken und mittlern Zeit die Strenge der Raçe. Die Schwierigkeit, welche der Leser zu überwinden hat, ist die Scheidung zwischen dem künstlich-reflektirten Radikalismus einer männlichen, und dem einfach natürlichen einer kindlichen Zeit. Alles Ungesunde und Raffinirte, was der erstere zeigt, ist die Folge jener falschen Stellung. Wenn man die Attribute der männlichen Zeit, wenn man den Ideenkreis, den ihm der Liberalismus der Weltenwicklung verleiht, vom heutigen Radikalismus abzieht, dann erst kann die Identität seines Wesens mit dem ältesten klar erkannt werden. Am schlagendsten tritt sie in der abstrakten Spekulation, als dem innersten Felde des Radikalismus hervor. Man vergleiche z. B. den bramanischen Pantheismus und seine Entartung im Buddhismus auf der einen, — die Schellingsche Philosophie und den Hegelianismus auf der andern Seite. Der Nihilismus der buddhistischen Ansicht und ihre Menschenvergöttlichung hat sich in unsern Tagen wiederholt: die Hegelianer sind schon in indischen Gedichten—gezeichnet und verspottet.

Endlich noch Eines. In einer Zeit, deren allgemeiner Charakter liberal und deren spezielle Phase radikal ist, ist nichts natürlicher, als daß liberale Begriffe zu radikalen, radikale zu liberalen gestempelt werden. Wir haben gesehen, wie die konstitutionelle Monarchie, ein ursprünglich durchaus liberaler Begriff, zur radikalen Verfassung verdreht wird, indem der unendlichen Mannichfaltigkeit des ständischen Lebens die allgemeine Gleichheit (mit einem exceptionellen Vorrecht an der Spitze) untergeschoben wird. Umgekehrt aber wird auch die moderne Demokratie, ein an sich durchaus radikaler Begriff, von Manchen wenigstens instinktmäßig als liberaler Organismus aufgefaßt. Tocqueville z. B. und Lamartine ahnen in unserer Zeit die Vollendung des Individualstaates und nennen ihn Demokratie. "Was wir wollen, sagte Lamartine, ist, daß die Demokratie aus dem Haupt, dem Leib und den Gliedern, d. h. aus allen Kräften des Staats bestehen—sowohl aus jener Aristokratie &c. &c., die ihre Namen in der Geschichte, ihr Blut in den Schlachten und in alle dem hat was man Adel nennt, der nun der hochberechtigte Abglanz dem Land geleisteter Dienste ist, — als aus jener mittleren, thätigen, einsichtigern Klasse, welche durch die Industrie &c. seit 50 Jahren so viel erobert hat, die wir aber nicht Alles für sich in Anspruch nehmen lassen—und endlich aus jener zahlreichen Klasse der arbeitenden Bevölkerung, die man die Massen nennt, aus der eure Soldaten, Arbeiter, Taglöhner hervorgehen, und in welcher als in ihrem ursprünglichen Element alle andern Klassen der Gesellschaft abwechselnd sich verjüngen und erfrischen, um von neuem durch einen neuen Kreislauf daraus emporzusteigen." Wir führen Lamartine an, so wenig Politiker er ist, weil er die Versetzung radikaler Ideen mit liberalen auf die Spitze treibt.Denn trotz dieser Ansichten wird die Gleichheit als das konstituirende Princip des Staats gepriesen. Individualität aber und Gleichheit schließen sich aus. Was Lamartine Demokratie nennt, heißt jeder Andere Monarchie; während umgekehrt, was die Radikalen Monarchie nennen, ("Monarchie mit demokratischen Institutionen umringt") Demokratie genannt werden sollte. Urtheile also—und dieß ist es, was wir einprägen möchten—wer zwischen radikal und liberal unterscheiden will, nicht nach den Formen der Verfassun, sondern darnach, ob die Tendenz auf natürliche Abstufung der Organismen, oder auf nivellirende Gleichheit geht. Das letzte Prinzip unseres Radikalismus ist, wie einer der philosophischen Schwätzer, ich glaube Heß, sich ausdrückt, "die absolute Einheit alles Lebens:" und diese Einheit, d. i. der Tod aller wirklichen Volksfreiheit, ist das Endziel radikaler Demokratie. Worunter vor Jahrtausenden die Menschheit geseufzt hat in Ägypten und Indien, worunter noch der asiatische Sklave seufzt—dahin führt uns der "moderne Fortschritt" zurück.

Sechstes Kapitel

Die Parteien des Staats und die Parteien der Kirche.

§ 233 [sic]

Staat und Kirche, haben wri gesagt, sind zwei Parallelen deren jede die nämlichen Verschiedenheiten in sich trägt. Der ganze Kampf der Parteien, das ganze Leben, welches der Gegenstand unserer Schilderung war, wird in der Kirche wie im Staate vollzogen: selbst die vier Staatscharaktere kehren in der Kirche wieder.Wie z. B. im Allgemeinen der Kirchenstaat des Orients (des Dalai-Lama) ein Idolstaat, die christliche Kirche ein Individualstaat ist.

Wäre es nicht an und für sich nothwendig, zu wissen, wie diese Parallelen in einander greifen, so ist es nothwendig, weil die Geschichte, wenn wir sie in dieser Beziehung ansehn, uns ein Problem entgegenwirft.

Im Mittelalter nämlich erscheinen die Ghibellinen als staatliche, die Guelfen als kirchliche Partei. In unsrer Zeit erscheint der Radikalismus und selbst der Liberalismu durchaus politisch gegenüber vom Konservatismus, der überall an religiöse Elemente anknüpft. Sogar im Alterthum, welches keine Kirche kennt in unserm Sinne, wird uns die spartanisch-aristokratische Partei als streng religiös, die athenisch-demokratische als vorwiegend freigeistig geschildert.

Woher diese sonderbare Verschlingung?

Der Gegensatz von liberal und konservativ, radikal und absolut tritt uns zugleich als Gegensatz von Staat und Kirche entgegen. Und doch wissen wir, daß das psychische Prinzip, aus dem der erstere Gegensatz hervorgeht, ein ganz anderes ist, als das, auf dem die letztere Trennung beruht.

Um dieß zu begreifen, muß der Unterschied von Staat und Kirche wenigstens so weit angedeutet werden, als die praktische Kenntniß erfordert.

§ 334 [sic]

Der Mensch ist ein doppelseitiges Wesen: auf der einen Seite frei auf die Welt gestellt, mit klarem Bewußtsein seiner selbst, auf der andern gebunden an die geheimnißvolle Macht, die ihn zum Lichte gesandt hat und nach seinem Hingang wieder empfängt. Eine Macht, deren er sich höchstens mit dem Verstande, niemals mit dem Gemüth entschlagen kann.

Und dieß natürlich. Denn der Geist ist es vorzugsweise, womit er die irdische Organisation, wie sie vor ihm liegt, d. i. die Welt umfaßt und das Gemüth ist es, durch dessen Vermittlung er sich an den Urgrund seiner Existenz, an Gott, geketter fühlt.

Wenn das Gemüth sich der Welt hingibt, ohne im Zusammenhang mit Gott zu bleiben, so verliert es den Halt; und wenn der Geist unmittelbar Gott erkennen will, statt ihn in der Organisation seiner Schöpfung zu erkennen, so verirrt er sich in Nacht.

Die höchste Darstellung der irdischen Organisation ist der Staat. Der höchste Ausdruck jenes außerirdischen Verhältnisses ist die Kirche.

Der Stoff des Staates ist das zeitliche und endliche, der Stoff der Kirche das ewige und unendliche Leben. Für die Kirche ist das Leben ein Übergang, für den Staat ist es Selbstzweck an sich. Für die Kirche ist die richtige Anwendung des gegenwärtigen Lebens nur Bedingung des künftigen; für den Staat ist das Außerirdische nur die nothwendige Grundlage zu einem wahrhaften irdischen Leben.

§ 335

Dieser Gegensatz ist ein und derselbe mit dem Gegensatz von Religion und Philosophie, von Glauben und Wissen. Das Objekt der Religion ist das Verhältniß zu Gott, das Object der Philosophie ist die Wissenschaft der Welt, d. h. der ganzen aus Gott hervorgegangenen Organisation. Der Glaubende und der Wissende umfassen die nämliche Wahrheit, aber von entgegengesetzten Gesichtspunkten aus. Der Glaube betrachtet alles was ist und geschieht, unter dem Verhältniß zu Gott; der Wissende alles nach den Gesetzen, die er als Naturgesetze in der Organisation erkannt hat oder zu erkennen hofft. Ihr Kampft ist eben deßhalb ein ewiger und unvertilgbarer; aber um zu einer Versöhnung zu gelangen, welche die Feindschaft beendigt, ohne den Kampf auszuschließen, haben beide nichts weiter nöthig, als ihre Grenzen zu verstehn. Waren Glaubende und Wissende bisher der Meinung, es seien entgegengesetzte Wahrheiten, die sie in gegenseitig verständlicher Sprache sich entegegenstellten, so werden sie einst noch einsehn, daß es Ein und dieselbe Wahrheit ist, welche sie in zwei entgegengesetzten Sprachen kund thun, und daß sie, bildlich zu reden, nur einer des andern Sprache zu erlernen brauchen, um der letzten Einheit sich bewußt zu werden.Zwei Beispiele genügen, um das Obige verständlich zu machen. Es ist ein allgemeiner Vorwurf, der der Bibel und der Kirche gemacht wird, sie nehmen Dinge an, die gegen das Naturgesetz durch unmittelbare Eingriffe Gottes bewirkt würden, d. h. sie statuiren Wunder im Widerspruch mit der Vernunft. — Wenn nun, wie wir gesagt, der Glaubende alles unter dem Verhältniß zu Gott betrachtet, der Wissende aber alles nach den Gesetzen, die er als Naturegesetze in der Organisation erkannt hat, so gibt es für jenen gewissermaßen lauter, für diesen schlechterdings kein Wunder. Mit andern Worten: der Glaubende sieht die physische und geistige Natur ųberhaupt und von vornherein nicht als Gesetz, sondern als immerwährend, in jedem Augenblick zu vollziehende That des allmächtigen Gottes an; während der Wissend in jedem auch dem unerklärlichsten Ereigniß die gesetzliche Begründung sucht. Und so ist es denn wirklich. Die Bibel z. B. schreibt nicht bloß sogenannte Wunder, sondern eine Menge der natürlichsten Thatsachen dem Eingreifen Gottes zu; Gott läßt regnen, Gott gibt Dürre, Gott schickt Krieg oder Frieden u. s. w. unzähliges. Außerordentliche Dinge, wie Auferweckung von Todten &c. sind in der kirchlichen Sprache von jenen Vorgängen nicht mehr geschieden als wie in der wissenschaftlichen Naturphänomeneund tägliche Naturerscheinungen es sind. Der Vorwurf, der der Kirche in Betreff des Wunderglaubens gemacht wird, ist somit unbegründet. Das kirchliche Wunder wäre nur dann ein Unsinn, wenn die Kirche in einigen Ausnahmen den Eingriff Gottes, für gemeinhin aber den natürlichen Hergang sähe. Da jedoch die Kirche in Allem, nur wie sich versteht, mit gradueller Steigerung, den Finger Gottes sieht, so geht daraus hervor, daß die ganze Natur von ihr nur als ewig handelnder Gott aufgefaßt wird; daß ihre Gemüthslogik so wahr und weise ist, als die geistige Logik der Wissenschaft, und daß Kirche und Wissenschaft das Gleiche aussagen, obgleich die eine überall Wunder annimmt, die andere sie überall läugnet. Wer sich selbst beobachtet hat, wird dieß verstehn. In dem nämlichen Augenblick, wo mein Gemüth den Eindruck des Wunderbaren empfängt, sucht mein Verstand den natürlichen Hergang, ich danke der Vorsehung mit dem Herzen für die besondere Fügung, während mein Kopf den gewöhnlichen Lauf erkennt: und soll deßhalb der Kopf das Herz der Lüge zeihn?

Das zweite Beispiel berührt uns unmittelbar. Die organische Religion (das Christenthum) sagt: Alle Menschen sind gleich gegenüber Gott. Der organische Staat sagt: Die Menschen sind ungleich unter sich. Zweit Sätze, die sich in keiner Weise ausschließen. Denn darin eben besteht das Band der Religion, daß sie zwei Menschen z. B., die unter sich unendlich ungleich sind, Gott gegenüber gleich macht. Allein der christliche Satz wurde so gedeutet, als rathe das Christenthum die Gleichheitsverfassung an! So falsch es ist, Glauben und Wissen als unversöhnlich zu denken, so gefährlich ist es auch, die zwei ganz eigenthümlichen Sphären, die zwei ganz verschiedenen Sprachen zu vermischen. Die eine Sphäre kann nur mit der andere, der Staat kann nur mit der Religion bestehen; aber in sich hat jede Sphäre ihr eigenes Prinzip. Hiernach bestimmt sich der Begriff des "christlichen Staats." Soll dieses Wort die Pflicht unsres Staates bezeichnen, sich nur unter der Voraussetzung des Christenthums aufzubaun, so ist es vollkommen klar. Soll es aber einen Staat bezeichnen, der seine Organisation aus dem Christenthum schöpft, so wird es vollendeter Widersinn. Das Christenthum als Grundlage kann mit jeder Verfassung bestehen, mit der äußersten Demokratie so sehr als mit der legitimistischen Monarchie und die letztere Form für eine specifisch christliche zu halten, zeigt eben so viel Albernheit, als Verkennung des Christenthums, dessen innerstes Wesen es ist, außerweltlich zu sein.

§ 335

Obwohl nun im Allgemeinen jeder Mensch das Wissen und das Glauben in sich hat, obwohl jeder zugleich dem Staat und der Kirche angehört, so hat doch jeder einzelne einen Zug in sich, der ihn vorwiegend zu einer von beiden Seiten führt. Der Strom des Lebens läuft entweder nach dem Irdischen oder nach dem Außerirdischen, entweder nach der Welt oder nach Gott hin. Es gibt religiöse und irdische, kirchliche und politische Naturen: Menschen, deren Reich von jener, und Menschen, deren Reich von dieser Welt ist.


Anmerkung: Mit Absicht sprechen wir von einem Zug, einer Strömung, nicht von der Konstruktion. Aus der konstruktiven Verschiedenheit entspringen die Parteien; aus dem Lauf, aus der Divergenz der Seelenkräfte geht der obige Gegensatz hervor. Staat und Kirche wurzeln allerdings auf dem Gegensatz von Geist und GemüthNur daß man unter Gemüth nicht, wie gewöhnlich, blos das Gefühl—den schwächsten Theil des Gemüths—verstehe., aber man hüte sich, diesen Gegensatz quantitativ aufzufassen, d. h. so als ob die Religion keine geistigen Fragen in sich einschlösse und die Philosophie keiner gemüthlichen Grundlage bedürfte. Vielmehr weiß Jeder, der die Religion an sich erfahren hat, daß sie auf ihre Weise über die geistigen Räthsel vollständig beruhigt; und umgekehrt weiß jeder, der je wahrhaft philosophirt hat, daß die Wissenschaft eben so sehr über die sittliche Bestimmung des Menschen aufklären muß, als über die geistige, wenn sie wahre Wissenschaft sein soll. Aber die Religion—und hier erst liegt der Punkt des Unterschiedes—beantwortet geistige Fragen nur auf dem Wege des Gemüths, in und durch den Glauben (durch "Offenbarung"), die Philosophie schlichtet auch die moralischen Zweifel nur auf dem Wege des Geistes, d. h. durch klare Erkenntniß der Organisation. Nennen wir mit einem Bilde den Geist a, das Gemüth b, so entspringt der Gegensatz von Glauben und Wissen nicht daraus, daß der eine a hat und der andere b, oder daß beim einen das a, beim Andern das b in größerer Potenz vorhanden ist; sondern im Gemüthsmenschen läuft die Gesammtfunktion des Wesens von a nach b, im Geistesmenschen von b nach a. Ein Mensch kann a 100 und b1 haben und doch kann das Gewicht auf b liegen; mit andern Worten, er kann im Charakter stärker konstruirt sein als im Geiste und doch Geistesmensch—, wie z. B. Freidrich Barbarossa; er kann einen specifisch kalten und schneidenden Verstand besitzen und doch Gemüthsmensch sein, wie z. B. Calvin. Es lassen sich somit zwei Menschen denken, die in der Organisation der Seelenkräfte vollkommen gleich sind; deren ganze Verschiedenheit darin besteht, daß die Strömung der Seele bei einem gleichsam gegen den Nordpol, beim andern gegen den Südpol läuft; und von denen daher der eine als Staatsmann den nämlichen Eindruck hervorruft, den der Andere als Mann der Kirche macht. (Paulus und Aristoteles.)

§ 336

So läuft nun jede der vier Parteien nach zwei Seiten aus. In allen kehrt die nämliche Zweiheit wieder und ohne es zu wollen, haben wir bei jeder Partei diese Zweiheit schon geschildert. Überall sahen wir Wissende und Glaubende. Wir sahn das radikale Weltwissen als negative Spekulation, das liberale als geistig freie Erkenntniß, das konservative als Empirie, das absolute als Materialismus. Wir sahen den radikalen Glauben als Sektirerei, den liberalen als lebendige Glaubenskraft, den konservativen als feste Orthodoxie, den absoluten als starren Orthodoxismus.

Veranschaulichen wir den Gegensatz an historischen Beispielen. Man vergleiche die Geistesströmung (d. h. das wissenschaftlich-politische Naturell) mit der Gemüthsströmung, (d. h. der religiös-kirchlichen Konstitution:)

innerhalb des Radikalismus: an Rousseau und La Mennais;

des Liberalismus: an Lessig und Luther, an Kaiser Friedrich II. und Gregor VII;

innerhalb des Konservatismus: an Leibnitz und Gerson, an Karl V und dem heil. Borromäus;

innerhalb des Absolutismus: an Voltaire und Loyola.


Anmerkung: Nicht in jedem dieser Beispiele ist der Zusammenhang und zugleich der Gegensatz so klar, wie in dem von Luther und Lessing, von denen, wie jedermann weiß, der Eine den religiösen, der Andere den wissenschaftlichen Protestantismus geschichtlich repräsentirt. Um die andern Beispiele durchzuführen, bedürfe es einer psycholigischen Erörterung, die die Grenzen des Gegenstandes überschreiten würde. Ihre Anwendung muß daher dem Leser überlassen bleiben. Wir bemerken nur, daß die Beispiele nicht so gemeint sind, als ob das kirchliche Beispeil je das genaue Gegenbild des staatlichen sein sollte. Denn bei jedem dieser Paare war nicht nur die Strömung, sondern auch die Organisation verschieden.

§ 337

Neben dem Kampfe der vier Parteien läuft somit der Kampf der Geistesströmung mit der Gemüthsströmung. Aber nicht so, daß die vier Parteien der Kirche kämpfen gegen die vier Parteien des Staates; vielmehr ist der Kampf verschlungen in das Verhältniß der vier Parteien selbst.

Es kämpft nämlich die Geistesströmung der aufsteigenden Linie gegen die Gemüthsströmung der absteigenden, und umgekehrt; in folgender Weise:

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Anmerkung: Wir nennen die liberale Religiosität "Gläubigkeit, die konservative "Orthodoxie," weil jene mehr von der subjektiven Gewißhiet des Glaubens, diese mehr von der objektiven Regel des Dogmas ausgeht: gerade so wie die liberale Forschung "geistig frei" aus sich selber zu Werk geht, während die konservative als "empirische" von vorn herein auf die Erfahrung gestützt ist. Der Pietismus,Ein Wort, womit freilich der gebildete und ungebildete Pöbel sehr oft die Frömmigkeit überhaupt bezeichnet. als ungebundene Willkür der subjektiven Empfindung, steht der wahren Gläubigkeit gegenüber, wie die Freigeisterei der männlichen Freiheit des Geistes. Dieß über die Namen, die wir der praktischen Anschaulichkeit halber gewählt. Die Mannigfaltigkeit der Verhältnisse, die auf diese Weise möglich sind, tritt aus dem Bilde von selbst hervor. Jetzt erst ist die Stellung der Parteien erklärt. Jetzt erst zeigt sich, warum radikale und absolute Philosophie gegen die Kirche gleichermaßen ankämpfen; warum die Staatswissenschaft nicht zwischen dem skeptisch-demokratischen und dem skeptisch-mechanischen (à la Hobbes), sondern zwischen jenem und dem orthodox-legitimistischen Princip getheilt ist; warum die radikale Skepsis sich mit dem Pietismus verträgt (man vergleiche die peitistischen Elemente unter den Kommunisten), während sie gegen den Orthodoxismus wüthet; warum der Materialismus beim Orthodoxismus besteht, während er den Pietismus mit Hohn überschüttet; warum der letztere vor allein dahin strebt, den Menschen zu entmaterialisiren; warum konservative Empiriker, wie z. B. Göthe war, der Gläubigkeit fern stehn; und warum liberale Denker, wie Lessing, so sehr sie auch die Dogmen ehren, sich niemals Orthodoxe nennen können. Wenn es aber scheint, als sei der skeptische Radikalismus vom pietistischen, der orthodoxistische Absolutismus vom materialistischen zu verschieden, um sie als Gegensätze derselben Einheit aufzufassen, so denke man an die katholischen Länder, in denen der Absolutismus, an die protestantischen, in denen der Radikalismus herrscht. In Unteritalien z. B. ist das Volk gleichzeitig dem krassesten Orthodoxismus und dem sinnlichsten Materialistmus verfallen; und in Berlin, dem Centrum der ungesunden deutschen Literatur, ist neben der extremsten Freigeisterei ein weibischer Pietismus verbreitet.

§ 337

Fassen wir nach dieser Tabelle, Zug für Zug entsprechend, eine bestimmte historische Situation auf: z. B. die Stellung der Parteien im 13. und 14. Jahrhundert des Mittelalters.

In erster Reihe der Kampf der politisch-kaiserlichen Ghibellinen mit den kirchlich-päbstlichen Guelfen.

Das kaiserliche Lager zerfällt in die Liberalen der geistigen Freiheit (wie Kaiser Friedrich II. war), welche die Rechte des Staats gegen die Kirche und die Rechte des freien Gedankens gegen das Dogma vertreten; und in die radikalen Stürmer, die Dogma und Kirche über den Haufen werfen (ein großer Theil der ghibellinischen, von den Kaisern unterstützten Flugliteratur).

Das päbstliche Lager besteht aus dem Grundstock der katholischen Orthodoxie und dem Heere des pfäffischen Absolutismus.

Neben diesem Kampf und beständig eingreifend bewegt sich die zweite Reihe.

Den Ghibellinen zur Seite stehen die radikal-religiösen Sekten, (wie die Albigenser, Paulizianer &c.) und die liberalreligiöse Opposition, wie sie, theils auch sektenweise (z. B. in den Waldensern), theils innerhalb der Kirche selbst von Berengar bis auf Huß beständig hervortritt.

Dem päbstlichen Lager zur Seite steht die konservativ-wissenschaftliche Bildung, zum Theil von empirisch-skeptischer Ansicht, welche als Restauration der alten Literatur, des alten Rechts, der alten Kunst, von den Päbsten unterstützt wird: und der weltliche Materialismus, der als frivole Geldsucht und heidnische Weltansicht neben der pfäffischen Ansicht und zwar in Rom selbst einhergeht.

Gehen wir von da abwärts zum spätern Mittelalter, d. h. zur Zeit der Reformation, so zeigt sich die nämliche Stellung, mit dem Unterschied, daß hier die zweite Reihe zur ersten wird, und die erste zur zweiten, entsprechend einer Zeit, in der die religiöse Frage der Angelpunkt aller Kämpfe war.

In erster Reihe auf der einen Seite die liberale Religiosität, Luther an der Spitze,Luther ist in dieser Schrift so oft als liberales Beispiel hervorgehoben, daß ich mich zu einer Vorbermerkung gedrungen fühle. Die Protestanten sind so sehr gewohnt, ihre Ansichten bei den Katholiken vorauszusetzen, daß ihnen für das Stoßende gewisser Behauptungen jeder Sinn fehlt. Nicht Willens, diese sehr verbreitete Beschränkung zu theilen, gestehe ich offen, daß mir ein Widerwille gegen Luthers Art und Weise an Katholiken sehr natürlich, und selbst begründet erscheint; und bemerke daher, daß ich später Anlaß haben werde, seine Mängel eben so sehr als das Große seines Wesens zu bezeichnen. mit dem radikalen Anhang der religiösen Schwärmer (Carlstadt &c.); auf der andern das überlieferte wissenschaftliche System des Mittelalters, und daneben der entartete, nahezu atheistische Materialismus, der in Italien eingerissen war und in Päbsten, wie Alexander VI. und Leo X., den römischen Stuhl bestiegen hatte;

in zweiter Reihe dor die theils freigeistige, theils freigeistische Literatur und Wissenschaft (Reuchlin, Erasmus, Hutten &c.), welche der religiösen Partei zur Seite geht; hier der ächt konservative Katholizismus, wie er in Poole, Contarini &c. erscheint und daneben der absolutistische Orthodoxismus, später im Jesuitenorden koncentrirt.Man bedenke bei diesen Beispielen, daß im Mittelalter die Extreme von den männlichen Parteien nie scharf zu trennen sind.

§ 338

Die beiden Beispiele, die wir angeführt, waren den blühenden Phasen des Mittelalters entnommen.

In extrematischen Zeiten schließt sich, wie wir gesehen, der Mann an den Mann. Sobald die Trennung der Parteien zum klaren Bewußtsein geworden ist, wird dieser, bisher in stinktmäßige, Anschluß zur politischen Pflicht. Aber nicht nur der Mann soll sich an den Mann, sondern auch der Geistes mensch soll sich, wenn Gefahr vorhanden ist, anschließen an den Gemüthsmenschen.

Dann verändert sich die Stellung. Wenn der Radikalismus die Köpfe und die Gemüther beherrscht, wenn die bübische Freigeisterei die Geschichte untergräbt und, groß geworden durch den Zeitgeist, die Stützen des Weltbewußtseins zu entwurzeln droht, so verbindet sich der politisch-wissenschaftliche Liberalismus mit dem religiös-kirchlichen Konservatismus. Die geistige Freiheit tritt zur konservativen Orthodoxie, um vereint mit ihr das Regiment der Buben zu durchbrechen.Eine solche Allianz ist in Zürich, im Jahr 1839 instinktmäßig vollzogen, im Jahr 1842 zum Bewußtsein erhoben worden. Ich kenne keine zweite dieser Art. Dieß ist organische Coalition.

Eine solche Zeit ist unsere Zeit.

Schluß

§ 339

Und nun kehren wir zurück zu dem Punke, von dem wir ausgegangen sind.

Die Vermischung der Parteien und mit ihnen der Principien war der Alp, der bisher auf dem politischen Bewußtsein gelastet hat.

Was man kannte, war das modern-demokratische und das alt-legitimistische Princip—das Lager des "Fortschrittes" und das Lager des "Rückschrittes." Die Gemäßigten unter den Radikalen wurden Liberale, die Gemäßigten unter den Absolutisten Konservative genannt. Wie natürlich, daß weder der einen noch der andern dieser Mittelparteien ein eignes Princip zugeschrieben ward. Sie bildeten eine vernünftige Mitte, ein System des Durchschnitts zwischen beiden Principien.

Die Folge dieser unseligen Verwechslung hat sich nirgends fühlbarer gemacht, als im deutschen Volk und in den deutschen Fürsten.

Im Volke. Denn jede konservative Maßregel—und der Konservatismus hat das erste Recht gegenüber dem Radikalismus—wurde als Vorläuferin (und konnte es nicht anders) des Absolutismus aufgefaßt.

In den Fürsten. Denn mit jedem Zugeständniß, das man dem Liberalismus machte, schien man den Radikalismus zu heben. Man fühlte, daß der letztere die Throne untergräbt. War aber der Liberalismus nichts anders als eine besonnene Form des Radikalismus, so mußte man das Nämliche fürchten auch von ihm. Man scheute sich also vor dem Fortschritt selbst; man glaubte, mit dem Fortschritt der Revolution in die Hände zu fallen. Die Furcht vor dem Radikalismus war es, eine begründete Furcht, die ihre Schatten von den Thronen herab auch auf den Liberalismus warf.

Von dem Augenblick an, wo die Überzeugung sich Bahn gebrochen haben wird, daß der Radikalismus und der Liberalismus auf zwei grundverschiedenen Principien beruhn; daß der letztere den erstern bekämpft und daß er, sollte das radikale Prinzip thatsächlich überfluthen (???) keinen Moment anstehen würde, mit ungetheilter Energie den Thronen beizustehn; daß der eine mit vertrauensvoller Kühnheit entwickelt, und zugleich der andere mit nie gekannter Entschiedenheit niedergehalten werden kann: von diesem Augenblick fällt jene Furcht hinweg: — und die Throne können zugestehn.

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In der Numerirung der §§. befinden sich folgende Fehler:

Die Nummer 90, 135 und 136 sind elidiert, statt 128 lese man 130, statt 189 lese man 139. Nr. 187, 212, 233 und 335 sind doppelt. Von §. 334 an bis §. 339 sollte es 234 &c. heißen.